Warum der Wirbel um den Nannen-Preis auch etwas mit Social Media zu tun hat

by Thomas Knüwer on 12. Mai 2011

Einst gab es einen Journalistenpreis von hohem Ansehen, er hieß Kisch-Preis. Benannt war er nach Egon Erwin Kisch, einem legendären Reporter, für den das adjektiv “rasend” vor der Berufsbezeichnung als Ehrerbietung genommen werden darf – und nicht als Witz. Der Kisch-Preis galt in Deutschland als höchste Ehre für Reportagen-Autoren. Gestiftet hat ihn einst Henri Nannen (rechts im Bild – Foto: Henri Nannen Preis).

Heute heißt diese Auszeichnung Henri Nannen Preis und hat mehrere Kategorien. Darunter die der Reportage, die in Klammern noch den Namen Kischs trägt. Das ist nicht ohne Ironie. Schließlich war Henri Nannen ein herausragender Chefredakteur und Herausgeber und Verleger. Aber kein begnadeter Schreiber. Dafür hatte er Reporter. Unter sich.

Vielleicht ist dies als Symbol dafür zu werten, was in diesen Tagen passiert. Die Granden des klassischen Journalismus in Deutschland gebärden sich wie pubertierende Teenager beim Anblick von Justin Bieber. Einem nackten Justin Bieber.

Auslöser dafür ist der Henri Nannen Preis. Doch was scheint wie ein brancheninterner Zickenkrieg, ist ein wenig mehr. Die Affaire demonstriert, warum Social Media solch ein Problem für viele Journalisten darstellt – und warum das Ansehen des Berufsstandes dermaßen sinkt.

Kurz für all jene, die sich nicht so sehr mit der Medienindustrie beschäftigen: Der Nannen-Preis in der Kategorie Reportage ging in diesem Jahr an den “Spiegel”-Mann René Pfister. Er hatte in seinem Stück “Am Stellpult” Horst Seehofer mit Hilfe von dessen Modelleisenbahn portraitiert. Bemerkenswert: Obwohl der Artikel online zu lesen ist, wird er von den Debattierenden Medien nur selten verlinkt. Also: Hier können sie das Stück lesen. Allein: Pfister war nie in jenem Keller, in dem die Bahn steht. Das hat er auf der Preisverleihung auch so gesagt. Seine Quellen und auch Seehofer selbst hätten bestätigt, dass es dort so aussehe, wie er beschrieb. Diese Arbeitsweise war für ihn normal.

Am Montag nach der Preisverleihung brach eine Lawine los. Nannens Enkelin schämte sich der Entscheidung, flott wurde eine Telefonkonferenz der Jury arrangiert – und die entzog Pfister den Preis. Weil er eben nicht selbst dabei gewesen sei, beim Lokführerspielen.

Daraufhin meldeten sie sich alle zu Wort. Hans Leyendecker, zum Beispiel, konnte nichts schlechtes an Pfisters Verhalten finden. Schon aber an der Entscheidung der Jury, einem Portrait den Reportage-Preis zu verleihen. Obwohl doch “journalistische Portraits” explizit eingereicht werden dürfen, wie die “taz” ebenfalls bemerkt. Sie wirft den Großen der Branche Arroganz vor. Und so geht das munter weiter.

(Die Nannen-Jury –  © babiradpicture/Stern)

Mir persönlich ist die Wahl Pfisters ein wenig rätselhaft. Das Stück ist schön und überdurchschnittlich – aber die beste Reportage des Jahres (und das sollte der Anspruch des Preises sein)? Nein, wirklich nicht.

Egal. Pfister selbst ist sich keiner Schuld bewusst – und nun wird es eben interessant. Denn diese Unschuldshaltung ist irgendwie verständlich. Das Öko-System “Spiegel” katalysiert genau jenes Vorgehen. Es ist normal im deutschen Journalismus, sich Szenen vorzustellen. Sie dann so schön und bunt zu schildern, als sei journalist tatsächlich vor Ort gewesen. Genau das hat auch Pfister gemacht.

Und ich gestehe: Bis vor einigen Jahren habe ich das mehrfach auch so gehalten. Auch dieses Blog und die Reaktionen einiger Kommentatoren hier haben mich umdenken lassen. Vergeben sich Journalisten tatsächlich etwas, wenn sie nach einem solchen Einstieg hinzfügen: “So berichten es Menschen, die dabei waren?” Oder: “So beschreibt es Paul Sahner in der ,Bunten‘”?

Eigentlich nicht. Und es wäre nur ehrlich gegenüber dem Leser.

Chefredakteure mögen solche Ehrlichkeitsschübe oft genug aber gar nicht. Denn in Zeiten, da sich Leser die Frage stellen, warum sie klassische Medien noch kaufen sollen, lautet die Antwort oft genug: Die sind ja dabei, wenn was passiert. Die sind hautnah dran.

Doch was, wenn nicht?

Diesen Eindruck des Dagewesenseins zu erwecken, haben viele Redaktionen perfektioniert. Zum Beispiel bei Ortsmarken: Es gibt Blätter, die verwenden immer den Ort, an dem das Geschehen spielt – unabhängig davon, ob der Autor tatsächlich dort war. Auch bei Interviews erfahren wir nicht, ob diese in persona stattfanden oder via E-Mail zur Presseabteilung. Radiosender spielen Interviews, bei denen sie selbst keine Fragen gestellt haben. Die Antworten des Stars sind einfach per Massensendung an alle Stationen gegangen – dann müssen nur noch die Fragen aufgesprochen werden.

Der Journalismus klassischer Medien generiert seine eigene Überlegenheitshaltung gegenüber Social Media und Bürgerjournalismus und Blogs und all dem da draußen, maßgeblich aus der Behauptung elitärer Zugangsmöglichkeiten. Dieser Journalismus sei wichtig, wird argumentiert, weil eben nicht alle Menschen einen Horst Seehofer sprechen und kennen können. Weil sonst niemand in einem Krisengebiet vor Ort ist.

Tatsächlich aber sind nur wenige Korrespondenten an einem Krisenherd vor Ort. Und wenn, dann haben sie nur in Glücksfällen die richtigen Verbindungen, denn Korrespondenten decken inzwischen riesige Gebiete ab. Meist sind sie unkundigere Berichterstatter als jene, die im Land sind und möglicherweise keine journalistische Ausbildung haben – dafür aber tatsächlich Wissen um das Geschehen. Weshalb eine maßgebliche Arbeit vieler Journalisten inzwischen die Auswertung von Social Media ist.

Schlimmer aber noch das, was im Fall Pfister-Seehofer passiert ist. Journalisten, die darauf angewiesen sind, dass andere ihnen Szenen schildern, die nicht mehr selbst dabei sind, sondern nur so tun – die sind gute Schriftsteller. Aber nicht mehr. Nichts mehr unterscheidet sie von politischen Kommentatoren im digitalen Raum ohne Festanstellung bei einem Medienhaus.

Frank Schirrmacher hat in der “FAZ” eine lange Überlegung zum Fall Pfister angestellt. Darin schreibt er:

“Ist also reportagehafte Rekonstruktion über zuverlässige Quellen immer nur dann erlaubt, wenn der Leser weiß, dass es unmöglich ist, dass der Autor erlebt hat, wovon er schreibt? Das ist eine wichtige formale Frage, die weit über den aktuellen Fall hinausgeht. Sie ist im Internetzeitalter, in dem Journalismus immer häufiger auf virtuelle Erfahrungen reagiert, dringender denn je. Wissen wir, wovon wir reden? Haben wir erlebt, was wir aufschreiben, und schreiben wir auf, was wir erlebt haben? Ist die Motivforschung, das Psychologisieren, die Seelendeutung, aus der ein ganzes journalistisches Genre geworden ist, legitim oder nicht?”

Dieses erwähnte Internet-Zeitalter zeichnet sich auch durch höhere Transparenz aus. Und es sollte zum guten Ton für Journalisten gehören, solche Hörensagen-Szenen auch als solche zu Kennzeichnen. So, wie es in Blogs schon die Regel ist.

Oder wie es ein Projekt der Journalistenschüler von Axel Springer namens This is South Africa tat. Die Volontäre berichteten über die WM in Südafrika ohne vor Ort zu sein – einfach durch die Nutzung von Social Media.

This is South Africa wurde in dieser Woche für den Grimme Online Award nominiert. Dafür gab es weit weniger Raum in der Berichterstattung als für die Modelleisenbahn-Fantasie aus dem Hause “Spiegel”.

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