Warum LinkedIns Börsengang keine Blase ist

by Thomas Knüwer on 20. Mai 2011

Wir atmen sensationsgeifernde Lust am Untergang. Wir hören den steigenden Puls und fühlen wie sich erhöhte Blutmengen durch die engen Äderchen journalistischer Wangen pressen.

Endlich.

Sie ist wieder da.

Die Dotcom-Blase.

LinkedIn, ein Social Network für Berufszwecke, ging gestern an die Börse und der Kurs endete nach zwei Handelstagen beim Doppelten des Ausgabepreises.

Blase. Aber so was von. Geht nicht anders.

Viele deutsche Journalisten, die sich des Themas heute annehmen, haben jene Begriff prägende Zeit zwischen 1998 und 2001 nicht beruflich miterlebt. Vielleicht ist das der Grund, warum sie jetzt so schreiben, wie sie schreiben: ahnungslos, platt vergleichend, nicht hinter die Kulissen schauend, deutsch.

Denn tatsächlich ist die Gemengelage komplizierter. Und dass nicht einmal Wirtschaftsmedien in der Lage sind, dies zu erläutern, finde ich erschreckend.

Natürlich sind Bewertungen für Web-Firmen derzeit extrem hoch, vielleicht gar überzogen. Dabei reden wir allerdings von den Bewertungen auf Zweithandelsmärkten (wie im Fall von Facebook) und von Wagniskapital-Investments. Diese lassen sich nicht völlig trennen möglichen Börsenbewertungen. Doch läuft die Preisfindung erheblich intransparenter und individueller ab als auf einem elektronisch getriebenen Aktienmarkt, der maßgeblich beeinflusst wird von automatisierten Kauf- und Verkaufsvorgängen.

Nun reden wir hier noch dazu von einem Börsengang. Solch ein IPO ist immer ein Spiel mit der Wahrheit. Denn einerseits möchte das Unternehmen einen möglichst hohen Ausgabekurs erzielen. Andererseits wäre es unschön, ginge der Kurs nach dem Börsengang direkt auf Talfahrt. Das Instrument, mit dem die beratenden Investment-Banken spielen, ist dann die Prognose. Sie muss so hoch sein, dass die Aktie interessant wird – aber niedrig genug, damit in den folgenden Quartalen verkündet werden kann: “LinkedIn hat die Erwartungen übertroffen.”

Nach diesen Zahlen müssen sich Analysten nach außen hin richten. Täten sie es nicht, würden sie in öffentlichen Äußerungen Zahlen kolportieren, die auf ihren subjektiven Annahmen und ihrem Fachwissen fußten – dann wären Klagen Tür und Tor geöffnet, liegen sie falsch.

Das Ventil dieses Konfliktes ist die “Whisper Number”. Dabei sammeln Infodienste und Journalisten anonymisiert Schätzungen bei Analysten ein. Und diese geflüsterten Erwartungen spiegeln oft sehr viel besser das tatsächliche Stimmungsbild einer Branche wider. Nur: Kein Analyst wird öffentlich dazu stehen.

Der Kurs von LinkedIn lässt sich nun möglicherweise mit genau diesen Erwartungen erklären, glaubt Business Insider. Henry Blodget, selbst Ex-Analyst, zieht den Vergleich mit Open Table. Der Restaurant-Reservierungsdienst (ganz nebenbei: ein toller Service) ist 2009 an die Börse gegangen. Seine Gewinn pro Aktie lag viermal so hoch wie prognostiziert. Nähme LinkedIn den gleichen Geschäftsverlauf, so wäre der Ausgabekurs von 45 Dollar eine fast schon konservative Bewertung für ein Technologie-Unternehmen.

Es gibt Gründe, dies anzunehmen. Denn Unternehmen rund um das Thema Jobs und Stellenanzeigen machen exzellente Geschäfte. Höchst spannend ist zum Beispiel Indeed.com. Wie es genau um die Jobsuchmaschine steht, wissen nur die Lenker und ihre Investoren. Doch jüngst schreib Indeed-Investor Fred Wilson, einer der Bekanntesten der Szene, das Startup sei eines seiner besten Pferde im Stall. Und in dem stehen auch Foursquare, Zynga und Twitter.

Übrigens gilt das auch für den deutschen Markt. Die Stellenbörse Monster Deutschland hat für 2009 bei 51 Millionen Euro Umsatz einen Jahresüberschuss von über 4 Millionen gemeldet. Oder natürlich Xing: 2010 setzten die Hamburger 53,5 Millionen Euro um, der Jahresüberschuss lag bei über 7 Millionen. Ein institutioneller Anleger hat auf Business Insider sogar mal aufgeschrieben, warum er 100 Dollar für LinkedIn für teuer hält – aber nicht für überzogen. Man muss seine Meinung nicht teilen – aber sie ist begründet.

Ist der aktuelle Kurs von LinkedIn also gerechtfertigt? Nein, aber so was von überhaupt gar nicht. LinkedIn ist ein spekulatives Technologieunternehmen (und übrigens nicht mal das erste Social-Media-Unternehmen an der Börse, wie Handelsblatt.com falsch schreibt). Es ist keine Aktie, die ich persönlich kaufen würde. Aber wegen dieses Börsengangs eine real existierende Blase zu fabulieren, die ernsthaft mit der Zeit 98 – 01 verglichen wird, ist unseriös. Allein schon, weil es sich um eine Aktie handelt. In Zahlen: 1. Eine lästige Mücke ist schließlich auch keine Insektenplage.

Es scheint, viele Berichterstatter werden von zittriger Übererregung ergriffen. Denn wenn wirklich wieder eine Blase platzt, vielleicht ist es dann bald vorbei mit dem Internet. Mit Google und Facebook und Twitter und Blogs. Und dann lesen die Menschen wieder Zeitungen und Zeitschrifen. Wie früher. Dann wäre alles wieder gut.

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