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Die Mär vom unvoreingenommenen Journalismus

Vergangene Woche, auf dem Podium der „Hildesheimer Allgemeinen Zeitung“ erntete ich für eine meiner Äußerungen aufgeregtes Gegrummele aus dem Zuschauerraum und ein ensetztes, schweres Atmen von ZDF-Chefredakteur Peter Frey. Meine scheinbare Verfehlung: Ich hatte behauptet, dass es tatsächlich neutralen und unvoreingenommenen Journalismus praktisch nicht gibt – und dass ihn auch niemand haben möchte.

Mit dem Urteil im Prozess um Jörg Kachelmann wird nun eine Debatte losgehen, die sich genau um dieses Thema dreht. Also, die Debatte läuft schon – wird aber nun auch die TV-Shows erreichen, was die finale Stufe der medialen Ernährungskette darstellt.

Wir haben in den vergangenen Monaten erlebt, wie wenig viele Journalisten nachdenken über die Option einmal weniger voreingenommen an ein Thema heranzugehen. Mehr noch: Wir sehen, wie Journalismus in einer freien Demokratie sich zur Propaganda im Auftrag der Meinung eines Journalisten wandelt. Die Journalisten fallen gerade reihenweise von einem Drahtseil, auf dem sie schon immer wandelten.

Denn wer es puristisch nimmt mit der Unvoreingenommenheit, der wird sie allein im berichtenden Agenturjournalismus finden. An einer sauber geschriebenen Meldung von DPA, beispielsweise, ist wenig Tendenz zu erkennen. Ansonsten aber ist Journalismus von Haus aus getränkt von Voreingenommenheit.

In meinem Volontariat an der Georg von Holtzbrinck-Schule gab es dazu einen erleuchtenden Moment. Seit dem Herbst 1994 plante der Hamburger Bauer-Verlag ein Nachrichtenmagazin als Konkurrenz zu „Spiegel“ und „Focus“. Aus dem Projektnamen „Feuer“ wurde später „Ergo“. In der damals ein Jahr arbeitenden Entwicklungsredaktion saß auch ein Getreuer unseres Schulleiters Ferdinand Simoneit. Und so erhielten wir einige layoutete Artikel zur Begutachtung.

Das Konzept von „Feuer“ war eine Art Neue Mitte: Das Blatt sollte sich vom linken „Spiegel“ und dem rechten „Focus“ durch Mittigkeit unterscheiden. Und durch Unvoreingenommenheit bis zur Schmerzgrenze. Wir lasen die Geschichten, es wurde Still im Schulraum. Nur vom Lehr-Herren kam gelegentlich ein „Puh“. Dann stimmten die ersten Volontäre mit ein, tiefe Einatmer wurden gefolgt von leise geflüsterten „Mannmannmann…“.

„Feuer“ war gedruckte Ödnis. Und das lag an seiner Neutralität.

Denn wer sie zu Ende denkt, der kann nur Agenturmeldungen erzeugen. Schon bei Portraits wird es unmöglich: ein „sympathisches Lächeln“ ist voreingenommen; der „renommierte Experte“ ebenfalls. „Feuer“ war adjektivlos und dadurch auch komplett unspannend. Anfang 1996 wurde das Projekt dann eingestellt – nach rund anderthalb Jahren Entwicklungsredaktion.

Die Lehre: Journalismus, der uns packt und mitreißt ist nie neutral. Nichts, was uns packt und mitreißt ist neutral. Nicht die Stimmung im Fußballstadion, nicht die Trauerfeier, nicht der General vor seinen Truppen, nicht die Bundestagsdebatte. Und eben auch nicht Journalismus.

Diese Erkenntnis ist ja kein Wundertat. Allein die Nachrichtenauswahl macht ein Medium voreingenommen. Deshalb finden sich unter den „taz“-Lesern wenig CDU-Freunde und unter den „FAZ“-Kunden wenig SPD’ler.

Für Journalisten hat dies Folgen: Denn sie finden sich sehr schnell in einem persönlichen Hallraum wieder. Jene, auf deren Seite sie stehen, kontaktieren sie häufig. Die von der anderen Seite versuchen eine Meinungsänderung. Gelingt die nicht, wird die Kommunikation zurückgefahren.

Auch hier ein simples Beispiel: Während meiner Zeit beim „Handelsblatt“ schrieb ich über Sportwetten. Die Haltung des Blattes dazu war klar: Marktwirtschaft geht vor staatliche Ordnung. Entsprechend behagelten mich die privaten Wettanbieter mit Informationen und Gesprächsangeboten. Diese Situation wird im Wirtschaftsbereich verstärkt durch Kommunikationsberatungen. Sie bringt Journalisten in eine schwierige Situation. Denn man muss gehörig aufpassen, die validen Argumente der anderen Seite nicht komplett zu übersehen oder von vorne herein wegzuwischen.

„Ach, Quatsch – das ist doch kein Problem“, mag mancher denken. Tatsächlich aber ist dies verdammt schwer. Denn die Seite, der journalist eher zugeneigt ist, bestätigt einen ja. Und schnell ist im Hinterkopf verankert: Ich habe ja recht. Und aus diesem Denken entspringt Hybris.

Dies sehen wir nun im Fall Kachelmann. Wie sich die Gerichtsreporterexpertinnen Zickenkriege lieferten, das hatte mit seriösem Journalismus nichts mehr zu tun.

Kleiner – und definitiv nicht chauvinistisch gemeinter – Einwurf: Warum handelt es sich in diesem Fall eigentlich um 100% Frauen?

Gut, bei der „Bild“-Abgesandten Alice Schwarzer erwartet man wenig anderes. Doch was Spiegelanerin Gisela Friedrichsen und „Zeit“-Frau Sabine Rückert da veranstalteten, trug maßgeblich zum Affenzirkus bei, zu dem dieses Gerichtsverfahren wurde. Mal erklärte Friedrichsen im Interview mit der „Märkischen Allgemeinen“, sie kenne zwar nicht alle Faktion (die Vernehmungen fanden ja in großen Teilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt), habe aber eine Meinung. Dann durfte die Medienwelt via Meedia mitlesen, wie sich Rückert zur Zusammenarbeit mit dem Kachelmann-Verteidiger anbot, diesem riet, einen befreundeten Verteidiger ins Boot zu nehmen (auch eine Form von Affiliate-Marketing) und sich schließlich rühmte, Prozesse beeinflusst zu haben. Auch wenn es hier um Justizirrtümer ging: Rückert stellt sich bei Prozessen auf eine Seite.

Dies ist auf jeden Fall Journalismus niemand kalt lässt, der sich für den Kachelmann-Prozess interessiert. Nur: Ist das Journalismus, der seine verfassungsrechtliche Sonderstellung verdient? Ist dies nicht viel eher Entertainment? Oder Propaganda?

Journalisten balancierten schon immer auf diesem Drahtseil. Einerseits sollten sie unvoreingenommen sein, andererseits Menschen mitnehmen, ja, mitreißen – und die Klientel eines Mediums bedienen. Der Sturm des Medienwandel pustet sie nun gleich reihenweise vom Seil. Eine steigende Zahl von Journalisten kann dieses Gleichgewicht nicht mehr halten.

Gleichzeitig aber ist diese Berichterstattung das, was ja zu einem Überlebensargument werden könnte. Denn vieles im Netz ist ja meinungsfreudiger. Die abgeklärte Haltung und Analyse sollte seriöse Medien ausmachen. Ein Beispiel dafür lieferte der geschätzte (Disclosure: Wir sind befreundet) Olaf Storbeck gestern in einem Blog-Artikel meines Ex-Arbeitgebers „Handelsblatt“: Er mag den Ökonomen Hans-Werner Sinn nicht. Und so recherchiert er ihn mit Verve nach. Auch er ist nicht komplett unvoreingenommen – doch bringt er eben auch Argumente der Gegenseite unter.

Genau diese Form von Journalismus wird seltener. Wir erleben in diesen Tagen einen Anabolika-gedopten Thesen-Journalismus. Darf man dazu überhaupt noch „Journalismus“ sagen? Zum Beispiel zu dem, was die ARD-Männer Christoph Maria Fröhder und Klaus Bednarz da veranstalten (gefunden bei Turi2)? Laut „Süddeutscher Zeitung“ haben sie eine DVD mit verschiedenen Atomkraft-kritischen Filmen und Reportagen produziert – eine „Informations-DVD…  für den Bundestag und die Ethik-Kommission, damit, die Abgeordneten auch jene Informationen erhalten, die ihnen die Betreiber im Alltag verschweigen‘.“

Bevor hier jemand etwas falsch versteht: Auch ich bin für den Atomausstieg. Nur: Das hat mit Journalismus nichts mehr zu tun. Hier handelt es sich um klare PR, wenn nicht gar Propaganda. Hier ergreifen zwei „Journalisten“ (beachten sie die Anführungszeichen) die gleichen Methoden, die sie bei anderen kritisieren. Es geht nicht um die Information der Entscheidungsträger oder gar der Öffentlichkeit. Es geht um deren Beeinflussung. Und zwar allein darum.

Vielleicht entspringen solche Aktionen aus dem Gefühl einer schwindenden Wichtigkeit. Einst hatten Journalisten eben auch viel Macht und Einfluss, ihre Stimmen waren gewichtig. Heute ist das anders. Das Berufsbild der Journalisten liegt zertrampelt am Boden.

Mit PR-DVDs (übrigens: DVD? Wirklich? Wären USB-Sticks nicht…, ach egal) und Anwalts-Kooperationen aber wird sich das nicht ändern. Im Gegenteil: Dem Ansehen des für die Gesellschaft wichtigen Journalismus wird damit weiterer Schaden angetan. Man könnt auch sagen: Das Image von Journalisten wird von ihresgleichen vergewaltigt.

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