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Das böse Erwachen der Zeitungsredaktionen

Sollten Sie, liebe Leser, zu jenem sinkenden Anteil der Bevölkerung gehören, der noch ein Tageszeitungsabo bestellt hat, so seien Sie darauf hingewiesen: Es ist gut möglich, dass in den kommenden Woche mal keine Lieferung in ihrem Briefkasten oder der Poststelle Ihres Unternehmens eintrifft.

(Foto: Nora Jakob)

Denn dies sind recht traurige Tage in der deutschen Zeitungslandschaft. Also, noch trauriger als ohnehin. Der Tarifvertrag der Tageszeitungsredakteure läuft aus – und Arbeitgeber und -nehmer liegen so derart weit auseinander, dass mit einer schnellen Einigung nicht zu rechnen ist. Schon gibt es die ersten Warnstreiks, weshalb sich Detlef Esslinger, leitender Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“, für den hohen Agenturanteil im Blatt entschuldigt.

Besonders traurig und verfahren ist die Lage jedoch nicht nur wegen unterschiedlicher Honorierungsvorstellungen, sondern wegen der emotionalen Komponente. In diesen Tagen wachen viele Zeitungsredakteure auf und stellen fest, dass sie belogen wurden. Von ihren Arbeitgebern. Und dass es nun zu spät ist, um noch irgendwie eine Wende herbeizuführen.

Seit exakt 10 Jahren sind Zeitungsredakteure die Frösche in jenem berühmten Kochexperiment: Wirf den Frosch in kochendes Wasser und er hüpft hinaus – wirf ihn ins kalte Wasser, drehe die Temperatur hoch und er wird sterben. Genauso agieren die Verleger von Tageszeitungen seit dem Platzen der Anzeigenblase 2001. Stück für Stück haben sie ihre Redakteure schlechter entlohnt. Mal fiel das Weihnachtsgeld weg, dann wurden Tariferhöhungen mit der übertariflichen Zulage verrechnet, ein anderes Mal Jubiläumszahlungen eingestellt. Schließlich zogen sich Journalistenschulen aus dem Tarifvertrag zurück, was Volontäre auf ein finanzielles Niveau stellt, das sich netto nicht wahrnehmbar von ihrer Studentenzeit unterscheidet. Diese Entwicklung durchbrechen konnte nur, wer beruflich aufstieg.

Ich glaube nicht einmal, dass dies ein langfristig geplantes Vorgehen der Verleger war. Gut, ich glaube ohnehin nicht, dass Verleger je langfristig geplant haben. Es ist einfach passiert. Doch dass es passieren konnte, das haben sich eben auch die Redakteure maßgeblich zuzuschreiben.

Naiv haben sie geglaubt, was die Verlage als offizielle Verlautbarungen von sich gaben: Es gehe ihnen gut, Zeitungen würden niemals sterben, es gebe halt konjunkturelle Dellen. Es ist bemerkenswert, wie unkritisch Menschen, deren Hauptaufgabe auch die Recherche ist, mit dieser Kommunikationspolitik umgegangen sind. Wie wenig sie sich um ihre eigene Branche geschert haben.

Mir sind in all den Jahren haufenweise Journalisten begegnet, die nur die verkaufte Auflage kannten und niemals in die Details auf der Homepage der IVW geschaut haben. Die keinen Schimmer davon hatten, wie das Anzeigengeschäft funktioniert. Die sich nicht die Bohne für die Bedeutung digitaler Nachrichten interessiert haben.

Wenn ich mit ihnen diskutierte, war ihr grundsätzliches Argument: Im Internet wird kein Geld verdient, deshalb muss es Zeitungen geben. Als ob es irgendwo eine gesetzesmäßige Verpflichtung auf Zeitungsbetrieb gebe. Als ob ein Markt deshalb existieren müsse, weil sie es sagten. Weil es blöd wäre, arbeitslos zu sein. „Sollte ist kein Geschäftsmodell“ formulierte es Jeff Jarvis jüngst sehr schön ein seinen höchst lesenswerten Medien-Thesen. Müsste ist auch kein Geschäfsmodell.

Das Nicht-Hinterfragen der eigenen Branche war recht bequem. Die Argumente für die Passivität lieferten ja die Verlage selbst. Es gebe eine „Lust am Untergang“ kritisierte Axel-Springer-Chef Matthias Döpfner die Branche. Zeitungen sind „in guter Verfassung“, protzte Verbandslobbyist Dietmar Wolff. Die Zeitschriftenproduzenten sind da nicht besser: „Print is back“ behauptete Hubert Burda – das Geschäft sei „stabil“. Neu übrigens ist das nicht. Höchst lustig liest sich heute die Jahresmeldung des Zeitungsverbandes BDZV von 1996: Jener Dietmar Wolff behauptet da, Online-Angebote seien noch „weit vom Massenmarkt“.

Die Redakteure haben das brav geglaubt. Und nun wachen sie auf. Weil die Arbeitgeberseite nicht etwa nur einen geringen Lohnzuwachs anbietet – sondern brutale Einschnitte. 30 Prozent weniger machte das Paket aus, behauptet die Journalisten-Gewerkschaft DJV. Vor allem Frischlinge und Einsteiger würden das deutlich spüren.

Der DJV darf sich durchaus eine gehörige Mitschuld daran zusprechen, dass viele seiner Mitglieder schockstarrig in den Redaktionsstuben sitzen. Weder hat er seine Beitragszahler ausreichend auf den Wandel vorbereitet, noch selbst begriffen, dass Änderungen nötig sind. Ach ja, um einen Online-Tarifvertrag (den es immer noch nicht gibt) hat er mit einer Vehemenz gekämpft, die Seidenkissen wie Betonpfeiler wirken lassen. Mehr noch: Der DJV hat sich sogar auf die Seite der Verleger und damit der Zukunftsunfähigkeit gestellt.

Nun bin ich ja von Haus aus BWLer und ein Anhänger der Marktwirtschaft. Und deshalb betrachte ich die Situation zwiegespalten.

Einerseits unterstütze ich die Forderungen der Redakteure nach mehr Geld – nicht nach weniger. Journalismus ist ein für unsere Gesellschaft wichtiger Beruf. Und schon jetzt erhalten die meisten fest angestellten Journalisten viel zu wenig am Ende des Monats – und von den Freien wollen wir gar nicht erst reden. Denen geht es zum Teil hundsmiserabel.

Andererseits: Woher soll es kommen?

Selbst wenn die Verleger von ihren teilweise völlig überzogenen und aus der Historie entstandenen Renditeerwartungen von bis zu 20 Prozent und mehr abrücken würden: Es gibt ja Medienhäuser die froh wären, schwarze Zahlen zu schreiben.

Dies aber werden sie vielleicht nie mehr tun. Wir reden hier nicht von einer aktuellen Konjunkturschwäche. Im Gegenteil: Ein Medienhaus, das in einer wirtschaftlich so bunt polierten Zeit wie den Jahren 2010 und 2011 keine ordentliche Rendite einfährt, wird dies nie mehr tun. Das ist die bittere Wahrheit.

Die Verlage haben es versäumt in das digitale Zeitalter zu investieren, als sie dazu noch die finanzielle Manövriermasse hatten. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie ihren eigenen Lügen geglaubt haben. Nun drohen sie daran zu ersticken. Die einzige Überlebensmöglichkeit ist die Kostenkürzung. Die wird dazu führen, dass sie noch einigermaßen sanft sterben, zumindest was ihre Anteilseigner betrifft.

So ist die Zeitungstarifrunde 2011 ein gigantischer Widerspruch: Für die Verleger soll sie das Morphium sein, das den Tod erleichtert. Und für die Redakteure ist sie faktisch das Gegenteil: ein schmerzhaftes Aufwachen.

Die Sache wird sich hinziehen, das ist klar. Erst wird es Warnstreiks geben, die zum vereinzelten Ausfall von Zeitungslieferungen führt. Dann könnte es irgendwann auch einen Gesamtstreik geben.

Der Ausgang aber ist klar: DJV und Verdi werden ein paar Änderungen herbeiverhandeln, an der Grundausrichtung des Einkommensverlustes für ihre Mitglieder werden sie aber nach meiner Meinung nichts ändern können. Ihre Spitze wird am Ende verkünden, dass sie hart verhandelt hätte, man sich aber der wirtschaftlichen Realität beugen müsse. Dass aber bei einer besseren Konjunktur all das wieder nachgeholt werden, was nun verloren gehe.

Doch es gibt noch eine andere Variante, sie ist unwahrscheinlich aber nicht umöglich. Ein längerer Streik könnte Zeitungen tatsächlich das Überleben kosten. Denn mit jeder nicht ausgelieferten Ausgabe gehen zwar noch keine Abos flöten – aber Anzeigeneinnahmen. Wie lang ein Streik genau dauern muss, um ein Armageddon auszulösen, das wissen nur die Verlage. Und die sagen es nicht – warum sollten sie auch ehrlich sein, wenn sie es in den vergangenen zehn Jahren nicht waren?

Lesen Sie dazu bitte auch nachdenklichen Text von Christian Jakubetz.

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