SXSW Day II: Kurzes Zwischenfazit
12. März 2011
SXSW Day III: Glücklich trotz Internet
14. März 2011

SXSW Day II: Marken als Journalisten

In Amerika ist nicht alles anders (und besser) – selbst im digitalen Geschäft nicht. Klar, in vielem sind die USA deutlich vor Deutschland. Aber nicht in allem – das ist die Bilanz des zweiten Tag der SXSW, dem Monster-Treff der Web-Branche.

Die erste Session habe ich gleich mal verpasst. Denn die Organisation der Konferenz ist zwar prima – doch das trifft nicht auf die Shuttle-Busse zu. 20 Leute warteten an der Abholstation, absehbar würde der Fahrdienst R&R aber auch an diesem Morgen nur mit Vans im Halbstunden-Takt verkehren

Glück gehabt: Eine SXSW-Teilnehmerin kommt aus dem Hotel und bietet an 2 Personen mit ihrem Auto mitzunehmen – ich bin dabei.

Sie gibt mir die Empfehlung, bei Rob Garner von Icrossing vorbeizuschauen. Er spricht über Marketing in Echtzeit, sei ein toller Typ.

Keine Ahnung, was sie zu dieser Meinung gebracht hat. Der Digitalberater entpuppt sich als entsetzliche Schlaftablette, der vor einem Kreis (wörtlich) aus Web-Affinen die plattesten Ich-erklär-besonders-rückständigen-Managern-Social-Media-Floskeln rauskramt. Nach 20 Minuten hab ich es nicht mehr ausgehalten.

Und nochmal bin ich nach 20 Minuten gegangen. Der von mir sehr geschätzte Cartoon-Blogger Hugh MacLeod von Gaping Void ist schlicht nicht erschienen.

Weitaus besser die Diskussion „Client knows best“, in der es um die Frage geht, wie Werber Kunden von ungewöhnlichen Ideen überzeugen können. Eigentlich aber ging es vor allem um Klagen über große Werbeagenturen. Besonders angetan hat es mir dabei Ty Montague, einer der angesagtesten Kreativen in den USA und Mit-Gründer von CoCollective.

„Große Agenturen haben keine Lösungen mehr – und mit Social wissen sie gar nichts anzufangen“, ätzte der ehemalige Kreativchef von JWT. Und: „Klassische Werbeagenturen sind nicht mehr der Go-To-Ansprechpartner für Strategien.“

Doch auch bei den Kunden bestehe Änderungsbedarf: „Unternehmen sind für die alte Zeit strukturiert.“ Die einzelnen Abteilungen arbeiteten zuwenig zusammen. Wer von außen eine Innovation einbringen wolle, müsse immer über die Marketing-Abteilungn gehen. Die aber verstünden technische Innovationen nicht.

In die gleiche Kerbe schlug auch Hashem Bajwa von der gerade sehr angesagten Kreativagentur Droga 5: „Viele große Agenturen belassen es bei der Planung bei einer großen Idee. Erst wenn der Kunde sie kauft, überlegen sie, wie sie die umsetzen könnten.“ Ihm fehlen auch „Agenturen, die kleine, schnell umzusetzende Ideen entwickeln.“

Diese Erfahrungen decken sich vollständig mit dem, was ich in Deutschland erlebe. Und ich konnte auch John Wimsatt nur zustimmen, dem Broadband Marketing-Chef von Verizon: „Die meisten Entscheider sind nicht digital aufgewachsen – sie verstehen diese Welt nicht. Agenturen habe eine gewaltige Chance, wenn sie leicht verständlich erklären, was da vorgeht.“

Startete auf der SXSW: Der ultimative Dating-Dienst für sehr Verzweifelte.

Zu einem etwas anderen Thema noch ein schöner Montague zu Social-Media-Erfolgsfaktoren:

„Wir leben in einer Welt, in der alles gemessen werden kann – und deshalb gemessen wird. Und weil es gemessen wird, wird es für wichtig gehalten… Als Betrachter von Werbung bin ich im TV wertvoller als online, weil sich das Internet eingeredet hat, dass nur Interaktion wertvoll ist, nicht aber das schlichte Anschauen von Werbung.“

Trotzdem auf Interaktion setzte Patrick de Laive, der Gründer von The Next Web. Zusammen mit einer Kollegin bat er um 1-Dollar-Spenden für Japan, eingesammelt per Square, dem Iphone-Zahlungsdienst, den es außerhalb der USA leider noch nicht gibt. Zusammen ist dabei falsch: Sie lieferten sich einen Wettstreit. Hermione gewann.

Eines der dominierenden Marketing-Themen der SXSW ist die Frage inwieweit Marken journalistische Inhalte erzeugen sollten. Das Thema schwirrt überall umher, täglich gibt es mehrere Podien zu diesem Thema (ich gebe zu: Angesichts der Schwarzkopf-Homepage sitze ich mit einem breiten Grinsen in diesen Diskussionen).

Besonders unterhaltsam war heute eine Runde, die von der Großagentur JWT gesponsort wurde. Das lag maßgeblich an Moderator Bob Garfield, einem der bekanntesten Werbe-Journalisten in den USA. Mehrere Rededuelle klangen so:

Kyle Monson (Redakteur bei der Werbeagentur JWT): Wenn Marken journalistische Inhalte statt Werbung erzeugen, wird Journalismus relevanter im Leben der Menschen.

Garfield: Eine Hälfte von mir gibt Ihnen recht. Die andere, die journalistische, möchte sie ständig ins Gesicht schlagen.

Monson: Arbeiten sie für uns – es ist toll.

Garfield: Das ist immerhin das erste journalistische Job-Angebot seit 7 Jahren.

Der meist betrachtete Wachmann in Austin: Nächtliche Sicherheit in Apples Popup-Store.

Dabei sehen die Amerikaner die Idee des Journalismus weiter als nur das veröffentlichen von Inhalten. Sie beziehen auch die Kommunikation im Social Web in die Definition mit ein. Brian Clark vom Medienlabor GMD Studios sieht in der Entwicklung aber auch eine gesellschaftliche Gefahr:

„Alles digitale ist automatisch ein Medium. Medien aber werden finanziert von Marken. Somit wird alles digitale automatisch Marketing.“

Weiten Raum nahm der jüngste Fehlschlag im Bereich dieser Inhalte ein. Auch in Deutschland hat die Geschichte vom Chrysler-Twitter-Fuck rumgesprochen. Ein Agentur-Dienstleister betrieb einen Twitter-Kanal für den Autohersteller. Dort tauchte die Nachricht auf: „I find it ironic that Detroit is known as the #motorcity and yet no one here knows how to fucking drive“

Das böse F-Wort ließ den Mitarbeiter den Job verlieren. Ein Fehler, meint JWT-Redakteur Monson:

„Der arme Kerl hat vielleicht all die Twitter-Accounts seiner Kunden bei Hootsuite geöffnet auf seinem Bildschirm. Dann will er etwas privates schreiben – und klickt den falschen Account an. Das ironische: PR handelt von Verbindungen. Und mit diesen Tweet hatten die Menschen sofort eine Verbindung.“

So sah es auch Shiv Singh, der Social-Media-Chef von Pepsi: „Wenn jemand einen Fehler macht, sollte man ihn nicht feuern. Die bessere Reaktion wäre nach einer Entschuldigung zu prüfen, wie die Menschen in Detroit tatsächlich fahren. Das wäre kreativ gewesen.“

Final noch ein ganz anderer Einwurf von John McRee, Mobile-Apps-Designer bei Effective UI:

„Schriften auf dem Ipad groß zu zoomen ist eine großartige Technik. Warum schalten App-Programmierer solch eine wichtige Hilfe für einen Großteil der Bevölkerung einfach ab?“

Dazu passt dann noch die Gäste-Verwaltung in der Samsung Blogger-Lounge: Sie läuft auf einem Ipad.

Teile diesen Beitrag