Du hättest Oberstaufen sein können

by Thomas Knüwer on 2. November 2010

Die Bewohner des Ortes Oberstaufen werden es mir nicht übel nehmen wenn ich schreibe: Oberstaufen gehört nicht zu meinen ständig im Fokus befindlichen Lokalitäten. Um ehrlich zu sein: Bis vor einiger Zeit hatte ich den Ortsnamen nicht einmal gehört.

Heute nun wird Oberstaufen einen medialen Ansturm erleben wie nie zuvor. Es wird Bilder in vielen Boulevard-TV-Magazinen geben, vielleicht gar in den “Tagesthemen” oder ähnlichen Sendungen. In zahlreichen Zeitungen wird der Name morgen fallen, in vielen Magazinen in den kommenden Tagen. Und: Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen werden sich m Bildschirm in Bild von diesem Örtchen machen. Es ist ein Coup, der Marketing- und Tourismus-Preise in unüberschaubarer Zahl verdient hätte.

Hier zum Beispiel das Ergebnis der Google-News-Suche nach “Oberstaufen” von heute morgen:

Wie die Allgäuer das geschafft haben? Mit Technikfreundlichkeit und Kreativität.

Denn während in diesem Sommer Kommunalpolitiker in der ganzen Republik über Google Streetview tobten, benahmen sich die Entscheider in Oberstaufen weniger alarmistisch. Sie erkannten eine Chance: Wenn Menschen sich ein Bild vom Ort machen können, reisen sie vielleicht her. Die Tourismus-Chefin erläuterte den Bürgern, weshalb sie Streetview für interessant hält:

“Tourismus bedeutet für uns in erster Linie Service am Gast – und dazu gehört auch die nötige Transparenz vor Ort. Mit dem Online-Dienst können sich Interessierte zum Beispiel die Lage der Gastgeber vor der Buchung genau ansehen, Oberstaufen schon vor der Anreise genauer ansehen oder nach dem Urlaub Bekannten zeigen, wo man überall gewesen ist. Damit lässt sich vermeiden, dass der ein oder andere bei seiner Ankunft vielleicht enttäuscht ist, weil die Erwartungen anders gesetzt wurden. Wir können es also nur begrüßen, wenn man überall in der Welt einen virtuellen Spaziergang durch Oberstaufen machen kann.”

Was sie nicht sagte: Natürlich lieferte sie damit eine schöne Geschichte, die das graue Allerlei der Berichterstattung auflockern konnte. Das kleine Oberstaufen lädt das große Google ein – und bäckt gleich mal eine Torte. Googles PR-Leute reagierten wie erhofft: Oberstaufen kam auf ihr Radar.

Heute nun startete Google Streetview in Deutschland. Erster Ort, der zu besichtigen ist: Oberstaufen.


Größere Kartenansicht

Das bedeutet auch: Google hat mutmaßlich nach der Torten-Aktion nochmal einen Kamerawagen ins Algäu geschickt. Denn bei aller Liebe zu Oberstaufen: Die Gemeinde dürfte nicht auf der A-Streckenliste der Streetview-Fahrzeuge zu finden gewesen sein. Doch auch Google weiß: Der Start von Streetview ist ein Medienthema. Und über nichts werden die Medien in diesem Fall glücklicher sein als eine menschliche Neben-Story – versehen mit Bildern, die nicht allein vom Computer-Bildschirm stammen.

Natürlich wird der Wirbel um das Örtchen bald vorbei sein. Doch so funktioniert Tourismus-Marketing eben oft: Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Das zeigt sich derzeit auch in Düsseldorf: Millionen werden investiert in den Eurovision Song Contest im Glauben, dass Menschen in die Stadt reisen, wenn ihnen die schönsten Ecken auf dem Bildschirm präsentiert werden. Ob das tatsächlich so ist, das mögen die Experten entscheiden.

Heute also werden sich mutmaßlich Millionen Menschen durch Oberstaufen bewegen. Virtuell, natürlich. Das demonstriert nicht nur, wie Stadtmarketing funktionieren kann. Es ist auch ein Symbol für verfehltes Polit-Marketing. Denn die meisten Kommunalpolitiker, die sich im Sommerloch zu Streetview äußerten, stellten sich auf die Seiten der Angsthabenden. Drohten mit Wegezoll. Mit Verbot. Schrieen Zeter und Mordio. Dabei war völlig klar, dass der größere Teil der Bevölkerung das Streetview-Thema mit Achselzucken zur Kenntnis nimmt – oder sich auf den Dienst freut. Sollte irgendein Stadt-, Gemeinden- oder Landesväterchen geglaubt haben, er könne Streetview verhindern, so darf er sich das Etikett “Naiv wie ein Backfisch” auf die Aktentasche schreiben.

Stattdessen gewinnt eben jene Kommune hinzu, die einer neuen Technik freundlich gegenüber tritt. Und die ihre Bürger mitnimmt. Denn vermutlich dürfte auch nicht jeder in Oberstaufen freundlich gesinnt sein gegenüber Streetview. Doch von Demonstrationen ist bisher nichts bekannt.

Und so darf man all den anderen Tourismusmarketing-Verantwortlichen in kleinen und mittleren Ortschaften ruhig einen Tritt in den Allerwertesten versetzen. Versehen mit den Worten: “Du hättest Oberstaufen sein können.”

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