No Handwerk, please – wir sind Hauptstadtjournalisten

by Thomas Knüwer on 1. Juli 2010

Politikjournalisten besitzen in den Diskussionen um eine Krise der Medien eine besondere Rolle. Sie gelten als Musterbeispiel für jenen Teil des Journalismus, der nicht durch neue Medien oder gar durch Bürgerjournalisten ersetzt werden könne. Ihre Arbeit sei ein stetes Sich-Vernetzen mit den Volksvertretern, ein harter Job, egal ob im Ausland oder im Inland. Und das stimmt.

Andererseits: Kein anderer Bereich der Redaktionen hat sich derart mythifiziert wie die Politik-Ressorts. Daraus entstanden ist eine elitäre Haltung, der Glaube man selbst mache Politik und bestimme mit, wie regiert werde. Das journalistische Handwerk rückt dabei immer mehr in den Hintergrund. Zu beobachten war das auch gestern ,während der nicht enden wollenden Bundespräsidenten-Wahl, am Beispiel Twitter.

(Foto: Shutterstock)

Vor etwas über einem Jahr, als Horst Köhler gewählt wurde, twitterten drei Mitglieder der Bundesversammlung die Ergebnisse heraus bevor sie offiziell genannt wurden. Daraus entstand ein Skandälchen, das ein wenig buntes Futter aus der Hauptstadt lieferte. Deshalb war klar: Auch diesmal würde Twitter ein Thema werden. Die logische Reaktion wäre gewesen, sich entweder selbst in diesen Dienst einzuarbeiten oder sich von Kollegen helfen zu lassen. Im Mindestfall hätte ein Praktikant sich an einen Rechner setzen können um zu schauen, was so los ist in diesen Twitter.

Dabei geht es überhaupt nicht darum, dass ich persönlich den Dienst für einen großartigen Nachrichtenfilter halte. Es geht allein um journalistisches Handwerk: Beim letzten Mal ist etwas passiert und die Frage, ob dies wieder geschieht ist Teil der Berichterstattung – also müssen Journalisten vorbereitet sein.

Ergebnis: Sie waren es nicht.

Geradezu erschreckend, wie die TV-Leute um Twitter herumschwadronierten. Vom “Twitter-Netz” war da die Rede und beim ZDF hieß es, via Twitter würden “angeblich” die Ergebnisse des ersten Wahlgangs verbreitet, “genau wissen wir das nicht”. Da war die öffentlich-rechtliche Redaktion wohl gerade kollektiv in der Rauchpause. Hübsch auch, dass dann geraunt wurde, Twitter-Nutzer hätten schon Blumen im Anmarsch gesehen. Ja, hatten sie. Im Fernsehen. Die ARD berichtete, dass Twitter-Nutzer berichteten, sie hätten in der ARD Blumen gesehen.

Fröhliches Dilettieren auch bei FAZ.net. “Twitter: Wulff im 1. Wahlgang gewählt“, schrie sie heraus und das Reizzentrum hat dankenswerterweise einen Screenshot der Peinlichkeit gemacht. “Unbestätigte Gerüchte” nennen die Frankfurter als Quelle. Hier präsentiert sich ein weiterer Handwerksfehler. Denn im Internet kann man – das wird viele Online-Nachrichtenseiten überraschen – auf Quellen verlinken. Dann kann der Leser dort hinüber gehen und sich selbst ein Bild machen. Es ist völlig legitim zu schreiben, dass es solche Gerüchte gibt. Aber die Quellenlage ist eben nicht ominös und geheimnisvoll – sondern klar nachvollziehbar. Bei Twitter gibt es Nutzernamen und oft genug lässt sich anhand dieser nachvollziehen, wer da schreibt.

Dass viele Journalisten dies noch immer nicht begriffen haben, zeigt auch das Erlebnis von Netzpolitik:

“Interessant war eben die Frage eines Journalisten, ob denn die Verbreitung von gefakten Wahlergebnissen auf Twitter nicht die gesamte Twitter-Community diskreditieren würde. Ich war ganz verwundert über die Annahme, weil Twitter ein Werkzeug ist, was Menschen nutzen. Es gibt genausowenig DIE Twitter-Community, wie es DIE Internet- oder Fernseh-Community gibt.”

Nehmen wir @smesher. Er meldete: Ergebnis: Wullff gewinnt den ersten Wahlgang! Nur wenige Abweichler! #erstertrotztwitterverbot“. Der Klarname des Herren ist leicht herausfindbar, dann landet man auf seinem Xing-Profil und – zack – kann man sich ein Bild machen. Ja, man könnte ihn gar kontaktieren. Das nennt sich Recherche, war aber bei der “FAZ” nicht gefragt. Kurz darauf war klar, dass er sich einen Scherz gemacht hatte. Der Lustigkeitsgrad war von überschaubarem Maß.

Weil sich dann herausstellte, dass es ein paar Menschen da falsches verbreiteten holten die Redaktionen zum Twitter-Haudrauf aus. Fast schamhaft hängt AFP an die Erzählung vom gefälschten Account der Schauspielerin Martina Gedeck an, dass hier kein demokratiefeindlicher Extremer am Werk war – sondern die “Titanic”. Ein Klassik-Medium verwirrt Klassik-Medien, das schreibt man besser nicht so laut.

Es ist erschreckend wie unkundig viele Journalisten noch immer sind, geht es um diesen simplen 140-Zeichen-Dienst. Nein, nicht jeder muss da Mitglied sein. Aber nach den zahlreichen Erlebnissen, sei es Bundespräsidentenwahl, Iran, das Erdbeben in China oder die US-Wahl sollte sich doch irgendwo der Gedanke breit gemacht haben, dass irgendwer in den Redaktionen kundig ist, aushilft, wenn etwas passiert.

Anscheinend nicht. Und das ist grobe Vernachlässigung journalistischer Pflichten und journalistischen Handwerks.

Ganz am Ende des Abends dann die letzte Unfassbarkeit. Noch hatte Norbert Lammert nicht den Saal betreten, da gebärdete sich ARD-Mann Ulrich Deppendorf wie der Klassenstreber, der wild mit dem Arm wedelt und “Herr Lehrer, ich weiß was” brüllt. “Gerüchten zufolge” sei Wulff gewählt, 625 Stimmen habe er bekommen. Obwohl in der Debatte um die Köhler-Wahl 2009 das Verschweigen von Ergebnissen bevor sie offiziell verkündet wurden auch als Frage des guten Stils bezeichnet wurden, platzt er gleich mal damit heraus. Ulrich Deppendorf, das lebende Twitter.

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