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Social Media: Der Sieg der schwachen Verbindungen

Im analogen Zeitalter war unser Leben digitaler. Also, bildlich gesprochen.

Denn vor der Zeit des Internet und der Computer bestanden unsere Verbindungen zu Menschen praktisch nur aus 1 (Freund) oder 0 (keine Verbindung). Dazwischen gab es kaum etwas. Wir pflegten unsere starken Bindungen zu unseren besten Freunden, der engen Verwandtschaft, der Familie.

Andere Beziehungen am Laufen zu halten kostete Zeit und Kraft. Jeder musste einzeln angerufen werden. Nötig war aber eine Zeitkongruenz: Der andere musste in diesem Moment Lust und Zeit haben für ein Telefonat. Deshalb verabredete man sich für längere Gespräche. Die Alternative war der Brief. Der erforderte direkt eine Zeitinvestition in Form des Schreibens – und Geduld, denn sein Versand dauerte.

(Foto: Shutterstock)

Je mehr aber der Alltag in Form von Beruf oder Familie Zeit kostete, desto geringer wurde die Zahl unserer Kontakte. Deshalb auch schliefen die meisten Brieffreundschaften nach einiger Zeit ein: Der anfängliche Schwung, der Reiz des Neuen, verging – der Rhythmus, mit dem die Briefe eintrafen wurde langsamer. Und irgendwann war da das Gefühl: Ich habe am Leben dieses Menschen nicht mehr teil.

So zerbröselten auch Schulfreundschaften. Der eine zog weg, dann noch mal, irgendwann vergaß er seine neue Adresse mitzuteilen – das war’s. Wollte jemand einen Entschwundenen auftreiben musste der entweder im Telefonbuch stehen oder seine Eltern lebten noch dort, wo sie immer gelebt hatten.

Das Internet, vor allem Social Media, verändert diese Situation. Verbindungen können nun – auch wenn das schrecklich unmenschlich klingt – graduell aufrecht erhalten werden. Schwache Kontakte zu halten wird überhaupt erst möglich.

Denn zum ersten Mal müssen wir nicht mehr jeden, der sich aus welchen Gründen auch immer für uns interessiert einzeln ansprechen und über Dinge, die uns wichtig erscheinen, informieren. Wir können sie alle erreichen. Ganz einfach. Mit einem Blog-Artikel, einer Facebook-Statusmeldung, einem Tweet. Natürlich ist das meiste davon banal. Aber unsere zwischenmenschliche Kommunikation insgesamt ist größtenteils banal. Small Talk ist keine Philosophie, auf die Frage „Wie geht’s“ antwortet niemand mit faustischen Monologen (OK, außer Faust, vielleicht), die Telefon-Frage „Was machst Du gerade“ wird häufig genug beantworte mit „Ich mach gerade einen Kaffee“. Interessiert es die Welt, dass diese Person gerade Koffeein nachlädt? Nein, es interessiert jene Menschen, die sich für sie interessieren – weil sie wir Menschen uns nahe fühlen, wenn wir uns einen anderen Menschen in einem bestimmten Moment vorstellen können. Empathie heißt das Zauberwort.

Ersetzt dies ein persönliches Gespräch, ein Treffen zum Abendessen, einen gemeinsamen Nachmittag? Nein. Das will auch niemand. Aber: Diese intensive Kommunikation ist eben für jene starken Verbindungen vorenthalten – ganz so, wie bisher.

Weil es so einfach ist, die schwachen Verbindungen aufrecht zu erhalten, steigt die Zahl unserer Beziehungen insgesamt massiv an. Diese Kontakte nehmen wir sogar ein Leben lang mit, wenn wir wollen. Junge Menschen, die heute über Instant Messenger oder Social Network miteinander in Verbindung bleiben, verlieren – so sie und der andere es will – niemand mehr aus den Augen. Noch immer stellen sich viele Entscheider in Politik und Wirtschaft dabei unter diesen jungen Menschen Teenager vor. Tatsächlich aber sind es schon heute Studenten, die so kommunizieren.

Eindrucksvoll zeigt dies ein Experiment des Furtwangener Professors Armin Trost, das er in seinem Blog für den „Harvard Business Manager“ protokolliert: Acht Studenten verzichteten eine Woche lang auf moderne Kommunikation und führtenTagebuch über ihre Erlebnisse – faszinierend und lesenswert.  Einige Auszüge

„In der Pause erfahre ich, dass ich gestern eine spontane Party bei einem meiner Kommilitonen verpasst habe – weil ich nicht erreichbar war. Ich ärgere mich, gerade dort wäre ich gerne dabei gewesen. Was heute Abend passiert, steht noch in den Sternen. Ich muss das klären, solange ich meine Freunde sehe. Wenn ich mich jetzt nicht verabrede, findet schlichtweg alles ohne mich statt. Wir brauchen einen eindeutigen Treff- und Zeitpunkt – hier und jetzt. Sonst wird nichts aus dem Abend, und ich sitze allein zu Hause – ohne Facebook und mit schlechtem Fernsehen…

Vor allem ist es irgendwie aufregend, mit mehreren Menschen gleichzeitig zu chatten. Es ist, als sprächen wir miteinander, aber es hat die Kraft des geschriebenen Wortes…

Der Alltag einer Generation, die nicht erst in einigen Jahren auf den Arbeitsmarkt kommt, sondern gefühlt schon am kommenden Mittwoch angesichts der Studiendauerverkürzung. Dieses Medienverhalten ist keine Sache „von jungen Leuten“, das sich erst „in einigen Jahren“ durchsetzen wird – es ist heute Realität. Auch bei Menschen deutlich über Studi-Alter. Jene, die wir für unser 20-Jahre-Abi-Treffen vor zwei Jahren nicht auftreiben konnte, finde ich in diesem Jahr als Neu-Mitglieder bei Facebook: Sie sind meist nicht in der Wirtschaft und nicht viel im Internet, es sind Ärzte, Lehrer, Künstler, Sozialarbeiter (wobei ich bitte nicht behaupten möchte, dass diese Berufsgruppen grundsätzlich eher offline-affin sind).

(Foto: Shutterstock)

Manchen überfordert die Vielzahl der neuen Verbindungen. Umar Haque, zum Beispiel, den Chef des Havas Media Lab. Er erklärte Social Media im März zu einer Blase:

„Despite all the excitement surrounding social media, the Internet isn’t connecting us as much as we think it is. It’s largely home to weak, artificial connections, what I call thin relationships.

During the subprime bubble, banks and brokers sold one another bad debt — debt that couldn’t be made good on. Today, „social“ media is trading in low-quality connections — linkages that are unlikely to yield meaningful, lasting relationships.“

Damit hat er größtenteils Unrecht. Tatsächlich steigt die Zahl der schwachen Verbindungen schnell an, so dass sie in einer schlichten Zählung die starken Verbindungen deutlich überlagern. Doch solche starken Bindungen gibt es auch weiterhin. Das schreibt auch einer jener Furtwangener Studenten:

„Wir treffen uns wie vereinbart. Es folgen schöne Stunden, in denen weder Internet noch Handy eine Rolle spielen.“

Und natürlich kann aus einer schwachen Verbindung eine starke werden – jede achte Ehe in den USA nimmt ihren Anfang in Digitalien, ermittelte McKinsey.

Ja, es ist sogar Normalität. Ich behaupte: Jede schwache Verbindung, die im Netz beginnt strebt danach stärker zu werden. Nein, nicht alle heiraten oder tauschen Körperflüssigkeiten aus. Die weitaus meisten dieser Beziehungen enden nicht in Kategorien wie „Bester Freund“ oder „Liebe des Lebens“. Aber sie nehmen an Stärke zu, zumindest ein wenig.

Ein Beispiel: Da ist jemand, der liest gelegentlich ein Blog. Dann liest er es regelmäßig. Er kommentiert, folgt dem Autoren auf Twitter, die beiden schicken sich Replys. Dann sieht der Blog-Leser, dass der Autor zufällig in der Stadt ist – die beiden treffen sich auf ein Bier. Ganz nett, vielleicht begegnet man sich mal wieder.

Diese Schwäche der Verbindung ist den meisten Menschen auch bewusst. Ich kenne niemand, der einen Kontakt auf Facebook als echten Freund ansieht, nur weil Facebook seine Art der Vernetzung als „Freund“ bezeichnet. Tatsächlich sprechen sehr viele Menschen ja schon von „Facebook-Freunden“ – ein Synonym für einen weniger engen Kontakt.

Glauben wir Haque, so hätte diese Verbingung keinerlei Wert.

Das ist falsch.

Denn auch schwache Verbindungen können dafür sorgen, dass Menschen füreinander etwas tun. Das kann bei schnöder Unterhaltung anfangen: Man ist in einer Stadt und schaut mal, wen man dort auch nur flüchtig kennt. Ergebnis: ein Abend Zerstreuung. Informationen lassen sich auch leichter beschaffen: Wer ein Problem hat, findet via Twitter oft Hilfe. Flatter ist eine Form des monetären Danks für eine schwache Verbindung. Doch die Folgen einer schwachen Verbindung können noch stärker werden: Da sucht jemand einen Mitarbeiter – unter jenen dünnen Beziehungen existiert jemand, der in Frage kommt. Das betrifft auch Dienstleistungen und Produkte – nicht umsonst sind es Freiberufler, die betonen, dass Xing ihnen zu Aufträgen verhelfe. Nicht immer sind das direkte Verbindungen: Oft genug kennt jemand wen, der helfen kann. Auf dem gleichen Prinzip basiert eine Plattform wie Wer-weiss-was, die es immerhin schon seit 1996 (!) besteht, und der heute vorgestellte Facebook-Frage-Antwort-Dienst.

Die neuen Verbindungen verändern etwas. Wir sind bereit, uns aktivieren zu lassen. Wir setzen uns ein für Menschen, denen wir uns aus welchen Gründen auch immer nahe fühlen. Nehmen wir nur jenes Düsseldorfer Ehepaar, beide Blogger, die durch ein Feuer ihre Wohnung verloren. Wie ein Sturm verbreitete sich die Suche nach einer Ersatzwohnung via Twitter. Eine Spendenaktion brachte ein unfassbares Ergebnis: über 20.000 Euro. Allein die gemeinsame Nutzung einer Technik, der Blog-Software und der Plattform Twitter sorgte hier schon für eine gewisse Nähe, die Geschichte der beiden berührte emotional.

Das Beispiel zeigt, dass sich im größeren Rahmen etwas verändert. Was das ist, schildert – Vorsicht, jetzt wird es etwas esoterisch – der Zukunftsforscher Jeremy Rifkin in seinem aktuellen Buch. Es heißt: „Die empathische Zivilisation – Wege zu einem globalen Bewusstsein“.

In einem Parforceritt durch Geschichte, Natur- und Geisteswissenschaften stellt er die These auf, dass wir Menschen einander nicht so feindlich gesonnen sind, wie manche meinen. Der Mensch ist dem Menschen kein Wolf. Tatsächlich rücke uns der Fortschritt immer näher aneinander. Dies aktiviert unsere biologische Neigung zur Empathie.

RSA Animate hat Rifkins Argumentation sehr schön umgesetzt:

Die Welt wird – so gutmenschesk das auch klingt – besser. Da demonstriert auch Alston, jene kleine Gemeinde im englischen Niemandsland, die ein Muster für die Veränderungen ist, die der Zugang zum Internet bringen kann. Für mich zählt der Besuch vor zwei Jahren zu den beeindruckendsten Dienstreisen, die ich während meiner Zeit für das „Handelsblatt“ unternahm – das Ergebnis lesen Sie hier. Dort traf ich unter anderem Brian Marshall:

„“Ohne das Projekt hätte ich vielleicht einen Computer – aber ich würde ihn wohl weniger nutzen und weniger darüber wissen“, sagt der 65-jährige pensionierte Polizist und unterbricht für einen Moment das Gespräch mit einer Bekannten nahe Lancaster. Regelmäßig sprechen die beiden über Skype, den Videotelefondienst. Mit seinem Sohn in Manchester und alten Freunden in Berlin hält Marshall nun leichter Kontakt, „sonst gäbe es aus Deutschland wohl nur eine Weihnachtskarte pro Jahr“.

Seine neue Freundin hat Marshall ebenfalls im Internet kennengelernt. „Ist Online-Dating für Senioren in Deutschland eigentlich bekannt?“ fragt der graubärtige Ex-Ordnungshüter…

Heute steht auf seiner Fensterbank eine Kamera, die Livebilder ins Netz überträgt: „Wenn der erste Schnee fällt, mailt die Tochter unserer Nachbarin, um zu hören, ob bei uns alles okay ist.“ Überhaupt habe das Web die Menschen zusammengebracht: „Wir kommunizieren heute mehr miteinander und interessieren uns mehr für unsere Mitbürger.““

Und deshalb sind jene schwachen Verbindungen keine Blase – sondern eine reale Veränderung in der Gesellschaft.

In der nächsten Woche schreibe ich dann etwas über die Bedeutung der schwachen Verbindungen für Unternehmen – und warum sich manche so schwer damit tun.

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