Eye Love – die WM-Schleichwerbungspanne von ARD und ZDF

by Thomas Knüwer on 4. Juli 2010

Ich gestehe: Ich bin Fan der “Lindenstraße”. Seit der ersten Folge. Zu den liebenswerten Absurditäten dieser Serie zählt, wie sehr sich die Ausstatter Mühe geben, jede Form von Marken- oder Produkterwähnung zu vermeiden (Ausnahme: Es handelt sich um Produkte der ARD). So googeln die Bewohner jenes Straßenzugs nicht – sie suchen im Web via Findhund.

Das erfordert einen ganz ordentlichen Aufwand, dieses ständige Aufpassen. Wie sehr muss es die Macher wurmen, wenn sie erkennen, dass in anderen Bereichen der ARD das Thema schludriger angegangen wird. Da gab es ja jene bezahlte Schleichwerbung im “Marienhof” im Jahr 2005. Spätestens ab diesem Moment – möchte man denken – sind die Mitarbeiter der Funkanstalten sensibilisiert worden.

Denkste.

Ausgerechnet während der Fußball-Sternstunden der deutschen Nationalmannschaft erlebten ARD und ZDF eine Schleichwerbungspanne, die nicht so groß ist wie jener Skandal 2005 – nichtsdestotrotz aber höchst peinlich.

Als das ZDF nach der Partie gegen Argentinien zur Riesenparty am Brandenburger Tor schaltete (jene Stimmungsbilder sind den Öffentlich-Rechtlichen ja inzwischen weit wichtiger als Spielanalysen – klar, letztere sind ja journalistisch aufwändiger), holten sie eine jungen Herrn ans Mikro, der merkwürdig überdreht war. Offensichtlich war er nicht angetrunken – aber eben auf eine Art euphorisiert, die so authentisch wirkt wie die Laienspielschar der Landfrauen Ottmarsbocholt-Kattenvenne.

Er trug ein erstaunlich sauberes und strahlendes T-Shirt mit einem Logo, bei dem es bei mir klingelte. Ein ägyptisch wirkendes Auge, daneben ein Herz. Das soll – kein Scherz – “I love” heißen.

Eine Woche zuvor hatte ich dieses Logo zum ersten Mal gesehen.

Ein Bekannter hatte mir eine Pressemitteilung geschickt, die so blöd daher kam, dass er sie für meine Serie “Die kleine PR-Agentur am Rande der Stadt” vorschlug:

“Das Berliner Kultlabel „Eye love“ zeigt Flagge und bietet passend zur WM das etwas andere Fan-Shirt an. Ob man dem Fußball allgemein oder seiner Lieblingsmannschaft eine Liebeserklärung machen möchte, ist jedem selbst überlassen. Gründer und Designer Raffaello Kramm bietet im Online-Shop eine große Auswahl an verschiedenen Fan-Shirt-Motiven mit dem außergewöhnlichen Logo an.”
Nun wissen wir ja: Eine Marke, die behauptet, “Kult” zu sein, ist genau das nicht. Und das  Logo hat nach meinem Geschmack höchstes Kultpotenzial in einer Zielgruppe, die das “Oberbayern” auf Mallorca für total hip hält. Das aber hält den Designer mit dem Vornamen einer Süßspeise nicht davon ab, noch dicker aufzutragen:
“Prominente und Moderatoren des Frühstücksfernsehens sind bereits Fans der prägnanten T-Shirts, die aus hochwertiger Baumwolle in Deutschland produziert werden und in den Farben schwarz und weiß, für Männer, Frauen und Kinder ab 24,80 € über … erhältlich sind.”

Welche tollen Prominenten und Frühstücksfernsehmoderatoren das sind – verrät nicht einmal die Homepage des Labels.

Dieses für mich alberne Logo also tauchte nicht nur auf dem T-Shirt des Pseudo-Fans auf – sondern wurde als Papptafel hektisch im Bildhintergrund geschwenkt. Spätestens bei diesem Anblick hätte irgendjemand beim ZDF ein Kronleuchter aufgehen müssen. Denkste – das Ding lief durch.

Als ich via Twitter Schleichwerbung vermutete, war “Wirtschaftswoche”-Mann Jens Tönnesmann der erste, der sich bei Facebook meldete: Vor allem haben sie denselben Fan doch letztes Mal auch schon interviewt.” Mehrere andere kamen dann hinzu. Es stellte sich heraus: Der gleiche Herr, inklusive T-Shirt, war von der ARD nach dem England-Spiel interviewt worden. Die Bilder gibt es beim Bloggenden Fußballer zu sehen.

Wie kann so etwas passieren? Hat sich Eye Love einen Hilfsarbeiter geleistet, eine Guerilla-Marketing-Agentur gar, die sich am frühen Morgen schon passen platziert hat? Und dann hat sie einen Glückstreffer gelandet, weil sie einen sich klar artikulierenden und vorzeigbaren Menschen geschickt hat?

Vielleicht.

Vielleicht aber auch nicht. Ich glaube nicht, dass jemand riesige Summen Geld über den Tisch geschoben hat. Vielmehr könnte es sich irgendwie um eine Gefälligkeit gehandelt haben. Denn Raffaelo Kramm hat bemerkenswert viele Talente. Zum Beispiel ist er auch noch Schauspieler. Und wenn ich mir die Bilder auf der Seite seiner Künstleragentur anschaue, dann glaube ich: Der interviewte Fan war Kramm selbst. Und da er schon an etlichen TV-Produktionen verschiedener Sender teilgenommen hat ist es nicht ausgeschlossen, dass er den einen oder anderen Kameramann kennt, einen Beleuchter, Regisseur, Regieassistenten oder jemand anders. Wenn diese Vermutung stimmt, dürfte es für denjenigen bald ein Problem geben.

Morgen, jedenfalls, werden an einige Pressestellen Anfragen rausgehen – man darf gespannt sein, wie sie reagieren.

Nachtrag vom 5.7.:

Meine Anfrage bei ARD und ZDF wurde nun beantwortet. Offensichtlich haben sich die beiden Presseabteilungen abgesprochen – oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk führt nach einiger Zeit des Dortangestelltseins zu einer unfassbaren Angleichung des Sprachstils.

Hier die Antwort der ARD:

1. Was sagt die ARD zu diesem Vorfall?
Die für die Schalten zum FIFA Fan-Fest in Berlin innerhalb unserer WM-Live-Übertragungen verantwortlichen Kollegen hielten den Träger des Plakats mit dem Auge-Herz-Logo für einen normalen deutschen Fan, der sich nur eine spezielle Variante für sein Deutschland-Plakat überlegt hatte

2. Wie werden die Fans ausgewählt, die nach Spielen interviewt werden?
Als Interviewpartner schien er geeignet, da er eloquent war und begeistert gesungen und getanzt hat.

3. Wie erklären Sie sich die Koinzidenz, dass Herr Kramm sowohl beim ZDF auch auch bei Ihnen vor die Kamera kam?
Sowohl bei der ARD als auch beim ZDF ist es ihm gelungen, sich zentral in der ersten Reihe direkt hinter der Moderationsposition zu platzieren und sich aufgrund seiner Aktivität als Gesprächspartner zu empfehlen.

4. Zieht die ARD Konsequenzen aus dem Vorfall?
keine Antwort

Und nun die Antwort des ZDF:

“Die für die Schalten zum FIFA Fan-Fest in Berlin innerhalb unserer WM live-Übertragungen verantwortlichen Kollegen hielten den Träger des Plakats mit dem Auge-Herz-Logo für einen normalen deutschen Fan, der sich nur eine spezielle Variante für sein Deutschland-Plakat überlegt hatte. Als Interviewpartner schien er geeignet, da er eloquent war und begeistert gesungen und getanzt hat. Sowohl bei der ARD als auch beim ZDF ist es ihm gelungen, sich zentral in der ersten Reihe direkt hinter der Moderationsposition zu platzieren und sich aufgrund seiner Aktivität als Gesprächspartner zu empfehlen. Dies war von ARD und ZDF weder gefördert noch bewusst gesteuert.”

Nachtrag: Raffaelo Kramm hat zwar auf meine Anfrage nicht reagiert, Meedia hat ihn aber zu fassen bekommen:

“”Die Vorwürfe sind eine absolute Frechheit. An den Behauptungen ist nichts dran.” Eine nachvollziehbare Erklärung, wie er es gleich drei Mal schaffte, zur besten Sendezeit prominent im öffentlich-rechtlichen TV aufzutauchen, blieb er allerdings schuldig und gab lediglich an, dies sei “Zufall” gewesen. Kurios, wenn auch bei Schalten zu Zuschauerfesten nicht unüblich, ist die Tatsache, dass der Moderator Kramm in der Gesprächssituation sogar mit seinem Vornamen ansprach.”

Nachtrag vom 14.7.: Und es gibt noch eine bemerkenswerte Firmennenung – diesmal geht es um Oli Kahn.

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