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Das Future Face of Media: Es quält die Stille, es klaffen die Widersprüche

Der Held setzt zur entscheidenden Rede an, sie soll das tobende Volk beruhigen. Er spricht Worte, die uns Kino-Zuschauer anrühren und mitreißen, Tränen steigen auf, wir schlucken sie hinunter. Dann endet der Held.

Stille.

Dann klatscht ein Zuhörer, ein zweiter, schließlich brandet Jubel auf. Der Held hat es geschafft.

shutterstock sturm melancholie spielplatz kleinGenauso fühlte sich teilweise die Konferenz Future Face of Media gestern in Frankfurt an – nur das keiner klatschte und die Stille im Raum eine körperlich spürbare Bedrücktheit auslöste, so wie schwüle Hitze beim Herannahen eines Tropensturms. Unbehaglich. Atem nehmend. Anstregend.

Es war eine merkwürdige Konferenz (was nicht die Organisation betraf – die war exzellent). Eine, die so auch vor zwei, drei oder vier Jahren hätte stattinden können, nur dass dann keiner Iphone oder Ipad gesagt hätte. Und es war ein bedrückendes Manifest der Ratlosigkeit und Starrköpfigkeit der Mediebranche. (Foto: Shutterstock)

Nehmen wir nur den Star der Veranstaltung: Arthur Sulzberger, Herausgeber der „New York Times“. Einen angenehmen und jovialen Vortrag hielt er, lobte die Qualität von Journalismus und gab Fehler zu, zum Beispiel, dass die Leser zu sehr als Anzeigenkundenfutter betrachtet worden wären.

Nun hat sein Haus ja jüngst verkündet, einen neuen Paid-Content-Versuch zu wagen. Einige Mediendienste sahen schon eine völlige Abschottung der Seite. Dann aber hieß es, die Startseite, beziehungsweise die Nachrichten, blieben frei.

Ob er diese Verwirrung lösen könne, fragte ich ihn in der Fragerunde. Die Antwort machte sprachlos: „Sie können nicht verwirrt sein, denn wir haben noch nicht gesagt, was hinter der Bezahlwand stehen wird. Das wissen wir noch nicht.“ Erst in den kommenden Monaten werde eine Analyse zur Entscheidung führen.

Unfassbar.

Da verkündet der Verlag eine Strategie – und weiß nicht mal, welche Produkte er tatsächlich anbieten wird. Noch absurder klingt dies, weil die „NYT“ vor einigen Jahren schon einmal einen solchen Versuch wagte und ihre Kommentare und Kolumnen online nur noch gegen Geld vorzeigte – es war ein krachender Misserfolg.

Solche merkwürdigen Widersprüche und Ungereimtheiten gab es reichlich.

Zum Beispiel in Gestalt von Katja Marx, Chefredakteurin HR Info. Sie sagte so schön vernünftige Dinge wie „Wir werden zu Organisatoren des öffentlichen Diskurses“. Das klang toll. Wenn sie nicht später, in der Fragerunde fallen gelassen hätte, dass sie es ja toll findet, dass so viele Leute „zwitschern“. Auf den Gedanken, in diesen Diskurs einzusteigen scheint sie nicht zu kommen.

Oder das hier: „Wir verramschen Inhalte, wenn wir sie kostenlos im Internet zur Verfügung stellen.“ Dass die Angestellte einer öffentlich-rechtlichen Anstalt das Konzept der Anzeigenfinanzierung im Internet nicht geläufig ist – gut. Dass sie aber die von GEZ-Gebühren erstellten Inhalte als unbezahlt ansieht, das ist schon bemerkenswert.

Der Protest ob solcher Worte war gering. Die Anwesenden schwitzten Stille aus. Nicht unschuldig daran war Moderator Rüdiger Wischenbart, dessen Wiener Schmäh Zeitläufte körperlich spürbar machte. In der zweiten Reihe brach sich dann die Genervtheit Bahn in Form von Applaus für gelunge Einwürde. Einfach, damit die Stille aufhört, vielleicht gar Stimmung aufkommt, Widerspruch, Regungen aus dem Publikum. Energie.

Future Face of Media

Auch der Meister des klaffenden Widerspruchs war anwesend: Christoph Keese, der „Außenminister“ des Axel Springer Verlags. Übrigens war auch Kai Diekmann in Frankfurt – als Zuhörer. Nicht mal eine Frage wollte er stellen, ein Jahr habe er sich verordnet, nur noch Zeitung zu machen.

Keese flutete den Raum mit Selbstbewusstsein. Glauben wir ihm, die Zukunft von Medienkonferenzen ist klar: Wir brauchen sie nicht mehr.

Denn:

„Professioneller Journalismus hat über Bürgerjournalismus gesiegt…

WIR liefern den glaubwürdigen Inhalt im Web.

Man kann Tonnen Geld im Internet verdienen und wir verdienen dort gutes Geld… Wir subventionieren (damit) den Journalismus.“

Nun, was die zweite Aussage betrifft, gibt es Menschen, die könnten eine andere Meinung haben. Interessant aber ist das protzige Verdienen. Denn wenn einerseits die Verlage ja ganz wunderbare Einnahmen im Digitalen haben, warum sind sie dann so wild auf ein Leistungsschutzrecht? Klingt das nicht nach „Die Reichen wollen noch reicher werden“?

Diese Frage beantwortete Keese so, wie er alle Fragen zum Leistungsschutzrecht beantwortet: gar nicht. Er salbaderte über neue B2B-Vertriebsmodelle für Inhalte. Wenn ich ihn recht verstanden habe, möchte er also B2B-Vertriebsmodelle per Gesetz festschreiben – das dürfte eine Premiere sein in der modernen Wirtschaft.

Natürlich aber geht es um etwas anderes. Die Verlage investieren weiterhin immens viel Zeit in des Lügengebilde Leistungsschutzrecht. Zum einen ist dieses Gespinst simples Betteln um Staatshilfe, zum anderen durch die Unterhöhlung des Zitatrechts eine Gefahr für die Pressefreiheit (dazu auch ein kleiner Kommentarwechsel hier im Blog mit dem Kölner Verleger Konstantin Neven DuMont).

Weil die Verlage wissen, wie platt, durchschaubar und widerlegbar ihre Argument sind, während ihre Vorstellung, wie dieses Leistungsschutzrecht aussehen soll so schwammig ist, wird die Debatte in den Lobby-Hinterzimmern geführt. „Das Thema ist nicht in den Zeitungen angekommen“, kritisierte Perlentaucher-Gründer Thierry Chervel in Frankfurt. Das impliziert, dies werde noch passieren. Ich bin da skeptisch.

Denn ist die Regierung überzeugt – und nichts kann sie ja besser brauchen als gute Presse – wird das Konstrukt schnell durchgewunken. Deshalb auch reagiert dier BDZV, die Lobby-Organisation der Zeitungsverleger, in Gestalt ihres Hauptgeschäftsführers Dietmar Wolff auch so hysterisch und undemokratisch, als Irights einen Entwurf veröffentlichte. An den Reaktionen im Publikum meinte ich übrigens auszumachen, dass 90 Prozent der Anwesenden den Wirbel um Irights noch nicht bemerkt haben.

So viel Energie für ein bisschen Subvention. So viele Widersprüche. Immer wieder die gleiche Front zwischen den guten, alten Medien und dem bösen Internet mit seinen Bloggern und Zwitscherern. In der Mittagspause war ich müde. Hatte Kopfschmerzen. Es ging nicht mehr. Ich verließ die Messe Frankfurt im Gefühl, diese Diskussion schon vor Jahren gehört zu haben. Obwohl, hatte ich das nicht auch?

Die klassischen Medien verharren mit der Trotzköpfigkeit eines Kleinkindes. Man wolle sich nicht in die Ecke stellen lassen, dass man das Internet nicht verstehe, giftete Keese. Und die anderen pflichteten ihm bei, egal ob „Financial Times“ oder „Liberation“. Und doch ist schon die Verlinkung auf eine andere Nachrichtenseite – und somit die Verwendung der wichtigsten Web-Währung – zu viel verlangt.

Als ich in den Zug stieg, klangen mir die Worte des einzigen Redners im Hirn, der mich überzeugt hatte: Chris Ahearn, President Media von Thomson Reuters. Er dachte weiter als seine europäischen Gegenstücke. „Jede Nachrichtenorganisation setzt eine Agenda“, sagte er, „nämlich die, die für ihre Leser sinnvoll ist. Es gibt eine Vielzahl von Nachrichten-Agendas.“ Und: Der Journalismus müsse befreit werden von repetetiven Tätigkeiten – mehr Freiheiten für Journalisten forderte er.

Vor allem hatte ich in meinem Notizbuch mit einem Ausrufezeichen versehen:

„Das alte Medienmodell ist tot….

Einige Medienmarken werden an Relevanz verlieren, andere sterben – wir sollten ihnen nicht hinterher trauern. Denn anderen bieten sich dafür gewaltige Chancen.“

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