Ein Angebot an Christoph Keese

by Thomas Knüwer on 12. März 2010

In dieser Woche legte der Axel Springer Verlag richtig gute Bilanzzahlen vor, also für die aktuelle Gesamtlage: Herzlichen Glückwunsch.

Vielleicht ist die vergleichsweise gute Lage ein wenig zu Kopf gestiegen. Oder es ist einfach das übliche, nah an der Demagogie befindliche Verdrehen der Realität, das aus den Worten von Springer-Außenminster Christoph Keese spricht. Zumindest, wenn das so stimmt, was Heise von der Eröffnung der Medienrechtstage zu Köln berichtet (gefunden bei Turi2). Anzuzweifeln ist das eher nicht, Keese belustigte realitätsnähere Medienmenschen ja auch schon durch absurde Vergleiche und seine Forderung nach einer Abgabe für beruflich genutzte Computer.

Die hat er nun erneuert. Die Begründung dazu ist herzlich lustig: “Das Netz quillt über mit Informationen – wir organisieren die Rangreihenfolge. Das ist die Leistung, die wir bringen.”

hot deals ahead c feverpitch(Copyright: Shutterstock)

Nun, dann schauen wir uns die Rangreihenfolge doch einmal an, in diesen Sekunden, da ich dies tippe. Da meint Welt Online, die wichtigste Meldung der Welt sei, dass die FDP Kritik an Guido Westerwelle “Diffamierung” nennt. Derzeit also, in diesen Sekunden, gibt es auf der Welt nichts Wichtigeres als PR einer Partei. Es muss ein ruhiger Tag sein. Daneben bekomme ich mitgeteilt, dass ein Aldi-Bruder laut “Forbes”-Liste nicht mehr so reich ist wie zuvor – eine Meldung von gestern. Oder ich darf mir das Auslaufen eines Kreuzfahrtschiffes anschauen – inszenierte Unternehmens-PR.

Meine persönliche Rangreihenfolge der Nachrichten sieht anders aus.

Keine einzige Seite bildet sie komplett ab, nicht einmal das von mir hoch geschätzte Rivva. Wenn uns die Idee des Long Tail eines gelehrt hat, dann doch dass wir ganz individuelle Interessen haben, die teilweise hoch speziell sind. Nur ganz, ganz wenige Nachrichten einen uns. Die verkündete und absehbare Meinung der FDP gehört nicht dazu. Die Rangreihenfolge der Online-Nachrichtenflut ordnen für mich spezialisierte Dienste und meine Kontakte. Twitter ist für mich wichtiger als jede News-Seite.

Denn die Redaktionen der Republik haben ja kein Interesse daran, tatsächlich die Rangreihenfolge der Nachrichten abzubilden – es wäre für sie in Sachen Abrufzahlen kontraproduktiv. Nein, Online-Redaktionen gewichten die Meldungen besonders stark, die in einem bestimmten Moment besonders hohe Abrufzahlen erreichen. Somit erhalte ich nur dann einen ordentlichen Überblick über die Nachrichtenlage, wenn ich viel klicke oder besonders häufig auf der Seite zu Gast bin. Das ist für die Redaktion wünschenswert, für den Leser extrem ineffizient.

Deshalb ist Social Media so wichtig geworden im Nachrichtengeschäft. Der gaga erscheinende Satz “Wenn eine Nachricht für mich wichtig ist, wird sie mich finden” ist wahr. Deshalb verschiebt Facebook im angelsächsischen Bereich inzwischen mehr Leser zu Nachrichten als Google. Klassische Medienhäuser könnten in diesem Bereich mitspielen. Rivva ist ein Beispiel dafür, wie dies ginge. Doch dafür müssten sie endlich lernen, sich und andere zu verlinken. 12 Jahre nach dem Durchbruch des Web im Massenmarkt negieren die meisten Verlage das grundlegende Funktionsprinzip dieser Technik weiterhin.

Eine ähnliche Realitätsfremde demonstriert Keese, wenn er behauptet, Unternehmern würden für die Nutzung von Axel-Springer-Angeboten schon zahlen, irgendwie. “Dass Unternehmer nein sagen und trotzdem das Angebot nutzen, kann ich mir einfach nicht vorstellen”. Nein? Ich bin Unternehmer und ich würde das Angebot ablehnen. Unternehmer zahlen ungern, das sollten Verlage ganz gut kennen: Die Klagen freier Journalisten über die Zahlungsmoral von Medienhäusern ist Legion. Glaubt Keese tatsächlich, die Aldi-Gründer hätten es bis zur “Forbes”-Liste geschafft, weil sie Angebote freizügig angenommen hätten?

Christoph Keese glaubt anscheinend an das Gute im Unternehmer und das wollen wir ihm nicht nehmen. Schließen wir uns ihm an, das Gute gilt es zu fördern. Und deshalb mache ich ein Gegenangebot. Ich selbst bin bei drei Internet-Seiten beteiligt. Diesem Blog hier, der Wein-/Reise-/Gourmet-Seite Gotorio und dem Mobile-App-Blog Mind the App. Na ja, und mein Twitter-Account wird ja von manchem Medium als Blog bezeichnet. Mein Unternehmens-Twitter-Account ordnet noch dazu Nachrichten aus dem Bereich Social Media. Und Twettorio gibt handverlesene Produkttipps. Das ist alles Arbeit, da sind keine Agenturmeldungen oder Artikel aus problematischeren Quellen wie Aktiencheck dabei, was diese Angebote von Welt.de unterscheidet.

Diese Seiten werden auch von Mitarbeiter der Axel Springer AG besucht, dass lässt sich leicht erkennen. Und deshalb bin ich mir sicher, dass der Verlag es nicht ablehnen wird, für jeden seiner Mitarbeiter 0,1 Cent monatlich für jeden seiner 10.000 Mitarbeiter zahlen. An mich. Für die guten Seiten. Dass Christoph Keese da nein sagt, seine Mitarbeiter aber weiterhin diese Dienste nutzen lässt, das kann ich mir einfach nicht vorstellen.

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