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Der „Spiegel“ geht googeln

Es gab mal eine Zeit, die Älteren werden sich erinnern, in der Deutschland als Land der Technik und der Innovation galt. „Made in Germany“ war eine Auszeichnung und verkaufte Produkte weltweit. Deutschland, das setzten viele auf dem Globus gleich mit „Fortschritt“.

spiegelHeute ist in Deutschland Fortschritt dagegen pfuibah. Und nirgends zeigt sich das stärker als beim Thema Google. Gestern erschien mal wieder eine „Spiegel“-Titelgeschichte, die sich um ein Internet-Thema dreht. „Ende der Privatheit“ heißt sie und dreht sich um jene Web-Konzern. Bemerkenswert, dass die Netz-Szene auf diese Story nicht groß Bezug nahm. Das demonstriert, dass nach den „Falschen Freunden„, der raupkopierten Dummmacher-Story, der Second-Life-Sexorgie und dem entblößten Hinternet viele die Hoffnung fahren gelassen haben, der „Spiegel“ könne intellektuell einmal eine tiefgreifende Geschichte zu solch einem Thema anfertigen.

Denn natürlich ist die Frage der Intimsphäre in Zeiten des Internet hochwichtig. Allein: So platt, uninformiert, spekulativ und dünn recherchiert wie der „Spiegel“ sie präsentiert – das hätte jede Lokalzeitung auf ähnlichem Niveau hinbekommen (wobei ich ausdrücklich nichts gegen Lokalzeitungen sagen möchte – aber die „Spiegel“-Redaktion ist halt deutlich üppiger besetzt).

Auffällig, wie wenig Quellen auftauchen. Es gibt viele interessante Menschen, die vieles interessantes zu Google gesagt haben – den „Spiegel“ hat es nicht interessiert. Stattdessen werden wilde Konstrukte erschaffen. Zum Beispiel heißt es in einem Kasten:
„Viele Klingelschilder, viele Namen – nur den unserer Kollegin finden wir nicht. Schnell wird mit dem Handy das Haus fotografiert. Google erkennt es und nennt uns Bewohner, und schon taucht der Name des Geburtstagskindes auf: Sie wohnt im dritten Stock bei Meier. Da sie erst vor kurzem zu ihrem Freund gezogen ist, steht ihr Name noch nicht an der Tür.“

Woher Google aber solch eine Information erhält, das fragen sich die Eulen-Spiegler nicht. Denn natürlich muss jemand diese Daten erst öffentlich machen, bevor Google sie organisieren kann.

Ganz und gar unverständlich scheint es auch, dass Werbung durchaus willkommene Information sein kann.

Am schlimmsten scheitert die Geschichte dort, wo es um mehr als Google geht. Dass zum Beispiel Geomarketing-Firmen alle Wohnhäuser in Deutschland fotografiert und mit soziodemographischen Daten versehen haben um das Paket zu verkaufen – wird nicht erwähnt, ist vermutlich nicht bekannt. Dass Vodafone demnächst die Standort-Daten seiner Kunden an den Navigationsgerätehersteller Tomtom weitergibt – wird nicht erwähnt, hätte aber gut gepasst. Stattdessen ist Google ganz, ganz böse, weil es mit den umher fahrenden eigenen Wagen Straßen vermisst: „Wie zum Hohn erledigt Google nun nebenher, wofür jene (die Navi-Hersteller) Jahre des Aufbaus brauchten.“ Wenn es tatsächlich so einfach ist, Straßenkarten zu erstellen – warum haben es die Navi-Hersteller nicht genauso „nebenbei“ gemacht? Ist Google schlauer? Oder braucht es doch noch mehr Kartenmaterial?

So mäandert das Stück umher, oft frei von Wissen über Web-Zusammenhänge und ohne Antrieb, die Geschichte intellektuell in die Tiefe zu treiben. Ein trauriger Beweis dafür, dass die Print-Redaktion von Deutschlands führendem Nachrichtenmagazin einfach keinen geistigen Zugang in die Digitalität findet. Warum lässt man an solche Stücke nicht mal die Kollegen der Online-Redaktion ran?

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