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Falsche Freunde – von der zweifelhaften journalistischen Qualität eines „Spiegel“-Titels

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Kürzlich sah ich eine Reportage bei RTL II, es ging um StudiVZ (wie das Handelsblatt Teil der Holtzbrinck-Gruppe). Dieses sei ein Anlaufpunkt für magersüchtige Teenager hieß es, einziger Beleg dafür war eine Diskussionsgruppe, die von der Redaktion selbst eingerichtet worden war. Beim Vorbeiwischen der Kamera konnte man erkennen, wie viele Mitglieder diese hatte: zwei. Eines davon war der Gründer.

Deshalb ahnte ich, was kommen würde, als vom Titelthema des neuen „Spiegel“ erfuhr: Social Networks. Meine Ahnung aber wurde noch locker übertroffen: Heute sind „Spiegel“-Redakteure nicht mal mehr in der Lage, ihre Leser so zu manipulieren, dass diese es nicht nach zwei Minuten merken.
„Die tiefe Recherche ist der Tod jedes Knüllers“, sagte mein Lehr-Herr Ferdinand Simoneit gerne – und es war ironisch gemeint. Simoneit selbst hatte in der großen „Spiegel“-Zeit gelernt und so erfuhren wir Volontäre viel über die Arbeitsweise unter Rudolf Augstein. Dazu gehörte es eben auch, Geschichten zu „drehen“: Man stellt die Faktenlage so dar, dass die Geschichte ausgewogen scheint, faktisch aber in eine eindeutige Richtung geht.

Dies hat noch immer Tradition im Hause „Spiegel“. Für solch ein Unterfangen aber braucht es richtig gute Journalisten – und damit sind wir bei der heutigen Titelgeschichte.

Nach dem Aufschlagen der Seite 118 stutze ich nach gefühlten 0,83 Sekunden. Denn das erste Bild, links oben, kenne ich. Es ist ein Video und ich musste es oft genug ertragen, oder besser dank Videorekorder übergehen: Es ist ein Werbevideo eines Musiksongs, dessen Klingelton in den Werbepausen der „Daily Show“ auf dem Comedy Kanal verkloppt werden soll.

Nur: Laut „Spiegel“ soll das Gesamtarrangement „Fotos aus Online-Netzwerken“ darstellen. Überraschend ist dabei: Für 13 der Bilder gibt es „Credits“, also Fotorechte. Sie umfassen Reuters oder AFP. Zu sehen aber sind 17 Bilder, die nicht Screenshots sind. Wer hat die Rechte an den anderen? Sind es tatsächlich Bilder aus Social Networks? Hat der „Spiegel“ dafür die Rechte erfragt? Die Fotografen entlohnt? Wir behalten diese Fragen mal im Hinterkopf.

Die Geschichte beginnt – wir sind beim „Spiegel“ – mit einem szenischen Einstieg. Den haben die Spiegelaner nicht selbst recherchiert, sondern sich von der durchaus renommierten Jugendforscherin Danah Boyd erzählen lassen. Es geht um das Verhalten von Teenagern in Social Networks. Und in der Tat hätte das eine gute, kritische Geschichte werden können, hätte man analysiert, wie sich uraltes Verhalten von Jugendlichen durch das Internet verstärkt.

Denn was Boyd und „Spiegel“ dort beschreiben, kenne ich bestens – aus meiner Jugend. Freunde werden nach Rangliste sortiert, das gab es damals auch schon, vor allem bei Mädchen. Und es gab sogar geschriebene Listen, die unter der Hand gezeigt wurden. Der Unterschied ist – das Verhalten wird nun öffentlicher und die Reaktion somit drastischer.

Das trifft auch auf Mobbing von ungeliebten Mitschülern zu. Auch das gab es damals schon und die Methoden waren höchst unschön. Es gab auch bereits Schüler, gegen die sich weite Teile einer Schule, damit meine ich alle Klassen eines Jahrgangs plus denen ein Jahr darüber und eins darunter, verschworen. Das Internet ermöglicht es nun, dieses Mobbing leichter zu organisieren und mehr Mobber zu organisieren.

Diese Geschichte aber, die Recherche bei Schülern und Gehirnschmalz erfordert hätte, muss ein „Spiegel“ nicht schreiben. Vielleicht haben die Autoren das Thema ja angeboten, doch wurde es als „zu klein“ abgelehnt – ein „Spiegel“ braucht den großen Aufschlag, er ist der Peter Bond unter den Magazinen, haltungstechnisch.

Deshalb wird auch gleich bei den älteren Netzwerk-Nutzern die Keule rausgeholt, wir lesen über Sarah, einer 20-jährigen Alkohol-Freundin und ihrem Pendant Christian aus Pinneberg. Leider lesen wir nur über und nicht von ihnen – denn der „Spiegel“ hat sie nicht erreicht oder hat dies gar nicht erst probiert. Dabei wäre es doch interessant zu erfahren, was die beiden denken, wenn sie Partyfotos ins Netz stellen.

Diese Fotos, übrigens, wären ein schöner Ansatzpunkt für die Frage gewesen, ob nicht das Protzen mit Alkoholkonsum ein viel drängenderes Problem für unseren Nachwuchs wird – aber diese Geschichte lesen wir leider auch nicht.
Dafür sehen wir das Sauffoto von Sarah, die übrigens, mit Verlaub, bemerkenswert männlich aussieht, ihr Foto trägt kein Credit, ihre Augen sind verpixelt. Sollte der „Spiegel“ kein Bildhonorar gezahlt haben, würde ich Sarah empfehlen, sich einen guten Medienanwalt zu suchen – da könnte ein hübsches Sümmchen drin sein.

Erstaunlich auch, dass gegen Ende der Geschichte die „Bild“ angeprangert wird, weil das StudiVZ –Profil jener Lufthansa-Copilotin räuberte, die jenen spektakulären Wackelanflug sicher auf den Boden brachte. Natürlich, ein „Spiegel“ muss sich nicht hinterfragen.

Auch nicht beim Thema Datenverkauf:
„Die Betreiber würden diese Profile gern an die Werbewirtschaft verkaufen, müssen allerdings vorsichtig sein. Noch ist das Risiko zu groß, dass ein allzu ofener Schacher die Mitglieder verschreckt.“

Es fand sich nicht mal ein externer Datenschützer, der sich mit so etwas zitieren lassen wollte. Denn ein paar Seiten weiter rückt der „Spiegel“ ja damit heraus, warum dieser Wille, sein grundsätzliches Geschäftsmodell zu riskieren, begrenzt sein dürfte: Der Preis für ein Nutzer-Profil ist laut „Spiegel“ (gut, ob ich das glauben soll, weiß ich auch nicht) auf einen Cent gesunken. Für eine einmalige Einnahme von ein 2,2 Millionen Euro pro Datensatzverkauf also soll Myspace einen Nutzeraufstand riskieren? Leichter ist das übrigens bei Verlagen – die verkaufen gerne Nutzerdaten.

Doch wie groß ist die Zahlungsbereitschaft der „Datensammler“, wenn sie doch laut „Spiegel“ den faktischen Verkauf gar nicht bräuchten?
„Neben den Betreibern selbst interessieren sich Datensammler aller Art und Gesinnung für das Treiben.“

Was wir unter Gesinnung zu verstehen haben, erfahren wir im folgenden Satz. Es geht um eine aus Sicht des „Spiegel“ anscheinen besonders eklige Varianz des menschlichen Tuns. Es geht um – und meine Finger weigern sich fast, das Wort zu tippen…

Wissenschaftler:

„Auch die Wissenschaft ist schon hinter den Profilen her, angelockt von einer Fülle von Daten…“

Ekelerregend, nicht wahr?

Auch nicht in den Bereich der Logik muss sich ein „Spiegel“ beim Thema Pädophilie begeben:
„Pädophilen ist es ein Leichtes, Kinder auszuspähen.“

Wer hätte gedacht, dass ein „Spiegel“ mal nachbetet, was ihm eine der konservativsten CDU-Ministerinnen vorbetet? Viel spannender hätte doch eine Geschichte über die Frage sein können, warum die Zahl der Straftaten an Kindern seit 1998, dem Jahr, in dem das Internet den Massenmarkt erreichte, gesunken ist.

Es braucht bis Seite 122 bis klar wird, dass diese Geschichte ein Entstehungsproblem hat. Es ist Historie, dass beim „Spiegel“ Teams zusammenarbeiten. Eigentlich ist das gut. Oft aber entstehen tiefe Brüche innerhalb des Verlaufs. So auch hier: Denn mit einem Mal sind Social Networks ganz toll. Da organieren sich Rotkreuz-Verbände; finden neu ein eine Stadt Gezogene Anschluss; und ohnehin erhalten die meisten Nutzer Kontakte, die sie aus der realen Welt kennen. In Kästen übrigens führt der „Spiegel“ Netz-Nutzer auf – kein einziger davon berichtet etwas Negatives. Es scheint schwer, all die verängstigten Mobbing-Opfer, die Belästigten und Beschimpften wenigstens anonym aufzutreiben.

Auch ließ sich kein Arbeitgeber finden, der sein Personal nach Bildern in Social Networks aussucht, obwohl doch der „Spiegel“ vor Furcht um den Nachwuchst besorgt heult:
„Denken sie nicht an den künftigen Chef, der bald genug vorbeigeklickt kommt, um den neuen Bewerber zu inspizieren?“

Eine gute Freundin von mir ist übrigens Recruiterin bei einer der großen Beratungen im Lande. Fotos von Volltrunkenen, erzählte sie mir, würden sie nicht stören. Wer in seiner Studienzeit nicht feiere, der habe doch wohl Nachholbedarf an Leben.

Aber ein „Spiegel“ muss solche realen Beispiele auch nicht anführen. Er muss nur behaupten. Stand er einst eher auf der Seite jener, die „Halbstark“ oder „Hippie“ gerufen wurden, so wandte er sich dann gegen die „Nullbock-Generation“ oder die heutige Jugend:
„In der Online-Welt machen die jungen Netzwerker, was sie auch im Leben vornehmlich tun: herumhängen…
Damit erreicht die Herausbildung einer autonomen Jugendkultur, die sich von der Elternwelt abgrenzt einen neuen Höhepunkt.“

Solchen Kulturpessimismus kennt man gemeinhin nur von „Welt“ oder „FAZ“. Es ist zu hoffen, dass keiner der zahlreichen Autoren unter 40 ist, ansonsten müsste man verfrühtes Ergreisen befürchten. In diesem Zusammenhang hätte man auch erwähnen können, wie die Demonstrationen gegen die Farc in Kolumbien oder der politische Widerstand in Ägypten sich über Facebook organisieren. Man hätte. Aber ein „Spiegel“ hat solche Anbiederung an Gutmenschen nicht nötig.

Vorurteile sind so schön, weil sie immer nur halbwahr sind – bestenfalls. Sie lassen sich deshalb beliebig an die Gegebenheiten und den gewünschten Argumentationsstrang anpassen. So auch der Glaube, all jene Kontakte in den Netzwerken fänden keine Entsprechung in der realen Welt. Wie das mit der früheren Behauptung zusammengeht, die meisten Nutzer pflegten nur Freundschaften, die sie vor Entstehen der Networks schon gehabt haben, das muss ein „Spiegel“ nicht erklären.

Natürlich muss auch Xing dran glauben. Dort ist ein Treiben zu finden, dass ein „Spiegel“ abscheulich finden muss, es geht nicht anders: Es werden Geschäfte betrieben, zwischen den Mitgliedern. Da dies ganz schrecklich ist, rechne ich damit, dass das Jammern des Spiegel-Verlags über die Anzeigenkrise nur falsche Solidarität mit der Branche ist – eigentlich will man doch kein Geld verdienen.

Selbstverständlich fehlt noch ein Stichwort: Twitter. Gut, Twitter ist gar kein Social Network, aber seit wann kackt ein „Spiegel“ denn Korinthen? Selbstverständlich wird Twitter als Nachrichtenfilter ignoriert, und @wbuechner (hinter diesem Twitter-Namen verbirgt sich Co-Spiegel-Online-Chefredakteur Wolfgang Büchner) wird seine „Trivialitäten und Peinlichkeiten“, die er da so rumzwitschert sicher bald einstellen.

So bleibt eine Titelgeschichte, die strotzt vor Fehlern, Widersprüchen, Voreingenommenheit und mangelnder Recherche. Sage und schreibe acht Autoren listet sie auf. Entweder konnten sie sich nicht einigen, oder es ist etwas anderes, „Spiegel“-typisches passiert: Die Story war fertig, sie war ausgewogen und ordentlich. „Langweilig“ murrte dann einer der beiden Chefredakteure, „das gehört angespitzt“. Und solche Anspitzungen führen den betroffenen Text dann meist weg von der Realität.

Diese „Bild“-artige Story aber verdummt den Leser und gibt sich nicht mal Mühe, das zu kaschieren. Vielleicht hat ein „Spiegel“ das nicht mehr nötig. In einer Zeit, da seine Auflage fällt und die Anzeigen ausbleiben dürfte sich ein „Spiegel“ aber ruhig fragen, ob es die richtige Strategie ist, die Redaktion mit Sensationsheischerei zum falschen Freund des Leser zu machen – oder ob nicht Qualität das Gebot der Stunde sein könnte.

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