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Die Verklärung der Verleger

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In diesen Krisen geschüttelten Zeiten ruft so mancher Journalist nach „echten Verlegern“. Nur: Wer oder was sind diese ominösen „echten Verleger“. Jene, die es früher einmal gab? Wenn Journalisten das meinen, wenn sie von echten Verlegern sprechen, dann sollten sie sich nach einem Blick in die Geschichte, ob sie diese Spezies tatsächlich wollen. Oder besser: Ob sich Verleger von „früher“ so grundlegend von denen „heute“ unterscheiden. Und ob sich zwischen den Zeilen der verklärten Nostalgie nicht schlicht eine Verklärung der Historie verbirgt. Es kann manchmal praktisch sein, die Welt in Schwarz und Weiß zu unterteilen. Gestern, in einem Kommentar zum Verkauf der „Berliner Zeitung“, tat „SZ“ler Hans-Jürgen Jakobs genau das. Die Schwarzen, das sind die Heuschrecken, die sich Zeitungen schnappen, um sie auszuweiden. Die „nach Londoner City aussehen“, gerade so, als ob das Tragen eines Anzugs geschäftsschädigend sei für das Verlegen von Zeitungen.

David Montgomery ist gescheitert – und das ist gut so. Weil er nicht mal ansatzweise begriffen hat, was Zeitungen ausmacht: ihr Inhalt, nicht ihre Anzeigen. Deshalb aber den Ruf nach „echten Verlegern“ erschallen zu lassen, ist ein riskantes Spiel. Denn was sind denn „echte Verleger“?

Die Journalisten der Republik erträumen sich mit diesem Begriff benevolente Herren (Verlegerinnen, übrigens, fordert nie jemand), die ihre Journalisten schalten und walten lassen, Finanzlöcher mit ihrem Vermögen decken und sich allenfalls mal mit einem Gastkommentar in die Berichterstattung einmischen.

Woher stammt dieses Bild? Vielleicht aus der gleichen Hirnsphäre wie der Traum vom Schlaraffenland?

Verleger waren – mit wenigen Ausnahmen – nie so und werden – mit wenigen Ausnahmen – nie so sein.

Nehmen wir nur die allererste französische Zeitung „La Gazette“. Verlegt wurde sie von Buchhändlern, die sich der Kontrolle von Kardinal Richelieu unterwarfen. Oder die britische „Times“: Ihr Gründer verdiente lange damit Geld, angebliche Skandalnachrichten nicht zu veröffentlichen – und dafür Geld von den in den Nachrichten auftauchenden Promis zu kassieren. In den USA des 19. Jahrhunderts waren Zeitungen oft in der Hand von Politikern und dienten ihnen als Wahlkampfinstrument. Später war dies auch so beim großen Hearst der Fall, als er sich in die Politik begab. Zuvor schon hatte er per Zeitung die Bereitschaft zu einem Krieg gegen Spanien befeuert. Legendär seine Anweisung an den Korrespondenten in Kuba: „Sie liefern die Bilder, ich liefere den Krieg.“ Ohnehin: Jedes seiner Blätter wurde täglich gen Hearst Castle geflogen und von seinem Besitzer auseinander genommen. Rot markiert wanderten dann die kritisierten Exemplare zurück zu den Chefredakteuren.

1842 ging die „Rheinische Zeitung“ an den Start. Die Finanzierung übernahmen die Industriellen Hansemann und Camphausen. Ihr Vorgabe: eine liberale Zeitung. Und entsprechend erklärte ihr Chefredakteur, dass er „die Einschmuggelung commmunistischer und socialistischer Dogmen… für unpassend, ja für unsittlich“ halte. Sein Name: Karl Marx – ein Chefredakteur der eher die Meinung der Verleger vertrat, denn seine eigene.

Nicht sicher bin ich mir, ob die Anekdote stimmt, nach der Marx seinen Chefposten hinschmiss, nachdem seine Verleger ihm nicht drei Taler mehr zahlen wollten, und dass er deshalb Wut entbrannt begann, das „Kapital“ zu verfassen. Was ja bedeuten würde, der Kommunismus sei wegen geiziger Verleger entstanden. Vielleicht weiß einer der Leser, ob das so stimmt?

Oder aus der jüngeren Vergangenheit Verleger-Ikone Gerd Bucerius: Ständig mischte er sich in die Arbeit seines Chefredakteurs Henri Nannen beim „Stern“ ein, ständig krachte es zwischen den beiden.

Die 50er bis 70er sieht mancher als goldene Zeit der Zeitungen. Doch war sie das wirklich? Es war die goldene Zeit mancher Verleger, sicher. Sie kauften sich immer neue Imperien zusammen durch die Übernahme von Konkurrenten. Der Reichtum der Verleger stieg – die Zahl der Titel nahm ab.

Der Schriftsteller Arno Schmidt berichtete einst über seine Erfahrungen mit der Presselandschaft im Wirtschaftswunderland: „Alle Verleger sind Schufte“. Und angeblich war es Kurt Tucholsky, der sagte: „Die Verleger schlürfen aus den Hirnschalen ihrer Autoren Champagner.“ Verbürgt ist wohl seine Äußerung, dass der deutsche Zeitungsverleger ein „ängstlicher Mann“ sei: „er will Geld verdienen, was ihm kein Mensch übelnimmt, und er will nur Geld verdienen, was ihm sehr übel zu nehmen ist.“
Er sei… „im allgemeinen tief davon überzeugt, dass Redakteure nur Geld kosten, aber wenig einbringen; dass im Grunde er, der Verleger, die Sache viel besser verstehe und dass man jeden Redakteur davonjagen und durch einen anderen ersetzen könne“. Paul Sethe, einst „FAZ“-Kolumnist, soll gesagt haben: „Die Freiheit der Meinung ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu sagen.“

Wo sind sie also, die „echten Verleger“? Die nüchterne Antwort: Es gab sie nie. Schon immer nahmen Verleger über ihre Zeitungen und Zeitschriften Einfluss, schon immer waren sie darauf aus, besonders gute Renditen einzufahren. Und immer wieder knallte es zwischen ihnen und ihren Journalisten. Nie waren sie die großen Wohltäter, stattdessen vertraten sie Interessen, ideologische wie persönliche. Und ist das schlimm? Fragen wir Journalisten uns doch mal ernsthaft, ob wir uns allein dem Gemeinnutz verpflichtete Verleger wünschen – da wir uns doch gern lustig machen über Aktivisten in allen Bereichen des Lebens.

Damit will ich übrigens nicht ausschließen, dass ein Mäzen irgendwann auf die Idee kommen könnte, statt eines unbekannten Fußballclubs ein Medienhaus zu stützen. Ob dieses dann tatsächlich für Unabhängigkeit sorgt – abwarten.

Ein Verleger ist laut klassischer Definition ein Unternehmer in der Verlagsbranche. Und ein Unternehmer hat das Ziel, Gewinne zu machen – und das ist erstmal gut so, bewegt er sich im System der Marktwirtschaft.

Was Zeitungen heute brauchen, sind nicht mehr Verleger, sondern bessere Geschäfts-Führer. Dabei ist es unerheblich, ob diese nun über Eigentümerschaft gleichzeitig Verleger sind. Wichtiger ist, dass sie sowohl führen können, als auch Branchenwissen und Weitblick haben. Dass sie integer sind und klar denken. Sprich, dass sie „echte Manager“ sind. Sie sollten wir uns herbeiwünschen, statt irgendwelchen Traumbildern hinterherzujammern.

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