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Hätten wir nicht die vergangenen anderthalb Jahre in der Pandemie verbracht, vielleicht wäre ich nicht nach Köln gefahren. Dort veranstaltete die Deutsche Telekom ihre Hausmesse-Konferenz Digita lX, die es seit einigen Jahren gibt. Doch bin ich nun mal bekennende Konferenzratte und ich liebe es, Vorträgen tatsächlich zuzuhören, mir an Startup-Ständen neue Ideen erklären zu lassen und neue Menschen kennenzulernen. Sprich: Der Hunger nach Input ist groß.

Doch eine Konferenz der Telekom? Meine Skepsis war groß, aber man nimmt ja, was man kriegen kann.

Lag es nun am Ausgehungertsein, dass ich gestern Abend begeistert aus Köln zurückkehrte? Oder aus tiefem Respekt vor dem, was die OrganisatorInnen unter den Umständen geschafft hatten?

Dazu muss man wissen: Bisher fand die Digital X auf Messegeländen statt, auch dieses Jahr sollte sie das, angedockt an die Digital-Vermarktungsmesse DMEXCO – doch die schwenkte um auf eine erneute Digitalversion.

Um den Zeitrahmen mal vor Augen zu führen, hier eine Mitteilung der DMEXCO vom 25. März – also von vor viereinhalb Monaten: 

„DMEXCO, Europas führendes Digital Marketing & Tech Event, und Digital X, Europas führende Digitalisierungsinitiative der Telekom, finden 2021 erstmals zeitgleich auf dem Gelände der Koelnmesse statt.“

Erst zum 1. Juni verkündete die Messe ihre vollständige Digitalität – und die Telekom stand allein da. Die Bonner entschlossen sich, trotzdem auf eine kohlenstoffige Ausgabe zu setzen. Und es ist hoch wahrscheinlich, dass irgendwer das Kürzel SXSW in den Raum warf, den Namen jenes wundervollen Digitalundmusikundfilm-Festivals in Austin, zu dem ich auch jedes Jahr reise, und das für viele Führungskräfte in Deutschland zum Inbegriff von Tech-Coolness geworden ist. 

Warum ich das für so wahrscheinlich halt? Nun… Hier das Logo der DigitalX (das allerdings wohl schon seit zwei Jahren Verwendung findet):

Und hier das Logo der SXSW, das in Variationen mindestens seit 2013 existiert:

Und um es nochmal deutlicher zu machen, hier die Bühnendeko in Köln:

Der offensichtliche Witz dazu:

Wie verzweifelt möchte ich niemals sein?

So verzweifelt wie die Deutsche Telekom beim Versuch, die SXSW zu kopieren.

Und dann lief ich durch Köln und begegnete einer Bekannten, die ebenfalls jedes Jahr nach Austin reist und wir beide sagten zeitgleich: „Das ist irre, oder?“

Denn was die Deutsche Telekom innerhalb weniger Wochen aus dem Boden gestampft hatte, war in vielen Punkten die coolste Messe/Konferenz die ich im Businessbereich (die re:publica ist ja eine Gesellschaftskonferenz) in Deutschland je erlebt habe.

Statt sich auf der Messe zu isolieren wagte die Digital X den Ausbruch ins pralle Leben. Die Telekom errichtete eine Großbühne unter dem Kölner Fernsehturm mit angeschlossenem Ausstellungsbereich, sie bespielte die Karnevalslocation Sartory-Säle, sie übernahm die Gastronomie im Stadtgarten und das Volkstheater, in dem einst Willy Millowitsch regierte.

Und zwischen diesen Örtlichkeiten bespielten sie und ihre Kooperationspartner zahlreiche Restaurants, Cafés und Bars, denn der Wechsel war auch als Fördermaßname für die Kölner Gastronomie gedacht. Wie in Austin schlenderten die Besucher durch die Stadt, stolperten in Firmenhäuser, die sie gar nicht gesucht hatten, lernten sich in Schlangen und an Stehtischen kennen.

Hinzu kamen die Speaker: Von Arnold Schwarzenegger bis Uli Hoeneß, von Palantier-CEO Alex Karp bis (natürlich) Telekom-CEO Tim Höttges, gepaart wurden sie mit Comedians wie Guido Cantz oder den Höhnern (ja gut, wir sind halt in Köln). Und am Ende bildete sich eine Kette kleiner Konzerte mit kölschen Bands, die jene Locations verband.

Das alles wäre schon unter normalen Umständen ein beeindruckendes, wundervolle Konzept. Angesichts dieser Vorgeschichte jedoch war die Digital X nicht weniger als ein kleines Wunder.

Natürlich war nicht alles perfekt. Mancher Vortrag hätte ein Speaker-Briefing benötigt, die Konferenz-App funktionierte nicht zuverlässig und für für eine textliche Erklärung der Vortragsinhalte hat es auch nicht gereicht. Hinweise, welche Vorträge nur als Livestream stattfanden wären schön gewesen. Auch ist es in Deutschland leider noch immer nicht Alltag, bei einer Konferenz offen ins Gespräch kommen zu wollen. Mein größter Kritikpunkt ist die mangelnde Beteiligung des Publikums: Dass überhaupt keine Zeit, kein Raum und keine Technik für Zuhörerfragen geschaffen wurde, ist nicht zeitgemäß.

Doch dies ist wirklich Jammern auf hohem Niveau: Die zwei Tage von Köln waren toll, interessant und sehr, sehr freudvoll.

Ich traf mehrere SXSW-Kenner in Köln und bei allen trat der gleiche Effekt ein: Wir träumten. Wir träumten davon, dass die Deutsche Telekom noch mehr will. Dass sie aus der Digital X tatsächlich ein Tech-Festival im Herzen von Köln schaffen will, Stadt und Land an Bord holt, andere Unternehmen von dieser Vision begeistert. Und dann könnte die Digital X zur logischen Ergänzung der re:publica werden: Die eine kümmert sich um Business, die andere um Gesellschaft.

Ich finde nicht, dass man nun eine deutsche SXSW schaffen sollte, denn die Geschichte Austins und dieses Festivals ist eben nicht kopierbar. Die Stadt Köln sollte sich aber sehr genau ansehen, wie stark eine Konferenz eine Kommune voranbringen kann: Die SXSW ist der maßgebliche Faktor, warum Austin heute eine ernsthafte Konkurrenz zum Silicon Valley darstellt.

Aber die Digital X 2021 hat gezeigt, dass es in Deutschland möglich ist, mit solch einer Veranstaltung eine Stadt zumindest teilweise zu bespielen.

Man stelle sich vor: 2022 wird aus der Digital X eine Digitalbusiness-Konferenz zwischen Friesenplatz und Colonius, die Straßen dazwischen werden 2 Tage abgesperrt. Es gibt nicht nur klassische Konferenzformate, sondern auch den größten Startup-Wettbewerb des Kontinents, eine Gadget-Arena zum Ausprobieren, Barcamps und Workshops. Aus ganz Europa reisen Vertreter der Digitalwirtschaft an, Bands und Comedians spielen Überraschungskonzerne auch für die Öffentlichkeit, Top-ManagerInnen von Dax-Konzernen lassen ihre Business-Outfits daheim und tragen Alltagskleidung.

Das wäre zu schön um wahr zu sein.

Doch andererseits: Dass man so etwas wie die Digital X 2021 innerhalb weniger Wochen auf die Beine stellt – das war ja auch unvorstellbar.

Hinweis für die Kommentare: Leider sehe ich mich zum ersten Mal in der Geschichte von Indiskretion Ehrensache zu einer harten Moderation gezwungen: Kommentare, die Hygienevorschriften und Ähnliches diskutieren möchten, werde ich löschen. Jeder Mensch muss mit der aktuellen Krise klarkommen, wie es für ihn/sie am besten ist. Doch haben sich leider auch etliche Menschen, die ich sehr schätze, in den vergangenen Wochen zu Dunning-Kruger-Monstern entwickelt. Deshalb: Diskutiert diese Themen bitte woanders. 


Kommentare


Frank 9. September 2021 um 12:29

Danke Thomas für diesen Beitrag – habe ich exakt genau so wahrgenommen, die Verschmelzung von Konferenz & Stadt (mit allen Schwierigkeiten die das Jahr 2021 noch so mit sich bringt) war hervorragend gedacht UND gemacht, ein wirklich großes Lob an die Veranstalter und jedes einzelne Crew-Mitglied vor Ort … so muss das laufen (auch wenn ich dieselben Kritikpunkte wie Du teile, auf dieses "Fundament" kann man eine Menge aufbauen!)!

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Grischa 9. September 2021 um 13:58

Danke für den Input, lieber Thomas. Offenbar habe ich da etwas verpasst… Mich würde noch interessieren: Was waren die inhaltlichen Highlights – abgesehen vom Promifaktor.

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Thomas Knüwer 9. September 2021 um 17:07

@Grischa: Natürlich kann ich da nur von dem schreiben, was ich gesehen habe. Ich fand etliche Startups aus dem Bereich Sensoren und Automation bzw. Datenanalyse sehr spannend, zum Beispiel Sonah. Die Vorstellung der Zusammenarbeit von Bosch mit Startups war sehr interessant und auch die IT-Tochter von Eintracht Frankfurt. Oder auch Servsport, das Startup von Charly Steeb.

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Grischa 9. September 2021 um 19:54

Klar, danke!

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Andreas 13. September 2021 um 23:33

Toller Blog, passendes Recap!‘ich hoffe unser kurzes Intermezzo zum Digital // Duell erntet weitere Früchte..!

LG aus Kölle, Andreas

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