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Geht es um Google wallen in gewissen Teile der deutschen Bevölkerung, vor allem der Medien, Gefühlsausbrüche hoch, bei denen Begriffe wie „Panik“ einfach zu kurz greifen. Wir erinnern uns an Google Streetview. Das neue Streetview heißt nun „Projekt Glass“.

Eine Brille. Und wer die vergangenen Wochen unter einem Stein oder im All verbracht hat, der kann hier sehen, was Google Glasses so können soll:

Prompt erregte sich ein Mitglied der Zeitungs-Gemeinde: „Mit der Google-Brille wird es möglich sein, Menschen unbemerkt zu fotografieren und zu filmen.“ Nein! Echt jetzt? Das ist natürlich absolut nicht möglich mit der Stiftkamera, die ein Mikro hat, das 15 Meter Reichweite haben soll – und die gerade mal 30 Euro kostet. Oder aber mit den Überwachungskameras, die überall hängen. 1999 war ich zu Besuch im Kontollraum der Londoner Oxford Street. Schon damals war es möglich, die Überschriften einer Zeitung mitzulesen, egal wo ihr Besitzer auf der Einkausmeile stand. Und, nein, diese Kameras gehörten nicht der Polizei – sondern der Interessengemeinschaft der Händler.

Solch ein Stift also, der alles aufzeichnet, ist OK. Es ist nicht OK, wenn Google es aufzeichnet. Weil die Filme „auf den Servern des Unternehmens“ landen. Wirklich? So wie so ziemlich jeder Videoinhalt, schließlich gehört auch Youtube zu den Servern von Google?

Hören wir doch auf so zu tun, als sei das alles völlig neu. Schon jetzt gibt es reichlich Überwachungstechnologie, wer mitfilmen will, der kann das schon heute.

Warum stürzen sich trotzdem alle auf Google? Weil es Google ist. Und weil diese Brille nun einmal so aussieht, wie wir uns die Zukunft vorstellen- zumindest auf Bildern. Die meisten, die in diesen Tagen über Google Glasses schreiben, haben diese aber nie live gesehen. Ansonsten, glaube ich, wären sie skeptischer. Auf der SXSW präsentierte Timothy Jordan, Senior Developer Advocate, erste Anwendungen. Drei weitere seiner Leute waren anwesend, alle trugen sie jene Brille.

google glassesTja, und um es deutlich zu sagen: Google Glasses sieht total bescheuert aus. Ihre Träger besitzen ungefähr den Coolness Faktor der ersten Handygürteltaschen-Besitzer, die Brille ist auf den Punkt überhaupt nicht elegant. Besonders lächerlich macht sich ihr Träger, wenn er den rechten Brillenbügel streichelt oder antippt. Das alles wirkt so ungelenk-nerdig, dass es – die Diskussionsrunde bei This Week in Tech zog den richtigen Vergleich – ein Segway für’s Gesicht ist. Auch jener Roller macht riesig Spaß, erscheint absolut sinnvoll – aber er ist zu teuer und wirkt einfach, als hätte sein Fahrer nicht aller Kerzen auf der Torte.

Herr Fiene und ich lagen also nicht ganz so falsch mit unserer kleinen Alberei (die wir aufzeichneten, bevor die Brille präsentiert wurde):

Ich glaube, die Google Glasses sind nur ein Spielzeug, ein Vorzeigeobjekt, das sich Google leistet, weil… es sich das eben leisten kann. Programmierer können die Brille als Plattform verwenden, doch selbst Google scheint nicht wirklich spannendes einzufallen. Die in Austin präsentierte App der „New York Times“ liefert erschreckend wenig Mehrwert.

Ich denke, es geht hier einem von Fortschrittsbegeisterung getriebenen Konzern darum, seine Vision der Zukunft zu demonstrieren: Technik soll aus der Wahrnehmung verschwinden, um uns Zeit und Raum zu geben, das zu tun, was wir wirklich tun wollen.

Tatsächlich ist die Debatte um Project Glass vor allem ein Zeichen dafür, dass wir die wichtigste Debatte unseres Zeitalters weiterhin nicht führen: Welche gesellschaftlichen Normen wollen wir im Umgang mit Technologie vereinbaren? Und dabei kann es nicht darum gehen, Technik gleich mal zu verbieten, bevor sie überhaupt auf dem Markt ist.


Kommentare


Mike 16. März 2013 um 0:05

„The high sensitive Microphone can record the sound 15 square meters around you!“

Das entspricht nicht 15 Metern Reichweite, sondern, bei einer vermutlich ungerichteten, kreisförmigen Charakterisik, nur einer Reichweite von knapp 2,20m.

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Thomas Knüwer 16. März 2013 um 0:05

Danke für den Hinweis!

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A. Krüger 16. März 2013 um 0:55

Bei der Kontroverse um Google Glass wird wieder einmal deutlich: Die „üblichen Verdächtigen“ verteidigen die Brille, verharmlosen die potenziellen Gefahren, benutzen dafür halbgare Argumente und attestieren den Kritikern nichts weniger als „Techno-Panik“ – siehe Jeff Jarvis http://buzzmachine.com/2013/03/07/i-see-you-the-technopanic-over-google-glass/. Zudem wird suggeriert, dass Kritik an Google Glass ein deutsches Phänomen sei, was natürlich falsch ist, wie u. a. dieser Artikel von Adrian Chen in Gawker zeigt http://gawker.com/5990395/if-you-wear-googles-new-glasses-you-are-an-asshole.

Auf einem ähnlich verharmlosenden Niveau wie Jarvis argumentiert Knüwer, wenn er auf das Beispiel Stiftkamera verweist. (Das Mikrofon der Kamera hat übrigens eine Reichweite von 15 Quadratmetern, nicht, wie Sie erklären, 15 Meter.) Ich behaupte, dass die Wenigsten bisher von der Existenz dieser Stiftkamera etwas gehört haben. Google Glass aber wird massiv beworben – so zum Beispiel durch einen Ideenwettbewerb bei Twitter – und erreicht dadurch einen hohen Bekanntheitsgrad. Und das ist schon Grund genug, sich mit dem neuesten Produkt aus dem Hause Google kritisch auseinanderzusetzen.

Was ich genauso haltlos finde, ist das ewige Totschlagsargument, das die staatliche Datensammelwut gegen die private Datensammellei durch Google oder Facebook ausspielt. Denn erstens haben staatliche Stellen im Zweifel auch auf die privat gesammelten Daten Zugriff, und zweitens geht es um den Schutz der Privatsphäre, die eben zunehmend von zwei Seiten aus in Gefahr gerät: durch staatliche Maßnahmen genauso wie durch die Maßnahmen von Privatunternehmen.

Übrigens: Was würden die Kritiker der Google-Glass-Kritiker eigentlich sagen, wenn die Google-Brille so gut arbeitet, dass vielleicht schon im nächsten Jahr auch die deutsche Polizei mit Google Glass ausgestattet würde?

Und noch etwas: Bei der Frage, welche gesellschaftlichen Normen „wir“ im Umgang mit Technologie vereinbaren wollen, sollte eins klar sein: Es sind nicht die „Normen“, die uns Konzerne wie Google dadurch aufzwingen wollen, dass sie vorpreschen und vollendete Tatsachen schaffen, die dann hinterher zum Schutz der Privatsphäre mühsam korrigiert werden müssen. Es ist ein Allgemeinplatz: Aber nicht alles, was technisch machbar ist, sollte auch kritiklos eingesetzt und hingenommen werden.

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Thomas Knüwer 18. März 2013 um 8:54

Ihre Argumentation unterstreicht, was ich über die fehlende Tiefe der Diskussion geschriebne haben. Wo sehen Sie denn meine Kritiklosigkeit? Nur bin ich eben kein typisch deutscher Erstmallallesverbietenwoller.

Vor allem aber, schreiben Sie: „Es sind nicht die Normen, die uns Konzerne… aufzwingen?“ Richtig. Es ist der Fortschritt, der uns in den vergangenen Jahrtausenden gezwungen hat, über Normen nachzudenken. Und Fortschritt kommt in unserer heutigen Zeit zu 100% von Unternehmen. Insofern stoßen sie die Diskussion an, aber wir als Gesellschaft müssen Lösungen finden. Und, nochmal, die können nicht im Verbot liegen. Kameras werden immer kleiner, das ist so. Und die Menschen finden es toll. Also müssen wir Normen für die Verwendung von Kameras im privaten Raum finden.

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Johannes 16. März 2013 um 12:09

Ich denke, es kommt eher auf das Bewusstsein an, dass man gerade fotografiert werden könnte, als auf die tatsächliche Entstehung der Bilder. Wenn ich merke, dass jemand ungefragt eine Kamera auf mich richtet, ändert sich unwillkürlich mein Verhalten. Überwachungskameras zumindest in deutschen Städten sind so nutzlos (Videoaufzeichnung statt direktem Betrachten, schlechte Auflösung, oft s/w), vor allem aber so allgegenwärtig, dass sie kaum noch verstören. Wenn jemand während eines Gesprächs oder im Vorbeigehen ungefragt seine Smartphone-Kamera auf mich richtet, empfinde ich das als unhöflich und spreche denjenigen bzw diejenige darauf an. Die Google Glasses befinden sich aber irgendwo dazwischen in einer bisher nicht besetzten Lücke – sie sind weder so aufdringlich, dass sie ein empörtes „Nehmen Sie bitte die Kamera weg!“ rechtfertigen könnten, noch so subtil wie eine Stiftkamera. Die Frage, wie man darauf sozial adäquat reagieren soll, ist wohl das Schwierige an der Sache.

Sollte die Brille mal die Verbreitung von Überwachungskameras (oder, hah, Parallele!, von GoPros auf den Helmen unfallgeprüfter Radfahrer) erlangen, ist das mulmige Gefühl bei den Meisten sicher verschwunden.

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Helmut Springer 16. März 2013 um 12:29

Der selbstdiskreditierendste Satz der meisten Kommentare ist mE „Es ist eine Brille!“.

Mit Verlaub, das ist entweder von voelliger Unwissenheit oder vorsaetzlicher Irrefuehrung gepraegt.

Google Glass ist keine Brille, es ist ein mobiles, vernetztes Datenerfassungs, -verarbeitungs und -zugriffsgeraet. Da der Zugriff primaer optisch erfolgt und mit der normalen Wahrnehmung kombiniert werden soll, ist das ganze brillenaehnlich realisiert.

Das gleiche gilt natuerlich fuer ein aktuelles smartphone, das schlicht kein „Telefon“ mehr ist.

Damit kann man das all die genannten Punkte diskutieren. Aber „Es ist eine Brille!“ ist vorsaetzlich ignorant oder vorsaetzlich irrefuehrend, sorry.

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sarworres 16. März 2013 um 12:43

Herr Knüwer, bei aller berechtigten Kritik am Sendungsbewusstsein von Nichtwissen
in den deutschen Pressehäusern finde Ihre Argumentationslinie schwach.

In der Tat liegt hier doch ein großer qualitätiver Unterschied vor. Der
Fokus (im Wortsinn) bzw. die hierzu notwendige Handlung ist von ganz anderer
Qualität.

Bisher war es egal ob Kamerastift, Handykamera etcpp. oder eines der tausend netten
Spy-vs-Spy-Gimmicks der letzten Jahre nötig eine aktive Handlung zu vollziehen
um jemanden in den Fokus zu nehmen. Jemand mit Kamerahandy der aufzeichnet
erkennt man trotz allem immer noch sehr leicht – außer die Handlung wird bewusst
versteckt.

Das bedeutete zumindest das es dem Gegenüber ausreichend auffallen konnte
wenn er/sie in den Fokus gerät, oder das die Person bewusst darüber hinweg
getäuscht werden sollte das aufgezeichnet wird.

Bei Glasses reicht es jemanden anzublicken, eine vollkommen natürliche Handlung zu
vollziehen, um ihn in den Fokus zu nehmen und aufzuzeichnen. Anschließend kann
sich derjenige nur verbitten nicht von einem Glasses-Träger angeblickt zu werden.

Bei ausreichender Verbreitung der Technik damit eine Umkehr der Verhaltensregeln
einher, bisher wurde jemand der sich entsprechend verhielt darum gebeten eine
Aufzeichnung ggf. zu unterlassen, zukünftig müsste der eventuell Aufgezeichnete
jeden Glass-Träger präventiv auf seinen Wunsch nicht aufgezeichnet zu werden
hinweisen. Das ist schlicht unpraktikabel und wird daher schnell
verebben da derjenige so oft falsche Hinweise geben wird, das das sozial
als störendes Verhalten interpretiert werden wird.

Ihr Hauptargument dagegen ist ein Geschmackliches? Es sieht so bescheuert aus
wie mit dem ersten Walkman durch eine Stadt zu laufen, oder weiße auffällige
In-Ear-Kopfhörer zu tragen, oder so bescheuert wie mit großen Kopfhörern
die wohl optisch eher in ein Studio gehören herumzulaufen? Ähnlich bescheuert?

Das sich alle auf Google stürzen ist hier doch Ausdruck einer durchaus realen
befürchtunge das ein ähnlich mächtiger Marktteilnehmer wie Apple ein
Produkt herausbringt das eben genau diese sozialen Umkehreffekte im
Verhalten verursachen könnte. Ganz einfach weil genug Marktmacht vorhanden ist.

Heute stört es ja auch die wenigsten noch, geschweige denn ist es Ihnen bewusst,
dass sie gegenüber Google personen mit Foto identifizieren allein dadurch, das
sie diese mit Foto in „Ihrem“ (so weiterhin die Wahrnehmung) Adressbuch auf
Ihrem Andoid-Handy abspeichern. So kommt jeder dank Android zu der Abbildung
einer dritten Person nur dank der Telefonnummer und des Namens eines dritten
gemeinsamen bekannten der das Foto bereits in „seinem“ Adressbuch zugeordnet
hat. Das ist eher das Gegenteil vom „Recht am eigenen Bild“.

Google Glass stellt eine Technologoie dar, die egal ob das Projekt selbst
erfolgreich sein wird oder ein „Proof-of-Concept“ bleibt eine Marbarkeitsstudie
darstellt ähnlich dem ersten Tablet. Es ist egal wer die Technik letztlich
umsetzt, die sozialen Fragen die sie aufwirft sollten besser früher als
später diskutiert werden. Bevor wir wie bei Streetview eine Diskussion bekommen,
bei denen Rentner panisch Ihr Hausfassade unkenntlich machen wollen während die
Polizei auf Google Streife fährt.

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Alexander Merz 16. März 2013 um 16:43

@Johannes
In „Touristenzonen“ ist es heute schon gang und gäbe, dass Kameras ungefragt auf einen gerichtet werden. Wer einmal über den Alexander-Platz in Berlin gelaufen ist, kann sich sicher sein, in zehn oder mehr Urlaubsvideos eine Statistenrolle zu spielen. Daran gewöhnt man sich sehr schnell.

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Jamie 18. März 2013 um 13:11

Aber auch im Öffentlichen Raum…
Schon jetzt sind vor allem Schulen und Kindergärten heillos überfordert mit den Konsequenzen, die digitale Photos und Videos mit sich bringen. Und leider sind die Eltern oft längst nicht so Technik-affin wie sie es sein müssten, um die Konsequenzen überblicken zu können.

Google Glass wird nicht lange „doof aussehen“. In viel kürzerer Zeit als gedacht, wird das ohne „Brille“ (Kontaktlinsen?) funktionieren. [Hier sei an das geniale Konzeptvideo „Sight“ erinnert].

Und was dann? Klar, verbieten bringt gar nichts und Panikmache auch nicht.

Aber Regeln brauchen wir schon.
Und wahrscheinlich wird das gerade in Bezug auf die schützenswerten öffentlichen Bereiche wie Schulen und Kindergärten nicht ohne Verbote gehen.

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Andreas Moser 26. März 2013 um 22:06

Google Glass? Da gibt es doch eine viel bessere und preiswertere Lösung: http://mosereien.wordpress.com/2013/03/26/besser-als-google-glass/

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