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Wäre ich derzeit Fernsehmanager, würde ich mir richtig in die Hosen machen. Weil das Internet die TV-Sender gerade locker stehen überholt. Ja, ich gebs zu: Ich war lange ein großer Skeptiker in Sachen Bewegtbilder über das Netz. Zu schlecht die Qualität, zu langsam die Übertragunsraten – und wer mag sich überhaupt vor einen Monitor setzten, um sich zu entspannen?

Doch die Wahl der Mittel ist eben nicht immer bestimmt durch die Wünsche, sondern oft genug durch die Gegebenheiten. Die Musikindustrie stellt derzeit fest, dass viele Nutzer Musik nicht deshalb raubkopiert haben, weil es billig war, sondern weil die Industrie einfach kein entsprechendes Digitalangebot gemacht hat. Oder besser: Die Musikindustrie sollte das feststellen. Leider hat sie die sensible Wahrnehmung eines Betonklotz.

So ähnlich ist es mit Videos im Netz. Die Vehemenz, mit der vorher unbekannt Filmchen herumgelinkt werden ist so atemberaubend, dass mancher TV-Manager eigentlich kurz vor dem Erstickungstod stehen müsste. Doch ich tippe: So richtig wird gar nicht wahrgenommen, was dort passiert.

RTL, zum Beispiel, versucht sich selbst als Plattformanbieter und nennt das ganze Clipfish. Ja, ganz nett, wenn es nicht die Grenze zur Ausbeutung überschreiten würde. Denn, wer sich die AGB durchliest, wird vom Einstellen seiner Filmchen wohl eher Abstand nehmen.

Einerseits heißt es:
„Der Nutzer ist alleine für die von ihm hochgeladenen Inhalte verantwortlich. Daher versichert er, dass es sich bei den Inhalten entweder um rechtefreies Material handelt oder er über die erforderlichen Rechte der Berechtigten verfügen kann (insbesondere Urheber-, Marken-, Namens- und Kennzeichenrechte). Auch versichert der Nutzer, dass die von ihm auf clipfish.de und insbesondere auf dem Speicherplatz eingestellten Inhalte nicht gegen gesetzliche Bestimmungen oder die guten Sitten verstoßen. Insbesondere dürfen Inhalte nicht bedrohend, missbräuchlich, rassistisch, gewaltverherrlichend, verleumderisch, belästigend, anstößig, pornographisch oder sonst wie jugendgefährdend sein.“

Und:
„Ebenfalls ist es den Nutzern untersagt, Inhalte auf clipfish.de einzustellen, die kommerzielle Interessen verfolgen (insbesondere Spamming), politische oder weltanschauliche Anschauungen verbreiten oder dafür werben sollen (insbesondere unter Verwendung von Symbolen oder Zeichen solcher Anschauungen) oder die sonst wie eine politische oder weltanschauliche Zielsetzung haben (wie z.B. Unterschriftenaktionen, Aufrufe zu Meinungsäußerungen, Versammlungen etc.).“

Der Nutzer also hat den Schaden, RTL in Form seiner Beteiligungsgesellschaft Opal aber den Nutzen:

„Der Nutzer gestattet der Opal, die eingestellten Inhalte für die Erbringung der unter clipfish.de abrufbaren Dienstleistungen zu nutzen und räumt der Opal die hierfür erforderlichen Rechte an den Inhalten unentgeltlich ein. Dieses Nutzungsrecht beinhaltet insbesondere das Recht, die Inhalte über clipfish.de oder gegebenenfalls andere Medien weltweit öffentlich zugänglich zu machen, sie zu vervielfältigen, zu verbreiten und auf Dritte zu übertragen.“

Manchem wird die Entlohnung in Form sozialer Präsenz reichen, wird sein Filmchen weitervermarktet. Doch die wirklich Guten, die, die Klicks ernten, werden sich schnell von solchen Plattformen entfernen, stellen sie fest, dass mit ihrem Hobby en passant auch Geld zu machen ist.

Und auch RTL würde sich wundern, sollte der Clipfish nicht ziemlich schnell bauchoben den Fluss des Lebens hinunter treiben, wie leicht sich solche eine Plattform unterwandern lässt. Ähnliches dürfte auch Pro 7 erleben, das sich gerade an Myvideo.de beteiligt hat.
Nehmen wir nur einmal das Lonelygirl15, das derzeit die US-Web-Szene umtreibt. Ein gut aussehender Teenager, dessen Bekenntnisse über eine halbe Million Mal pro Ausgabe bei Youtube hinuntergeladen werden.

Tja, hübsche Frauen gehen halt immer im Netz. Bemerkenswert sind aber die sehr konservativen Ansichten und die etwas bizarre Lebensgeschichte der Dame: religiös, schläft nicht mit ihrem häufig im Bild auftauchenden Boyfriend, weil er „in der Beziehung nicht der Richtige ist“ und wird angeblich daheim beschult.

Hätte Clipfish sich Sorgen gemacht, dass da etwas nicht stimmt? Wohl kaum. In den USA ist das einsame Girl aber längst in der Parodiemaschinerie gelandet – und wird gegenrecherchiert.

Zack, kommen die ersten Zweifel auf, die es sogar bis in die „LA Times“ schaffen (gefunden in der Buzzmachine). Und dabei ist nicht einmal die Frage spannend, ob das Lonelygirl vielleicht ein Versucht der christlichen Rechten sein könnte, Teens für sich zu gewinnen, oder ob das ganze sich als künftige Online-Serie mit Gruselfaktor entpuppt. Was Fernsehmanager einen eiskalten Schauer über den Rücken jagen sollte, ist die Bereitschaft der Nutzer, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Denn jede Minute, die ein 12-Jähriger sich mit dem Lonelygirl befasst, treibt ihn weg vom TV-Gerät.

Und warum eigentlich sollte man die Zeit vor dem Fernseher verbringen? Vieles, was viele sehen wollen, gibt es längst im Internet – und das werbefrei. Nur mal ein Beispiel: Hape Kerkelings legendärer Beatrix-Auftritt in voller Länge.

Oder auch Bilder, die das Fernsehen nicht abdeckt, wie jene wundervolle Szene vom Freitag Abend aus dem Münsteraner Preußen-Stadion. Man stelle sich vor, Vereine würden Videowarte beauftragen, die Spiele aufzeichnen und anschließend Zusammenfassungen online stellen – das freut die Sponsoren, deren Logos dann besser im Bild wären als bei Amateuraufnahmen. Und wieder sind fünf Minuten weg, die jene Zuschauer, die sich für unterklassigere Vereine interessieren im DSF, bei Eurosport oder der ARD verbringen würden.

Scheibchen für Scheibchen wird die Zeit durchschnittliche Zeit verkürzt, die Menschen vor dem TV verbringen. Und das hat einen einfachen Grund: Die Sender liefern ihnen nichts, was besser wäre als die wackeligen, hakeligen Sachen im Netz. Warum hat Pro 7 nicht Ehrensenf als festen Bestandteil von „TV Total“ eingekauft? Warum läuft nicht als abendliches Aufwärmen Toni Mahoni bei RTL?

Vielleicht, weil es ein Risiko wäre, solche neuen Formate zu platzieren.? Und das mit dem Risiko ist ja nicht so die Sache von Medienführungskräften. Deshalb auch stellen sie so wenige ihrer Inhalte online, obwohl sich manches gar verkaufen ließe, oder neue Zuschauer gewonnen werden können.

Denn der Weg ins Netz ist manchmal eben eine Frage des Bedarfs. Am Samstag Abend weilte ich beim Ehemaligen-Treffen des Uni-Radios Münster, das heute Radio Q heißt. Und dort erzählte eine Studentin, dass kürzlich in ihrer WG fast zeitgleich aus den drei Räumen die Titelmelodie der ZDF-Telenovela „Julia – Wege zum Glück“ erklang. Weil nämlich alle drei Studentinnen mehr oder weniger gleichzeitig eine Pause einlegten, in der WG nur drei Programm zu bekommen sind – und „Julia“ vollständig online zu sehen ist.

Die Wege des Konsumenten sind eben oft nicht vom Angebot getrieben – sondern von der persönlichen Situation.

Nachtrag: Das Thema „Rechte auf Videoplattformen von TV-Sendern“ beschäftigt auch England. Dort versucht MTV einen Musiksender aufzubauen, der sich allein auf Videos von Bands ohne Plattenvertrag speist. Wo die herkommen? Natürlich aus dem Netz. Polit-Liedermacher Billy Bragg sieht in der Methode eine Ausbeutung der Musiker, woraufhin MTV versucht abzuschwächen, was Bragg nicht genügt – eine spannende Debatte.

Nachtrag vom 8.9.: Laut Boing Boing scheint das Lonely Girl ein Projekt eines Filmemachers zu sein.


Kommentare


Mainbube 4. September 2006 um 12:00

Ich stimme ihnen voll zu, aber wie ist das mit den Rechten an dem Auftritt von Kerkeling? Es kann doch nicht jeder TV-Zuschauer einfach Sendungsinhalte hochladen.
Obwohl wir zahlen alle GEZ-Gebühren, da stellt sich doch automatisch die Frage ob wir nicht auch alle Rechteinhaber sind? 😉

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Alex 4. September 2006 um 12:16

Vielleicht verfolgt das ZDF doch eine sinnige Strategie als Kukident-TV…
Diese Generation schaut schon heute überdurchschnittlich lange fern, wird dem Fernseher nicht mehr untreu werden, ihrem Fernsehsender aber auch nicht und wird rein anteilsmäßig immer bedeutender. Und die Konkurrenz hält sich in Grenzen.
Vielleicht sollten wir diese Altersklasse in „TV-Generation“ umtaufen, während derzeit die „post-TV-Generation“ aufwächst.
Zumindest werden die Bekannten zahlreicher, die wie ich während des Studiums auf den Fernseher verzichteten, und ihn danach auch nicht vermissen…

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Christoph Maier 4. September 2006 um 15:38

Ich bin ja befangen, aber ein wenig meckern darf ich doch: Dass Videoseiten TV-Sender gerade locker überholen ist etwas arg, mh, übertrieben? Dann wäre es ja auch für das Handelsblatt eine Bedrohung, dass Indiskretion Ehrensache locker stehend die Printausgebe überholt. (Wachstumsrate Onlinezugriffe vs. Printverkauf.)

C.

P.S.: Aber TV mit festen Sendezeiten ist sicherlich nicht die richtige Darreichungsform für alle. Mit ein Grund, warum ich zuhause keinen TV-Empfang habe.

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Cator 4. September 2006 um 20:19

Hahaha, Clipfish.de ist auch noch ein trendiges „Beta“. 😀

Tja, YouTube ist auch nix anderes als Video-On-Demand. Nur, daß ich noch keinen abendfüllenden Spielfilm gesehen habe. Auf dem Bereich hab mal was von T-Online gehört, aber streaming geht nicht bei jedem und DRM ist auch nicht so attraktiv -> kauft keiner.

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marcc 5. September 2006 um 12:07

Kann vielleicht RTL (ist ja schließlich Radio Television Luxemburg) via „Eurovision“ auf die Tagesschau zugreifen?

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weltherrscher 5. September 2006 um 13:31

richtig interessant wird es erst, wenn die ollen röhren-tvs verschwunden sind.
so ein plasma oder lcd hat nette anschlüsse. da kann man ohne probs einen pc anbringen und mal eben im wohnzimmer durchs weltweite web flitzen.

wenn dann auch noch die pcs zu hifi-komponenten werden (der minimac machte den anfang), dann wird in zukunft das abendprogramm vieler nur noch aus youtube, myvideo usw. usf. bestehen.

bis dahin wirds noch etwas dauern, aber der weg wurde zumindest schon angelegt, die hinweisschilder stehen, jetzt fehlen nur noch die richtigen schuhe.

da freut man sich ja jetzt schon drauf…

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