Ab 2016 will die Deutsche Telekom Internet-Anschlüsse nach Verbrauch einer bestimmten Datenmenge drosseln. Schon jetzt verletzt sie systematisch die Netzneutralität durch Bevorzugung einzelner Dienste.

Gerade von einem Unternehmen, dessen Anteilseigner der deutsche Staat ist, würde man eine solche Schädigung des Wirtschaftsstandortes Deutschland nicht erwarten. Denn es geht ja um weit mehr als die Frage, wieviele Videos ein gelangweilter Großstadtsingle sich am Abend gönnen kann, bevor die Drosselung greift.

drosselkom

Tatsächlich ist das Vorgehen der Deutschen Telekom ein Frontalangriff auf innovative Unternehmen. Nehmen wir doch nur den Maschinenbauer, der Wartung via Online anbieten möchte. Der muss demnächst draufzahlen, damit seine Daten ebenso privilegiert behandelt werden wie die anderer Zahlender. Oder die Werbeagentur, die größere Datenmengen mit Druckereien austauschen muss – sie darf demnächst erheblich mehr zahlen. Weitere Hintergründe zum Thema finden Sie auch bei Hilf Telekom. 

Von der Politik darf man keine Hilfe erwarten. Der technophobe Bundestag der Maschinenstürmer begreift das Thema mutmaßlich überhaupt nicht. Und schon vor etlichen Monaten, als es um die Frage ging, ob der Bundestag per Gesetz die Netzneutralität festschreibt, zeigte sich die Haltung der CDU. Ihr Digital-Hofnarr Thomas Jarzombek erklärt mir, dass zu diesem Zeitpunkt keine Gefahr für die Netzneutralität absehbar sei. Ohnehin aber sei es doch total OK, wenn ein Unternehmen an die Telekom zahle und seine Daten dafür schneller durchgeschleust würden – doch genau das ist ja das Gegenteil von Netzneutralität.

Das Digitale Quartett diskutiert gestern über die Drosselungspläne der Deutschen “Drosselkom” Telekom und das Thema Netzneutralität. Zu Gast waren Markus Beckedahl, Lenker der Digitalen Gesellschaft, und Malte Götz, der 18-jährige Düsseldorfer, dessen Online-Petition gegen die Telekom-Pläne innerhalb kürzester Zeit über 100.000 Zeichner erreichte (und die ich Sie, liebe Leser, zur Zeichnung ausdrücklich empfehlen möchte).

Hier die Sendung:


{ 0 comments }

Die folgende Geschichte ist eine Petitesse. Erst recht, weil es um die Berichterstattung über den Fall Uli Hoeneß geht, über den in diesen Tages so erdrückend viel berichterstattet wird. Doch zeigt diese kleine Geschichte sehr schön, wie sich der Alltag dessen, was mancher Journalismus nennen würde, verändert hat.

Früher gehörte es zur frustrierenden Normalität der Journalisten-Arbeit, dass Informationen, die einem zugespielt wurden, nicht “hart zu bekommen” waren. Denn es gehörte zum Berufsethos, eine Geschichte nur zu veröffentlichen, wenn sie durch mindestens zwei unabhängige Quellen bestätigt wurde. Genauso war es Regel, dass ein hartes Dementi eines Befragten entweder erforderte, jene Information durch schriftlichen Beweis zu verfestigen – oder die Story nicht zu bringen.

Heute ist vieles anders, zum Beispiel beim “Focus”.

Der meldet, jener Fall Uli Hoeneß nehme immer “dramatischere” Formen an. Denn:

“Nach FOCUS-Informationen tauchte der Name des Präsidenten des FC Bayern München auf einer so genannten Steuer-CD auf, die das Land Nordrhein-Westfalen im August erworben hatte.”

Schnappschuss (2013-04-29 16.37.22)

Die Staatsanwaltschaft Bochum habe das an die Berufsstandskollegen in München weitergegeben – doch die hätten nichts unternommen. Erst nach der Selbstanzeige von Hoeneß seien die Ermittlungen ins Rollen gekommen. Hat die Staatsanwaltschaft “den Promi vom Tegernsee gedeckt?”, schiebt der “Focus” nach.

Nun fällt in dieser Story schon eines auf: Die Autoren beschreiben die Herkunft jener “Information” nicht näher. Dies gehört eigentlich zum journalistischen Standard. Besser: gehörte. Denn früher lehrten die Volontärsbetreuer noch, dass Quelleninformationen wie “aus Kreisen” inakzeptabel sind. Zumindest die Biosphäre des Tip-Gebers gehört beschrieben, also etwa “aus dem Umfeld des Unternehmens” oder “wie es in der Branche heißt”. Dies kompromittiert den Informanten mutmaßlich nicht und ermöglicht dem Leser doch eine gewisse Einordnung.

Beim “Focus” heißt es schlicht “Information”. Diese “Informationen” aber werden hart dementiert, sowohl von der Staatsanwaltschaft München wie von der aus Bochum. Früher hätte dies dazu geführt, weiterzurecherchieren oder die Geschichte zu beerdigen. Heute: Veröffentlicht der “Focus” die “Informationen”. Hauptsache, man landet eine Exklusivstory – ob sie stimmt ist sekundär.

{ 5 comments }

Als wir in der vergangenen Woche beim Digitalen Quartett über Bitcoins sprachen, erreichten uns die ersten Meldungen über den Bombenanschlag auf den Marathon von Boston. Was folgte, war in Sachen Medialität eine Reihe von bemerkenswerten Entwicklungen. Denn bei all der Trauer und dem Entsetzen über die Tat, so sorgt doch jedes derart emotionalisierende Ereignis angesichts der Innovationsgeschwindigkeit des Web für neue Musterfälle darüber, wie wir Menschen mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft umgehen.

Deshalb haben wir dies auch zum Thema der 29. Ausgabe des Digitalen Quartetts gemacht. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf Reddit. In der Diskussionscommunity waren die Fotos der mutmaßlichen Attentäter analysiert und debattiert worden. Mit einem Mal standen die Namen zweier Studenten im Raum – und diese wurden im Moment, da sich die tatsächlichen Attentäter ihr Feuergefecht mit der Polizei lieferten angeblich über deren Funk genannt. Hatte die Reddit-Community einen Treffer gelandet? Oder las die Polizei Reddit? Heute wissen wir zumindest: Die Namen waren falsch und ob die Polizei die beiden tatsächlich erwähnte ist fraglich.

Moritz Jaeger ist freier IT-Journalist und schaltete sich dankenswerterweise von einer Konferenz in Las Vegas zum Quartett. Er lieferte viel Hintergrund zu Reddit und der Frage, ob man den Diskussionen dort trauen darf (darf man oft).

Zwei Links erwähnte Moritz während der Sendung, hier sind sie: Einerseits die lesenswerte Stellungnahme von Reddit im Firmenblog, andererseits die Analyse des Atlantic zu dem, was da passiert ist (ohnehin schrieb der Atlantic in jüngster Zeit einige bemerkenswerte Essays zu digitalen Themen). Ebenfalls sprachen wir aber über das Versagen der klassischen Medien und schließlich auch ein wenig über den Fall Hoeneß.

Hier die Sendung:


{ 0 comments }

Die Widerwärtigkeit des Hans-Peter Uhl

by Thomas Knüwer on 16. April 2013

Wenn es um Angriffe auf den Datenschutz geht, trampeln Deutschlands Volksvertreter notfalls über Leichen. In die Tendenz der vergangenen Monate, mit der Bestandsdatenauskunft als neuem Tiefpunkt, reiht sich der CSU-Mann Hans-Peter Uhl ein.

hans peter uhl deutscher bundestag lichtblick meldeDen schrecklichen Anschlag auf den Marathon in Boston nutzt er in Ekel erregender Art, um sein Ziel der Vorratsdatenspeicherung, also der weitreichenden Speicherung einer gewaltigen Menge von Daten der Bürger ohne Verdacht und Anlass, zu fordern. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte er:

“Die Behörden müssen sich immer fragen, und das ist die Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit, haben wir das richtige Instrumentarium. Ist der Staat blind und taub und kann solche terroristischen Vorbereitungshandlungen erkennen oder nicht? Wenn er sagen muss, wir sind nicht in der Lage, die Vorbereitungs- handlungen, die Kommunikation von Terroristen, die dauern ja Wochen und Monate in der Verabredung solcher Terroranschläge, wenn der Staat dies nicht erkennen kann, muss er sein Instrumentarium nachbessern, und das gilt auch für Deutschland…

Schauen Sie, zum Thema NSU, da wurden ja Handys und Computer und Laptops gefunden. Wir alle fragen heute noch, über ein Jahr später: Wie groß ist der braune Sumpf, mit wem haben die kommuniziert. Hätten wir damals schon die Vorratsdatenspeicherung, die wir heute noch nicht haben, die wir aber einrichten müssen, weil die EU uns dazu zwingen wird, mit Recht, wüssten wir sehr viel mehr.”

Auf die Frage, ob Vorratsdatenspeicherung den Anschlag von Boston verhindert hätte, sagt er:

“Das wäre töricht, so was zu sagen. Aber das ist ein Instrument neben mehreren. Dazu gehören solche Dinge wie Quellen-TKÜ. Überhaupt die ganze verschlüsselte Kommunikation von Terroristen, von Gefährdern, die im In- und Ausland unterwegs sind, muss vom Staat begleitet werden und Erkenntnisse müssen zwischen den Nachrichtendiensten ausgetauscht werden. Das ist ja grenzüberschreitender Terrorismus. Es geht nur gemeinsam und da ist nicht ein Instrument wie die Vorratsdatenspeicherung in der Lage, einen Anschlag zu verhindern, aber ist ein wichtiger Baustein und auf den kommt es auch an.”

Was Uhl nicht erwähnt – sehr wohl aber weiß: Die Überwachungsmöglichkeiten der US-Behörden sind weitaus tiefgehender. Gebracht hat es – nichts. Denn es lassen sich nicht alle Anschläge verhindern, es lassen sich nicht alle Wahnsinnigen stoppen und die ganze Welt wird nicht plötzlich zu einem friedlichen Dorf.

Doch das ist ihm egal. Hans-Peter Uhl will den Überwachungsstaat und ist dafür bereit, sogar die Opfer von Boston zu missbrauchen. Verwundern kann das nicht. Schließlich ist Uhl ein Fan des Staatstrojaners, forderte eine Bürgerwehr im Kampf gegen angeblichen Kindesmissbrauch und war ein maßgeblicher Förderer des Verkaufs von Bürgerdaten durch Kommunen.

Ehrlich, Münchener – Ihre schöne Stadt hätte einen verantwortungsvolleren Bundestagsabgeordneten verdient.

{ 29 comments }

Das Digitale Quartett #28: Bitcoins

by Thomas Knüwer on 16. April 2013

Über die digitale Währung Bitcoins diskutierten wir gestern Abend mit Wirtschaftswoche-Redakteur Andreas Menn:


{ 0 comments }

Am Wochenende donnerte Peer Steinbrück gewaltige, netzpolitische Worte von der Bühne des SPD-Parteitags. iPads für alle Schüler, dann würden sie die Gründer von morgen. Und die SPD wolle der Anwalt sein für diese Digital-Gründer.

Solch einen Anwalt möchte man wirklich niemand wünschen. Denn hinter den wolkigen Worten Steinbrücks folgte eine Partei, die genau für das Gegenteil steht. Sie unterstützte das Leistungsschutzrecht, ihr Vorsitzender Sigmar Gabriel befürwortet die Vorratsdatenspeicherung und auch jüngst, bei der Abstimmung über den Bestandsdatenauskunft stimmte sie für jenes Gesetz, das einen weiträumigen Angriff auf den Datenschutz der Bürger bedeutet.

Wir die SPD im sehr, sehr unwahrscheinlichen Fall eines Wahlsiegs den Worten Taten folgen lassen? Sicherlich nicht. Wenn sie sich heute noch nicht einmal dem Oppositions-Ritus “Wir stimmen gegen die Regierung” beugen mag, dann sind Steinbrücks Ankündigungen leere Versprechungen, denen niemand Glauben schenken sollte.

Gerade dieses Thema Bestandsdatenauskunft ist signifikant für jenen Bundestag der Maschinenstürmer, der den Technologiestandort Deutschland zu Schanden reitet. Richard Gutjahr hat ein langes, höchst lesenswertes Stück darüber geschrieben. 

gutjahr richter

Dabei ist für mich wieder einmal FDP-Frau Gisela Piltz ein Beispiel dafür, wie Bürger belogen werden. Am Tag nach der Entscheidung pro Bestandsdatenauskunft ließ Sie sich so zitieren:

„…ist es gut, dass für die Abfrage auf Drängen der FDP nun hohe rechtsstaatliche Hürden eingezogen werden.“

Mit diesen “hohen rechtsstattlichen Hürden” meinte sie den Richtervorbehalt. Vielleicht babbelt Frau Piltz einfach so vor sich hin, ohne jede Recherche, ohne jede Kompetenz. Doch erwarte ich von Volksvertretern, dass sie sich gefälligst erst zu einer Sachlage äußern, wenn sie ein Mindestmaß an Wissen vorweisen.

Tatsache ist: Der Richtervorbehalt ist weit davon entfernt, eine hohe Hürde zu sein. Nachrecherchiert hat das der geschätzte Richard Gutjahr, der in einem langen Stück zur Bestandsdatenauskunft ein erschreckendes Bild zeichnet. Zum Richtervorbehalt lesen wir da belegt mit einer Studie der Max-Planck-Stiftung:

“Lediglich in 0,4% der Fälle haben Richter eine Überwachungsmaßnahme abgelehnt. Die Genehmigung erfolgte in den meisten Fällen noch am selben Tag. In 63% der TKÜ-Anordnungen lagen zwischen Anregung und Antrag maximal 24 Stunden.

Zumal viele Richter offenbar gar nicht wissen, was sie da unterschreiben: ”Wer jahrelang nur Miet- oder Familienrecht gemacht hat, der ist dann nicht mehr in der Lage, eine Telefonüberwachung auf ihre Rechtmäßigkeit hin zu prüfen”, so Professor Gusy von der Universität Bielefeld.”

Bitte lesen Sie das gesamte Gutjahr-Stück, das demonstriert, wie CDU, CSU, FDP und SPD im Einklang Deutschlands Bürger in Richtung Totalüberwachung schubsen und so ein Klima schaffen, das für den Technologie- und Wirtschaftsstandort ein Desaster ist. 

Gutjahrs Artikel schließt so:

“Mit dem jüngsten Beschluss zum Telekommunikationsgesetz (eingefügt) und zur Bestandsdatenauskunft haben Union und SPD einmal mehr (vgl. Grundgesetzänderung 2002 – Der große Spähangriff) den Weg in Richtung Überwachungsstaat geebnet. Noch mehr Befugnisse für Hunderte von Behörden, SMS und E-Mails ungeprüft mitzulesen, noch mehr angezapfte Handys und Computer. Die in den TKÜ-Studien durchklingende Praxis: “Wer viel abhört, findet früher oder später auch was” hat das Prinzip der Unschuldsvermutung auf den Kopf gestellt. Eine Ordnungswidrigkeit, das ist alles, um sich in Telefonverbindungen oder in den Mailverkehr einklinken zu können.

Brief- und Telekommunikationsgeheimnis? Informationelle Selbstbestimmung? Die Privatsphäre um uns herum schmilzt wie die Polarkappen. Ich frage mich, wie lange das Bundesverfassungsgericht diesen Entwicklungen noch standhalten wird.”

{ 4 comments }

Vor einiger Zeit listete ich all die Punkte auf die zeigen, wie der aktuelle Bundestag in der Manier der Maschinenstürmer vorgeht um Deutschland den Ruf eines Technologiestandortes zu rauben. Teil dieser Liste ist ein die Bestandsdatenauskunft.

Dieses wurde in der Tradition aller Gesetze beschlossen, die sich um Technologie drehen und/oder die Aushölung des Datenschutzes als Ziel haben: spät abends, leere Ränge, kein Interesse, wenig Debatte – “Scheiß auf Technik – wir sind der Bundestag”, das könnte man auch über das Portal des Reichtstags zimmern. Hier ein Bild der Übertragung, das Kattascha gemacht hat:

bestandsdaten-abstimmung

Dieses Gesetz erlaubt es Behörden selbst bei Ordnungswidrigkeiten die Daten von “Verdächtigen” abzusaugen, sogar PIN-Nummern oder Passwörter. Die Hürden sind dazu sind erdenklich niedrig. Deshalb ist es auch entweder Inkompetenz (was bei ihr durchaus vorkommt) oder Bürgerveralberung, wenn FDP-MdP Gisela Piltz von “hohen rechtsstaatlichen Hürden” spricht. Aber gut, Frau Piltz’ Wissen über digitale Zusammenhänge ist mit ausbaufähig ja noch gelobt.

Die üblichen, netzpolitischen Hofnarren der Parteien reagieren, wie man es kennt. Jene von Grünen und Linken kritisieren die Bestandsdatenauskunft, die von CDU, CSU, FDP und SPD halten schön die Klappe. Sie wollen es sich doch nicht mit der Karriere verderben, nur weil man etwas für die Gesellschaft tun oder Rückgrat beweisen könnte.

Aus der Piratenpartei heraus ist eine Protestbewegung gegen die Bestandsdatenauskunft erwachsen. Sie produzierte dieses Erklärvideo:

Außerdem plant das “Bündnis gegen das Bundesdatenschnüffelgesetz” Demonstrationen am 14. und 27. April. Ich unterstütze das Ansinnen des Bündnisses und werde deshalb auch meine Twitter- und Facebook-Profilfotos austauschen.

Sie, liebe Leser, bitte ich, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Ich denke, auch Sie werden zu der Erkenntnis kommen: Ein Land, das sich als Technologiestandort begreifen möchte, kann sich eine Politik, wie sie von CDU, CSU, FDP und SPD vertreten wird nicht leisten.

{ 1 comment }

Grey auf dem Platz der Social Media-Irrungen

by Thomas Knüwer on 9. April 2013

Es ist schon bemerkenswert, dass sich ausgerechnet jene  besonders schwer mit den neuen Freiheiten des Social Web tun, deren Hauptgeschäftsfeld doch die Kommunikation ist. Also, Journalisten, zum Beispiel. Oder PR-Agenturen. Oder Werber.

Natürlich stehen die beiden letzten Berufsgruppen in einem besonderen Zwiespalt. Einerseits möchte man sich als honoriger Dienstleister präsentieren, andererseits bieten Blogs, Twitter und Facebook auch die Möglichkeit, misslungene Kampagnen von Mitbewerbern öffentlich für nicht gut zu erachten.

Ich halte dies auch für völlig legitim, schließlich findet genau das, also die Beurteilung von Kampagnen durch Fachleute aus der Branche, seit Jahrzehnten in Fachmedien wie “Horizont” statt. Ebenso halte ich es für legitim, potenzielle Kunden zu kontaktieren, wenn man als Dienstleister das Gefühl hat, eine qualitativ bessere Arbeit abliefern zu können – wir leben schließlich in einer freien Marktwirtschaft.

Was bei mir aber einiges an Magengrummeln hinterlässt, ist die Vermischung der Felder “Social Web” und “Öffentliche Kritik” mit “Kundenakquise”. Denn wer dies tut, läuft schnell Gefahr öffentlich geteert und gefedert zu werden, trägt er sein Akquisebemühen außerhalb seiner eigenen Präsenzen vor.

Nehmen wir nur die Facebook-Seite einer Marke. Finden auf ihr substanzielle Fan-Aktivitäten statt bedeutet dies automatisch: Die Markenverantwortlichen müssen die absolute Hoheit über die Seite abgeben, sie müssen sich dem beugen, was ihre Anhänger wünschen. Natürlich lassen sich gewisse Leitpflöcke durch gutes Community Management einschlagen – trotzdem aber ist dies keine Community, die dem Unternehmen “gehört”. Haben die Kunden das Gefühl, dass die Werte der Marke, die sie mögen, missachtet, so werden sie erst sehr laut und dann sehr still. Vielleicht bleiben sie Fans, doch sie interagieren nicht mehr mit der Seite und dies führt im nächsten Schritt dazu, dass ihnen die Statusmeldungen der Seite nicht mehr angezeigt werden. Ergebnis: ein hübscher Friedhof, auf dem ein einzelner Wanderprediger der Werbung noch gelegentlich ausruft “Wie war Euer Wochenende?”

Entsprechend sollte auch klar sein, dass ein Dienstleister, der auf solch einer Seite um die Marke wirbt, auf Ablehnung stößt. Er missbraucht die Gemeinschaft für seine wirtschaftlichen Zwecke, ohne etwas zurückzugeben. Noch dazu stellt sich die Frage: Was denkt so ein möglicher Kunde? Hält er es für innovativ? Frech? Lesen die Entscheider dies überhaupt?

Womit wir bei Grey wären. Die Düsseldorfer Werbeagentur mit der protzigen Adresse “Platz der Ideen 1″ hat sich tatsächlich dazu verstiegen, um die Fast-Food-Kette Nordsee auf deren Facebook-Seite zu werben. Anlass ist die neue Werbekampagne der Bremerhavener – die sicherlich diskutierenswert ist. Auch, dass die Nordsee QR-Codes auf Riesenplakte auf Dachhöhe druckt, ist nicht geprägt von Wissen um QR. All dies ließe sich bloggen, schließlich verfügt Grey über ein eigenes Blog.

Doch der Akquisiteur entschloss sich, dies auf der Facebook-Seite der Nordsee zu tun:

grey 1a

 

Die Reaktion der Nordsee-Fans? Nun ja… Einige fanden das gut. Die meisten eher nicht so: [click to continue…]

{ 5 comments }

Folgende Geschichte war mir neu: Der massive Widerstand gegen Google Streetview führte nicht nur dazu, dass Behinderte nun nicht mehr vorab erkennen können, ob ein Lokal einen barrierefreien Zugang hat. Nein, Folge war auch, dass Google keine Streetview-Aktualisierungen mehr durchführen wird und deshalb seine Kamerawagen verkaufte. Übernommen hat sie der Navigationsdienst Tomtom, der nun das gleiche tut wie Google – nur eben nicht mehr öffentlich. Wer sehen will, wie sein Haus fotografiert worden ist, muss zahlen.

Ein weiteres Beispiel für den Abschied Deutschlands von der Idee eines Technologiestandortes (weitere finden Sie hier). Erzählt hat es Martin Delius, der parlamentarische Geschäftsführer der Berliner Piratenpartei im Digitalen Quartett. Genauso spannend waren seine Berichte zum Datenschutz in Schulen und der Laissez-faire-Haltung deutscher Politiker angesichts des systematischen Einsammelns von Adressen Minderjähriger durch Bertelsmann. 

Und, klar, wir haben Martin auch gefragt, warum die Piraten ihre grandiose Ausgangsposition so unglaublich verbaseln…

Nicht minderjährig aber jünger als wir alten Säcke sind die Millionen Fans deutscher Youtuber wie Y-Titty. Jannis Kucharz vom Netzfeuilleton hat sich einmal die unterschiedlichen Follower von Netzaktivisten und der Video-Comedy-Truppe angesehen und einen sehr lesenswerten Artikel zu diesem Thema gebloggt. Im Digitalen Quartett sprachen wir darüber, was passieren könnte, damit die Netzpolitik in Deutschland häufiger Unterstützung von jüngeren Bürgern erhalten könnte. Und hier unsere Sendung:

Jannis hat uns dann auch noch ein sehr schönes Lob getweetet – danke dafür!

 

{ 0 comments }

“Wetten, dass…?” – Spiegel-Edition

by Thomas Knüwer on 8. April 2013

Ein Führungswechsel beim “Spiegel” ist das Äquivalent zur Soap Opera für deutsche Journalisten. Der “Spiegel” ist noch immer der Traum vieler Redakteure, seine Historie und seine besondere Konstruktion mit einer Mitarbeiter-KG in exponierter Position sorgen für reichlich Klatsch, wackelt mal die Redaktionsspitze – so wie in diesen Tagen.

Vor einem Jahr schon wirbelten die Verwerfungen zwischen den Chefredakteuren Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron in Hamburg Staub auf, nun scheint sich ihre Amtszeit dem Ende zu nähern. Einen Ablösungsbeschluss der Gesellschafter gebe es noch nicht, aber es würden Gespräche geführt - so überbringt es Turi2. “Popcorn!”, wie man im Internet so gerne sagt, wenn es unterhaltsam bleiben wird, die Entwicklung zu beobachten.

Nun wette ich hier ja in diesem kleinen Blog gelegentlich. Das hat auch mein geschätzter Ex-Kollege Roland Schweins, Gründer des Modeblogs Styleranking, bemerkt und mir deshalb am Wochenende eine Wette angeboten, auf die ich einging. Und nur damit es öffentlich ist, sei hiermit festgehalten:

Wird Gabor Steingart neuer Chefredakteur des “Spiegel”, so werde ich einen Tag lang bei Styleranking modebloggen.

Wird er es nicht, wird Roland beim Düsseldorf Marathon 2014 mit mir (und zwei weiteren Personen) eine Staffel bilden.

Wem Sie die Daumen drücken, bleibt Ihnen überlassen.

Nachtrag vom 9.4.: Der Wechsel kommt – und Roland Schweins darf schon mal ins Training einsteigen. Denn Steingart wird es nicht. 

{ 7 comments }