Meine persönlichen Bücher des Jahres 2015

by Thomas Knüwer on 8. Januar 2016

“Blog die doch mal, kann ja auch kurz sein”, forderte mich die geschätzte Franziska Bluhm im vergangenen Dezember auf, “du liest doch so viel”.

Wir sprachen über Bücher und sie traf jene Beurteilung, die ich gar nicht so sehr nachvollziehen kann. Denn im Gegensatz zu anderen Menschen, die ich kenne, lese ich gar nicht so viele Bücher, ein Dutzend sind es vielleicht im Jahr. Die allermeisten lese ich dabei auf dem Kindle, hier kann ich in Sachbüchern leichter markieren, außerdem ist er im Bett leichter zu halten. Meine Ambivalenz, als ich vor drei Jahren den ersten E-Reader kaufte, ist voller Überzeugung gewichen.

Nun denn, liebe Franzi, auf deinen Wunsch hin also mein Jahr 2015 in Büchern:

Tom Standage – Writings on the Wall

Gleich zum Jahreswechsel mein Sachbuch des Jahres (wenn auch schon erschienen 2013). Der Online-Chef des “Economist” beschreibt darin “die ersten 2000 Jahre von Social Media”. Nein, kein Science Fiction, ganz im Gegenteil. Standage zeigt wie menschliche Verhaltensweisen im Social Web keineswegs als neu anzusehen sind, sondern ihre Wurzeln in der Geschichte haben (was so ein wenig meiner Tante Therese-These entspricht). Was Römer auf Wände schmierten liest sich da wie Hasskommentare auf Facebook, am Hof Heinrichs VIII. wurde gebloggt und die französische Revolution wäre ohne Offline-Foren nur ein lauer Wind gewesen.

Das alles beschreibt Standage nicht nur kundig, sondern auch höchst unterhaltsam – ein herausragend tolles Buch.

Werbung:

Haruki Murakmi – Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede>/h5>

Eigentlich kann ich mit Murakami nicht viel anfangen. Dieses Buch aus dem Jahr 2007 ist aber kein gewöhnlicher Murakami. Denn der Japaner läuft Marathon und hier hat er ein Essay über das Laufen verlängert in ein Buch. Vieles, was er beschreibt, kann ich nachempfinden, wenn ich selbst trainiere oder bei einem Marathon unterwegs bin. Zwar wirken manche Passagen sehr selbstverliebt, insgesamt aber ein unterhaltsames Werk. Gutes Präsent für alle, die einen Läufer zu beschenken haben.

Werbung:

Hillary Mantel – Falken

“Seine Kinder fallen vom Himmel.” Ein Buch, das mit solch einem ersten Satz beginnt, kann nicht schlecht werden. Wird es auch nicht, es ist so grandios wie sein erster Teil “Wölfe”. Mit diesem Biographie-Roman über Thomas Cromwell, den wichtigsten Berater Heinrichs VIII., wurde aus der zuvor nur Feuilleton-Liebhabern bekannten Autorin Hillary Mantel die einflussreichste britische Schreiberin nach JK Rowling. Das war 2009 und Mantel war bereits 57 Jahre alt. Drei Jahre später erschien der zweite Teil, eben “Falken”.

Mantels Sprache ist gewaltig, bunt, wogend, wer Sprache liebt, muss Mantel eigentlich auch lieben. Allerdings: Unanstrengend ist die Lektüre nicht. Denn Cromwells Geschichte ist komplex und ebenso die Verhältnisse am Hof. Das Organigram der handelnden Figuren ist eine sinnvolle Beigabe. Doch das ist es wert, um einen Blick auf eine der spannendsten, historischen Epoche der Menschheitsgeschichte zu bekommen, deren Orte und Momente einem bei England-Besuchen ständig begegnen – eine absolute Leseempfehlung.

Werbung:

Jeff Jarvis – Geeks bearing gifts

Ein E-Book für Interessierte am Medienwandel und am Journalismus. Jarvis, Professor für unternehmerischen Journalismus an der City University New York, zeigt wie digitale Technik den Journalismus auseinandergenommen hat – und was nötig ist, um ihn neu zusammenzusetzen. Dabei arbeitet er sich vor bis zu den grundlegenden Fundamenten der Journalismus-Branche, ja, sogar zur Frage, was Journalismus überhaupt sein sollte.

Und dann erzählt er aus den Ergebnissen des Studiengangs, den er leitet. Die Studenten müssen dabei auch ein Journalismus-Startup entwerfen und durchrechnen. So entstehen kleine, spannende, neue Ideen, fernab von dem, was in Deutschland so passiert. “Geeks bearing gifts” hat ein paar längliche Momente, doch trotzdem ist es Pflichtlektüre für alle, die in den Medien tätig sind.

Werbung:

Oskar Roehler – Mein Leben als Affenarsch

Manchmal ist das Feuilleton nur schwer zu verstehen. [click to continue…]

{ 0 comments }

Kleine Neuerung: Flipboard

by Thomas Knüwer on 5. Januar 2016

Für gewöhnlich beginnt mein Wochentagsmorgen am iPad. Neben Rivva, Mediagazer und Techmeme habe ich in den vergangenen Jahren den Newsfilter Zite genutzt, um mir einen Überblick über die Nachrichtenlage zu verschaffen.

flipboard logo

Nur leider: Zite existiert nicht mehr. Es wurde vor geraumer Zeit vom Konkurrenten Flipboard übernommen und Ende 2015 eingestellt. Das ist schade, weil zumindest für mich der Zite-Algorithmus bessere Ergebnisse lieferte.

Fun Fact: 2011 beschrieb ich mal Zite und Flipboard. Zu dieser Zeit versuchte Axel Springer den beiden mit einem eigenen Angebot namens My Edition gestartet, ausschließlich jedoch mit eigenen Inhalten. Zum Start gab es viel Aufmerksamkeit – das in meinem Blogpost prognostizierte Aus scheint in aller Stille begangen worden zu sein. 

Weil es Zite nicht mehr gibt, nutze ich seit einigen Wochen Flipboard. Der Dienst ist nicht neu, doch wer ihn nicht kennt: Auf Flipboard kann man seine Interessen angeben und bekommt eine Auswahl von Artikel, vor allem aus englischsprachigen Quellen. Die kann man mit einem Herz liken, thematisch bitten, zu einzelnen Aspekten mehr oder weniger geliefert zu bekommen, oder die einzelnen Quellen generell ausschließen. Stück für Stück entsteht so eine persönliche News-Lage, dargeboten in einer sehr appetitlichen Optik.

Jeder Nutzer kann dabei auch selbst Magazine starten, in denen er gefundene Artikel eingruppiert. Diese können von jedem gelesen werden, man muss nicht einmal bei Flipboard ein Konto eröffnen.

Womit wir bei einer kleinen Neuerung sind: In der rechten Spalte hier in der Indiskretion sind die drei Magazine verlinkt, die ich wochentäglich befülle. Eines sammelt Neuigkeiten aus dem digitalen Marketing, ein zweites Artikel zum Wandel der Medienwelt und eines dreht sich um geekige Themen. Alle drei haben nicht auf Aufgabe einer vollständigen News-Abdeckung oder der Gerüchte-Kolportage. Mein Ziel ist es, Artikel teilen, die sich mit Trends beschäftigen und/oder kluge Gedanken transportieren.

Wie finden Sie diese Idee? Und die Magazine? Über Resonanz in den Kommentaren – und natürlich dem Folgen auf Flipboard (so Sie Mitglied sind) würde ich mich sehr freuen!

View my Flipboard Magazine.
View my Flipboard Magazine.View my Flipboard Magazine.

{ 1 comment }

Die Goldenen Blogger 2015 – in Berlin

by Thomas Knüwer on 3. Januar 2016

Goldener BloggerEs begann im Wohnzimmer von Daniel Fiene mit einer Webcam, angeklippt auf der Kabelführung seines Bügelbretts.

Von dort übertrugen Franziska Bluhm, Daniel und ich 2008 zum ersten Mal die Goldenen Blogger, eine Preisverleihung zwischen hohem Respekt gegenüber Menschen, die wundervolle Texte ins Internet schreiben, und einem hohen Maß an Unernsthaftigkeit.

Das bewies auch der damalige “Bild”-Chef Kai Diekmann, als er 2009 ein Dankesvideo produzierte. Damals siegte er in der Kategorie “Newcomer des Jahres”:

kai diekmann Goldene BloggerVon Daniels Wohnzimmer wanderten wir vor ein paar Jahren in den wundervollen Vintage-Modeladen “Elementarteilchen“, bei dessen Chefin Christiane Koch wir uns nicht genug für die Gastfreundschaft bedanken können.

Nun ist es Zeit für eine erneute Veränderung. Sicherlich auch, weil unser wunderbarer Fotograf Ronny Hendrichs im vergangenen Jahr verstarb. Jedes Jahr schoss er absurd-großartige Fotos von uns in immer wechselnden Kostümen – danke, Ronny.

Goldene Blogger Foto: Ronny Hendrichs

Die Veränderung wird größer, als wir zunächst dachten. Und, Medienstadt Düsseldorf, Du musst jetzt tapfer sein:

Die Goldenen Blogger ziehen nach Berlin!

Am 25. Januar steigt unsere Gala um 19 Uhr im BASECAMP in der Mittelstraße, in das uns Telefónica Deutschland eingeladen hat. Schon einmal waren wird mit dem Digitalen Quartett dort – und es hat riesig Spaß gemacht.

Das Digitale Quartett im Basecamp Berlin

Diese Örtlichkeit eröffnet ganz neue Möglichkeiten: Noch mehr Menschen können live vor Ort sein – der Eintritt ist frei und wir würden uns riesig freuen, viele von Euch zu sehen.

Gleichzeitig würde in diesem Rahmen unser chaotisch-spontanes Abstimmungsverfahren eher nicht funktionieren. Wir haben uns deshalb entschlossen, mehr Preise als bisher in Form eines Jury-Preises zu vergeben. Im Gegenzug werden wir mit interessanten Menschen über das Digital-Jahr 2015 und das anstehende 2016 sprechen.

Und: Unsere Goldenen Blogger wird es tatsächlich als Kohlenstoff-Statuen geben! (Danke Telefónica!)

Nominiert Eure Lieblings-Blogs! 

Natürlich aber sind wir auch auf Euch angewiesen. Bitte nominiert Eure Lieblings-Blogs und -Blogger. Bei den Kategorien haben wir, wie in jedem Jahr, ein paar Anpassungen an den digitalen Alltag vorgenommen. So gibt es diesmal die Kategorie “Fachblog” ebenso wie “Bester Blogger ohne Blog aber mit Newsletter” und angesichts der netzpolitischen Entwicklungen in Deutschland auch den “Bremsklotz des Jahres”.

Nominieren könnt ihr im Formular unter diesem Link bei Herrn Fiene. 

{ 3 comments }

Glaskugelige Kaffeesatzlesereien 2016

by Thomas Knüwer on 30. Dezember 2015

In der zehnjährigen Existenz von Indiskretion Ehrensache habe ich in keinem Jahr so wenig gebloggt wie in diesem.

Das ist erschreckend und muss sich wieder ändern, ist aber ein Abbild von 2015: Es war ein ereignisreiches und vor allem beruflich anstrengendes Jahr, in dem kpunktnull einen weiteren Schritt nach vorn gemacht hat (und auch endlich eine neue Homepage bekam). Und wenn man selbständig ist – erst recht mit Mitarbeitern – geht Geld verdienen eben vor.

shutterstock_2016 Foto: Shutterstock/Lovethewind

Andererseits fühlte ich oft genug eine gewisse Müdigkeit. Denn vieles von dem, was in diesem Medien-Jahr passierte war nur das immer schnellere Abgleiten in die hier seit Jahren beschriebene Spirale aus Leserverlust, Umsatzabsturz und darauf folgenden Kostenkürzungen, an deren Ende der Tod bekannter Medienmarken steht.

Trotzdem lautet mein Vorsatz für das Neue Jahr: wieder mehr bloggen, sowohl hier als auch bei Gotorio. Und dass Vorsätze und Zukunftswünsche etwas bringen können, erlebte ich ja im Herbst: Nachdem ich mir im Sommer in der Geburtstagsrubrik von Turi2 für das beginnende Lebensjahr einen Marathon unter 4:30 wünschte, klappte das tatsächlich (mein zweiter Wunsch war der Aufstieg für Preußen Münster – das aber ist ein… komplexeres Thema.).

Traditionell gilt der letzte Blogartikel des alten Jahres (oder der erste des neuen) den glaskugeligen Kaffeesatzlesereien, also einem Nachdenken darüber, was in den 12 frischen Monaten so passieren könnten in Medien und Marketing.

Fester Bestandteil dabei ist auch immer die Rechenschaft darüber, wie die Kaffeesatzlesereien des Vorjahres sich mit der Realität decken. 2013 und 2014 hatte ich ziemliche Volltreffer. Schauen wir mal, ob die Serie hält… Vor einem Jahr glaubte ich, dass folgendes passieren würde:

1. Corporate Publishing wird als Content Marketing verkauft.

Yup, Volltreffer. Es gehörte zu meinen ernüchterndsten Erlebnissen des Jahres, auf dem Podium einer “Horizont”-Veranstaltung in Berlin mit Vertretern von Allianz und Nestlé zu stehen, die allen Ernstes glaubten, dass alles mit Content auch Content Marketing sei. Und das mit Definitionen von Fachbegriffen, das müsse man nicht so ernst nehmen. Ich ergänzte, dass ich dies für doch eher unprofessionell hielt und dass jede Berufsgruppe Definitionen bräuchte, um ihre Arbeit zu verrichten. Unsere Definition von Content Marketing können Sie unter diesem Link sehen.

Leider ist Content Marketing dabei nur ein Symptom für eine fehlende Bereitschaft, sich intensiver mit Digitalthemen zu beschäftigen. Egal ob Unternehmen oder Klassik-Dienstleister: Zu viele deutsche Entscheider in Digital-Feldern sind noch immer nicht bereit, sich tiefer einzuarbeiten, weshalb jedes Online-Video ein “Viral” ist und die Einschränkung auf die Altersklasse von 18 bis 49 bei Facebook-Anzeigen schon als Targeting durchgeht.

2. Influencer Marketing wird der nächste heiße Scheiß

Kein Treffer. Die Arbeit mit digitalen Multiplikatoren stagniert. Das liegt vor allem daran, dass es Unternehmen und Agenturen in Deutschland schwer fällt, kreative Lösungen im Einklang mit diesen Multiplikatoren zu erarbeiten, was eben auch bedeutet, ein gehöriges Stück kreative Hoheit abzugeben.

Möglicherweise beruht dies nicht nur auf der Beharrung, das letzte Wort über alles zu haben, was mit der Marke passiert, sondern auch auf jener Unwissenheit über digitale Zusammenhänge, die ich oben schon schilderte. Denn wer die Arbeit von Influencern nicht ständig beobachtet, dem fehlt vielleicht auch das Vertrauen in deren Qualität und überhaupt Wissen über das, was diese Youtuber, Blogger oder Snapchatter auszeichnet.

3. Youtuber am Scheideweg

Daneben prophezeit… 2015, glaubte ich, würde sich entscheiden, wie es mit Youtubern weitergeht: Werden die Multichannel-Netze weiterhin als ihre Agenten fungieren? Oder würden sich die Videoproduzenten emanzipieren?

Tatsächlich ist es eher still geworden um jenen Konflikt, der sich vor allem rund um Mediakraft entzündete. Wie es weitergeht in diesem Feld ist aus meiner Sicht vollkommen offen.

4. Invective Marketing

Wie bin ich denn auf dieses schmale Brett gekommen? Marken würden zu Trollen werden und sich gegenseitig härter angehen, glaubte ich. Was für ein Unfug aus heutiger Sicht. Hab ich aber wirklich so geschrieben.

5. Hassobjekt des Jahres: Apple Watch

Ok, das war nicht so schwer, die Berichterstattung über die Apple Watch vorherzusehen. Der Hype Cycle der Medienberichterstattung funktioniert in Deutschland einfach zu schematisch. Natürlich wurde die Apple Watch heftig kritisiert, wie immer setzten sich zu wenige Autoren mit der Frage auseinander, ob sie etwas im menschlichen Alltag verändert. Apple ist halt ein Großunternehmen und verdient viel Geld – zwei Eigenschaften, die es in deutschen Redaktionen zur Pflicht machen, es zum Reich des Bösen zu erklären.

6. Widerstand gegen die Analog-Regierung

Noch eine Niete. Es war keineswegs so, dass der Protest gegen die technophobe Bundesregierung rund um Angela “Neuland” Merkel anschwellen würde. Im Gegenteil: Gefühlt nahm sogar die Lautstärke von Initiativen wie der Digitalen Gesellschaft ab, was möglicherweise auch daran lag, dass die Affäre um die Zensurversuche gegenüber Netzpolitik.org (deren Gründer Markus Beckedahl eben auch eine treibende Kraft der Digitalen Gesellschaft ist) zu viel Energie absog.

Sicher, der Spott gegenüber der Inkompetenz von EU-Digitalkommissar Günter Oettinger ist Folklore geworden. Doch fühlte ich 2015 weitaus weniger Widerstand gegen die Ruinierung des Digitalstandortes Deutschland als im Jahr zuvor.

7. Aufstieg der Hacker

Ja und nein. In Deutschland blieb es bemerkenswert ruhig. In den USA gab es keinen zweiten Sony-Fall mehr, dafür einige, die gute Geschichten lieferten: das Seitensprungportal Ashley Maddison, zum Beispiel, oder der CIA-Direktor. “Wired” hat da mal eine Liste gemacht. 

8. Lauter Paid Content-Jubelmeldungen

OK, der war auch leicht. Paid Content funktioniert total super, egal ob bei Lokalblättern wie der “Rhein Zeitung” oder bei Großen wie der “Bild”. Sie alle wollen uns weismachen, dass so viele Leser für ihre Inhalte zahlen, dass die Redaktion sich nicht um ihre Arbeitsplätze sorgen muss. Und auch Blendle fällt in diese Kategorie: Der Dienst ist gut gemacht, die Gründer sympathisch und überzeugend – doch ich bin skeptisch ob das Volumen reicht, um daraus ein Geschäftsmodell zu machen. Und Geschäftszahlen gibt es von den Niederländern auch keine konkreten.

Egal. Wenn das stimmt, was so gejubelt wird: Wunderbar, die Medienkrise ist beendet. Allein: Warum sterben trotzdem Zeitungen, warum werden Redaktionsstellen abgebaut und warum gibt es so oft Paid Content-Zugänge als Geschenk oben drauf, wie zum Beispiel den zur “Welt” als Mitglied von Xing? Sicher, weil es so gut läuft.

9. Mehr kostenlose “Bild”

Yup, das stimmte. Den Grund dafür habe ich nicht (wie versprochen) im Januar beschrieben, sondern erst im November: ich glaube, es wird eine bundesweite Gratis-“Bild” geben. 

10. Neue News-Angebote

Und ob das richtig war. Dass allerdings Deutschlands Verlage wie im Wahn gemeinsam auf das stürzen, was sie für “junge Angebote” halten, das war nun wirklich so nicht zu erwarten: Bento, Orange, Ze.tt und Co. gingen an den Start. Warum ich sie skeptisch sehe, habe ich im September aufgeschrieben. 

Fazit also: 5 von 10 Prognosen waren Treffer, eine ein halber. Das ist ganz OK, aber deutlich unter den Vorjahren.

Versuchen wir es also aufs Neue – hier sind die glaskugeligen Kaffeesatzlesereien für 2016:

1. Marketing und Werbung verändern sich radikal

Noch immer wird so getan, als seien jene Generation Y oder die Millennials die Generation der aktuellen Jugendlichen, als könnte man also ihre Interessen und Bedürfnisse noch ein paar Jahre beobachten, bevor man darauf reagieren muss.

Das ist grundlegend falsch. Millennials sind im Jahr 2016 mindestens 18 und bis zu 39 Jahren alt – bestes Werbezielgruppenalter, also. Trotzdem beachten Werbung und Marketing bisher nur in Form von Studien, was diese Generation tatsächlich anders und diskutierenswert macht.

Millennials sind aufgewachsen mit einer täglichen Flut von Werbebotschaften und Markenlogos – und deshalb haben sie die Schnauze voll davon. Sie misstrauen dem Marketing nicht generell und sind nicht konsumfeindlich, aber eben kritisch gegenüber den Botschaften von Marken.

Angesprochen fühlen sie sich immer, wenn sie das Gefühl haben, Teil einer Gemeinschaft sein zu können oder ihrem Leben und Tun einen Sinn zu geben.

edeka heimkommen weihnachten

Ob sie deshalb so Social Media-affin sind, oder ob Social Media diesen Wunsch mit geprägt hat, darüber dürfen Psychologen debattieren. Das Marketing aber hat sich in den vergangenen Jahren immer stärker in die genau andere Richtung entwickelt: Es will und soll knallhart verkaufen, hat kurze und im besseren Fall zumindest unterhaltsame Botschaften, erschreckend oft geht es aber nur um aggressiven Vertrieb.

Diese Schere zwischen den Interessen der wichtigsten Verbrauchergruppe und dem Agieren der Marken muss und wird sich schließen. Schon jetzt sind beispielsweise Unternehmen erfolgreicher, wenn sie Verbrauchern den Eindruck vermitteln, dass ihr Handeln einem Sinn folgt, der mehr ist als Umsatz- und Gewinnerzielung. Das ergab die lesenswerte Trendstudie “Insights 2020″ von Millward Brown Vermeer.

Wir werden deshalb in Marketing und Werbung drei Stoßrichtungen ausmachen können: [click to continue…]

{ 10 comments }

Dschäng Tonitsch – oder der Youtube-Kanal des Jahres

by Thomas Knüwer on 22. Dezember 2015

Ich ruiniere Ihnen jetzt mal das bisschen Restproduktivität, das kurz vor Weihnachten noch Ihnen steckt – und zwar bis Heiligabend.

Korrekte_Aussprache__Journalist_-_YouTube

Zumindest, wenn Sie zu jenen Menschen zählen, die noch nicht den Youtube-Kanal Luksan Wunder besucht haben. Denn ich kenne niemand, der sich nicht über den Teppich rollt, wenn er die ersten drei, vier kurzen Filme gesehen hat. “Korrekte Aussprache” versprechen die Videos – und liefern das Gegenteil. Absurde Betonungen mischen sich mit noch absurderen Wortdefinitionen: albern, manchmal intelligent, fast immer zum Wegschreien.

Hier einige meiner Lieblingsbeispiele:





Hinter diesem Projekt – das leider schon abgeschlossen scheint – steckt laut Medienberichten der Badener Musiker Sandro de Lorenzo, unter anderem Mitglied der Elektropop-Gruppe RockRainer. Leider zählt sein Youtube-Account nur magere 3.800 Abonnenten, auch die Abrufzahlen seiner Videos könnten größer sein.

Denn ich finde: Seine Videos sind so gut, dass sie als feste Rubrik in der “heute Show” eine Bereicherung wären. Aber wahrscheinlich lesen Sie diese Zeilen ohnehin nicht mehr, weil Sie begonnen haben, die Videos von de Lorenzo zu gucken…

{ 3 comments }

Ich war ein klein wenig aufgeregt gestern Nacht. Denn auch ich gehöre zu jenen Menschen, die durch “Star Wars” so geprägt wurden, wie durch kein anderes Gut der Popkultur. Dabei konnte ich die Episode IV bei ihrer Premiere nicht mal im Kino sehen: Denn im Februar 1978 war ich acht Jahre alt und durfte noch nicht in den Film. Doch jeder in meinem Freundeskreis besaß das Klebealbum und die Hörspielkassette und ein paar der Plastikfiguren, vielleicht gar einen Modellbausatz: Wir konnten alle Dialoge auswendig aufsagen, noch bevor wir den Film jemals sehen konnten.

Star Wars Premiere Düsseldorf

Diese Kindheitsprägung ist einer der Gründe, warum so viele meiner Generation in der Nähe des ersten (gut, manchmal auch zweiten) Herzkaspar waren, als zum ersten Mal in einem der Trailer der Millennium Falcon durchs Bild rauschte. Doch gibt es eben so viel, was “Star Wars” absetzt von anderen Filmen jener Zeit, die uns genauso hätten prägen können: Buck Rogers, die “Star Trek”-Filme oder “Flash Gordon”, zum Beispiel. Denn zu jener Zeit begann das, was wir Digitalisierung nennen in Gestalt von Atari VCS, Sinclair ZX oder C64 und diese heute lächerlich wirkenden ersten Schritte zum persönlichen Computer elektrisierten uns im Wortsinn.

Einige dieser Gründe, warum “Star Wars” eine Relevanz entwickelte, die bis heute hält, habe ich in meinen Snaps aufgeführt, die ich gestern anlässlich der Mitternachtspremiere im UCI Düsseldorf machte. Wie der Film so war, können Sie dann auch erfahren, Webvideopreis-Macher Markus Hündgen, Multimedia-Reporter Daniel Fiene und sein ehemaliger Science Fiction-Podcast-Mitstreiter Philipp Wartenberg sind auch mit dabei. Und – wichtiger Hinweis – das ganze ist frei von Spoilern:

Dieses Wort “Spoiler” hat das Potential zum Medienwort des Monats, vielleicht gar des Halbjahres. Nein, es ist kein neudeutscher Begriff, sondern ein englischer. Übersetzte man die Vokabel, so käme “Spaßverderber” oder “Verräter” am nächsten, woran sie schon sehen, dass es manchmal sinnvoller ist, beim angelsächsischen Begriff zu bleiben (sollte es Alternativvorschläge zur Übersetzung geben – bitte her damit in die Kommentare).

Denn nicht nur in meinem Video, nein, generell gab es verdammt wenige solcher Spoiler in den Medien. Und das verleitet mich zur These: “The Force Awakens” könnte den Journalismus ein klein wenig besser machen.

Denn die deutsche Filmkritik neigt – im Gegensatz zur englischen und amerikanischen – dazu, in zu langen Passagen besprochene Filme nachzuerzählen. Das gilt vor allem für nicht-feuilletonistische Filme, so das, was gern als Blockbuster bezeichnet wird. Dabei geht es auch anders. Stellvertretend für eine (aus meiner Sicht) zuschauerfreundlichere Herangehensweise empfehle ich zwei Kritiken des “Guardian” zum neuen “Star Wars”: Einerseits die eigentliche Besprechung für die Filmsparte, andererseits eine Analyse, warum es gut ist, dass George Lucas die Hoheit über seine Schöpfung abgegeben hat.

Doch mit mit dem neuen “Krieg der Sterne” ist auch in deutschen Medien vieles anders. Die Spoiler sind kaum wahrnehmbar, stattdessen gibt es gut geschriebene (und überweigend positive) Kritiken, die ganz ohne längliche Story-Nacherzählungen auskommen.

Hat die Disney-PR da den Daumen drauf? Ich glaube nicht. Vielmehr glaube ich, dass viele Journalisten einen Respekt vor dem Gesamtwerk “Star Wars” haben und es entsprechend behandeln. Und vielleicht haben sie sich deshalb auch ein wenig mehr Mühe beim Schreiben gemacht.

Deshalb könnte das Erwachen der Macht vielleicht auch den Journalismus ein klein wenig besser machen. Denn wie wäre es, behandelten Journalisten kulturelle Werke mit vielleicht nicht dem gleichen, aber einfach einem höheren Grundrespekt als bisher? Dieser Respekt könnte sich auch auf den Leser beziehen: Muss er exakt wissen, was in einem Film oder Buch passiert? Vielleicht könnte führt das kleine Wunder des ungespoilerten “Star Wars”-Film einfach mal über die Feiertage zu einer Grübelei, wie solche Medienkritiken, egal ob Film, Fernsehen, Buch oder Musik, künftig aussehen könnten um journalistischen Anspruch und Leserinteresse stärker in Einklang zu bringen.

Nachtrag: Wer mir auf Snapchat folgen möchte, kann dies über Scannen meines Profilcodes hier tun.
Snapchat Thomas Knüwer

{ 5 comments }

Wenn ich mal wieder Lust habe, komisch angeguckt zu werden, verrate ich einem Gesprächspartner, welche (wenigen) Sendungen ich noch im linearen TV schaue: ausgewählte “Tatort”-Kommissare, Livesport und – die “Lindenstraße“. Letzteres seit der ersten Folge vor 30 Jahren.

Es gibt in Deutschland wohl kein anderes Stück Fernsehen, dessen Qualität derart unterschätzt wird – nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch von der zugehörigen Sendeanstalt.

Foto: WDR/Mahner Foto: WDR/Mahner

Das zeigte sich auch gestern, als #Lindenstrasselive zum Trending Topic Nr. 1 auf Twitter wurde. Denn zum 30. Geburtstag gab es eine Live-Sendung, die man getrost als Stück TV-Geschichte betrachten darf. Denn nicht nur die Schauspieler agierten live, sogar die Musik wurde parallel dazu gespielt. Und: Es funktionierte mit einer Perfektion, die erstaunlich war. Zum Nachgucken gibt es die Folge hier:

Mit einem Mal war da die “Lindenstraße” in einer neuen Zuschauerschaft präsent: 1.500 Tweets in 18 Minuten, das hatte #Tatort-Qualität und Quantität. Hier eine Auswertung (vielen Dank für’s Anlegen an Kai Heddergott):

Lindenstraße live Twitter

Die Reaktionen waren überwältigend positiv wie in diesem zufällig herausgegriffenen Beispiel:

Viele waren darunter, die so etwas schrieben wie Deutsche Welle-Mann Claus Grimm:

Es dürfte viele überraschen, dass sie nur einen weiteren, besonderen Moment einer Serie sahen, die keine beliebige Seifenoper ist, sondern die vielleicht innovativste Sendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Denn während sich ARD und ZDF ansonsten in Sachen neue Ideen auf Leuchtturmprojekte kaprizieren, versucht die “Lindenstraße” seit 30 Jahren sowohl inhaltlich wie technisch vorne zu sein – nur hat es kaum jemand bemerkt außerhalb der Fan-Schar.

Die inhaltlichen Innovationen der Anfangsjahre sind bekannt, zum Beispiel der erste schwule Kuss im deutschen Fernsehen. Über die 30 Jahre hinweg blieb die Serie unbequem und strahlte immer Haltung aus: In den vergangenen zwei Jahren spielte die neue Rechte eine bedeutende Rolle, das Thema Umwelt blieb präsent, Gentrification war der Auslöser der Ereigniskette, die nun in der Livesendung Herrn Schiller hinwegraffte. Mit diesem Themenspektrum und ihrer Aktualität ist die “Lindenstraße” keine Seifenoper, sondern ein fiktionales Format von gehobenem Anspruch.

Natürlich wirkt sie dabei manchmal spießig: Aber so ist der Alltag halt. Ein Großteil unserer Gesellschaft ist nicht hip und glitzernd sondern – spießig. Doch es macht die Serie aus, dass sie über all die Jahre immer die Brücke schlug zwischen großer Weltpolitik und gesellschaftlichen Herausforderungen und dem Alltag der Schrankwandbesitzer. Perfekt passend dazu das Ende der Live-Sendung: Dr. Dresseler im Gespräch mit dem “Weltspiegel”, von der fiktionalen Welt der “Lindenstraße” ging es ansatzlos zur Terrorangst in Tunesien einer Hungersnot in Ghana und dem Möglichkeiten der Gentechnik.

Und noch eins: Die “Lindenstraße” war auch das erste regelmäßige, fiktionale Format in Deutschland, bei dem das Internet als Alltag Teil der Handlung wurde. Schon sehr früh suchte Klausi Beimer auf Findhund, während der jüngere Teil der Nachbarschaft sich auf Spacehorst vernetzte (Markennamen müssen weiter vermieden werden), Cybermobbing, Stalking, Online-Kaufsucht, aber auch die digitale Organisation, um gemeinsam etwas zu schaffen – alles schon da gewesen. Als vielleicht erste ÖR-Serie probierte sich die “Lindenstraße” auch in Crossmedia-Storytelling: Schon 2007 bloggte Andy Zenker aus der – weiterhin nie gesehenen – Ferienwohnung im italienischen Bonassola. Leider blieb das Blog nicht erhalten.

Auch die Kommunikation im Social Web ist Alltag für die Serie. [click to continue…]


{ 3 comments }

#wirhamInternet

by Thomas Knüwer on 7. Dezember 2015

Clavinova Böhmermann

Ich lachte hart, als ich das sah: Clavinover rappt Medienkritik gegen Jan Böhmermann.

Und wenn dies spätere Generationen sehen: Der Auslöser war dieses Video von Jan Böhmerman…


{ 0 comments }

Stinkende Fischköpfe in deutschen Verlagen

by Thomas Knüwer on 4. Dezember 2015

In den USA ist im Oktober etwas bemerkenswertes passiert: Das Onlineangebot der “Washington Post” hat eine höhere Zahl Unique Visitors erreicht als das der “New York Times”. Und dies ist vor allem dem Wachstum im Bereich der mobilen Nutzung geschuldet.

Nun ist diese Messgröße der Besucher nicht mehr zukunftstauglich, doch auch in der künftig wichtigeren Verweildauer ist die WaPo an die NYT herangerückt, wie Politico berichtet. Allerdings: Das dürfte auch an der Masse der Veröffentlichungen liegen. Denn mit rund der Hälfte der Redakteure veröffentlicht die “Post” online doppelt so viele Artikeln wie die “Times”.

Sinkt also die Qualität? Ich kann das nicht feststellen. Vielmehr tauchen in meinem Nachrichtenstrom mehr Geschichten der Hauptstädter auf als noch vor zwei, drei Jahren.

Und auch Masse muss man erstmal können. Nur mal zum Vergleich die Startseiten (auch wenn Startseiten immer unwichtiger werden) von Washingtonpost.com und Spiegel Online zum exakt gleichen Moment und abgenommen aus einem Browser, der rund 85% meines iMac-Bildschirms abdeckte. Die weiße Fläche bei Spon ist übrigens tatsächlich so zu sehen. Bei welchem Angebot bleiben Leser wohl eher hängen?

Nachrichten_-_SPIEGEL_ONLINEWashington Post HomepageIm vergangenen Jahr moderierte ich auf der SXSW, der größten Digitalkonferenz der Welt, ein Panel im Deutschen Haus, auf dem auch Cory Haik saß, die Innovationschefin der “Washington Post”. Sie berichtete, dass allein die Redaktion 12 Programmierer zur Verfügung haben. Es gibt renommierte deutsche Verlage von denen ich weiß, dass sie nicht mal die Hälfte an Codern insgesamt aufbringen können.

Nicht nur in diesem Punkt zeichnet den Verlag eine hohe Digital-Affinität aus. Der ehemalige Besitzer Donald Graham wurde zum Management-Mentor von Mark Zuckerberg, seit die beiden sich 2005 zum ersten Mal trafen (mehr dazu im lesenswerten Buch “The Facebook Effect” von David Kirkpartrick) – und genauso diskutierten die beiden die Digitalisierung der Medienbranche. Graham verkaufte dann die Zeitung 2013 – an Amazon-Gründer Jeff Bezos. Dies rückte die Bedeutung des Digitalen noch weiter nach vorn.

Anfang des Jahres versuchte ich abzuleiten, was Verlage aus Walter Isaacsons Buch “The Innovators” lernen können. Unter anderem schrieb ich damals:

““Intuition ist nichts, als das Ergebnis früherer intellektueller Erfahrungen”, zitiert Isaacson Albert Einstein. Und Twitter-Mitgründer Ev Williams sagt: “Menschen erfinden nichts im Internet. Wie erweitern eine Idee, die schon existiert.” Oder wie Isaacson schreibt: “Die besten Innovatoren waren die, die die Flugbahn technologischer Veränderungen verstanden und den Staffelstab von Innovatoren vor ihnen übernahmen.”

Wer also Innovationen im digitalen Zeitalter erzeugen soll oder will, muss einerseits mehr als nur auf der Höhe der Zeit sein: Er muss am schneidenden Rand der Entwicklung sein, dem “Cutting Edge”. Wer ist das in Verlagen? Ich zumindest kenne nur sehr wenige. Denn um dranzubleiben, muss man Freiheiten und Mittel haben. Zum Beispiel Mittel, um zu Konferenzen oder Messen zu reisen. Oder ganz simpel die Zeit, um zu lesen oder mit Menschen zu diskutieren. Gerade in Redaktionen werden diese beiden knappen Ressourcen oft nicht gewährt.”

Es ist eine Binse, dass Fische vom Kopf her stinken. Doch in Unternehmen läuft es eben so: Wenn der Chef etwas tut, wird sehr genau hingesehen. Erst recht in unsicheren Zeiten, wenn der eigenen Job durch Abbaurunden bedroht ist. Für mich ist der kontinuierliche Aufstieg der “Washington Post” die Bestätigung, dass Medienkonzerne nur dann überleben können, wenn im Top-Managment und der Redaktionsleitung Menschen frei agieren können, die eine hohe Digitalkompetenz mitbringen – und in Deutschland ist genau das nicht der Fall.

Glauben Sie nicht? Dann habe ich eine kleine Aufstellung für Sie… [click to continue…]

{ 7 comments }

Die unerfreuliche Affaire um Xavier Naidoo und den Eurovision Song Contest liefert immerhin noch eine lustige Randnotiz für Medieninteressierte und Werbungschaltende. Konzertveranstalter Marek Lieberberg scharte ja seine Geschäftspartner um sich und ließ deren Namen in eine Anzeige in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” veröffentlichen unter der Überschrift “Menschen für Xavier Naidoo”, was selbst der NDR-ESC-Experte Jan Feddersen als “merkwürdigen Schlussakkord” bezeichnete .

Menschen für Xavier NaidooMehrere Medien berichteten, diese Anzeige habe 70.000 Euro gekostet, Spiegel Online schrieb von “mindestens 67.000″. Im Interview mit der “Süddeutschen Zeitung” sagte Lieberberg zu diesem Thema:

“Die Summe ist völlig falsch. Das hat nicht mal die Hälfte gekostet.”

Der “Tagesspiegel” mokiert sich kollegenscheltig über diese scheinbar falsch kolportierte Zahl in einem Kommentar unter der Überschrift “Protest und Vorurteil” (der vielleicht das krudeste ist, was zum Thema verfasst wurde):

“Kurz nach der Soli-Annonce hieß es, diese habe knapp 70 000 Euro gekostet (falsch), sei eine reine Marketing-Aktion. Bescheidwisser und Selbstgerechte gaben sich die Hand. Wie rasch doch jeder Zweifel verbannt wird, wenn es gilt, am einmal gefällten Urteil über einen Menschen festzuhalten.”

Tatsächlich kann man keiner Redaktion einen harten Vorwurf machen, wenn sie von 67.000 bis 70.000 Euro schreiben – die Autoren haben in dem Fall einfach recherchiert. Und ein ganzseitige Anzeige in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, Samstagsausgabe, kostet laut Preisliste:

Anzeigenpreise FAZ

68.010,- Euro.

Was Journalisten nur einfach nicht realisieren: Die Anzeigenpreislisten von Print-Medien sind nur noch grobe Annäherungen an mögliche Realitäten. Man darf Lieberberg ruhig glauben, wenn er von einem Rabatt über 50% spricht – so etwas ist heute Normalität. Tatsächlich wird sogar von Rabattierungen im Bereich von 80% bei einigen Blättern gesprochen, wenn ein entsprechendes Volumen geschaltet wird.

Und so ist die “Menschen für Xavier Naidoo”-Anzeige zumindest in einem Punkt wertvoll: Wir wissen, wie tief die “Frankfurter Allgemeine” mit ihren Anzeigenpreisen geht, selbst wenn es nur um eine einmalige Schaltung geht.

{ 2 comments }