SXSW 2016 IV: Virtual Realitycheck

by Thomas Knüwer on 27. März 2016

Da stehe ich nun ein einer Big Mac-Verpackung und bemale sie von innen. Sie ragt so ungefähr drei bis vier Meter hoch über mir auf und ich habe zwei Plastikstäbe mit Drehmechanismen, um ihr weißes Innenleben aufzuhübschen, während gelegentlich ein Schmetterling vorbeischmetterlingt oder man in den Lücken zwischen den Seitenwänden einen Blick auf eine grüne Wiese genießen darf.

McDonalds SXSW 2016Nun muss man wissen, dass ich schon in der Schule kunsttechnisch eher auf der Versagerebene agierte und ich würde nicht bestreiten können, dass meine künstlerisch begabte Mutter durchaus das eine oder andere Mal eingriff, um Hausarbeiten auf ein anschaubares Niveau zu heben. Weshalb eine Arbeit mit diesen Plastikgriffen nur zu Ergebnissen führen kann, die ich der Öffentlichkeit besser vorenthalte.

Und außerdem: Die Samsung Gear Virtual Reality-Brille presst meine Sehhilfen mit solcher Vehemenz in mein Gesichtsfleisch, dass eine operative Entfernung als reale Option erscheint.

Denn dieses kleine Spiel ist die einzige Attraktion der McDonald’s-Präsenz auf der SXSW, der größten Digitalkonferenz der Welt. Und nachdem der Auftritt des Fastfood-Konzerns in den vergangenen zwei Jahren dadurch geprägt war, dass man das aufgebaute Zelt nach nur 30 Sekunden wieder enttäuscht verließ, schaffte McDonald’s es diesmal, dass man erst nach ein paar Minuten Wartezeit und dem lächerlichen Virtual Reality-Verpackungsmalen enttäuscht ging. Man kann das als Fortschritt bezeichnen. Oder nicht.

Es zeigte aber, mit welcher Vehemenz Virtual Reality in unserer Welt aufgeschlagen ist. Erst im November, vier Monate vor der SXSW, erschien jene Samsung-Brille. Und das von Facebook gekaufte Gegenstück, die Oculus Rift, wird erst im Laufe dieses Jahres und sehr verspätet ihr Teststadium verlassen.

Dass McDonald’s jetzt schon ein solches Spiel anbietet, zeugt von der Erwartungshaltung gegenüber Virtual Reality. Genauso, dass die SXSW eine ganze Sessionreihe dem Gespann aus Virtual/Augmented Reality widmete und es spricht für die Organisatoren, dass sie ein derart gut gefülltes Programm zu so einem jungen Thema auf die Beine bekommen.

Allein: Der Erkenntnisgewinn war überschaubar. Klar, Spiele könnten toll werden. Reisebüros könnten Interessenten schon vorab einen Blick liefern, wie es am Urlaubsort aussieht (wenn es noch Reisebüros gibt, bis all das serienreif ist), die UN liefert Bilder aus einem Flüchtlingslager. Bei SAP konnte man sehen, wie Unternehmenskennzahlen in einem gasometerartigen Gebäude als Graphen visualisiert werden. Das ist zwar eindrucksvoller als Powerpoint – aber auch unendlich viel weniger sinnvoll. Immerhin: Wer das durchstand bekam ein Google Cardboard geschenkt.

Vielleicht ist dieses Cardboard, also eine Pappkiste mit zwei Linsen, in die man sein Handy steckt um auf VR-Apps eine Pseudo-Virtual Reality zu erleben, noch das Sinnvollste, was derzeit auf dem Markt ist. Wirklich toll sind beispielsweise die Reportagen der “New York Times” in ihrer VR-App – allen voran die Vorwahlkampf-Story “The Contenders”. 

Womit wir bei der Crux der ganzen Sache wären. Ich glaube, Virtual Reality ist dabei in eine Hype-Falle zu laufen. [click to continue…]

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Zum fünften Mal fuhr ich in diesem Jahr zur SXSW, der größten Digitalkonferenz der Welt, nach Austin. Und in jedem Jahr gibt es für mich einen South-by-Moment: eine Erkenntnis oder Innovation, die mich länger umtreibt, die das Geschäft bei kpunktnull entweder graduell verändert oder uns in einem Gefühl bestätigt.

Diese Erkenntnis gab es auch diesmal und sie zog sich über mehrere Diskussionen: Es geht um Millennial-Marketing.

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Eigentlich handelt es sich bei Millennials um eine Generation und die wird in Deutschland gern als jung verklärt. Tatsächlich aber sind dies die 18- bis 35-Jährigen, am unteren Ende also schon Studenten oder fertig Ausgebildete, im oberen Ende operierende Ärzte und Eltern.

Nun beobachte ich vieles von dem, was Millennials als Wertehaltung und Verhalten zugeschrieben wird, bei Menschen meines Alters und sogar bei Älteren. Stimmt die Generationendefinition also noch?

South-by-Erkenntnis: Nope.

Es hat sich tatsächlich etwas verändert. [click to continue…]

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SXSW 2016 II: Snapchat – Der Geist im Raum

by Thomas Knüwer on 22. März 2016

In all den Berichten über die SXSW 2016 könnte eine Fehlwahrnehmung entstehen: dass Snapchat ein dominierendes Thema in Austin war. War es aber nicht – und trotzdem könnte die Konferenz für Snapchat in Deutschland einen wichtigen Markierungspunkt bedeuten.

Beim Hinflug beschloss ich spontan ein Experiment: Kann man Snapchat für eine ernsthafte Konferenzberichterstattung nutzen? Und würde das irgendeine Sau interessieren?

Bild: Netimperative

Bis zu diesem Zeitpunkt erreichten meine Snaps maximal 40 Personen, was ein Bruchteil dessen ist, was der geschätzte Richard Gutjahr schafft, der Teil unserer jährlichen Austin-Reisegemeinschaft ist. Aber der kann ja auch zeichnen. Und ist unterhaltsam. Und kommt im Fernsehen. Und sieht gut aus. Der Sack. Richard testet schon seit einiger Zeit in herausragender Weise, wie sich Snapchat journalistisch nutzen lässt. Ein anderer der Entourage, Daniel Fiene von RP Online, experimentiert ebenfalls.

IMG_2042Also machten wir einfach mal und es geschah etwas merkwürdiges: mit einem Mal waren unsere Snapchat-Accounts auf dem Radar der Medien-Filterblase. Innerhalb von zwei Tagen verdreifachten sich meine Abrufe, mehrere Menschen bedankten sich via Twitter. Kurz darauf produzierten Mediendienste Snapchacht-Listen von der South-by, was noch einmal für ein wenig mehr Aufmerksamkeit sorgte.

Dabei gilt weiterhin, was ich vor einigen Monaten schrieb: Ich habe keine Ahnung, ob Snapchat noch in zwei, drei Jahren Bedeutung haben wird. Ich bin aber ziemlich überzeugt, dass diese neue, multimediale Art, Geschichten zu erzählen uns erhalten bleiben wird.

Snapchat vor Börsengang?

Allerdings könnte es durchaus Snapchat sein, das diesen Markt dominiert – dank Finanzkraft. [click to continue…]

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SXSW 2016 I: Der Zirkus ist zurück in Austin

by Thomas Knüwer on 19. März 2016

“Leute, ich freu mich schon auf die SXSW 2017.”

Das sagt der geschätzte Herr Fiene am letzten Morgen unseres Trips zur größten Digitalkonferenz der Welt in Austin – und fasst damit die Gefühlslage der Reisegruppe aus Journalisten, Beratern und einem Fondsmanager, der ich zum vierten Mal angehörte, sehr gut zusammen.

SXSW 2016 Sixth Street

Eigentlich müssten wir jetzt gestresst sein. Fünf Tage auf einer Konferenz mit 34.000 Teilnehmern und hunderten von Vorträgen, Sessions und Paneln (allein die Vorbereitung kostet einen Arbeitstag), ständig hin und her wechselnd zwischen dem Convention Center und den Tagungsräumen der Hotels, und das in Temperaturdifferenzen zwischen 33 Grad draußen und 20 Grad in den Sälen (oder minus 5 Grad, wenn man die volle Leistungsfähigkeit der Klimaanlage des Conventions Centers genießen durfte). Dazu die Gänge zu Länderhäusern und Firmenrepräsentanzen, gepaart mit Mittagessen bei einem der vielen Foodtrucks.

Aber wir sind nicht gestresst. Wir sind inspiriert, begeistert, voll mit Ideen. Einige davon wird es hier im in der Indiskretion in den kommenden Tagen aufgearbeitet geben (Tageszusammenfassungen von Konferenzen finde ich wenig sinnvoll, ich bündele die Eindrücke lieber) .

In jedem Jahr drängt sich dabei der Vergleich mit der Cebit auf – denn sie läuft parallel. Das ist ein wenig unfair, schließlich ist die Cebit eine Messe, die South-by aber eine Konferenz.

Trotzdem war gerade in diesem Jahr die Differenz fast schon schockierend. Aus Hannover tauchten in meinem Nachrichtenstrom leere Hallen auf, die Witze über kostenpflichtiges Wlan und Fotoverbots-Icons.

Austin Mural South Congress

Die SXSW dagegen näherte sich in einem Punkt der bunten Vergangenheit der Cebit: Die Zahl der Marken, die sich in eigenen Häusern (besser: gemieteten Bars und Restaurants) aufwendig inszenieren, steigt wieder. Und diese Inszenierungen von Samsung, Sony oder McDonald’s erinnern an die Stände der Cebits von 1998 bis 2002.

Schon 2014 schrieb ich, dass die SXSW die Cebit des 21. Jahrhunderts ist. Diese Meinung sah ich in diesem Jahr bekräftigt. [click to continue…]

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“Kitchen Impossible”: Abbitte an Tim Mälzer

by Thomas Knüwer on 29. Februar 2016

Eigentlich gehört auch bei mir der Sonntag Abend dem “Tatort”. Also, meistens. Ulrike Folkerts-Ausgaben gehören zum Beispiel zu jenen, denen ich nicht mal eine Chance geben. Und das war bei ihrem jüngsten “Tatort” auch gut so. Denn parallel zu den Tatorten läuft seit einigen Wochen Tim Mälzers neue Show “Kitchen Impossible”.

Und nun wird dieser Blog-Post zum zweiten Teil der Abbitte an Tim Mälzer. Denn ich habe ihn massiv unterschätzt. Einerseits kulinarisch, was Sie auf Gotorio lesen können: Sein Düsseldorfer Restaurant “Hausmann’s” habe ich zu lange nicht beachtet – und bin seit dem ersten Besuch ein Fan. Andererseits interessierte mich auch seine Fernseh-Seite nicht (wobei ich selbst auch nicht koche).

Doch dann kam “Kitchen Impossible” auf Vox. 

Kitchen_Impossible Foto: Vox

Selten habe ich im deutschen Fernsehen das Thema Essen und Kochen unterhaltsamer aufbereitet gesehen. Mälzer bittet in jeder Folge einen anderen Koch zum Duell. Die beiden stellen sich je zwei Aufgaben. Diese bestehen in der Reise an einen Ort, wo dem Herausgeforderten eine Box mit einem fertigen Essen gereicht wird. Dieses muss er analysieren, am folgenden Tag einkaufen und dieses Gericht für 10 Personen möglichst genau nachkochen – in der Küche desjenigen, aus der es kam. Blöderweise kennen diese 10 Gäste das Originalgericht sehr genau: Es können Foodblogger sein, Stammkunden oder Ex-Mitarbeiter. Um das TV-gerecht zu würzen, werden die Szenen der Aufgaben ummantelt mit Mälzer und seinem Gast im Studio, die anscheinend erstmals diese Bilder zu sehen bekommen und kommentieren.

Natürlich gibt es bei “Kitchen Impossible” die üblichen Versatzstücke des Reality-TV. Vor der Aufgabe muss Spannung aufgebaut werden, nach einem Blick auf das Essen wird die Schwere der Aufgabe betont, und so weiter, und so weiter. Es wäre ein Leichtes die Show zu durchschnittlichem Versatzmaterial für den durchschnittlichen Privatfernsehabend zu verhunzen.

Wären da nicht Tim Mälzer und seine Gäste.

Denn wer Koch auf einem gewissen Niveau ist, der ist definitiv nicht bequem, eher ziemlich bescheuert: Er oder sie bekommt viel zu wenig Geld für extremen Stress, psychischen Druck und ein gehobenes Maß wirtschaftlicher Unsicherheit. Vielleicht deshalb gibt es unter Top-Köchen so viele echte Charaktere: Dieser Beruf braucht ansteckende Leidenschaft und einen gehörigen Schuss Irrsinn.

Mälzer steht dabei recht offen zu seinen eigenen Macken: Immer wieder taucht seine psychische Wunde auf, er fühlt sich nicht genügend respektiert von der Welt der Sterneköche, die in ihm bestenfalls einen soliden Handwerker mit Drang zur Selbstdarstellung sehen. Das letztere, das mit der Selbstdarstellung, würde Mälzer wahrscheinlich nicht mal verneinen. Genau das tut “Impossible Kitchen” aber gut, denn er bringt in rauestem Ton den Wettbewerbsgedanken ins Spiel. Hier wird kumpelig, aber hart miteinander umgegangen – Köche sind selten Feingeister. “Früher war Tim ein echtes Vorbild”, sagte zum Beispiel die Schweizerin Meta Hiltebrand in ihrem Duell mit Mälzer, “heute glaub ich: Er braucht mal eins in die Fresse.”

Auf der anderen Seite sind jene Aufgaben perfide. Einfach gut kochen kann jeder der Teilnehmer, das wäre keine Hürde. Doch die Kandidaten müssen sich mit Gerichten auseinandersetzen, von denen sie noch nie gehört haben, teilweise nicht einmal die Ingredienzen kennen. Und dann müssen sie diese auch noch in einem ungewohnte Umfeld zubereiten: Juan Amador verzweifelte gestern in einem Münchener Imbiss an uygurischen Nudeln, Mälzer wurde sichtbar wahnsinnig in der Enge eines mexikanischen Marktstandes.

Dieser Wahnsinn, diese Momente des nahen Scheiterns machen “Impossible Kitchen” aus. Küchengötter landen auf dem harten Erdboden und wir sehen sie leiden. “Jetzt mach mal die Kamera aus”, sagt Mälzer leise, dann sehen wir ihn auf Treppenstufen sitzen, den Kopf in den Händen. Hiltebrand tanzt mit Kopfhörern in den Ohren nach erledigter Aufgabe im Innenhof eines Wiener Restaurants, bevor sie in Tränen ausbricht. Wenn das gestellt ist, ist es verdammt gut gestellt.

Kitchen Impossible Hiltebrand

Wer am Ende gewinnt, ist Nebensache. Der Zuschauer erlebt eine kulinarische Reise um die Welt, angespitzt durch ein Gegeneinander. Die Köche sind seine Späher, egal ob in Helsinki oder Düsseldorf, ihr Scheitern ein Gegenentwurf zu den perfekt gestylten Koch-Shows in denen nie etwas schief geht und ein “ach, das ist nicht so mein Geschmack” die härteste Form der Kritik darstellt.

Doch nicht nur Mälzer gehört Respekt, sondern auch Vox. Denn die erste Folge von “Kitchen Impossible” lief bereits Ende 2014. Sie war ein Flop, obwohl Mälzers Gegner einer der spannendsten Köche Deutschlands war – Tim Raue. Erst in einer Wiederholung lieferte sie die gewünschten Marktanteile. Nun also die erste Staffel und auch hier muss sich erst herumsprechen, was für eine tolle Show Vox da im Programm hat, die Einschaltquote kletterte in den vergangenen Wochen Stück für Stück. 

Heute nun wurde bekannt: Vox wird eine zweite Staffel ordern. 

Und deshalb nochmal: Respekt, Tim Mälzer.

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Blogger: Am Ende Verleger – oder Verleger am Ende?

by Thomas Knüwer on 17. Februar 2016

Wer über das Verhältnis von Bloggern und Journalisten diskutieren möchte, erntet reichlich Gegenwind: Das sei doch überhaupt kein Widerspruch, es gebe die Trennung nicht mehr, alles sei fein. Meist schreiben das Vertreter von Redaktionen und meist sind diese Vertreter tatsächlich digital ordentlich unterwegs.

Allerdings blenden sie dabei gern einen ordentlich großen Teil ihrer Kollegen aus. Wie tief bei vielen von denen weiterhin die Abneigung gegen Menschen sitzt, die einfach Texte ins Internet schreiben, und wie sehr sie dabei verkennen, warum diese das tun, das demonstrierte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ am gestrigen Tag.

Dort schrieb Michael Spehr ein Artikelchen (das ist nicht abwertend gemeint, sondern bezieht sich auf die Kürze des Stücks), überschrieben mit „Blogs am Ende“. Gelesen haben es vermutlich nur wenige, die „FAS“ demonstriert die Bedeutung des Ressorts „Technik & Motor“ indem sie dieses in einem Buch mit dem „Wohnen“-Teil vereinigt hat – und es hinter Berichte über Einrichtungsgegenstände gepackt hat. So setzt halt jeder seine Prioritäten.

Goldene Blogger Statue 2015

Spehr schreibt, dass Sascha Pallenberg „Blogger des Jahres“ geworden ist. Was er nicht erwähnt: Dass diese Auszeichnung im Rahmen der „Goldenen Blogger“ im Basecamp Berlin verliehen worden ist.

Nun kann man mir vielleicht Beleidigtsein vorwerfen, weil ich ja bei jener Veranstaltung beteiligt war. Aber mal ehrlich: Würde irgendein Journalist schreiben, ein Film sei „Film des Jahres“ geworden, ohne Berlinale oder Oscars zu erwähnen? Würde irgendein Journalist von der „Reportage des Jahres“ schreiben, ohne den Nannen-Preis zu erwähnen? Ist es nicht eine Frage Höflichkeit gegenüber dem Leser, ja, sogar journalistische Sorgfaltspflicht, eine solche Auszeichnung auch nur ansatzweise einzuordnen?

Entweder ist das Nicht-Erwähnen der Goldenen Blogger also handwerkliches Mängelwerk – oder fehlende Achtung gegenüber dieser kleinen Veranstaltung, die tatsächlich im Wohnzimmer ihre Premiere feierte und jetzt ein wenig gewachsen ist.

Natürlich könnte man auch erwähnen, dass die Preise drei Wochen vor Veröffentlichung des Artikels vergeben wurden – aber das würde dann ja so aussehen, als hätte die „FAS“ die Sache verpennt. Was in dem Fall natürlich stimmt.

Der Grund, warum Spehr überhaupt über Pallenberg schreibt, ist seine filterblasige Wahrnehmung von Blogs. 2007, als wir mit den Goldenen Bloggern starteten, gab es laut seiner Meinung noch „Leute, die im Internet auf ihren eigenen Seiten unentgeltlich veröffentlichten, und damit journalistische oder schriftstellerische Talente unter Beweis stellten oder auch nicht“. Heute gebe es solche Blogs noch immer, „sie sind jedoch bedeutungslos“.

Stattdessen regierten die Pallenbergs: „Die Blogger von früher schreiben entweder direkt auf den Seiten der etablierten Verlage oder sie sind, wie Sascha Pallenberg, mit professionellem Webauftritt, mit hohen Besucherzahlen, Werbung, Sponsoren und fest angestellten Mitarbeitern nichts anderes, als sagen wir es ruhig: Verleger.”

Das ist natürlich Unfug – und zwar gleich auf mehreren Ebenen: [click to continue…]

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Wir können nicht alles löschen, was Sie anstößig finden

by Thomas Knüwer on 11. Februar 2016

Dieses Video vom “Guardian” ist richtig und wichtig:


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Vortrag vom 4.1.2016

Je länger ich über diese Sache nachdenke, desto saurer werde ich. Der hier vorliegende Fall ist für mich ein deutliches Beispiel dafür, was im deutschen Journalismus derzeit schief läuft. Weshalb ich den Artikel um einen weiteren Nachtrag ergänzt habe, um dessen Beachtung ich Sie ersuche. 

Als ich noch zur Journalistenschule ging, galt die Zwei-Quellen-Regel: So lange es für eine Information keine zwei Quellen gab, wurde sie nicht veröffentlich. Das hatte gute Gründe: Denn interessierte Seiten hätten sonst Journalisten für ihre Sache manipulieren können.

Schon zwei Jahre später zeigte sich, wie das geht. Bei den langen Übernahmekämpfen Mannesmann/Vodafone und Thyssen/Krupp streuten zahlreiche Seiten Gerüchte. Da lancierten dann Personalberater, sie wüssten garantiert, wer Thyssen-Krupp Chef würde, während Kommunikationsberater brandheiß (und selbstverständlich ohne Kundenauftrag) weitergaben, bei welchem Angebotspreis der Mannesmann-Chef Manfred Esser schwach werden würde. In der Redaktion “Handelsblatt” gab sich die Chefredaktion alle Mühe, die Zwei-Quellen-Regel zu halten. Doch das wurde immer schwerer, weil die Konkurrenz diesen Leitsatz stillschweigend auf der Herrentoilette erschossen hatte.

Heute erinnert sich anscheinend keiner mehr an solche Regeln. Es reicht, dass irgendwer irgendwas behauptet und die Medienherde entwickelt einen Laufinstinkt, gegen den eine Bisonherde bei einer Stampede wie der wohldurchdachte Osterausflug einer Beamtenfamilie wirkt.

elefanten herde

Glauben Sie nicht, liebe Leserinnen und Leser?

Dann nehmen sie einfach nur die heutige Meldung rund um Amazon.

Spiegel Online:

spon

Welt Online:

welt

Wirtschaftswoche:

wiwo

 

Frankfurter Rundschau:

FR

Der “Buchreport” sieht als Ziel von Amazon gar nicht die Geschäfte, sondern gleich mal eine Platzierung im Markt (wobei es bemerkenswert wäre, wenn Amazon das Ziel hätte, nur Nummer zwei zu werden):

buchreport

Offenbar plant Amazon das also, das mit den 400 stationären Buchhandlungen. Woher all die Medien das wissen? Weil sie das “Wall Street Journal” gelesen haben. Das hat wiederum teilgenommen an der Quartals-Telefonkonferenz von General Growth Properties (GGP).

Was, kennen Sie nicht?

Keine Sorge: Die deutschen Medien auch nicht. [click to continue…]

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5 Dinge, die Journalisten vom Dschungelcamp lernen können

by Thomas Knüwer on 3. Februar 2016

Gerade unter meinen journalistisch tätigen Bekannten gibt es eine ausgeprägte Abneigung gegen “Ich bin ein Star, holt mich hier raus!” Gern fällt dann der Satz “Wer guckt denn so was”, auf den ich dann auch gern mal antworte “Deine Leser”.

Warum ich selbst großer Fan der Show bin, habe ich unter dem Titel “Ich bin ein Star, der weiß, dass alle wissen, dass er kein Star mehr ist, der aber nun so tun muss, als wäre er ein Star, der weiß, dass er kein Star mehr ist” aufgeschrieben. Aufgrund der verschiedenen Meta-Ebenen des Dschungelcamps halte ich es für ein Pflichtprogramm Medieninteressierter. Schließlich sehen sie am Abstimmungsverhalten auch eine Art Schwarmintelligenz oder Schwarmmeinung der breiten Masse der Bevölkerung. Denn nirgends einigen sich Akademiker und Arbeiter derart auf ein Programm.

Foto: RTL / Gregorowius Foto: RTL / Gregorowius

Deshalb hier 5 Dinge, die Journalisten vom Dschungelcamp lernen können:

1. Überforderung statt Unterforderung

“The customer is not a moron, she is your wife”, sagte einst schon David Ogilvy. Das wird gern vergessen, gerade im Journalismus. Leserbriefschreiber wurden immer schon gern abgetan, Onlinekommentare mag keiner lesen – sind doch alles Idioten da draußen. Die Berichterstattung dagegen orientiert sich zu oft an denen, die am wenigsten über ein Thema wissen, weshalb es ja so einfach ist, Medien für dumm und unwissend zu erklären.

Auch im Marketing versuchen Verlagskonzerne ihre Kunden für dumm zu verkaufen: So verschickt “Die Zeit” Briefe, die den Anschein erwecken, sie benötige Hilfe bei einer Umfrage. Wer dann teilnimmt, bekommt ein Probe-Abo, das er selbstverständlich selbst kündigen muss. Früher wäre so was in der Sendung “Nepper, Schlepper, Bauernfänger” gelandet.

“Ich bin ein Star” betreibt ein gewisses Maß an bewusster Überforderung seiner Zuschauer. Nur wer sowohl Nachrichten als auch Klatsch verfolgt, kann sämtliche Moderationen von Sonja Zietlow und Daniel Hartwich verstehen. Gefühlt haben diese Bezüge zur Außenwelt in den vergangenen Jahren zugenommen, was mich fragen lässt, ob bewusst damit kalkuliert wird, dass Zuschauer eine Information parallel ergooglen können und wollen.

Genau dieses Kalkül fehlt vielen klassischen Medien. Im Radio glauben Moderatoren, “es versendet sich”, wenn sie mit holprigen Worten ein Thema ankündigen, von dem sie keine Ahnung haben. Print-Autoren rechnen offensichtlich nicht damit, dass ihre Leser jede einzelne Information nicht nur hinterfragen, sondern hintergooglen können. Und längst sind Talkshow-Gucker schneller darüber informiert, ob eine Gast eine wahre Information gestreut hat, oder eine falsche.

Die Menschen des Jahres 2016 sind vielleicht nicht intellektueller als die des Jahres 1986 – das darf jeder selbst entscheiden. Sie sind aber, sagen wir (um das Wort intelligenter zu vermeiden), smarter: Sie wissen, woher sie Informationen bekommen. Der Journalismus muss sie endlich systematisch überfordern.

2. Der erste Eindruck ist nicht immer der beste

Wer hätte nach Betrachten der ersten Folge erwartet, dass Menderes Bagci Dschungelkönig werden würde? Langweilig, tapsig, piepsig wirkte er, eher ein Kandidat für eine Dschungelprüfungs-Serie nach deren Ende er rausgewählt würde. Doch Stück für Stück wuchs er an der Aufgabe, entpuppte sich als sensibler Sympath mit trauriger Vergangenheit und ebenso trauriger Gegenwart.

Selbst eine Entwicklung in so kurzer Zeit passt nicht in die Medienwelt. Der Alltag für deutsche Medien ist die Lichtgeschwindigkeitsbeurteilung: Kommentare werden flott verfasst, Portraits rasant zusammengepinnt. Nur noch selten liest man eine abwägende Beurteilung einer Situation, heute muss alles direkt zugespitzt werden.

Das führt dann auch dazu, dass Fehler gemacht werden – und die kehrt man dann unter den Teppich. Heute vor vier Jahren zum Beispiel schrieb ich über die von Medien herbeigeschriebene Internet-Blase, vor allem festgemacht an Facebook. Seitdem hat sich der Aktienkurs des Networks verdreifacht und dass es keine Blasenbildung gibt, war klar absehbar. Ich habe kein Medium gesehen, dass schlich zugegeben hat: Wir lagen da dramatisch falsch.

Der Journalismus muss wieder abwägender werden, weniger zwangsmeinungsgetrieben. Meinungen und Kommentare sind wichtig – aber nur, wenn sie wohl durchdacht sind.

3. Wenn es ernst wird, will niemand Streithähne sehen

Wir alle lieben es, eine satte Käbbelei zu beobachten, deshalb sind Seifenopern und Talkshows erfolgreich. Deshalb auch genossen so viele Zuschauer den immer heftiger anschwellenden Streit zwischen Helena Fürst und Thorsten Legat.

Doch die Menschen da draußen ahnen intuitiv, wann eine Lage den Punkt erreicht, da ein Streit seinen Unterhaltungshöhepunkt überschritten hat. Oder kurz: Irgendwann ist Schluss mit lustig. Deshalb auch war Helena Fürst noch vor dem Finale raus. Wenn es ernst wird, will niemand mehr Zankereien sehen.

Das gilt genauso im Polit-Alltag und keiner begreift das besser als Christian Lindner. Wieder einmal kursiert in diesen Tagen eine seiner Reden durch die Timelines. Im NRW-Landtag sagt er “Schluss mit lustig”, weil ein SPD-Abgeordneter der CDU “Rechtspopulismus” vorgeworfen hatte.

WOW! Das ist die beste Rede zur Flüchtlingskrise, der AfD und zum Chaos der Bundesregierung, die ich bisher gehört habe….

Posted by Tobias Huch on Thursday, January 28, 2016

Der Erfolg des Videos demonstriert, dass sehr viele Menschen das Gefühl teilen, dass irgendwann mal Schluss mit Kabale sein muss. Und Journalisten müssen wieder lernen, wenn dieser Moment erreicht ist.

4. Kasalla ist gefragt

Eigentlich hätte Thorsten Legat nicht bis ins Ibes-Finale schaffen dürfen. Übertrieben war sein Auftreten am Anfang, markige Sprüche kamen von ihm, gern gespickt mit Hinweisen auf die Unterstützung eines eher traditionellen Frauenbildes.

Doch was ihn auszeichnete, war diese “Ich schaffe das”-Mentalität, personifiziert in seinem Motivationsruf KASALLA! Und dass er es trotzdem bis ins Finale schaffte, lag vielleicht auch an seiner Lebenseinstellung: Ich schaffe das, ich will das mehr, ich versuche immer alles – Menschen mit einer solchen Haltung erobern unsere Herzen, so dass wir bereit sind, über gewisse Schwächen hinwegzusehen.

Das heißt für Medien natürlich nicht, dass sie nur noch positive Nachrichten bringen sollen. Aber es würde ihnen helfen, eine optimistische Einstellung zu vermitteln. Derzeit ist die Grundausrichtung der allermeisten Redaktionen aber – negativ. Überall wird nur Schlechtes gesehen, unsere Welt besteht aus Krieg, Terror und Furcht, obwohl wir objektiv in wesentlich sichereren Zeiten leben als unser Vorgängergenerationen.

Gerade deshalb glaube ich an Modelle wie Perspective Daily: Unvoreingenommener Journalismus mit einer optimistischen Herangehensweise birgt das Potential zu einer wesentlich höheren Leser-/Zuhörer-/Zuschauerbindung als das hysterische Alarm-Geschreie der klassischen Medien.

5. Authentizität und Bescheidenheit siegen

Und dann gewann am Ende Menderes. Einer, der nie laut wurde. Der sich in Dschungelprüfungen bei den Tieren und Moderatoren bedankte. Der das Camp am letzten Tag aufräumte, während Legat auf der Liege lag. Der sich entschuldigte.

Was wäre, wenn sich Journalisten daran orientierten? Wenn zum Beispiel Chefredakteure wie Giovanni di Lorenzo nicht mehr ständig behaupteten, die deutschen Medien seien “die besten der Welt”? Wenn das Eingestehen von Fehlern nicht mehr im Rande versteckt stattfände, sondern offen? Man Leserkommentare, egal ob im Social Web, als Brief oder in Foren, nicht mehr als Angriff ansähe, sondern als Ansporn, besser zu werden – und man sich deshalb für Korrekturen bedankte?

Es wäre ein weiter Weg bis dahin. Wie weit, das zeigte in dieser Woche zum Beispiel “Spiegel”-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Im Editorial der aktuellen Ausgabe schreibt er:

“Die Vorfälle der Kölner Silvesternacht wirken wie ein Brandbeschleuniger: Rund 40 Prozent der Deutschen vertrauen den Medien nicht mehr. Neben und wegen der Hysterisierung und Spaltung der Gesellschaft, die wenig mit Fakten und viel mit Gefühlen zu tun hat, gibt es inzwischen darum ein ernsthaftes Glaubwürdigkeitsproblem für die Medien.

Wir müssen uns Zeit nehmen, um Zusammenhänge tatsächlich verstehen und erklären zu können, und wir sollten im Ton moderat bleiben, nicht wahllos mitbrüllen…”

Wahre Worte, die wir hören. Allein, es fehlt der Glaube, dass Brinkbäumer sie ernst meint, blickt man auf die Titelseiten seines Magazins:

Spiegel Putin Spiegel Kontrollverlust Spiegel IS Spiegel Patientenkarte Spiegel Polizei Spiegel Trump

Ausnahmezustand. Wahnsinn. Krieg in Europa. Totale Vermessung. Staatsohnmacht. Wenn so die Moderation von Klaus Brinkbäumer aussieht, dann dürfte sein “wahlloses Herumbrüllen” Gernot Hassknecht aussehen lassen wie einen stillen Eckensitzer.

Es ist auch weiterhin überhaupt nicht in den Köpfen der Medienmacher eingesickert, wo ihr Problem ist. Immerhin: Das eint sie dann wieder mit den Einsitzern des Dschungelcamps. Denn auch denen ist nicht klar, warum sie so eigentlich bei dieser Show mitmachen müssen. Nur: Im Dschungel wirkt das meist sympathisch – im Journalismus arrogant.

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Nachdem mein Bücher-Jahresrückblick von einigen Menschen als hilfreich und interessant befunden wurde, werde ich dieses Jahr versuchen, jedes vollendete Buch direkt hier zu verbloggen. 

“Ich mach jetzt Voyeurismus”, kommentierte die beste Ehefrau von allen den Kauf dieses Buches. Stimmt, aber dafür ist es irgendwie ja auch gedacht. “Mein Wäsche kennt jetzt jeder” wurde geschrieben von Dorothee Achenbach, der Ehefrau des Kunstberaters Helge Achenbach, dessen Betrugsprozess in den vergangenen zwei Jahren die Kunst- und Medienwelt bundesweit beschäftigte. Die Aldi-Erbin Babette Albrecht zeigte ihn an, weil er als Vermittler Kunstwerke und Oldtimer mit einem höheren Preis an Albrecht verkauft hatte, als er selbst bezahlte. Somit stieg einerseits seine Provision, andererseits erzielte Achenbach einen Gewinn aus dem Verkauf. Im März 2015 wurde er deshalb zu sechs Jahren Haft verurteilt.

AchenbachDie Achenbachs waren nicht nur in der Kunstwelt eine wirtschaftliche, sondern auch in Düsseldorf eine gesellschaftliche Größe. Wir waren ebenfalls einige Male beim großen Neujahrsempfang eingeladen, doch habe ich keinen der beiden seit geschätzt drei Jahren mehr gesprochen, dies sollte man als Disclosure einfügen.

Und deshalb ist es eben Voyeurismus, dieses Buch zu lesen, in dem Dorothee Achenbach ihre Zeit als Betrugsangeklagtenehefrau im Zeitraum von Juni 2014 bis Juni 2015 schildert. Doch nichts Anderes will sie vielleicht auch befriedigen, denn natürlich dient das Werk auch der Refinanzierung des Lebens, nachdem das Vermögen des Mannes aufgezehrt ist und sie als freie Journalistin im Bereich Kunst vorerst keine Beschäftigung finden dürfte.

Eigentlich hatte ich auch nicht vor, das Buch überhaupt zu lesen. Doch dann schmunzelte die lesende Ehefrau, sie kicherte, sie las das Buch nicht – sie inhalierte es weg wie Thorsten Legat im Dschungelcamp eine Herde Raupen. So las ich auch und schmunzelte und kicherte und inhalierte ebenfalls.

Natürlich ist “Meine Wäsche kennt jetzt jeder” kein Kandidat für den Friedenspreis des Buchhandels. Auch wirkt es etwas angestrengt, wenn sie ihren Mann als Bernhard Krämer tituliert, angeblich um eine größere emotionale Distanz beim Schreiben aufbauen zu können.

Doch einerseits ist es nette Unterhaltung – andererseits liefert es die andere Seite einer Mediengeschichte. Und solch einen anderen Blickwinkel erhält der Medienkonsument für gewöhnlich wieder nur medial gefiltert. Die “Jetzt redet die Ehefrau”-Storys finden in der Regel unter Führung einer Boulevard-Redaktion statt und ihre Länge ist beschränkt durch die Limitation einer Zeitung oder Zeitschrift.

Dorothee Achenbach dagegen hat 200 Seiten – und ist bereit, sie zu nutzen. [click to continue…]

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