SXSW 2014 – Cebit des 21. Jahrhunderts

by Thomas Knüwer on 16. März 2014

“Arbeitest Du da eigentlich auch?”

Verständliche Frage in der jüngsten Vergangenheit, genauer zwischen dem 7. und 11. März. Denn in diesen Tagen war mein Twitter-, Instagram- und Facebook-Stream eher voll mit lustigen Bildern als mit Handfesterem.

sxsw 2014

Doch, doch, ich habe auch gearbeitet, vor allem in Form von Zuhören, Reden, Nachdenken. In diesen Tagen besuchte ich zum dritten Mal die SXSW (gesprochen South by Southwest), die größte Digitalkonferenz der Welt in Austin/Texas. Ich halte nichts mehr von Podienzusammenfassungen, wie ich schon schrieb (und Sie, liebe Leser anscheinend auch nicht). Und doch gibt es zwei Gründe, noch einmal auf die Konferenz einzugehen:

1. Die Zahl der deutschen Besucher ist drastisch angestiegen

Als ich 2011 das erste Mal in Austin war, war ich ein Exot. Die Zahl der Germans, war überschaubar, die Amerikaner wunderten sich noch, dass jemand “all the way” herüberfliegt für eine Konferenz. Heute ist das anders. Während die Zahl der SXSW Interactive-Teilnehmer insgesamt bei 30.000 stagnieren dürfte, stieg der Anteil der Ausländer drastisch an. Das fiel auch der “New York Times” deutlich auf: “Foreign Influx Gives Annual Tech Event an International Flavor” überschrieb sie ihren ersten Artikel in diesem Jahr.

Auch in den üblichen Warteschlangen vor Diskussionen traf ich mehr Franzosen, Japaner und Brasilianer als je zuvor. All die Nationen mieten nicht nur einen Stand auf der Expo sondern betreiben auch Nationenhäuser mit eigenen Veranstaltungen. Dies dürfte auch eine Folge der SXSW-Strategie sein: 2011 durften sich Ländermärkte auf Podien präsentieren und wer dort sprach, verbreitete mutmaßlich die Kunde von dem Monster-Event in Texas.

Die Germans hingen viel zusammen, was durchaus verständlich ist. So gab es im Norden der Stadt eine Ansammlung von sechs, von Deutschen bewohnten AirBnB-Häusern in einer Nachbarschaft. Und am ersten Abend machten sich 70 Deutsche mit einem amerikanischen Schulbus auf zum BBQ-Ausflug (dicker Dank an Simon Harlinghausen für die Organisation). So ist das einfach im Ausland, nicht nur bei Deutschen. Doch sollten wir alle, die wir regelmäßig zur SXSW fahren, künftig versuchen, eine Filterblase zu vermeiden.

sxsw bus

Endlich waren auch deutsche Medien weiträumig vertreten: “Handelsblatt”, Sueddeutsche.de, Spiegel Online, Zeit.de, Stern.de – sie alle waren vor Ort, häufig sogar mit der Chefetage. Was sie berichteten ist aus aus meiner Sicht qualitativ schwer ausbaubedürftig. Aber: Es war ein erster Schritt.

2. Die Bedeutung der SXSW steigt [click to continue…]

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Journalistische Selfies aus Austin

by Thomas Knüwer on 10. März 2014

In den Zeiten sterbender Tageszeitungen, sinkender Auflagen und Werbeerlöse ist Kostenbewusstsein der neue Fetisch in Redaktionen. Das ist nicht erst gestern so, sondern seit zu langen Jahren.

Zu den unschönen und den Journalismus schädigenden Auswirkungen gehören Beschränkungen im Reiseetat, in akuten Zeiten gar ein Reiseverbot. Wenn sie heute wissen möchten, wo es in Großstädten die abgewracktesten Herbergen gibt, sprechen sie mit Journalisten – die haben alles knapp oberhalb von Stundenhotels schon bewohnt.

selfie baconWenn dann gereist werden darf, müssen sich die reisenden Redakteure auch noch für jeden Kilometer rechtfertigen, gerade so, als sei solch ein Trip eine reine Verlustierung. Deshalb muss auch möglichst während oder kurz nach jener Reise etwas “dabei herauskommen”, also Artikel. Reisen, allein um jemand zu treffen, über den man mittelfristig etwas schreiben möchte, sind meist nicht mehr möglich. Dies ist umso trauriger, weil der Rechtfertigungsdruck hochgehalten wird von Ressortleitern und Chefredakteuren – also anderen Journalisten die wissen müssten, dass Hintergrundrecherchen und langfristige Informationssammlung wichtiger sind, als das sofortige Widerkäuen des Gesehenen.

Die Folgen dieser Unsitte zeigen sich in diesen Tagen bei Sueddeutsche.de und Spiegel Online. Beide sind auf der größten Digitalkonferenz der Welt vertreten, der SXSW (gesprochen South by Southwest) in Austin.

Waren es in den vergangenen Jahren wenige deutsche Crossmedia-Journalisten wie Ulrike Langer oder Daniel Fiene, die berichteten, sind in diesem Jahr gefühlt alle Online-Chefredakteure der deutschen Republik angereist. Das ist prima und gut so. Die SXSW ist eine wichtige Veranstaltung.

Die Chefs von Süddeutsche.de und Spiegel Online haben Reporter mitgebracht. Das ist für Unternehmen mit erheblichen wirtschaftlichen Problemen ein gewisses Investment. Das Ergebnis: Rechtfertigungsdruck.

Um den zu senken greifen beide Häuser reflexartig in die Folterkammer des Onlinejournalismus und präsentieren – Live-Ticker.

Liveticker sind ein probates Instrument bei sich verändernden Nachrichtenlagen, bei Fußballspielen, in Momenten, da Menschen ein hohes Interesse haben, so schnell wie möglich Nachrichten zu bekommen. Das ist im Fall der SXSW exakt überhaupt nicht der Fall. Selbst Fachleute der Digitalbranche – und allein die interessieren sich überhaupt für die Konferenz – lechzen nicht am Monitor nach irgendwelchen heißen News. Auch ihnen wäre mehr geholfen mit Themen, Interviews, dem Nachdenken über Trends.

Stattdessen bekommen sie journalistisches Scheitern geboten. [click to continue…]

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Das Digitale Quartett #60: Live von der SXSW

by Thomas Knüwer on 9. März 2014

In diesen Tagen treffen sich in Austin 30.000 ganz normale Menschen, also Leute, die ständig in ihr Smartphone gucken, zur größten Internetkonferenz der Welt, der SXSW Interactive.

Und wir senden live aus dem Deutschen Haus mit Publikum und interessanten Gästen aus der ganzen Welt.

Leider wackelte das Wlan im Deutschen Haus gewaltig, so dass es zu Aussetzern kam. Dickes Sorry – ließ sich aber leider nicht besser machen. Deshalb nehmen wirdie Aufzeichnung vom Netz.

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Was Verlage von Getty Images lernen können

by Thomas Knüwer on 6. März 2014

Heute Nacht gab es eine kleine Medienrevolution. Um die zu begreifen, schauen Sie bitte auf das folgende Foto…

Tolles Bild, oder?

Es stammt aus der Datenbank von Getty Images, einem der besten, vielleicht dem besten Fotodienstleister der Welt. Laut The Verge ist es auf jeden Fall die größte derartige Datenbank. Und wer so tolle und aktuelle Bilder vermarktet, der darf dafür auch einen satten Preis aufrufen.

Somit ist Getty unerschwinglich für kleinere Seiten oder Blogs, die sich vielleicht gerade mal kleine Discount-Anbieter wie Shutterstock oder Istock leisten.

Bis jetzt: Denn nun hat sich Getty zu einem Zug entschlossen, der seine Bilder zu den beliebtesten bei kleinen Blogs machen könnte.  [click to continue…]

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Zeitungssterben, nächste Runde: “Abendzeitung”

by Thomas Knüwer on 5. März 2014

Heute tut mir ein Mensch besonders leid: Arno Makowsky, Chefredakteur der “Abendzeitung”.

Im Mai 2011 saßen wir auf einem Podium beim der Veranstaltungsreiche Mediacoffee und diskutierten über die Zukunft der Medien. Und Makowsky habe ich als sehr angenehmen und sympathischen Menschen in Erinnerung.

ots.Video: "Expedition ins Ungewisse": dpa-Tochter news aktuell setzt Diskussionsreihe Ÿber Zukunft der Medien fort

Heute nun wird bekannt: Die “Abendzeitung” meldet Insolvenz an. Und diese Pleite zeigt, was deutschen Zeitungsverlagen als nächster Schritt bevorsteht: Untergang mangels Finanzierung. 70 Millionen Verlust sind seit 2001 aufgelaufen, 10 Millionen allein im vergangenen Jahr. Die Verlegerfamilie zieht nun die Reißleine, denn die Hoffnung, dass ein anderer Verlag die “AZ” kaufen könnte, hat sich zerschlagen. Und dass angesichts dieser Zahlen eine Bank noch Geld gibt, erscheint wenig wahrscheinlich.

Bei jenem Mediacoffee sprach Makowsky, wenn ich mich recht erinnere, in druckreifen Sätzen. Er gab keinerlei Dummheiten von sich, war souverän und höchst talkshowgeeignet. Nur: Innovative Idee kamen eben auch nicht von ihm. Während Richard Gutjahr Vorfreude auf die Zukunft ausstrahlte, wirkte Makowsky eher wie ein journalistischer Rheinländer mit dem Motto “Et hätt noch immer jotjejange”.

Genau so steht die “AZ” auch heute da. Sie ist – immer betrachtet aus der Sicht eines Düsseldorfers, der sie bei häufigen Besuchen in München in die Finger bekommt – die vielleicht anspruchvollste Boulevardzeitung Deutschlands. Doch darüber hinaus, im Digitalen, passiert viel zu wenig. Die Homepage ist bestenfalls Mittelmaß. Die Handy-App verzeichnet laut dem zuverlässigen Marktforscher Xyologic magere 1.900 Downloads auf Android und rund 21.000 auf iOS. Allerdings wird die Apple-Version alles andere als gut bewertet.

Auf Facebook zählt das Blatt knapp über 20.000 Likes mit einer guten Aktivierungsrate von rund 12 Prozent. Teils aber kamen über Wochen keine Fans hinzu, die Nachrichtenauswahl wirkt eklektisch, mit Fotos oder anderen Formaten als Likes wird nicht gearbeitet. Auf Google+ sind es gerade mal 509 Mitleser und hier wird mal was gepostet, wenn Zeit ist. Auf Twitter gibt es immerhin rund 14.000 Follower. Auf der Homepage ist ein Facebook-Widget eingebunden, G+ textlich verlinkt, auf Twitter wird gar nicht hingewiesen (oder übersehe ich dies?).

Das alles ist OK. Aber OK reicht heute eben nicht mehr, will man ein Zeitungsunternehmen am Leben erhalten. Die “Abendzeitung” ist ein Musterbeispiel für die Lage der täglich erscheinenden Totholzmedien: Seit Jahren sinkt die Auflage, mit ihr die Werbeeinnahmen, woraufhin die Kosten gekürzt werden, was die Qualität senkt, so dass noch mehr Leser gehen und die Auflage in die Todesspirale schwenkt.

Spricht man Lokalverleger auf solch eine Lage an, ist schnell die Rede von “notwendigen Konzentrationsprozessen”. Und davon, dass das böse, böse Kartellrecht ja Fusionen verhindere. Tatsächlich glaube ich, dass Verleger wie Dirk Ippen, der genau so bei einem anderen Podium, auf dem ich auch saß, argumentierte, dies glauben: Das Heil ist die Konzentration in großen Zeitungskonzernen.

Doch dies wird nicht die Erlösung bringen. Denn auch die großen potenziellen Aufkäufer sind längst dabei, das Wasser aus dem Bug des sinkenden Schiffes zu schüppen. Nehmen wir nur DuMont: Die Eigenkapitalquote der Kölner liegt bei existenzgefährdenden 10,5 Prozent. Oder die Ex-Waz-Funke-Gruppe in Essen – spätestens seit dem Deal mit Axel Springer hoch verschuldet.

Selbst jene Häuser, die noch nicht tief in den roten Zahlen stecken, werden Aufkäufe nicht bewältigen können. Denn sie haben eben nicht cash gehortet und bräuchten zur Finanzierung einer Übernahme Bankkredite. Doch welche Bank mag noch Geld an einen Zeitungsverlag geben?

Was wir heute mit der Abendzeitung sehen ist der Vorbote der nächsten Stufe des Zeitungssterbens: Es ist die bittere Erkenntnis der selbständigen Verlegerfamilien, dass niemand da ist, der sie rauskaufen möchte. Weshalb irgendwann nur die Insolvenz bleibt.

Denn seien wir ehrlich: Wer glaubt noch, dass die Verlagskonzerne eine Wende schaffen? Dass sie mit einem Mal zu digitalen Innovationshäusern werden?

Karsten Lohmeyer ist noch da optimistischer als ich. Er schreibt bei Lousy Pennies zur Insolvenz der “Abendzeitung”:

“Wer jetzt als Verleger noch Geld in der Kriegskasse hat, sollte sich ganz schnell überlegen, wie er sein Haus zum Innovationshaus abseits seiner etablierten Marken machen kann. Warum nicht etwa ein paar Projekte von journalistischen Bloggern mit ein paar LousyPennies und betriebswirtschaftlicher Komeptenz unterstützten und mal sehen, was passiert? Warum kein deutsches watson.ch schaffen? Ein de Correspondent?

Wohin es führt, weiter Millionen in überholte Geschäftsmodelle zu stecken, hat man an der Abendzeitung gesehen. Ich glaube, dass man nur mit einem Prozent der kolportierten Verlust-Summe von 70 Millionen Euro ein tolles Projekt hätte auf die Beine stellen können, das die Zukunft der Marke Abendzeitung hätte sein können – oder zumindest des Verlages.”

Ich bin Münsterländer und deshalb von Geburt an pessimistischer. Seit 30 Jahren sinken Zeitungsauflagen, seit 15 Jahren könnten die Verlage wissen, dass digitale Technologie ihr Kerngeschäft von Grund auf verändern wird. Passiert ist – verdammt wenig. Und jetzt haben sie kaum mehr Raum, um zu manövieren.

Foto: OTS/news aktuell

Nachtrag vom 6.3.14: Nun spricht der “AZ”-Verleger Werner Friedmann in de “Süddeutschen”. Und was Turi2 daraus zitiert, strotzt nur so vor Arroganz. Da kritisiert er die “Süddeutsche” allen Ernstes, dass die sein Blatt nicht kaufen wollte. Dann habe die Druckerei viel zu viel Geld verlangt (wer hat denn den Vertrag verhandelt). Wenn die nun wegen der “AZ” über die Isar ginge, ist ihm das egal, denn sie habe gutes Geld verdient. Und mit einem Mal wird aus einem liberalen bis linken Verleger ein vergrätzter Marktradikaler.

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Finanzblog-Award 2014

by Thomas Knüwer on 5. März 2014

COMD_LABEL_PUBLIKUMSPREIS_2014Seit einigen Jahren bin ich Mitglied der Jury des Finanzblog-Awards der Comdirect. In diesem Jahr gebe ich erstmals den Jury-Vorsitzenden. Ich mag diesen Preis, weil er eine bestimmte Nische auszeichnet, die häufig genug in Deutschland nicht beachtet wird – obwohl es eine steigende Zahl und eine steigende Qualität im Bereich der Finanz- und Wirtschaftsblogs gibt.

Derzeit läuft gerade die Abstimmung zum Publikumspreis und ich würde mich sehr freuen, wenn viele von Ihnen, liebe Leser, mitmachen. Sie können dies unter diesem Link tun. 

Vielen Dank!

Und vielleicht sehen wir uns bei der Verleihung des Preises im Rahmen der re:publica?

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ZDF: Wirtschaft? Nein, danke, kein Bedarf.

by Thomas Knüwer on 4. März 2014

Dies ist der Geld-Teil der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”. Nein, nicht der vom Frühjahr 1999 – sondern der vom 2. Februar 2014:

fas internet aktien

“Reich werden mit Internetaktien”. Dazu BOOM, BANG und das FÜLLENSIESICHDIETASCHEN fiel wahrscheinlich nur der Ästhetik zum Opfer.

Nun bin ich überhaupt kein Freund davon, Web-Unternehmen an der Börse zu verdammen. Tatsächlich kann man mit ihnen gutes Geld verdienen. Doch sind sie eben ein riskantes bis hochriskantes Investment, so wie die Anteile anderer Unternehmen aus nicht-gefestigten Märkten, zum Beispiel Biotech oder Emerging Markets.

Der Artikel mischt dann bunt alles durcheinander: Apple wird zum Internet-Unternehmen und vor allem wird der Bereich Mobile munter in dieses Segment geworfen. Klar, gegen Ende werden noch kurz EM-TV und AOL gestreift. Doch insgesamt bejubelt der Text Internetaktien in einer unreflektierten Art, die man seit 2002 für ausgestorben hielt.

Für mich ist das symptomatisch: Es fehlt in Deutschland massiv an gutem Wirtschaftsjournalismus außerhalb der Branchenberichterstattung für Profis. Ich sehe derzeit kaum eine Redaktion, die systematisch versucht, Wirtschaft ohne Thesen und Zuspitzungen jenen zu erklären, die keine Wirtschaftsexperten sind. Dieser Erklärmangel ist nicht neu. Neu ist aus meiner Sich jedoch, dass Publikatoren außerhalb der Wirtschaftsmedien mit Mitteln des Boulevard Berichterstattung über Märkte und Unternehmen betreiben.

Dabei wächst die Bedeutung der Wirtschaft. Zum Beispiel steigt die Notwendigkeit der privaten Altersvorsorge, während das Handeln von Unternehmen mehr als früher Gesellschaft und Politik beeinflusst – gerade durch die Digitalisierung unserer Welt.

Erklären aber mag das anscheinend kaum noch jemand. Als Testat dieser These nehme ich auch eine Stellenausschreibung des ZDF, auf die ich über das Blog von Christian Jakubetz aufmerksam wurde. [click to continue…]

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Der Skandal Thilo Weichert

by Thomas Knüwer on 25. Februar 2014

Es gibt sicherlich kaum ein größeres Ärgernis im digitalen Deutschland als Thilo Weichert, der Chef des angeblich unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz in Schleswig-Holstein.

Die Zahl seiner absurden Forderungen und Zitate reicht inzwischen um Bücher zu füllen. 2008 behauptete er, Google Streetview würde Einbrechern helfen (bis heute kommen die prima ohne aus). Dann bezeichnete er Deutschlands Bürger (also die, deren Rechte er vertritt) öffentlich als dumm. Er forderte eine Ausweispflicht, bevor man online gehen darf. Bei der Facebook Graph Search behauptete er fälschlicherweise, hochsensible Informationen würden veröffentlicht. Auch eine unterschiedliche Behandlung schleswig-holsteinischer Nutzer gegenüber denen aus anderen Ländern fabulierte er herbei.

thilo weichert

Noch immer weiß ich nicht, ob Weichert einfach lügt oder nur fürchterlich inkompetent ist. Das heißt: Jetzt weiß ich es.

Denn in einem Radiointerview für die DPA, das Daniel Fiene mitprotokolliert hat, sagte Weichert tatsächlich:

“Außerdem besteht die Gefahr, dass eben WhatsApp, das bisher als nicht-kommerzieller Dienst unterwegs war, eben jetzt ganz massiv kommerzialisiert ist. Das heißt, die Daten eben für kommerzielle Zwecke ausgebeutet werden.”

Nicht-kommerziell? Ich frage mich, welche Nutzer glauben, dass Whatsapp nicht-kommerziell ist angesichts der nicht zu übersehenden Hinweise, dass die Nutzung des Dienstes ab dem zweiten Jahr 99 Cent kostet.

Infam auch sein Angriff auf Facebook:
“Facebook ist durch das amerikanische Recht nicht an  europäisch an deutsche Grundrechte, an das Grundrecht auf Datenschutz und das Telekommunikationsgeheimnis gebunden. Das nutzt dieser Anbieter dafür auf, Daten umfassend auszuwerten, Profile zu erstellen und kommerziell zu nutzen.”

Denn auch das ist natürlich falsch. Facebook ist durch seinen Ableger in Dublin sowohl and das europäische Datenschutzrecht als auch die anderen EU-Gesetze gebunden. Die zuständigen Datenschützer haben Facebook ein gutes Zeugnis ausgestellt.

Nun darf man vielleicht kritisieren, ob deutsche Datenschützer kritischer als irische sind. Nur: Deutschland ist, vielleicht überrascht das Thilo Weichert, Mitglied der EU. Und somit muss sich auch Deutschland danach richten, welche Behörden jeweils zuständig sind. Alternativ kann Weichert ja für den schleswig-holtsteinischen Landtag kandidieren mit der Forderung, aus der Europäischen Union auszutreten (hm, hoffentlich bringe ich die AFD jetzt nicht auf dumme Gedanken).

Mit diesem gigantischen Ausmaß an Inkompetenz ist Weichert jetzt schon eine Schande für den Technologiestandort Deutschland. Doch es kommt ja noch schlimmer. Denn in diesem Jahr würde seine zweite Amtszeit enden – und seine fragwürdige Karriere wäre endlich beendet.

Doch nach Informationen der “Taz” sollen die schleswig-holtsteinischen Regierungsparteien SPD, Grüne und die Minderheitenvertreter SSW an einer Lex Weichert – der Datenverschützer ist selbst anscheinend den Grünen nahe stehend – erwirken.

Das zeigt wohl: Man muss besonders inkompeten sein, um in Schleswig-Holstein in seinem politischen Job zu bleiben.

 

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Jura-Professor Hillgruber will ungestört hassen dürfen

by Thomas Knüwer on 25. Februar 2014

Was würden Sie denken, liebe Leser, schriebe jemand das hier:

“Es genügt der Lobby der Juden nämlich nicht, dass sie die Entfaltungsfreiheit für ihre Klientel und die Meinungsführerschaft erstritten hat, sie will jetzt der Minderheit, die noch immer eine abweichende Religion vertritt, die Freiheit nehmen, Juden weiterhin negativ zu bewerten und ihr Verhalten gegenüber Dritten an dieser Bewertung zu orientieren.”

Oder das hier:

“Es ist das gute Recht von Frauen, ihre Karrierewünsche zu leben. Aber sie können nicht verlangen, dass auch alle anderen ihre Lebensweise für ein gutes Leben halten und positiv bewerten oder sich andernfalls einer Bewertung gänzlich enthalten. Nein, sie müssen sich, wie jeder andere, auch gefallen lassen, dass ihr Lebensstil von anderen anders, auch negativ moralisch bewertet wird.”

Oder das hier:

“Obwohl es sich um eine kleine Minderheit handelt, die in einer Demokratie eigentlich durchsetzungsschwach sein müsste, ist es der Gruppe der Behinderten in Deutschland, im westlichen Europa und in Nordamerika dank einer eindrucksvollen Lobbyarbeit gelungen, ihre Agenda voller Gleichberechtigung und Gleichstellung mit der nicht-behinderten Mehrheit zu einer Agenda der Mehrheitsgesellschaft zu machen.”

Kinnlade runtergeklappt?

So etwas schreiben keine ekligen, rechtsradikalen Nischenblogs. Dies darf der Bonner Jura-Professor Christian Hillgruber in der der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” veröffentlichen.

“Wo bleibt die Freiheit der anderen?” ist ein Text überschrieben. Natürlich richtet er sich nicht gegen Juden, Behinderte oder Frauen. Nein, Hillgruber schreibt gegen Schwule.

Sie sind das derzeitige Lieblingsziel einer neuen Schreiberschaft, der ich den Titel “Journalismus” nicht geben möchte. Zu ihnen gehören bekennende Ex-Drogenverwender wie Matthias Matussek oder Thilo “Es gibt mehr Männer mit hoher Intelligenz als Frauen” Sarrazin.

Der Artikel 1 des Grundgesetzes scheint ihnen dabei ziemlich egal zu sein, was im Umkehrschluss bedeutet: Sie entfernen sich wohl von dem, was die Grundlage dieses Staates ausmacht. Dies sieht auch das Verfassungsblog so. So bereiten sie den Nährboden für einen neuen, bräunlichen Sumpf in Deutschland. Und deshalb wagt sich nun auch ein Jura-Professor aus der Deckung, dem seine Studenten hoffentlich die Meinung geigen werden.

Wir sollten wir sehr genau auf diese Gemengelage achten. Dass die “FAZ” sich zum Büttel solcher Radikalmeinungen macht, ist erschreckend.

Nachtrag: Auf Leserwunsch hier die Originalzitate.

“Es genügt der Lobby der Homosexuellen nämlich nicht, dass sie die Entfaltungsfreiheit für ihre Klientel und die Meinungsführerschaft erstritten hat, sie will jetzt der Minderheit, die noch immer eine abweichende Meinung vertritt, die Freiheit nehmen, Homosexualität weiterhin negativ zu bewerten und ihr Verhalten gegenüber Dritten an dieser Bewertung zu orientieren.”

“Es genügt der Lobby der Homosexuellen nämlich nicht, dass sie die Entfaltungsfreiheit für ihre Klientel und die Meinungsführerschaft erstritten hat, sie will jetzt der Minderheit, die noch immer eine abweichende Meinung vertritt, die Freiheit nehmen, Homosexualität weiterhin negativ zu bewerten und ihr Verhalten gegenüber Dritten an dieser Bewertung zu orientieren.”

“Obwohl es sich um eine kleine Minderheit handelt, die in einer Demokratie eigentlich durchsetzungsschwach sein müsste, ist es der Gruppe der Homosexuellen in Deutschland, im westlichen Europa und in Nordamerika dank einer eindrucksvollen Lobbyarbeit gelungen, ihre Agenda voller Gleichberechtigung und Gleichstellung mit der heterosexuellen Mehrheit zu einer Agenda der Mehrheitsgesellschaft zu machen.”

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Management-Unterricht mit Frank Underwood

by Thomas Knüwer on 18. Februar 2014

Auch ich bin derzeit auf Droge. “House of Cards”. Sie wissen schon, die Serie, über die auf Twitter jeder redet.

Und auch ich freue mich wie Bolle, das Netflix tatsächlich meine deutsche Kreditkarte akzeptiert hat. Also streame ich mit dem Chrome-Plugin Hola jeden Abend die politischen Spiele des Frank Underwood via Apple-TV auf den Fernseher.

Sollten Sie noch nie in dieses Serienmeisterwerk geschaut haben: Wegen solcher Momente für die Management-Lehrbücher ist “House of Cards” derzeit das Beste, was Fernsehen zu bieten hat.


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