Der Medien-Rant des Heiner Flassbeck

by Thomas Knüwer on 9. Juli 2015

Man muss mit dem Ökonom Heiner Flassbeck nicht einer Meinung sein. Konstatieren aber muss man, dass seine Vita bemerkenswert ist: Abteilungsleiter beim DIW war er, Staatssekretär im Finanzministerium und Chefökonom der UN-Tochter UNCTAD. Norbert Häring, einer der Ökonomie-Experten des “Handelsblatts” schreibt über ihn: “Heiner Flassbeck ist ein zu Recht bekannter und auch ziemlich exponierter Vertreter des Keynesianismus in Deutschland.”

Als Buchautor ist er ein Stück weit auch von der Präsenz in Medien abhängig. Umso unwohler muss einem werden, wenn Flassbeck in seinem Blog kurz aber deutlich mit den klassischen Medien abrechnet:

Heiner-Flassbeck“Ich habe in den letzten Tagen viele Interviews in Rundfunk und Fernsehen gegeben … und bin in fast allen Fällen schockiert darüber, wie wenig die Moderatoren solcher Sendungen über die Eurokrise, den Fall Griechenland und die internationale Diskussion dazu wissen. Einer der Moderatoren hat es auch ganz explizit zugegeben, dass er all das, was ich dazu zu sagen hatte, noch nie gehört hat, und hat sich (was die große Ausnahme ist) nach der Sendung quasi für sein Unwissen entschuldigt. Nur, man muss sich vorstellen, welche Fehlinformation die Kollegen dieser Moderatoren betreiben, wenn politisch interessierte Menschen (das unterstelle ich den Moderatoren einmal) von den entscheidenden Zusammenhängen noch nie gehört haben, sondern nur die üblichen Vorurteile kennen…”

Und seine Folgerungen, beziehungsweise sein Rat, sind nicht weniger deutlich:

“Deswegen kann ich unsere Leser nur bitten, alle Menschen, die sie kennen, darauf hinzuweisen, dass man sich im Internet umfassender und besser informieren kann als bei den Leitmedien und dass man niemals unkritisch Informationen und Analysen (unsere eingeschlossen) als „die Wahrheit“ schlucken darf.”

Das schreibt kein radialer Bollerkopp, kein Revoluzzer oder Weltfremder. Sondern ein 64-Jähriger, der von zahlreichen Medien immer wieder interviewt wird. Es wird sichtbar, was auch in meinem Umfeld auffällt (und der Gesellschaft massiv schadet): Immer mehr Menschen fühlen sich nicht nur vom klassischen Medien nicht informiert – sie haben das Gefühl, desinformiert zu werden. Und dabei wird es einzelnen Medienmarken nicht helfen, die Schuld von sich zu schieben und behaupten, es seien immer nur die anderen, die Mist bauten.

Wir brauchen endlich eine selbstkritische Diskussion der Medienhäuser über ihre eigenes Tun – und eine Abwendung vom meinungsgetriebenen, fast hysterischen, Meinungsjournalismus. Das betrifft die ARD genauso wie die “FAZ” und Griechenland-Themen genauso wie Berichterstattung über die Autobahn-Maut. Der Journalismus muss seiner, ihm in der Verfassung übertragene Sonderrolle in der Gesellschaft endlich wieder gerecht werden.

Foto: Flassbeck unter CC BY-SA3.0 

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Das Digitale Quartett #75: Die Zukunft der Nachricht

by Thomas Knüwer on 6. Juli 2015

Alles begann am 24. Juni mit einer kleinen Twitter-Diskussion von Sascha Stoltenow, Kommunikationsberater und Autor des Bendler-Blogs, sowie Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, Geschäftsführer der PR-Agentur Cohn-Wolfe (die sich merkwürdigerweise gerade hier nicht einbetten lässt).

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Thema: Sollten Geschichten in flüchtigen Medien wie Snapchat anders erzählt werden? Oder muss ich andere Stories auswählen?

Dies ist eine der grundlegenden Diskussionen, von denen es im Journalismus derzeit eine Menge gibt. Denn tatsächlich scheint es langsam doch so eine Art Aufwachen zu geben, nach Jahren der organisierten Silicon Valley- und New York-Reisen von Chefredakteuren und Geschäftsführern entstehen tatsächlich mal so was wie journalistische Experimente. Zum Beispiel mit Whatsapp als Nachrichten-Distribution. Die “Bild” dagegen versucht, was seit 1999 nie funktionierte: Bewegtbildnachrichten von einem Verlagshaus zu etablieren.

Doch was wollen die Leute überhaupt? Erst recht, wenn das Handy zum wichtigsten Nachrichtenlieferant wird? Und wird überhaupt tatsächlich etwas verändert oder bleibt alles gleich?

Darüber diskutierten wir in der 75. Ausgabe des Digitalen Quartetts. Unsere Gäste:

Sascha Stoltenow

Ronnie Grob, der jahrelang die Medien-Linkschau 6vor9 zusammenstellte und heute – frustriert, weil sich nichts verändert – seinen Abschied bekannt gab

Jens Schröder, Meedia-Autor und einer der Macher des Social Media-Messdienstes 10000 Flies.

Und dazu: Christiane Link, Franziska Bluhm, Daniel Fiene, Richard Gutjahr und meine Wenigkeit. Es war eine lebhafte und – wie ich finde – spannende Diskussion. Leider gab es in der Mitte für circa zwei Minuten Tonprobleme – die bitte dann überspringen.


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Einmal jährlich moderiere ich eine Digitalmarkting-Konferenz des Management Forums. Jedesmal ist diese Veranstaltung auch ein Moment, um darüber zu sinnieren, wo das digitale Marketing in Deutschland steht.

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Wieder einmal zeigt uns Google Trends sehr gut, was unter anderem gerade los ist. Denn dies sind die Entwicklungen der Suchen nach “Social Media Marketing” und “Content Marketing”:

Scheinbar untermauert diese Grafik das beliebte Vorurteil der Sau, die durch das Dorf getrieben wird, bis eine neue vorbeikommt. Erst Social Media, dann Content. Diese Kurven bilden – zumindest für mein Gefühl – sehr gut die Diskussionen in Fachmedien ab. Auch hier wird vor allem ein Thema durchdebattiert, gern mit einer Lust am Lustigmachen über scheinbare Buzzwords hinter denen angeblich nichts steckt. So entsteht dann schnell der Eindruck, ein Thema, das vor ein oder zwei Jahren debattiert wurde, habe keine Bedeutung mehr – und das neue besitze auch nur Entertainmentwert.

Ich halte das für einen großen Fehler. Denn wenn wir uns die gleichen Begriffe in Großbritannien anschauen, sehen wir keine solch eindeutigen Substitutionserscheinungen:

Und so gibt es in anderen Ländern auch ein Weiterdiskutieren über ein Thema wie Social Media, das in Germany fast schon einen Haut Gout verströmt. Diese Darstellung in Medien und auf Podien steht im Widerspruch zu dem, was uns bei kpunktnull in Unternehmen begegnet. Dort ist Social Media nicht verschwunden, untergegangen oder weniger wichtiger geworden – im Gegenteil: Social Media ist Teil eines größeren Digital-Marketing Biotops, das an einem spannenden Punkt angekommen ist. Denn das Online Marketing erreicht ein neues Stadium des Erwachsenwerden – und wird damit verbunden teurer.

Hier also mal ein paar Punkte, die sich aus meiner Sicht derzeit abzeichnen: [click to continue…]

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One does not simply criticise Krautreporter

by Thomas Knüwer on 19. Juni 2015

Von wem stammen die folgenden Sätze?

“Mittlerweile haben wir rund 3.000 Mitgliedschaften zusätzlich verkauft. Das ist ein ordentlicher Umsatz, den in Deutschland nicht viele mit Online-Journalismus machen.”

“Man muss zwischen dem Branchentalk, also dem was in den Twitter-Filterbubbles debattiert wird, und dem, was tatsächlich passiert unterscheiden. Die 18.000 Menschen, die uns unterstützen, kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen und sind in der Masse nicht die, die sich in den sozialen Netzwerken beschweren.”

Wer sich eingehender mit Medien beschäftigt, kennt den Duktus und die Argumentation – von Print-Verlagen, die mit aller Macht Paid Content durchsetzen wollen. Und wenn dann jemand einwirft, dass es schwer werden könnte, darüber ein Angebot zu finanzieren, oder wer die Qualität des Dargebotenen kritisiert, der muss sich vorwerfen lassen zu einer ominösen Gemeinde oder Filterblase zu gehören.

krautreporter

Nur: In diesem Fall kommen die Aussagen aus einer ganz anderen, eigentlich deutlich digitaleren Richtung: Krautreporter-Geschäftsführer Sebastian Esser und -Chefredakteur Alexander von Streit. Sie gaben dem Branchendienst Meedia ein Interview, das so derart an Erbrechtmedienhäuser erinnert, dass es den Leser gruselt – gleichzeitig aber eines der größten Probleme der Krautreporter offenlegt.

In den vergangenen Monaten hatte ich immer wieder mal Anlauf genommen, etwas über das crowdgefundete Journalismusprojekt zu schreiben. Jedes Mal aber nahm ich wieder Abstand, weil irgendwo irgendwer wieder einwarf, dass die Krautreporter doch Welpenschutz genössen, sich erst finden müssten, noch immer am Anfang stehen.

Doch wie lang soll dieser Anfang dauern? [click to continue…]

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Schwurbeln für Heiko Maas

by Thomas Knüwer on 8. Juni 2015

Wie soll man das nennen, was da vor der Bundespressekonferenz ablief?

Desaster? Dilettantismus? Irrsinn?

Was die Sprecher der Bundesregierung ablieferten, war eine Beleidigung der Intelligenz der anwesenden Journalisten. Dabei muss man natürlich wissen, dass Justizminister Heiko Maas jüngst demonstriert hat, dass Standhaftigkeit nicht seine Kernkompetenz ist. Noch im Dezember hatte er verkündet, dass eine massenhafte Überwachung der Bevölkerung in Form der Vorratsdatenspeicherung mit ihm nicht zu machen sei. Fünf Monate später bejubelt er eine nur marginal veränderte Lösung als Erfolg. 

Genauso irrlichternd präsentieren sich die Regierungssprecher. Dank Thilo Jung dürfen wir acht Minuten Verschwurbelung von einer Art erleben, bei der in der freien Wirtschaft jede der sprechenden Personen gefeuert würde. Da sind Höchst- und Mindestspeicherfristen das gleiche, dürfen Whistleblower nicht geheime Dokumente aus Unternehmen preisgeben, jedoch keine geheimen von Geheimdiensten – trotzdem aber soll sich das Gesetz nicht gegen Personen wie Edward Snowden richten. Die Bundesdatenschutzbeauftragte lehnt das Gesetz zwar ab, hat aber vier Tage lange Zeit für eine Stellungnahme gehabt. Und eine Eingabe von ihr hat – man beachte das überraschte “tatsächlich” – Eingang gefunden.

Beobachten Sie acht Minuten lang laienhaftes Schwimmen eines Ärmchen einer laienhaften Regierung, die jeden Bezug zum Grundgesetz verloren hat:


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Das Digitale Quartett #73: die Apple Watch

by Thomas Knüwer on 1. Juni 2015

Was war nicht alles diskutiert worden über die Apple Watch noch bevor sie jemand am Arm gehabt hat. Nun aber haben zumindest einige Menschen die Uhr seit einigen Wochen in Betrieb. Zeit also für die Frage: Lohnt sie sich? Was bringt sie? Was macht sie mit uns?

Dies dieskutierten wir im Digitalen Quartett, Ausgabe 73.

apple watchUnsere Gäste:

Torsten Beeck, Social Media-Chef von Spiegel Online

Thorsten Firlus, Redakteur der “Wirtschaftswoche” und Watch-Tester aus Sportlersicht

Christoph Dernbach, Tech-Chef der DPA

 

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Vielleicht hätte das Schauspiel Köln irgendwo das Wort “Experiment” verwenden sollen. In den Vorankündigungen, den Pressemitteilungen, irgendwo.

Denn mit Experimenten ist es ja so: die allermeisten scheitern. Und gescheitert ist gestern “Supernerds – ein Überwachungsabend“, den das Kölner Theater mit dem WDR und der Autorin Angela Richter konzipierte.

Die Versprechen waren groß, mutmaßlich auch hochgeschossen von beteiligten Kommunikationsabteilungen. Zitat von der Homepage des Theaters: “…interaktive TV-Sendung, 2nd screen online Auftritt und Theaterstück zugleich. Das transmediale Projekt macht deutlich, was Observierung wirklich bedeutet. Den perfekten Einstieg bietet für alle, die am eigenen Leib spüren wollen, wie sich das anfühlt, das Suddenlife Gaming.” Schon in diesem Text verschwurbelt sich das Projekt, wie es sich dann auch im Saal verschwurbeln würde, denn tatsächlich sollte es doch wohl nicht darum gehen, weniger digital unterwegs Seienden einen Eindruck davon zu vermitteln, wie sich Suddenlife Gaming anfühlt – sondern wie es ist, überwacht zu werden.

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Gestern Abend, bei der Premiere, gab es gleich drei Versionen dieses Abends. Einerseits das, was man Theaterstück nennen könnte und vollständig nur für die Zuschauer im Saal zu sehen war (zu denen ich zählte), andererseits eine Sendung im WDR-Fernsehen, moderiert von Bettina Böttinger und Richard Gutjahr, andererseits eine Hörfunk-Übertragung auf WDR3. Das Interesse war zumindest auf Twitter sehr, sehr groß. Weshalb einige Wechselwirkungen zwischen TV-Sendung und Schauspiel nicht recht funktionieren wollten – die Server brachen zusammen.

Das wäre noch zu verkraften gewesen. Doch war es diese mediale Überfrachtung, die “Supernerds” so schwierig machte. Das Theaterstück lehnt sich an eine Richtung an, die von Kathrin Röggla populär gemacht wurde: Aus Interviews mit Personen einer spezifischen Gruppe kondensiert sie Zitate, die zu einer groben Handlung werden. Das klingt furchtbar verkopft, ist aber spannend und realitätsnah. Ihr Stück “Wir schlafen nicht” gehört zum spannendsten, was ich je im Theater gesehen habe.

Auch “Supernerds”-Autorin Angela Richter arbeitet so. Sie traf die NSA-Whistleblower dieser Welt, von Julien Assange bis Edward Snowden. Sie kommen auf der Bühne zu Wort, umgeben von einem nicht weiter erklärten Sammelsurium aus beweglichen Figuren: Eisbär, Tünnes, Schäl, Kreuzritter, zwei riesige Bilder von Karnevalswagen mit einer Merkel- und einer Putin-Karikatur. Das verbindende Element soll “die Reisende” darstellen, das Alter Ego von Angela Richter und fantastisch gespielt von Judith Rosmair. Sie macht sich auf den Weg zu den Whistleblowern, erzählt die Atmosphäre und das Drumherum. Die Informanten-Darsteller zitieren ihre Vorbilder. Nur: Passieren tut halt nichts, weshalb verkrampft Bewegung erzeugt werden muss, mal tanzen Reisende und Interviewter, mal muss Nebel verteilt werden, dann wieder schiebt das Ensemble irgendwelche der Requisiten-Figuren durchs Bild.

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Was fehlt: Handlung. Spannung. Gegensätze. [click to continue…]

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Es ist schon bemerkenswert, wie wenig es braucht, um ein Parlament zu überzeugen. Zum Beispiel davon, dass Netzneutralität eine Gefahr darstellt. Seit Monaten rennt Digital-Kommissar Günther Oettinger umher und schwäbelt nach, was ihm anscheinend die Telekom-Konzerne ins Poesiealbum geschrieben haben: dass selbstfahrende Autos verunglücken und Kranke sterben, würden alle Daten gleich behandelt.

Es braucht nur zwei Minuten des Nachdenkens, also, wenn man ein langsamer Denker ist, um zu erkennen, dass dies Unfug ist. Selbstfahrende Autos könnten dann ja zum Beispiel in Tunneln nicht funktionieren. Und glaubt wirklich jemand, dass Fernoperationen über handelsübliche Internetleitungen abgewickelt werden?

Und ganz nebenbei: Der Verlust von Netzneutralität wird das Internet teurer machen – und zwar gerade für jene Institutionen, die Sonderrechte bekommen sollen. Zum Beispiel Arztpraxen. Schon heute ist das Internet in Deutschland mit am teuersten in Europa:

Wenn sie viereinhalb Minuten Zeit haben, schauen Sie sich bitte dieses hervorragende Video an und spätestens dann realisieren Sie, für wie dumm Günther Oettinger Sie verkaufen will – oder wie blöd er selbst ist:


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Das widerliche “Westfalen-Blatt”

by Thomas Knüwer on 19. Mai 2015

Und dann ist man sprachlos. Weil es in Deutschland anno 2015 noch so einen homophoben Kackscheiß wie das “Westfalen-Blatt” gibt, das Lokalblättchen für Bielefeld.

Auf der Facebook-Seite der Zeitung rauschen derweil die negativen Kommentare rein – natürlich ohne Stellungnahme der Redaktion. Die vergräbt sich und hofft, dass es bald vorbei ist. Weder bezieht man Stellung pro der freien Mitarbeiterin, die diesen Mist verzapft hat, noch entschuldigt man sich. Von den Chefredakteuren Ulrich Windolph und Andre Best (weiß jemand, ob es ein Zufall ist, dass einer der Geschäftsführer den gleichen Nachnamen hat?) – kein Wort.

Man darf das feige finden.

Nachtrag: Inzwischen gibt es eine Stellungnahme des Verlags – besser wird die Sache dadurch aber nicht.

“Sollte die Einschätzung der Diplom-Psychologin Barbara Eggert Ihre Gefühle verletzt haben, so bedauern wir das außerordentlich. Wir bitten dafür ausdrücklich um Entschuldigung und versichern, dass uns nichts ferner lag als das. Wir haben Verständnis dafür, wenn beim Lesen insbesondere der kurzen Fassung der Kolumne »Guter Rat am Sonntag« der Verdacht der Homophobie entstehen konnte. Das WESTFALEN-BLATT weist aber zugleich den Vorwurf zurück, der Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit das Wort reden zu wollen. 

Sehr selbstkritisch müssen wir einräumen, dass in der Kolumne so formuliert wird, dass der Text Kritik geradezu herausfordert. Das ist unzweifelhaft eine gravierende journalistische Fehlleistung, die die Redaktion in vollem Umfang zu verantworten hat. Wenn die Rede davon ist, dass die Kinder »verwirrt werden« könnten, dann fehlt zwingend die Erklärung, woraus dies resultieren könnte – nämlich nicht aus dem Besuch einer Hochzeit zweier Männer an sich, sondern dadurch, dass den beiden Töchtern des Ratsuchenden bisher jegliche Aufklärung über Homosexualität fehlt. 

Diese Entscheidung der Eltern ist sicher für sich genommen diskussionswürdig. Wir halten sie mit Blick auf das Alter der Töchter – die Mädchen sind acht und sechs Jahre alt – allerdings durchaus für legitim. Selbstredend kann das jeder Erziehungsverantwortliche für sich selbst und seine Schutzbefohlenen natürlich anders sehen und handhaben. Diese Eltern aber haben für sich so entschieden, und auf dieser Entscheidung wiederum fußt der Rat unserer Autorin.

Barbara Eggert erklärt persönlich: »Hier geht es nicht um meine Weltanschauung oder einen gesellschaftlichen Konflikt, sondern um ein ganz privates, nicht repräsentatives Problem eines verunsicherten Vaters. Ich habe ihm geschrieben, dass seine Kinder vielleicht nicht liberal genug erzogen wurden und ihm geraten, ein offenes Gespräch mit seinem Bruder zu suchen, um seinen Standpunkt zu erklären. Ich bin der Meinung, dass man alle Menschen ernst nehmen und respektieren muss, auch die, und gerade die, die anders denken als man selbst, alles andere würde mir intolerant erscheinen.«

Geradezu absurd ist vor diesem Hintergrund der Verdacht, das WESTFALEN-BLATT empfehle »Kinder von Homosexuellen fernzuhalten«. Dem widerspricht schon das geschilderte Ausgangsszenario seitens des Familienvaters, wonach seine beiden Töchter in gutem Kontakt zu ihrem Onkel stehen. Auch ging es im vorliegenden Fall um eine ganz konkrete Lebenssituation und nicht um eine generelle Handlungsempfehlung. Diese steht uns weder zu noch würden wir sie uns anmaßen.

Ulrich Windolph, Redaktionsleiter WESTFALEN-BLATT”

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Nach längerer Denkpause ist das Digitale Quartett endlich so richtig zurück (unsere Show auf der re:publica ist ja immer etwas Besonderes).

Unsere Themen waren:

1. Facebook und die Medienhäuser: Was wurde nicht heftig diskutiert in den vergangenen Tagen. Sind Facebooks Instant Articles die Kapitulation des Journalismus vor der Übermacht des Social Networks? Oder eine spannende Möglichkeit für Verlage, ihren Content neu zu vermarkten?

esc bühne

2. Eurovision Song Contest: Am kommenden Wochenende steigt der ESC in Wien. Und da unsere neue Mitstreiterin Christiane Link aus dem  Pressezentrum des ESC sendete, nutzten wir die Gelegenheit, um ein wenig über den Hype, die europäische Einigkeit und Conchita Wurst zu sprechen.

 

 

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