Unhinterfragte Lemminge

by Thomas Knüwer on 8. Juli 2014

Kürzlich sprach ich mit einem hochrangigen Mitarbeiter eines bekannten Verlages. Irgendwann ging es um die Lage der Branche und um Paid Content. “Früher haben die Leute ja auch für die Artikel in der Zeitung bezahlt”, wiederholte er, was so viele in dieser Industrie behaupten.

Ich widersprachfragte: “Und was, wenn nicht? Was, wenn sie nicht für die Artikel bezahlt haben sondern für die Dienstleistung, einen Nachrichtenüberblick und einige Reportagen auf Papier zu drucken und ihnen dieses an jedem Morgen vor die Haustür zu legen? Was dann?”

“Tja”, meine mein Gesprächspartner und wechselte das Thema.

shutterstock lemminge

In der Juni-Ausgabe der britischen “Wired” erschien zu genau dieser Situation ein sehr lesenswerter Artikel. Geschrieben hat ihn der Journalist Warren Berger, der jüngst das Buch “A More Beautiful Question” veröffentlichte. In diesem stellt er die These auf, dass Unternehmen verlernt hätten, sich selbst kritische Fragen zu stellen und somit auch, sich selbst zu hinterfragen. Berger schreibt in dem “Wired”-Artikel:

“Startups have always had to ask tough questions about their reason for being: Why does the world need another company? Why should anyone care about us? How in the world are we going to break through? That’s truer than ever in a market now crowded with newcomers.

But established companies in old-line industries may need questioning even more. Many of them are dealing with new threats and volatile changes that are suddenly calling into question why they’re needed, what they do and how they do it.”

Dabei geht es ihm um grundlegende Fragen: Was ist die Existenzgrundlage eines Unternehmens? Was ist das Kerngeschäft? Auch sollten sich Unternehmen fragen, was ein Konkurrent wohl tun würde, wenn es das bewusste Unternehmen vom Markt fegen wollte.

Und weiter:

“In fact, the consultant Jack Bergstrand of Brand Velocity thinks one of the most important questions companies should regularly ask is, “What should we stop doing?” There’s a natural tendency for company leaders to focus on what they should start doing, but coming to terms with what you’re willing to eliminate is always harder. Yet if you can’t answer that question, Bergstrand maintains, “it lessens your chances of being successful at what you want to do next — because you’ll be sucking up resources doing what’s no longer needed and taking those resources away from what should be a priority”. Moreover, if you can’t figure out what you should stop doing, it might be an early warning sign that you don’t know what your strategy is.

Bergstrand explains that it’s difficult for most companies to stop doing things — especially putting an end to programmes or products that were once successful — because “we don’t like to kill our babies”.”

Diese Unfähigkeit, Grundsätzliches zu hinterfragen, ist in der Verlagsindustrie in diesen Tagen ganz wunderbar zu beobachten. Nehmen wir nur die derzeit wieder in Mode befindliche Behauptung, es sei der Kardinalfehler der Verlage gewesen, jemals journalistische Inhalte ohne Bezahlung ins Netz zu stellen. Jüngst erst behauptete dies Handelsblatt-Geschäftsführer Gabor Steingart in einem wütenden Pamphlet für die “Frankfurter Allgemeine Zeitung”.

Glaubt das wirklich jemand, der um die Jahrtausendwende mit Medien befasst war?

Zum einen haben Verlage ja genau das versucht und sind gescheitert, nachzulesen auch hier. Wichtiger aber: Ein solches Vorgehen hätte ihnen erheblich schneller wirtschaftliche Probleme bereitet.

Nehmen wir einfach mal an, all jene journalistischen Inhalte wären nur gegen Abo zu bekommen gewesen. Und versetzen wir uns dann in den Kopf eines gründungswilligen und angriffslustigen Menschen. Was würde er tun, um die Verlage wegzutitschen? Genau: Er berichtet über ihre Berichterstattung und refinanziert dies über Werbung. Folge: Die Verlage hätten ihren Onlinewerbekunden keine großartigen Reichweiten bieten können. Denn Bezahlsysteme waren damals archaisch und die Angst vor Betrug groß. Also zahlten die Leser einfach nicht. Ein Nachrichtengaggregator hätte sofort substanzielle Reichweiten erzielt und gleichzeitig ordentliche Werbeeinnahmen. Ergebnis: Die Verlage hätten in der digitalen Gesellschaft keine Bedeutung gehabt.

Ein anderer unhinterfragter Mythos ist das Riepl’sche Gesetz, nach dem kein Medium in der Geschichte ein anderes abgelöst haben soll. Warum ich dies für Unfug halte, habe ich vor längerer Zeit schon einmal geschrieben.

In dieser Woche begegnete mir ein weiterer Verlagsvertretersatz, der einfach so unhinterfragt dahergeschrieben und -gesagt wird: “Unsere journalistischen Inhalte haben einen Wert (und deshalb einen Preis).” 

Geschrieben hat das Michael Bröcker, seit einiger Zeit Chefredakteur der “Rheinischen Post”, nachzulesen bei Daniel Fiene. Ob sich Bröcker als Chef einer konservativen Zeitung klar darüber ist, dass er hier einer marxistischen Haltung Ausdruck verleiht? Denn die Vorstellung, dass ein Gegenstand einen Wert hat, der sich aus dem mit seiner Produktion verbundenen Aufwände ergibt, stammt aus der Arbeitswerttheorie. Die ist hoch umstritten, jedoch unter Marxisten sehr beliebt.

In meinem Studium wurde mir eher vermittelt, dass ein Wert eine sehr subjektive Größe ist und sich maßgeblich von der objektiven Messgröße “Preis” unterscheidet. Beispiel: Auf meinem Schreibtisch findet sich eine Art Kartenhalter. In dem steckt ein Mannschaftsfoto des SC Preußen Münster aus der Saison 1988/89 sowie meine Eintrittskarte für das entscheidende Aufstiegsspiel zur Zweiten Liga in jenem Jahr. Der Preis, den ich bei Ebay für diese Devotionalien erhalten könnte, ist extrem gering – der Wert, den diese Erinnerung an einen der wundervollsten Tage meines Fußball-Fan-Lebens hat, ist für mich jedoch hoch.

Wenn Bröcker also vom Wert journalistischer Arbeit schreibt, stellt sich die Frage: für wen? Und entspricht dieser dem aufgerufenen Preis? Ist für die Leser das Produkt, das sie erwerben – also die gedruckte Zeitung oder ein digitales Abo – genauso Wert-voll wie für das Medienhaus? Tatsächlich spiegelt der individuelle Wert, den ein journalistischer Inhalt für den Leser hat, nicht den Preis sondern die Preisbereitschaft wider. Und die kann sich massiv vom Preis unterscheiden, den ein Verlagskonzern für alle gleich oktruiert. Könnte es nicht sogar sein, dass der Zwang zu einem Bündelprodukt wie einer Zeitung die Preisbereitschaft senkt? Schließlich haben Leser bekanntermaßen das Gefühl Inhalte zu erwerben, die sie nicht brauchen. Auch dies wissen wir seit der Jahrtausendwende, als Leser die durch Anzeigen massiv aufgeblasenen Print-Produkte nicht mehr bewältigen konnten und sich über deren Volumen bei Verlagen beschwerten.

Diese Beispiele zeigen: Die Verlagsindustrie neigt zu einfachen Lösungen und hat eine Abneigung dagegen, sich selbst zu hinterfragen. Das ist nicht neu. So mochten sie 2001 nicht hören, als die renommierte Analystin Patricia Lühr in Sachen Paid Content sagte: “Die Idee, dass Kunden zahlen, ohne dass sich das Angebot ändert, wird nicht funktionieren.” 

Womit wir wieder bei der Frage von oben wären. Was, wenn die Menschen noch nie in der Neuzeit für die Inhalte einer Zeitung oder Zeitschrift gezahlt hätten – sondern für die Dienstleistung der Nachrichtenaggregation und der physischen Produktion?

Dann…. würden gerade all die Verlage, die auf Paid Content setzen in die falsche Richtung rennen. Eine zu umgehende Metered Paywall wäre vielleicht noch hinnehmbar. Ein Extremmodell wie bei der “Braunschweiger Zeitung”, bei der kein einziger Artikel mehr frei zu haben ist, wäre jedoch die schnelle Strangulation des Geschäftsmodells. Und das Leistungsschutzrecht macht die Nachfolgedienstleistung des Nachrichtenaufzeitungspapierdruckens, nämlich die Aggregation, unmöglich.

Wenn dem so wäre, dann erleben wir derzeit das letzte große Rennen der Lemminge. Unhinterfragt.

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Das Digitale Quartett #65: die digitale WM

by Thomas Knüwer on 30. Juni 2014

Am Fußball hängt, zum Fußball drängt doch alles. Auch das Digitale #Quartett gestern mit einer Sendung zur Digitalität der Weltmeisterschaft in Brasilien.

shutterstock_201466115 wm fußball brasilien neymarAGIF / Shutterstock.com

Und wieder einmal zeigte sich, wie toll Google Hangouts sind. Denn Florian Voß, weltreisender Videoblogger für die “Westfälischen Nachrichten”, schaltete sich live aus dem Stadion in Porto Alegre zu, in dem Deutschland später gegen Algerien spielte. Möglich war dies, weil in Brasilien einige Stadien bereits komplett Wlan-versorgt sind. Und er erzählte, wie Fans vor Ort das Turnier und den Sponsorenzirkus erleben.

David Nienhaus, Sportredakteur beim Online-Angebot der Funke-Gruppe und auf Twitter bekannt als Ruhrpoet, brachte seine Erfahrungen mit Social Media im Fußball ein, während  Klaas Reese, freier Hörfunkjournalist und einer der Macher des herausragenden Schiedsrichter-Podcast Collinas Erben, Einwürfe über die Kommerzialisierung des Sports einbrachte.

Kurz: Es war eine unterhaltsame Runde, bei der das Nachgucken lohnt.


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In den kleinen Dingen, den unbewussten, manifestiert sich das größere Gedankenkonstrukt dahinter – diese These habe ich hier bereits mehrfach vertreten.

Gestern gab es wieder mal so ein eigentlich kleines Ding, das ein Licht auf die Probleme des verlagsgetriebenen Journalismus wirft. Die “Augsburger Allgemeine” reichte auf Twitter das Bild eines deutlich übergewichtigen Einlaufkindes bei der Fußball-WM weiter mit den Worten “Falls jemand einen Ball vermisst”. Kein lapidar hingeschmissener Kommentar, denn das Bild musste erst vom Fernseher abfotografiert

Dieses Sich-Lustig-Machen über eine übergewichtige Person wäre schon fragwürdig, handelte es sich um einen Erwachsenen. Aber ein Kind? In Zeiten, da in Deutschland so viel über Cybermobbing geschrieben wird? Vielleicht könnte man von einer Redaktion auch erwarten, dass sie den Fall von “Star Wars Kid” kennt, einem Teenager, der sich selbst als Laserschwertkämpfer filmte und dafür im Web verulkt wurde, was eine psychatrische Behandlung nötig machte. Wer im Rahmen einer Redaktion solch einen Tweet schreibt, sollte seine moralische Grundhaltung hinterfragen.

Sofort gab es reichlich Gegenwind für diesen Tweet, was die Redaktion zunächst abtat mit einem verschmitzten Hinweis, dieser Tweet werde wohl als provokant wahrgenommen. Erst geraume Zeit später (ich glaube es war eine Stunde, kann das aber nicht belegen) folgte eine Entschuldigung, bis zur Löschung des dahinter liegenden Twitpics brauchte es weitere Zeit.

Mit solch einer Entschuldigung ist die Sache gegessen. Eigentlich. Gelöscht war das Bild bei Twitpic aber immer noch nicht, wie man den Kommentaren unter dem Post auch entnehmen kann. Nun meinte die “Augsburger Allgemeine” auch noch mit einem Blogpost nachlegen zu müssen. Und der demonstriert, dass man in Augsburg weiterhin nicht recht zu verstehen scheint, was passiert ist und warum es so viel Ärger gibt. Lang und breit wird geschildert, was für heftige Reaktionen es gab. 2366 Zeichen werden darauf verwendet. Erst dann kommt das Eingeständnis:

“Tatsache ist: Man macht keine Witze über Menschen, die sich nicht wehren können. Insofern hätte das Posting niemals erfolgen dürfen. Es war ein Fehler, ja. Der Kollege erkannte das sehr schnell selbst. Er entschuldigte sich dafür. Mehrfach.”

Statt nun aber Einsicht walten zu lassen, macht die “Augsburger Allgemeine” in aus der PR bestens bekannter Manier die Aufgeregten zu den Bösen:

“Doch selbst aufrichtige Entschuldigungen nützen nichts, wenn die Empörungswelle im Internet erst einmal rollt. Das ist bekannt. Und daher auch in diesem Fall nicht ungewöhnlich. Das ist uns durchaus bewusst.

Der Shitstorm wird noch einige Stunden, vielleicht sogar Tage weitergehen. Dann wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben.

Wir haben unsere Lektion gelernt. Wir werden Postings in den sozialen Netzwerken noch kritischer als bisher prüfen vor dem Abschicken. Den verunglückten Beitrag haben wir gelöscht. Diejenigen, die ihn geteilt und retweetet haben, vermutlich nicht. Das liegt nicht mehr in unserer Hand. Leider.”

Tja, so ganz stimmt das natürlich nicht. Denn als die “AA” ihr Twitpic löschte, war dieses in Kombination mit dem Kommentar nur noch bei jenen Social-Web-Nutzern erreichbar, die einen Screenshot gemacht hatten.

Diese Unaufrichtigkeit beobachten auch andere. Unter einem Facebook-Post von Andreas Kemper (Chefredakteur Digitale Medien bei der “Main Post”) schrieb zum Beispiel Stefanie Söhnchen:

“Ich finde den Ton des Posts überhaupt nicht beeindruckend. Eine Entschuldigung, durch die sich die gesamte Zeit ein “Jetzt regt euch mal nicht so auf” zieht hat einen miesen Beigeschmack und zeugt – meiner Meinung nach – von dem Missverständnis mit dem viele Printjournalisten immer noch Online-Medien, ihrem Wert und ihrer Funktionsweise gegenüber stehen. Genau diese Einstellung hängt auch mit dem “wenn das einer zuhause gesagt hätte, hätte es keinen aufgeregt” zusammen – es ist unglaublich, dass das hier als Argument, warum es nicht Shitstorm-wert war angeführt wird. Den Post hätten sie sich gern sparen dürfen – denn ehrlich gemeint kommt er mir nicht.”

Am Bemerkenswertesten aber der ehrliche Einblick von Ralf Freitag (Bereichsleiter Medien und Kommunikation der “Lippischen Landeszeitung”):

“Der Vorfall deckt ein riesiges Problem unserer Branche auf. Das abendliche und morgendliche Posten in den sozialen Netzen überlassen die meisten Redaktionen zumeist jungen und freien Mitarbeitern. Und auch tagsüber wird in vielen Redaktionen nicht ein Post von anderen Kollegen, geschweige denn Lokal- oder Ressortchefs gegengelesen. Der Grund ist banal: unsere Produktionsstruktur ist bei allen Integrationsbemühungen auf Print ausgelegt. Online bleibt ein Zusatz, der mal mehr, mal weniger mit Personal unterfüttert ist. Dass es mir der Augsburger Allgemeinen noch eine Redaktion “erwischte”, die Online vergleichsweise gut aufgestellt ist, macht das Fragezeichen hinter das, was wir täglich mit geschlossenen Augen zulassen, nur noch fragwürdiger.”

Genau dieses Hinterfragen des eigenen Tuns findet derzeit zu selten in deutschen Redaktionen statt. Stattdessen wird jeder, der ein journalistisches Erzeugnis kritisiert als Print-Tot-Redner ohne Hirn dargestellt. Man darf zweifeln, ob dies die richtige Herangehensweise in einer Zeit ist, da die Auflagen der Printobjekte im freien Fall sind, die Bilanzen Richtung rot schwenken und Redaktionen zwischen Personalabbau Tarifflucht pendeln.

Übrigens: Vor zwei Wochen schrieb die “Augsburger Allgemeine” einen Bericht über die massive Kritik an ZDF-Kommentator Bela Rethy im Social Web. Unter anderem war dort zu lesen:

“Beim Spiel der Brasilianer gegen Kroatien schienen sich jedenfalls viele, sehr viele Nutzer darauf verständigt zu haben, jetzt mal das Spiel Spiel sein zu lassen und lieber auf jede Betonung des Reporters zu achten und bei Missfallen einen Tweet ins Smartphone zu tippen.

Davor wurde die schwarzgerahmte, dick bebügelte Brille abgesetzt, ein letzter Schluck aus der Bionade (Ingwer-Orange) genommen und die von den aus England importierten Vinegar-Chips angefetteten Finger an der Kunstleder-Couch abgeschmiert. Und dann möge die virtuelle Steinigung erfolgen…

Gehaltvolles? Fehlanzeige. Hat erstmal einer angefangen, einen Stein zu werfen, folgen ihm unweigerlich andere.

Das sagt mehr über die Zuschauer als über den Kommentator aus. Denn was ist das bitte für eine Art, ein Fußballspiel zu rezipieren?..

Denn wie soll das nun eigentlich gehen? Spiel schauen. Kommentator zuhören. Gehörtes verarbeiten. Kritik formulieren. Reflektieren. Ins Handy schauen. Kritik niederschreiben. Anderen Kritiken lesen. Spiel schauen. Das ganze von vorne. Und dann aber am besten noch glauben, anschließend eine fundierte Analyse des Spiels abliefern zu können.

Schaltet doch bitte einfach ein paar Gänge runter. Der Fußball steht im Mittelpunkt. Nicht eure Twitter-Onanie.”

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Zu den beliebtesten Vorurteilen der Skeptiker des digitalen Marketing gehört die Behauptung, es ließen sich keine Erfolgsfaktoren (Key Performance Indicators oder KPI, wie der Niederrheiner sagt) definieren.

Das ist natürlich nicht so. Im Gegenteil. Im Extremfall kann man sich selbst überhäufen, überschütten, totwerfen mit KPI. Am einfachsten ist dies im Bereich der Reichweiten medialer Inhalte, aus denen sich Tausender-Kontakt-Preise analog zu Werbeschaltungen in Medien definieren lassen.

Die Königsdisziplin ist die Umwandlung von Reichweiten in Umsätze. Das ist möglich, doch muss ein Unternehmen natürlich die entsprechenden Wege auf der Reise des Verbrauchers (Westmünstländer sagen Customer Journey dazu) ebnen. Zum Beispiel könnte ein Modehersteller ein Blog starten, in dem er seine handwerklichen Fähigkeiten und die Qualität seiner Stoffe lobt. Die Artikel dieses Blogs werden dann verlinkt im Kundennewsletter, der im besseren Fall auch noch individualisiert für die Bedürfnisse des einzelnen Konsumenten arrangiert wird. Klickt der Empfänger auf den Link in der Mail öffnet sich der Blog-Artikel. Der Verbraucher liest, begeistert sich und klickt am Ende auf den Link, der ihn auf passende Produkte zum Blog-Thema verweist. Euphorisiert vom großartigen Text kauft er spontan ein.

So die Theorie. Womit wir bei Derek Rose wären, einem englischen Traditionshersteller von Unter- und Nachtwäsche von ganz wundervoller Qualität (Sie ahnen: Ich bin Abonnent des Newsletters).

Ich weiß nicht, ob es dort ein Zusammenspiel zwischen einer textliefernden Agentur und der internen IT gibt. Oder ob die Presseabteilung jenen blogartigen Bereich der Homepage mitbetreut. Was ich aber weiß: Derek Rose demonstriert, wie man eine grundsätzlich gute Idee in den Sand setzt.

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Der jüngste Newsletter verweist seine Leser auf einen Text über einen Stoff namens Amalfi, den das Unternehmen seit den 80ern verwendet und der im Sommer angenehme, klimatische Eigenschaften entwickeln soll. Dieser Text lässt mich auch ahnen, dass die Seite von einer Agentur betreut wird. Denn einerseits ist er sehr kurz und wenig in die Tiefe gehend, andererseits wird behauptet, man habe mit Mr. Derek Rose selbst gesprochen – doch ein Zitat gibt es nicht. Im Vorspann sind einzelne Produkte verlinkt, doch wer klickt schon in der dritten Zeile eines Textes auf irgendetwas?

Der Artikel endet mit dem Hinweis: “Shop Amalfi products here”.

Sie ahnen, was kommt?

Genau. Das:

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Und bitte glauben Sie nicht, dass sei jetzt ein einzelner Patzer. Der Artikel zuvor, zum Thema Leinen, bietet folgende Produkte:

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Natürlich hat Derek Rose die entsprechenden Produkte im Angebot (sie sind ja ganz oben verlinkt, da, wo keiner klickt). Nur funktioniert die Suchfunktion der Site nicht – sie findet überhaupt kein einziges Stichwort. Das aber hat wahrscheinlich seit dem letzten Relaunch niemand kontrolliert. Vielleicht wurde es überhaupt noch nie überprüft, denn im Test für eine neue Webseite konzentrieren sich Kunden aus unserer Erfahrung vor allem auf die Optik und weniger auf die Funktionalität.

So verschickt also Derek Rose wunderschön gestaltete Newsletter an jene, die ohnehin schon eine Bindung zur Marke haben. Die lesen einen Artikel, wollen kaufen – und fühlen sich veralbert. Das macht der Nutzer vielleicht einmal mit, beim zweiten Mal aber wird er sich merken, künftig nicht mehr zu klicken – und bestellt den Newsletter ab. Während die Geschäftsführung dann behaupten wird, dass all dieses Digitalzeugs ja nicht für Umsätze sorge.

Eine Geschichte aus dem Alltag des digitalen Marketing.

Nachtrag: Tja, kaum bloggt man drüber…


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Eventuell, vielleicht, bestimmt….

by Thomas Knüwer on 14. Juni 2014

… ist hier jetzt eine kleine Urlaubspause. Ab 23.6. geht es weiter. Bis dahin:


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Kleiner Sendungshinweis:

grumpy catMorgen um 9:20 bin ich zu Gast bei der WDR5-Talkshow “Funkhaus Wallrafplatz”. Mit Sebastian Matthes, Chefredakteur der Huffington Post Deutschland, diskutiere ich über emotionale Web-Phänomene wie Heftig.co Katzencontent und was all das für den Journalismus bedeutet.

Sie, liebe Leserinnen und Leser, können anrufen und werden in die Sendung geschaltet. Ich würde mich freuen, wenn viele das tun, damit wir eine spannende Sendung bekommen.

Alle Informationen finden Sie unter diesem Link. 

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Die größte Angst der Jugend von heute

by Thomas Knüwer on 12. Juni 2014


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In der vergangenen Woche hat der Berliner Konzertveranstalter Dirk Becker seinen Namen häufiger in den Medien gefunden, als ihm lieb sein konnte. Dank des Blogs der Ticketplattform Ticcats landete das unseriöse Agieren Beckers rund um das abgesagte Konzert von Prince in Berlin den Weg in die Massenmedien (und wie so häufig bliebe das Blog als Rechercheanstoß gerne mal unerwähnt).

Anscheinend ist die Veranstalterbranche nicht lernfähig. Denn gestern Abend war ich beim nächsten Großkonzert, das sich ein Shitstörmchen einfing: Udo Lindenbergs erstes Stadionkonzert in der Düsseldorfer Esprit-Arena.

Was dort passierte, wäre früher vielleicht eine kleine Erwähnung in der Konzertkritik wert gewesen – heute wird es via Social Media noch vor dem ersten Song zur Meldung. Befeuert noch dazu von einem Veranstalter, der digital ebenso wenig kompetent ist, wie die Kommunikationsabteilung der Esprit-Arena selbst und ein wenig von einem Veranstaltungsort, der nur so tut, als sei er an der Kommunikation mit seinen Kunden interessiert.

lindenberg(Draußen vor der Esprit-Arena, während drinnen die Vorgruppe spielte)

Die Fakten: Lindenbergs Konzert war auf den Karten und sämtlicher Kommunikation mit dem Starttermin 18 Uhr angegeben worden. Einlass: 16 Uhr. Das ist für ein Open Air-Konzert natürlich schon mal merkwürdig, einigermaßen erfahrene Konzertgänger ahnen aber schon: Da steht ein ausgedehntes Vorprogramm an.

Einige Tage vor dem Termin wurde der Beginn auf der Homepage der Arena mit 18:30 angegeben. Diese Information ist gestern Nacht noch von der Seite gelöscht worden (und über Löschungen werden wir noch sprechen). Das Ende wurde für 23:30 prognostiziert, was wieder auf mehr als einen “Supporting Act” schließen ließ.

Wer dieses aber sein könnte, darüber schwiegen Veranstalter und Arena – und dies war der Kardinalfehler, der die Welle ins Rollen bringen sollte.

Denn im Vorfeld wurde reichlich Medienarbeit betrieben, Lindenbergs Management warf sich mit voller Wucht in dieses Social Web, von dem alle immer reden. Dabei versuchte man den Hashtag #panikparty zu etablieren. Und tatsächlich funktionierte die Facebook-Seite Lindenbergs gut: In den drei Tagen vor dem Konzert stieg die Zahl der Likes auf Postings auf 2.000 bis 4.000 pro Tag, die Zahl der Kommentare auf 100 bis 300. Fragen nach den Vorbands blieben allerdings unbeantwortet, während vor allem die “Bild” über prominente Gäste wie Otto Waalkes, Max Herre und Peter Maffay spekulierte. So entstand der Eindruck: Aus diesem Kreis könne sich auch das Vorprogramm zusammensetzen.

Ich fragte auf der Facebook-Seite der Esprit Arena am Freitag, ob sie Informationen habe. Antwort: “Wir haben etwas mit ein paar Infos gepostet – die Infos dort helfen ein bisschen weiter…  Auf Wunsch von Udo sollen wir aber jetzt noch nicht viel mehr verraten – nur so viel: das Vorprogramm lohnt sich !”

Jene Infos nannten die dürren Zeitangaben und verlinkten auf jenen “Bild”-Artikel mit den prominenten Namen. Die Arena selbst ergänzte: “Es wird tolle Gäste geben – schaut einfach mal in den Artikel, den wir hier geteilt haben.”

Um 18:30 betrat ein Vertreter des Veranstalters die Bühne. Er begrüßte das Publikum im Namen von Balou Entertainment, einem bekannten Namen in der Konzertindustrie. Es handelt sich um die Firma des Kölners Roland Temme. Auf den Karten war jedoch ein Veranstalter namens (lustig angesichts der Geschehnisse) Think Big angegeben. Dabei handelt es sich um eine weitere Firma Temmes, die im Gegensatz zur homepagefreien Balou eine unfertige Homepage hat. Seriöses Auftreten sieht für mich anders aus, aber das ist vielleicht Geschmackssache.

Unter dem gellenden Pfeifkonzert des Publikums verkündete jener Mitarbeiter von Roland Temme, das Vorprogramm beginne um 19:15, Lindenberg starte um 21 Uhr. Das Vorpogramm sei dabei eine Band namens (wenn ich es richtig verstanden habe) Midnight Ramblers, bei der einzelne Mitglieder von Lindenbergs Panikorchester mitwirkten.

Da standen also die Harcore-Fans seit über zwei Stunden in der – noch dazu geschlossenen Arena – während draußen die Sonne wütete. Denn das Wetter hatte innerhalb von 24 Stunden in Richtung Extremsommer umgeschhaltet. Und dann erfahren sie, dass es 75 Minuten später losgeht und was da losgeht, wenig bewegend sein würde.

Spätestens in diesem Moment hätte man ein weiteres Puzzle-Teil stoppen müssen: Ein oberer Streifen der Bühne sollte als Twitter-Wall genutzt werden.

Schöne Idee.

Nur: [click to continue…]

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Die putzige Weltsicht der DPA

by Thomas Knüwer on 6. Juni 2014

Manchmal sind es ja die ohne Nachdenken hingeschluderten Sätze, die das Weltbild und die Lebenswirklichkeit eines Journalisten zeigen (oder einer Journalistin, was wir im vorliegenden Fall nicht wissen).

Es geht anscheinend um die DPA, was ich daraus schließe, dass ein Artikel mit unterschiedlichem Aufbau, aber dem gleichen Satz einmal bei der “Berliner Zeitung” mit DPA-Kennung und einmal bei der “NWZ” ohne zu finden ist. Es geht um die Rolling Stones auf der Waldbühne, deren Konzern extremst schnell ausverkauft war.

stones

Wie war das wohl, in dem Moment, als die Karten weggingen. Lassen wir DPA berichten:

“Es dauerte dann auch nur acht Minuten – dann waren 22.000 Eintrittskarten weg. Und zahllose weitere Fans, die vor den Kassen seit Stunden warteten, unglücklich.”

Seit Stunden warteten die da, die Fans. Vor den Kassenhäuschen der Waldbühne. Schlimm. Noch dazu kein Wort der Anerkennung für die schnellsten Kartenverkäufer der Welt, die es schafften, 45,8 Karten zu verkaufen – pro Sekunde. Schnelle Finger, haben sie in Berlin.

Und jetzt könnte mal bitte jemand der DPA eine Internet-Leitung schenken? Und der “Berliner Zeitung” sowie der “Nordwest Zeitung” vernünftige Redaktoren?

Danke.

Nachtrag: Ein Twitter-Disput mit DPA-Mann Froben Homburger ergab, dass wohl rund 50 Menschen vor den Kassen der Waldbühne abgewiesen wurde. 50 Menschen sind für DPA zahllos. 

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Was ist Netzneutralität?

by Thomas Knüwer on 4. Juni 2014

In den USA hat der Kampf um die Netzneutralität konkretere Formen angenommen als bisher in Deutschland. Doch keine Sorge: Auch wir werden wohl noch heftiger darüber debattieren.

oliver

Gestern Nacht hat John Oliver, der Nachfolger von Jon Stewart in der Late-Night-Schiene von HBO, gezeigt, wie man jedermann die Bedeutung dieses Themas nahe bringen kann. Sein 13-Minuten-Segment ist großer, ironischer TV-Journalismus. Wer das gesehen hat, wird für jene die passende Antwort haben, die auch in Deutschland behaupten, der Wegfall von Netzneutralität sorge dafür, dass irgendetwas besser werde. Tatsächlich werden wir beispielsweise eine Verteuerung des Gesundheitswesens erleben – denn dann müssten Krankenhäuser eben teurere Datenleitungen kaufen, um digitale Patienteninformationen zu transportieren. Was auch bedeutet: Der Wegfall von Netzneutralität kann sogar Leben gefährden.

Olivers Aufruf, sich an der Stimmensammlung der Ordnungsbehörde FCC zu beteiligten zeigte Wirkung: Die Seite ging in die Knie.

Gut so.

Wenn ihnen also nochmal jemand mit diesem Unsinn kommt, sei es Telekom-Lobbyist oder CDU-Politiker, dann geben Sie ihm die gleiche Antwort, die Oliver für den Telekom-Anwalt Georgte Foote bereit hält: Bullshit!

Ganz nebenbei: Wäre schön, wenn die auch von mir geschätzte “heute Show” des ZDF, das deutsche Gegenstück zu Olivers Show, sich weniger in Fäkal-Beleidigungen ergehen und wieder mehr auf inhaltliche Recherche setzen würde. 

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