Apple Watch: Sonne, Mond und grummelige Medien

by Thomas Knüwer on 11. März 2015

“Richtig viel Revolutionäres hat das iPhone nicht zu bieten. Die Vorteile des 135 Gramm schweren Apple-Handys: Es vereinigt viele nette und einige wichtige Funktionen in einem Gerät. Es ist superschick und bietet im Vergleich zu herkömmlichen Handys eine völlige neue Handhabung. Mit einem Preis von knapp 600 Dollar für die Variante mit 8 Gigabyte Speichervolumen ist das Handy aber auch recht teuer.”
Computer-Bild 2007

“Apple hat seine Smartwatch präsentiert. Doch was taugt das neue Gadget? Nichts, sagt der ehemals Apple-Abhängige Stefan Kuzmany. Er findet die Uhr teuer, stillos und infantil.”
Spiegel Online 2015.

Manches ist so schrecklich vorhersehbar. Zum Beispiel die Reaktionen auf die Apple Watch: Sie fallen in Deutschland größtenteils negativ aus. Der Akku! Die wenigen Funktionen! Der Preis! DER PREIS!

apple watch

Wer im Jahr 2007 schon technische Themen verfolgte, erlebt ein fettes Dejà-vu. Fast deckungsgleich liest sich, was Medien damals über das iPhone schrieben. Nun sind diese Kritikpunkte ja valide. Enttäuschend ist jedoch, wie wenige jener Autoren bereit (oder in der Lage) sind, die Uhr in den Gesamtkontext von Apple einzuordnen, immerhin dem zeitweilig größten, definitiv aber aufmerksamkeitsstärksten Unternehmen der Welt.

Aus meiner Sicht machen diese Branchenbeobachter zwei Fehler: [click to continue…]

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Die englische Vokabel “to stall out” bedeutet so etwas wie “absacken”. Die US-Top-Uni Tufts wählt diese Vokabel, um eines von vier Millieus einer Studie zu bezeichnen: Jenes, mit Ländern, deren digitale Veränderungsrate sinkt.

In der “Harvard Business Review” schreiben die Studienautoren dazu: 

“The only way they (diese Ländern) can jump-start their recovery is to follow what Stand Out countries do best: redouble on innovation and continue to seek markets beyond domestic borders. Stall Out countries are also aging. Attracting talented, young immigrants can help revive innovation quickly.”

Günther OettingerZu diesen Nationen gehört: Deutschland.

Überraschen kann das nicht, eher schon, dass die Bundesrepublik immer noch so relativ gut platziert ist. Seit Jahren hauen uns Forscher Studie um Studie um die Ohren, die genau das anprangert: Deutschland spielt im digitalen Zeitalter keine Rolle.

Die Regierung um Angela Merkel interessiert das exakt überhaupt nicht. Vielmehr hat man den Eindruck, dass Merkel sich über das Thema lustig macht, wenn sie Alexander Dobrindt zum Internet-Minister und Günther Oettinger zum EU-Digitalkommissar ernennt, zwei Figuren, die sich der Postillon nicht lustiger ausdenken könnte. Leider aber ist dies kein Spiel, sondern ein ein ernsthafter Kampf um die Zukunft des Wirtschaftsstandortes.

Wie desaströs die Lage hier ist, zeigte sich am vergangenen Wochenende in einem Video, das die Piraten-EU-Abgeordnete Julia Reda hochlud:

Es zeigt Oettinger bei einer Veranstaltung des Finanzministeriums vom 5. März und wer es betrachtet, für den bekommt der Begriff “Fremdschämen” eine neue Dimension. Mit der Stringenz, mit der Edmund Stoiber einst über die Anbindung des Flughafens München sprach, schwurbelt sich Oettinger durch das Thema Netzneutralität.

Dabei ist der plakativste Moment natürlich die Bezeichnung seiner Kritiker als “Taliban”. Vielleicht sollte das Grundgesetz umgeschrieben werden. Ein Artikel Nummer müsste nämlich lauten: “Wer deutsche Politiker kritisiert ist ein Terrorist.” Wie es dann weiter geht in Sachen Bestrafung, dürfen sie selbst imaginieren.

Denn wirklich schlimm ist ja der Unfug, den Oettinger da von sich gibt. Fast hofft man, dass er einfach – maßgeblich beeinflusst von der Lobby der Telekom-Konzerne – bewusst versucht, die Öffentlichkeit zu belügen. Allein: Die Hoffnung ist gering. Viel mehr müssen wir davon ausgehen, dass er – maßgeblich beeinflusst von der Lobby der Telekom-Konzerne – komplett befreit von Wissen undurchdachten Schwachsinn dahersabbelt. Und wenn Sie glauben, diese Worte seien zu hart gewählt, dann schauen wir doch einfach mal in die Welt des kleinen Günther.

Er spricht von Autos. Und von Autosicherheitssystemen: [click to continue…]

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In dieser Woche hörte ich “Wirtschaftswoche”-Chefredakteurin Miriam Meckel zu. Sie sprach im Rahmen des Marketingclubs Düsseldorf über digitale Trends.

Big Data, Cloud Computing und die Erweiterung des menschlichen Körpers – das waren ihre 3 Top-Trends und keiner davon war in irgendeiner Form überraschend. Doch ihr Vortrag war ruhig und abwägend, Pro und Contra gegenüber stellend ohne finale Antworten geben zu wollen, unbequeme Fragen jedoch aufwerfend.

In diesem Moment wünschte ich, sie wäre “Spiegel”-Chefredakteurin geworden, denn vielleicht würde es die Medien-Seifenoper an der Hamburger Ericusspitze weniger vorhersehbar machen.

spiegel titel weltregierung

Rückblende: Im vergangenen Dezember entledigte sich die den Verlag besetzende besitzende Redaktion des ungeliebten Chefredakteurs Wolfgang Büchner. Der hatte sich erdreistet, den digitalen Wandel als oberstes Thema auf die Agenda zu setzen. Ersetzt wurde er durch einen alteingesessenen Print-Mann: Klaus Brinkbäumer.

Damals schrieb ich:

“Beim “Spiegel” aber ist es ja noch schlimmer, weil das Unternehmen den Mitarbeitern gehört. Sie haben demonstriert, dass sie  Führungspersonen, die ihre Ideen durchsetzen wollen, nicht dulden. Kein Wunder, dass niemand von außen Büchners Posten wollte.

Nun aber geht auch noch der Geschäftsführer und Geschäftsführer kennen Machtkonstellationen und -spiele viel besser als Redakteure. Der Nachfolger von Saffe, wer immer das auch sein wird, hat deshalb nur zwei Optionen: Entweder er ordnet sich vollkommen Redaktion und KG unter, was Veränderungen in Bezug auf eine Digitalisierung unmöglich machen dürfte. Passiert das, wird Spiegel Online bald eine Bezahlschranke aufziehen, und das Print-Blatt wird zu seiner alten Positionierung der Digital-Verweigerung zurückkehren…”

Natürlich ist der neue “Spiegel”-Geschäftsführer keiner von außen: Den Posten übernahm Thomas Hass, zuvor Leiter des Vertriebsmarketing – ein Gedruckt-Mann. Und damit hat künftig nur einer das Sagen: Brinkbäumer. Und der steht für den alten “Spiegel”.

Das Ergebnis sehen wir in der aktuellen Ausgabe. Die  Titelgeschichte von Thomas Schulz reiht sich mühelos ein in die technophoben Artikel der Vor-Büchner-Zeit, als Social Media für blöd, Leser mit angeblichen Fotos aus dem Internet getäuscht, Google dämonisiert wurde, das Netz in einem wirren Titelstück “gesetzlos” wurde oder – raubkopiert vom “Atlantic” – dumm machen sollte.

spiegel videospieleIm März vergangenen Jahres, unter Büchner, gab es noch einen Gegenentwurf zu dieser Digital-Hass-Haltung: Der sicher überraschte Leser erfuhr, dass Videospiele klug machen können.

Wir dürfen uns nun gewiss sein: Zu solch einer Entgleisung wird es unter Brinkbäumer nicht mehr kommen.

Bei ihm heißt es: [click to continue…]

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Mehr Rücksicht auf den Smartphone-Absatz

by Thomas Knüwer on 25. Februar 2015

“Ja, aber längst nicht alle haben ein Smartphone!”

Das ist so ein Satz, der schnell und gerne fällt, schreibt oder diskutiert man über den digitalen Standort Deutschland und kritisiert, dass die Bundesrepublik keine Rolle spielt im digitalen Zeitalter außer der des Bremsklotzes.

Diese Behauptung dient  als Rechtfertigung dafür eine auf digitale Förderung ausgerichtete Politik und ihre Maßnahmen abzulehnen. Sie impliziert, der Besitz von Smartphones sein das Privileg einer Minderheit, zumindest aber, dass eine substanzielle Menge von Bürgern sich auf Handys beschränkt die nur zum Telefonieren oder dem Spielen von “Snake” geeignet sind. Auf jene müsse man Rücksicht nehmen.

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Variationen jenes Satzes sind ebenfalls im Umlauf. Zum Beispiel “Alte Menschen sind nicht auf Facebook”, “Fernsehen über Datenleitung braucht keiner”, “Die Menschen sind doch chronisch überfordert” oder “Es gibt kaum Startups, die so viele Daten hin- und herschieben als dass eine Leitungsverteuerung als Folge einer Aufgabe der Netzneutralität ein Problem wäre”.

Diese Sätze sind Debatten-Krähenfüße. [click to continue…]

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“House of Cards” in der Sesamstraße

by Thomas Knüwer on 25. Februar 2015

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Entschuldigung, wie fantastisch ist das denn bitte?


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Jener Facebook-Post, von dem im Folgenden die Rede sein soll, war ein Versehen. Der in ihm eingepflegte Link sollte nicht auf Facebook gespielt werden. Ich habe auch keinen Grund, an dieser Behauptung zu zweifeln. Trotzdem ist dieser kleine, scheinbar unbedeutende Beitrag ein kleines Dokument der Medienwelt 2015, zeigt er doch sehr schön das Dilemma, vor dem klassische Medienhäuser in Zeiten der Digitalisierung mit dem Schwerpunkt Social Media stehen.

Jener Post, also, kam vom “Handelsblatt”. Die Wirtschaftszeitung verschiebt auf ihrer Homepage mehr und mehr ihrer Inhalte in Richtung Paid Content, wie so viele Verlage in diesen Tagen. Gleichzeitig betreibt sie aber eine Facebook-Seite mit aktuell 126.000 Likes. Damit ist sie nach einem Ranking von Statista auf Rang 6 der deutschen Zeitungen. Und praktisch jeder Redakteur betreibt inzwischen ein Twitter-Konto – häufig genug mit sehr gedämpfter Aktivität, was auf eine gewisse Zwangsverpflichtung hindeuten könnte.

Vergangene Woche also postete das “Handelsblatt” dies:

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Sie sehen es schon beim ersten Kommentar: Die Reportage über Jägermeister ist nicht frei zu lesen sondern liegt im Paid Content-Bereich. Und damit haben Nutzer so ihre Probleme. Zwar ist es durchaus möglich, Umsätze im Social Web zu generieren. Was die Nutzer aber nicht mögen ist, hinter’s Licht geführt zu werden. Genauso wirkt es aber, wenn ein Link ohne Hinweis auf Paid Content verweist.

Es ist eben Fluch und Segen von Social-Plattformen wie Facebook: Marken (und Medien) agieren im Newsstream auf Augenhöhe mit Bekannten, Freunden und Familie. Sie bewegen sich somit in einem sozialen Umfeld – und müssen sich sozialkonform verhalten. Doch was würden wir von einem Bekannten halten, der uns einen Teller mit Kuchen vor die Nase hält, “Willste probieren? Saulecker!”, sagt und wenn wir zugreifen, den Teller wegzieht und 2 Euro fordert? Eben.

Diesen Ärger bekamen auch andere Verlage schon zu spüren. Die “Braunschweiger Zeitung” musste sich beispielsweise unter jedem Facebook-Post harsche Kritik anhören, als sie dort Links auf Paid-Inhalte anführte. Zwischenzeitlich wies sie diese dann aus. Inzwischen tut sie dies nicht mehr. Gefühlt sinkt die Interaktion aber bei der Erwähnung von Bezahl-Inhalten.

Die unschöne Wahrheit ist: Menschen reichen deutlich seltener Links auf Inhalte herum, die ihre Kontakte im Social Web nicht lesen können. Intuitiv scheint dies als ebenso unhöflich und unsozial (um den Begriff asozial zu umgehen, obwohl er richtig wäre) wie die oben beschriebene Tellerreichung.

Auch auf Twitter sehen wir dies: Mir begegnen immer mehr Journalisten dort, die nur Links auf Artikel ihres Arbeitgebers umherstreuen. Besonders absurd sind dann Hinweise wie “Den Artikel morgen in unserer Zeitung” – gerade so, als ob sich der Leser morgen noch daran erinnert (mal abgesehen davon, dass auch Tweets durch die Kooperation mit Google wieder ein längeres Leben eingehaucht bekommen). Die Followerzahlen dieser Journalisten pendeln dann auch recht überschaubar im maximal mittleren, dreistelligen Bereich.

Hier zeigt sich das erste Dilemma der Verlage: Sie glauben noch immer, Paid Content sei ihre Rettung. Gleichzeitig aber ist Social Media der wichtigste Nachrichtenfilter unserer Zeit – und seine Bedeutung steigt durch den Bereich Messaging noch einmal an. Je mehr sich die Medienhäuser durch Paid Content also abschotten, desto mehr steigt die Bedeutung jener News-Anbieter, die sich gen Social Media orientieren wie die Huffington Post oder Buzzfeed. Klassische Medien schotten sich also freiwillig von potenziellen neuen Nutzern ab – sie sind nicht mehr relevant. Versuchen sie jedoch für Paid Content im Social Web zu werben, wird dies als nicht akzeptabel empfunden.

Doch es gibt ja noch ein zweites Dilemma. Schon bevor es den Begriff “Content Marketing” gab, lizenzierten viele Verlage ihre Inhalte weiter, zum Beispiel an Unternehmen, die damit ihre Intranets befüllten. Dieses Geschäft wächst noch, verstehen doch viele Unternehmen jene Vokabel “Content Marketing” als “sinnloses Befeuern von Verbrauchern mit irgendwelchen Inhalten”.

Nun lizenzieren allerdings auch Web-Anbieter jene Inhalte. Und wer zahlt, der kriegt – selbst wenn das Inhalte erstellende Medienhaus seinen Lesern Geld für einen Text abverlangt. Folge: Unter jenem Post des “Handelsblatts” tauchte flott ein Link auf. Zu Yahoo. Einem Lizenznehmer der Verlagsgruppe Handelsblatt. Und dort war jene Geschichte über Jägermeister frei zu lesen.

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Fun Fact: Von Yahoo ist dieser Artikel anscheinend gelöscht. Doch Premium-Inhalte des “Handelsblatts” werden trotzdem weiter verkauft. So ist diese Geschichte über die Sparkasse Ulm:

scala handelsblatthier bei Yahoo frei zu lesen.

Wie gesagt, jener Post oben ist eigentlich nicht weiter bedeutsam. Doch zeigt er eben im Zusammenhang, dass die meisten Verlage daran scheitern, sich in das wachsende Öko-System Internet sinnvoll und erfolgreich einzubringen. Sie wollen ihr Geschäft weiter so betreiben, wie sie dies immer taten. Und das wird nicht funktionieren.

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“Das ist doch eine Sekte hier!”, rief die Dame Anfang 50 und verließ mit ihrer Freundin fluchtartig den Trainingsraum.

Wer dies hörte, fiel fast lachend vom Standfahrrad. Denn irgendwie musste es ja auch so wirken. Das kleine Hinterhof-Fitnessstudio, in dem ich einige Jahre trainierte, hatte Spinning zu einem seiner Schwerpunkte erklärt. Und weil Studiochef Hans in gewissen Punkten zum Fanatismus neigte, hatte er den Spinning-Raum komplett verdunkelt, mit Lightshow und Stroboskop ausgestattet und drehte die basslastigen Boxen auf volle Leistung. Näherte sich die elektronische Musik dann ihrem Höhepunkt (bester Spinning-Song ever: “Sandstorm” von Darude) gingen wir zum mit lauten, endorphingetriebenen Jubelschreien zum Sprint über.

Das muss auf Spinning-Anfänger sehr abschreckend gewirkt haben. Und wie eine Sekte. Die beiden Damen sah das Studio nie wieder.

shutterstock_222584950Lewis Tse Pui Lung / Shutterstock.com

Was hier passierte, erleben viele Marken nun auf Facebook – und es ist eine der spannendsten Herausforderungen des Digital-Marketing: Wie können die Wünsche und Ansprüche von überzeugten Fans eines Produktes in Einklang gebracht werden denen jener Menschen, die noch überlegen, ob sie ein Produkt erwerben sollen, ohne eine der beiden Gruppen zu verlieren?

Die Lösung dieses Problems könnte das aktuelle Vorgehen von Barack Obama liefern. [click to continue…]

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Happy Birthday, Indiskretion Ehrensache (nachträglich)

by Thomas Knüwer on 10. Februar 2015

Huch, da hab ich doch glatt den Jahrestag verpennt… Denn 10 Jahre (und dann jetzt eben zwei Wochen) ist es her, als ich dies hier schrieb:

Wohin eine Silvesterparty und der Kulturpessimismus eines Mitt-Dreißigers führen können.

Sie kommt bestimmt, die Frage. Auf jeder Silvesterparty. Irgendwann, wenn mehr leere denn volle Weinflaschen den Raum füllen und die Fähigkeit zur klaren Sprache im alten Jahr verloren gegangen scheint.

In einem der Momente, in denen ein wenig Schweigen eintritt und jedem Gast eigentlich klar sein müsste, dass der Moment, da es am Schönsten war und man dementsprechend hätte gehen sollen, eine halbe Stunde zurück liegt.

Dann fällt sie, die Frage: “Uuuund… Welche Vorsätze hast Du fürs neue Jahr?”

Die Damen am Tisch haben es etwas leichter. “Ich will abnehmen/mehr Sport treiben” zieht immer. Für die Singles im Raum geht das Auffinden der ultimativen Lebensabschnittsbegleiter durch. Ich aber stotterte und wählte die langweiligste und dämlichste aller Varianten: “Och, Du, eigentlich keine.”

Am nächsten Tag packte mich die Reue. Schließlich ist das Neujahrsvorsatz doch eine hübsche Tradition. Und Traditionen gibt es immer weniger, da in der Bundesliga schon ein Team aus Wolfsburg (mal ganz ehrlich: Wer will den VFL Wolfsburg sehen? Den Zuschauerzahlen zufolge anscheinend nicht mal die Wolfsburger) mitkicken darf und die Tagesthemen demnächst um 22.15 ausgestrahlt werden. Selbst Bleigießen zu Silvester wird immer seltener (OK, man hat ohnehin nie erkannt, was die entstandenen Metallklumpen darstellen könnten).

Nun komme ich mir ziemlich alt vor, im Alter von 29 (zugegeben, zum sechsten Mal), über verlorene Traditionen zu jammern. Also verbinden wir doch Kulturkonservatismus mit Hightech-Hoffnungsträger.

Jawohl, mein Vorsatz für das Jahr 2005 lautet (mit etwas Verspätung vorgetragen): Ich will ein Blog starten und regelmäßig, möglichst täglich, bestücken. Drehen soll es sich um das Alltagsleben in Redaktionen und dem, was daraus entsteht: Zeitungen, Magazine, Radio- und Fernsehprogramme. Vor allem aber um das immer skurrilere Verhältnis von PR und Journalisten. (Das Wort “skurril” impliziert, dass dieser Bereich maßgeblich für den Unterhaltungswert sorgen soll.)

Der Name “Indiskretion Ehrensache” entstammt dem gleichnamigen Buch meines Lehr-Herrn Professor Ferdinand Simoneit, dem langjährigen Leiter der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Leider ist das lesenswerte Werk nur noch gebraucht zu bekommen.

Und nu ist Schluss mit Vorrede: Let’s blog!”

shutterstock geburtstag hunde katzenWas noch beim technisch immer schlimmer werdenden Blogg.de und unter der Flagge des “Handelsblatts” begann, ist seit 2009 und mit Beginn der Firmengründung von kpunktnull endlich richtig benutzbar. Seitdem sind 3.178 Artikel entstanden, 29.385 Kommentare sind zusammengekommen. Rein quantitativ ist es hier allerdings auch stiller geworden: So ist das halt, wenn man eine eigene Firma aufbaut.

Nach dem ersten Jahrzehnt aber einfach mal ein dickes Danke: fürs Mitlesen, Verlinken, Kommentieren, Debattieren, Loben und Streiten. Ein besonderer Dank geht an den ehemaligen Handelsblatt-Onlinechef Julius Endert, der heute ganz wundervolle Filme dreht: Er hat mich damals überredet, mit dem Bloggen anzufangen.

Auf die nächsten 10!

Foto: Eric Isselee/Shutterstock

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Das Stürmchen im Pesto-Glas ist klein und verdient definitiv nicht den Prolog “Shit”. Was sich aber in dieser Woche rund um den italienischen Pasta- und Pesto-Hersteller Bertolli unter den Schlagworten #pestogate und #dishstorm abspielt, ist ein schönes Lehrstück zum Thema Digitalmarketing.

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Angefangen hat alles mit einer kommentierenden Facebook-Seite. Die gehört zur Marke Bertolli, wird aber betrieben von der Hamburger Digital-PR-Agentur Orca van Loon. Sie kommentierte unter Facebook-Postings der Foodblogs Penne im Topf und Schöner Tag noch sowie unter einem Posting der Gruner+Jahr-Community Chefkoch.de in mittelauthentischem Plauderton und mit Verlinkung eines Rezeptes auf ihrer Homepage:

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bertolli 2

Man sieht schon: Die Blogger finden das nicht so richtig toll. Womit wir bei der ersten Lehre wären:

Nur weil irgendwo Werbung möglich ist, gibt es keinen Grund, sie dort auch unbedingt zu platzieren.

Klingt irgendwie logisch. Doch weiß ich auch aus Gesprächen mit weniger digital-affinen Entscheidern, dass diese simple Erkenntnis noch nicht überall gereift ist. Vielmehr gibt es auch weiterhin Marketingverantwortliche die glauben, dass eine Facebook-Seite, die allein Werbebotschaften verbreitet, irgendeine Form von Attraktivität für Konsumenten ausstrahlt. Solche Seiten werden dann meist mit Werbung auf eine gewisse Likerzahl geschossen, niemand aber von Seiten des Unternehmens schaut ernsthaft auf die Reichweite der Postings.

Immerhin: Die Foodblogger reagierten kreativ. [click to continue…]

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Teamdiskussion

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