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Japan – in einem Land aus unserer Zeit

Die vergangenen zwei Wochen bin ich erstmals durch Japan gereist. In einer Zeit, da wir so sehr darüber diskutieren, wie unsere Gesellschaft aussehen – besser: wie sie sich verhalten – sollte, war es ein surreales Erlebnis. Denn Japan, das war ein Blick in eine Gesellschaft, wie sie kaum vorstellbar scheint im Jahr 2018. Eine Gesellschaft wie wir sie uns im Alltag wünschen, aber eigentlich als unrealistisch abgeschrieben haben.

Taxifahrer, zum Beispiel, können durchgängig höflich und freundlich sein. Sie können Anzüge tragen, viele mit Krawatte, manche garnieren dies mit weißen Handschuhen, einige sogar mit Hut. Selbst wenn sie den Weg nicht kennen, bleiben sie gut gelaunt, bitten um Entschuldigung und tun alles, um den Gast dorthin zu fahren, wo er hin will. Auch beschimpft sie keine unkorrekt fahrenden Autos, die wieder hupen nicht umher.

In Geschäften wird jeder Eintretende begrüßt. Man lässt ihn in Ruhe, bis er um Hilfe bittet. Diese bekommt er, selbst wenn es Verständigungsschwierigkeiten gibt. In Restaurants wird zumindest gelächelt, noch viel häufiger wird mit dem Gast gelacht. Und bekommt der Koch ein Lob, scheint er sich ehrlich zu freuen. Schwer umzugehen ist mit der servilen Freundlichkeit in Hotels und Restaurants. Dass sich Personal noch verbeugt, wenn der Gast bereits um die Ecke gebogen ist, das wirkt merkwürdig. Doch es hinterlässt auch dieses Gefühl von Geschätztwerden – und das steigert die eigene Wertschätzung gegenüber dem Dienstleister.

In der U-Bahn versucht jeder, anderen Fahrgästen so viel Raum zu geben, wie es gerade geht. Noch bevor ein Zug einfährt, reihen sich alle hintereinander auf, niemand drängelt. Schwierig wird es nur in der Tokioter Morgen-Rush-Hour. Ansonsten aber: Distanz. Außer bei Schlafenden. Die dürfen ihren Kopf auf der Schulter des Sitznachbarn ablegen, ohne dass dieser die Schulter mit empörtem Kommentar hochzucken lässt.

Wird es auf dem Gehsteig voll, achten die Menschen darauf, Passierenden Raum zu geben.

Gruppen von Schülern sind fröhlich, brüllen aber nicht rum. In Miyajima und Nara, zwei Orten, an denen es freilaufende, aber zutrauliche Rehe gibt, versucht keines der Kinder und kein Jugendlicher die Tiere zu piesacken oder zu erschrecken.

Was ist das für ein Unterschied zu Deutschland. Regelmäßig berichten Fahrrad fahrende kpunktnull-Mitarbeiterinnen, lautstark als „Fotze“ bezeichnet zu werden. In der U-Bahn scheint es für Jugendliche das Normalste zu sein, jedermann akustisch an ihrer Musik oder Youtube-Filmen über die Handy-Lautsprecher teilhaben zu lassen. Die Geschichten über patzige und inkompetente Mitarbeiter von Deutscher Bahn oder Eurowings sind Legion, von Taxifahrern in abgeranzter Kleidung und mit ausbaufähiger Höflichkeit will ich gar nicht erst anfangen: „Könnten Sie die Klimaanlage anmachen?“ – „Ist kaputt.“ – so passiert es mir bei jeder Taxifahrt im sommerlichen Berlin.

Interessant auch, wie zumindest im Dienstleisterbereich dieser Umgang miteinander erreicht wird. In Deutschland glauben wir, Freundlichkeit und Dienstleistungsqualität entstünden vor allem durch externen Druck. Wenn der Kellner nicht freundlich ist, kriegt er kein Trinkgeld; wenn das Restaurant nicht gut ist, gibt eine negative Kritik im Netz; spurt der Taxifahrer nicht, gibt’s kein Trinkgeld und ich raunz den so was von an.

In Japan hingegen sorgt die intrinsische Motivation für gute Dienstleistungen. Es ist egal, ob jemand U-Bahn-Fahrer, Kellner oder Sommelier ist – er will der verdammt beste U-Bahn-Fahrer, Kellner oder Sommelier sein. Die Motivation ist also nicht Druck, sondern persönlicher Stolz.

Und ist das nicht auch die viel bessere Haltung für einen Dienstleister? Denn so realisiert man wieder, worum es in diesem Feld geht: Wer nicht nur eine okaye Leistung abliefert, sondern mehr will – der sorgt für einen glücklichen Moment bei seinem Gegenüber. Das klingt zwar fürchterlich schmalzig, doch behaupten wir alle nicht immer, darum gehe es im Leben? Menschen glücklich zu machen? Und sind wir nicht selbst so glücklich über Dienstleistungserlebnisse, dass wir sie beständig teilen – egal ob im Social Web oder im Gespräch? Mehr noch: Ist es nicht sogar unser erster Impuls, über ein tolles Serviceerlebnis reden oder schreiben zu wollen, nachdem es uns passiert ist?

Natürlich bin ich Japan-Amateur (und die Kenner unter meinen Lesern hauen mir diese Thesen in den Kommtaren vielleicht um die Ohren). Doch glaube ich, dass diese Grundhaltung auf alle Lebensbereiche und den Umgang miteinander abfärbt. Wer realisiert, dass es möglich ist, andere für eine Sekunde glücklich zu machen, verhält sich vielleicht anders.

Natürlich hat Japan auch Probleme. Sexismus ist Alltag, junge, dienstbereite Frauen sind Fetisch Nummer 1. Rassismus existiert in einer speziellen Form, denn eine stattliche Zahl von Restaurants wünscht keine Ausländer egal welcher Herkunft als Gäste. Auch die Legende der sich zu Tode arbeitenden Japaner ist keine bloße Geschichte, bestätigte uns eine der Guides mit denen wir reisten. Als anekdotischen Beleg blickten wir eines Abends aus einer Hotelbar im 24. Stock auf das Gebäude gegenüber, in dem Ernst & Young residiert: Erst gegen 22 Uhr begann dort eine kleine Gruppenflucht Richtung Ausgang – weil gegen halb 11 automatisch die Jalousien runterfuhren.

Und doch: Wer als Tourist durch das Land reist, wähnt sich in einer besseren, in einer wünschenswerten Welt. In einer Welt, in der Respekt mit k statt mit c geschrieben wird und eine Geisteshaltung ist, nicht eine Hiphop-Floskel.

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