Goodbye, Wired Germany
1. März 2018
#roflcopter 2018: Bitte spenden Sie!
28. März 2018

Die Nebelkerze

Kürzlich saß ich an einem späten Freitag Nachmittag, zwei Stunden vor Anpfiff eines Preußen-Münster-Heimsiegs, im „Großen Kiepenkerl“, dem für mich besten, gutbürgerlichen Restaurant Münsters. Das Ambiente ist historisch, die Küche deftig, der leckerste Nachtisch eine klassische Herrencreme. Hipster sind hier nicht mal als Vokabel bekannt.

Am Nebentisch zwei seniore Paare, gewandet in jene beige Funktionskleidung, die im Ausland teutonische Rentner sofort kenntlich macht. Einer der beiden Herren flucht mit dem leicht silbenverschluckenden westfälischem Zungenschlag: „Kein Wlan hier. Typisch Deutschland. Wir sind so hinten dran.“

Sieh an, dachte ich, selbst in jenen Bevölkerungsgruppen, denen man eine analoge Nostalgie andichtet, ist das Thema angekommen.

Dann kommt auch vielleicht eine Angela Merkel nicht mehr um darum herum. Nach der wütenden Kritik ob fehlender Digitalthemen im Wahlkampf hat sich die Analog-Kanzlerin doch durchgerungen, dem Thema eine gewisse Prominenz zuzugestehen. 298 Mal soll der Begriff „Digital“ im Koalitionsvertrag stehen, hat der „Stern“ nachgerechnet (oder wahrscheinlich eher seine Wortzählfunktion in Word). Das Wort „Armut“ soll übrigens nur 11 Mal auftauchen.

Und sie erwählte zwei Personen, die das Thema vorantreiben sollen: Helge Braun (CDU) als Chef des Kanzerlamtes und Dorothee Bär (CSU) als Staatsministerin für Digitales. Beide eint: Bei Interviews lächeln sie sehr viel, sprechen mit weichem Zungenschlag und machen einen liebevoll-knuddeligen Eindruck – kein schlechtes Fundament, um die Menschen mitzunehmen.

Fünf Internet-Minuten später ist dieses Hoffnungsfünkchen beerdigt – dank Dorothee Bär.

„Man muss ihr doch mal 100 Tage geben“, sagt Richard Gutjahr, als ich dies in unserer SXSW-WG tippe. Das wäre auch meine Haltung, doch gibt sich Bär selbst diese ja nicht. Zunächst wurde sie im „heute journal“ geslomkat. Es war ein unglückliches Interview, das den Ruf nach einem Rednertrainer in mir aufkommen ließ.

Vor allem platzierte sie die Idee des Flugtaxis. Und dass Breitbandausbau ja irgendwie klar sei, ihre Aufgabe sei es aber Visionen zu entwickeln, die diesen so gestalten, dass auch Flugtaxis etwas davon haben.

So erschuf sie ein Meme. Denn natürlich ist die Vorstellung von Flugtaxis als Alltag absurd, wenn man im Herzen von Düsseldorf gerade einmal 16Mbit bekommt. Und nur um die teils verdrehte Berichterstattung zu korrigieren: Dieses Meme entstand nicht, weil Flugtaxis unvorstellbar sind, sondern weil es so unterhaltsam ist, sich ein Land mit Flugtaxis aber Schnecken-Internet zu imaginieren. Halt so wie ein Rentner, der ankündigt Gold bei den Olympischen Spielen holen zu wollen.

Derart lustig war diese Vision, dass eines nicht passierte (zumindest habe ich es nicht gesehen):

Niemand fragte, warum Flugtaxis Internet brauchen sollen.

Denn: Sie dürfen es nie brauchen müssen. Genauso wie autonom fahrende Autos (schöne Grüße an den Grünen Konstantin von Notz, der diesen Unfug auch behauptet).

Was würde denn passieren, wenn Datenströme für jene autonome Steuerung – und ich denke mal, Bär wird das gemeint haben – nötig wären und die Verbindung abbricht? Soll ein Fahrer oder Fahrast im Bruchteil einer Sekunde übernehmen? Bleibt das Fahrzeug stehen?

Eben. Autonomes Fahren braucht keine Daten, es braucht Sensoren, Kameras und einen Rechner im Fahrzeug. Daten sorgen dann für sanfteres Fahren, wenn zum Beispiel Staus antizipiert werden. Aber keine Zulassungsbehörde der Welt wird (hoffentlich) ein Modell genehmigen, wie es Notz oder Bär es sich vorstellen.

Natürlich könnten wir noch darüber diskutieren, ob Flugtaxis überhaupt wünschenswert wären, wenn sie mehr Raum zum Parken und Landen brauchen, lauter sind als E-Autos und bei Unfällen nicht Ameisen plätten, sondern Menschen. Aber, hey, Visionen!

Nun hat Dorothee Bär wieder ein Interview gegeben, diesmal der „Welt“ – und sie macht alles noch schlimmer. Es ist ein Gespräch mit einer Reihe von „Das hat sie nicht gesagt“-Sätzen.

Es beginnt mit der Frage, ob sie schon einmal in einem Flugtaxis gesessen hätte und der Antwort, dass sie das nicht hätte – aber: „Ich saß aber schon in einer Drohne, in der ein Mensch mitfliegen kann.“

Es ist ein Rätsel, warum nicht die Frage folgt, die so offensichtlich ist: Wo ist der Unterschied?

Oder das hier:

„Aber auch heute wird im Prinzip erst mal der Bau eines flächendeckenden Autobahnnetzes gefordert, bevor man sich über die Erfindung des Autos Gedanken machen dürfe. Ja, dann erfinden es halt andere.“

Ein gefährlicher Satz. Er wertet die Frage des Breitbandausbaus ab und die Frage, was man so erfinden könnte, auf. Dies nimmt den Druck von den Ausbauern – und natürlich ist diese Behauptung falsch. Vielmehr fordern Wirtschaft und Digitalkundige den Ausbau, weil sie sehen, dass ohne diesen Innovationen in kaum einem Bereich möglich sind. Warum hat Bär davon nichts mitbekommen?

Ohnehin schafft sie sich eine merkwürdige, eigene Realität. Zum Beispiel würde die Digitalisierung ja gar nicht so viele Jobs kosten:

„Und die wenigsten Arbeitsplätze fallen einfach weg, die meisten passen sich veränderten Gegebenheiten an.“

Ein naiver Satz. Denn die Menschen, die jene Jobs besitzen, passen sich ja nicht an. Aus einem Bandarbeiter in der Autoindustrie wird kein Programmierer. Und ob er zum Bediener eines Roboters wird, ist vollkommen offen. Und was soll mit all den LKW- und Taxifahrern werden?

Die wichtigste Herausforderung der Politik in den 20er Jahren wird es sein, eine Welt im Zaum zu halten, in der ein substantieller Teil der Menschen vermutlich keine ökonomische Not leidet, sondern keine Beschäftigung mehr hat.

Für Dorothee Bär scheint diese Vorstellung – unvorstellbar.

Doch es geht immer noch naiver:

„Ich möchte dazu mit den zuständigen Unternehmen wie Facebook und Google reden. Die Algorithmen sortieren im Moment nach Relevanz oder Beliebtheit. Das spült uralte Beiträge nach oben, die oft mit der Wirklichkeit nur noch wenig zu tun haben. Ich wünsche mir wieder eine Echtzeitleiste, die die Menschen nicht nur mit dem konfrontiert, was sie wissen wollen, sondern auch mit dem, was sie wissen müssen, was gerade im Moment passiert.“

Vergangenes ist für Bär also keine Wirklichkeit mehr. Spannende Philosophie.

Tja, und wer möchte, dass Twix wieder Raider heißt, spricht dann mal Frau Bär an. Sie redet mit den Konzernen.

Denn natürlich ist der gefilterte Algorithmus keine spinnerte Idee, er ist die logische Folge aus einer massiv gestiegenen Zahl von Postings und dem Versuch, den Menschen das anzuzeigen, was sie sehen möchten.

Und auch das hier zeugt nicht von intellektueller Durchdringung des Themas:

„Außerdem wollen die Jüngeren nicht mehr auf einem Forum unterwegs sein, das ihre Eltern und Großeltern cool finden. Facebook wird zu einem Seniorennetzwerk.“

Dass Millennials und Generation Z einen weitaus engeren Kontakt zu Eltern und Großeltern pflegen, Facebook sich nie an Teenager gerichtet hat und Instagram ja zu Facebook gehört – all das verschwindet unter der Platitüde vom Seniorennetzwerk, das in Wirklichkeit das wichtigste Kommunikationsinstrument unserer Zeit ist.

Es gibt mehrere solcher Floskeln, die wie angelesen, aber nicht begriffen wirken. Sie formen langsam das Bild einer Politikerin, die sehr weit damit gekommen ist, inhaltlichen Debatten auszuweichen – sich diesen aber nun stellen muss.

Auch ich kollidierte schon einmal mit ihr. 2013 rantete ich gegen den analogen Bundestag und sie versprach, es würde besser werden:

Bundestag der Maschinenstürmer

Ich bezeichnete das als naiv und sah mich ein Jahr später bestätigt:

Es wird nicht besser – es wird schlimmer: ein Rant zum Technologiestandort Deutschland

Diesen Artikel bezeichnete Bär als „Schwachsinn“. Meine Bitte, dies doch etwas faktenbasierter zu erläutern, beantwortete sie mit der Bitte um Geduld:

Für Fakten blieb ihr keine Zeit. Schon aber für das Anranzen kurze Zeit darauf. Auch da bat ich um Fakten – die sie bis heute schuldig blieb:

Vielleicht bin ich ja Psychopath. Nein, besser: In den Augen von Dorothee Bär bin ich Psychopat, weil ich ja kein Journalist mehr bin und nie Politiker war – aber Twitter nutze.

Zitat aus dem „Welt“-Interview:

„Auf Twitter sind ohnehin nur Politiker, Journalisten und Psychopathen unterwegs. Eigentlich müsste ich jetzt meinen Twitter-Account löschen. Das würde mein Leben leichter machen.“

Letzteres glaube ich nicht, denn sie führt ja ohnehin keine inhaltlichen Debatten. Und Kritiker, die sind für sie:

„Die, die da auf Twitter aufgejault haben, haben nicht verstanden, worum es mir geht und was Digitalisierung bedeutet. Für mich war das ein Beweis dafür, wie viel Arbeit noch vor mir liegt. Twitter ist nun auch nicht der Hort der Innovation in Deutschland.“

Eben. Auf Twitter sind ja keine Ökonomen, Startup-Gründer oder Investoren. Also, außer den paar hundert oder tausend, die dort sind und inhaltliche Debatten führen. Auffällig aber ist, dass Bär vor allem Politikern und Journalisten folgt. Sprich: In dem  Dienst, der nach ihrer These keine Filterblase erzeugen sollten, bewegt sie selbst sich in genau so einer.

Es ist alles sehr, sehr traurig. Denn natürlich brächte Bär vieles mit, um Menschen mitzunehmen. Und das wäre ja ihre vorderste Aufgabe: Alle Parteien, von Analogen bis Digitalen, von Bürgern bis Wirtschaft, von Startup bis Forschung hinter sich zu bringen, sie zu begeistern für die Idee eines digitalen Aufbruchs.

Stattdessen kanzelt sie Kritiker ab, gibt facepalmige Interviews oder postet Instagram-Fotos, auf denen sie so tut, als sei sie ein Teenager:

So nimmt man ohnehin schon niemand mit, so stößt man ab. Jene Rentnerpaare in Münster sind längst weiter als Dorothee Bär und Angela Merkel.

Nein, die Berufung Bärs ist keine Zündkerze, um den Digitalmotor zu starten – es ist eine Nebelkerze, die Angela Merkel vier letzte, ruhige Jahre im Kanzleramt bescheren soll.

Aber vielleicht bekommt Bär das ganze ja noch gedreht. Hier mal der Vorschlag eines Psychopathen: Ab jetzt 100 Tage lang keine Interviews geben, sondern machen. Irgendetwas handfest hervorbringen, sich Respekt erarbeiten. Danach kann man dann ja Kritiker abtun, wenn man es immer noch will.

Teile diesen Beitrag