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Das Preußen-Stadion in Münster: Wird mein Aprilscherz nach 23 Jahren wahr?

Ich hyperventilierte. Ich kicherte. Stieß glucksende, amphibial anmutende Laute aus.

Und da ich gerade alles zum Schreiben dieses Blogposts zurecht lege, könnte ich dies schon wieder tun. Denn in diesen Tagen tut sich etwas in meiner münsterländischen Heimat, das im Extremfall das schrägste und absurdeste werden könnte, was ich in meiner Zeit als Irgendwasmitmedien-Macher erlebt habe.

Blenden wir also zurück ins Jahr 1994. Der Bundeskanzler heißt noch Kohl, die Deutsche Bahn AG wird gerade gegründet, Kurt Cobain begeht Selbstmord. Ich selbst finanziere mein BWL-Studium als freier Mitarbeiter der „Westfälischen Nachrichten“ in meinem Geburtsort Senden, 20 Kilometer südlich von Münster.

Zu jener Zeit tobt in Münster eine Debatte, die mit dem Auslassen einer historischen Chance enden wird. Der von mir als Dauerkarteninhaber verfolgte und geliebte SC Preußen Münster braucht schon damals dringend ein neues Stadion. In jener Zeit werden zeitgemäße Arenen als wichtiges Finanzierungsinstrument für Clubs und als Geldbringer für Kommunen gerade erst entdeckt. In Münster bietet ECE, die Immobilientochter des Otto-Konzerns, einen Deal an: Sie soll das Gelände des maroden Preußenstadions und das Brachgelände daneben bekommen und baut dafür ein neues Stadion sowie nebenan ein Einkaufzentrum. Anschließend bekommt die Stadt das Stadion geschenkt und die ECE hätte das, was heute eine Shopping Mall genannt würde.

Am Ende wird das Geschäft (Projektname: Preußen-Park) am Widerstand der Innenstadt-Kaufleute scheitern. Sie glauben verhindern zu können, dass finanzstarke Ketten nach Münster kommen. 23 Jahre später ist klar: Diese Ketten natürlich trotzdem eingefallen, nur nicht am Rand der Stadt, sondern mittendrin, freier Kaufmann auf freier Kaufmann hat in den vergangenen Jahren dichtgemacht.

Im März 1994 ist das alles noch offen. Sicher aber ist das Herannahen des 1. Aprils. Und so schlage ich meinen beiden großartigen Redakteurinnen Ellen Bultmann und Claudia Miklis vor, einen Preußen-Aprilscherz zu bauen. Die Story: Der Club hat die Schnauze voll von der Verweigerungshaltung der Stadt Münster, er verlässt die Stadt. Das neue Stadion entsteht in Senden-Bösensell, jenem kleinen Ortsteil, in dessen Grenzen die Autobahnabfahrt zur A43 liegt – zu dieser Zeit umgeben von Brachland.

Der SCP spielt mit: Der damalige Geschäftsführer Carsten Cramer (später der Kopf hinter dem betriebswirtschaftlichen Aufstieg von Borussia Dortmund) arrangiert beim Heimspiel gegen die Spielvereinigung Beckum (damals heißt die dritte Liga noch Oberliga Westfalen) ein Foto mit Spielern und Senden-Stadtplan. Ich weiß noch dass auf jeden Fall der von mir sehr geschätzte rechte Mittelfeldrenner Thomas Wich posiert, auch Preußen-Talent Timo Kemming ist dabei.

Nun ist dieser 1. April ein besonderer: Er fällt auf den Karfreitag. Und da die „Wesfälischen Nachrichten“ sich dem katholischen Glauben verpflichtet sehen, ergeht wenige Tage vor dem Datum ein Erlass der Chefredaktion: keine April-Scherze. Angesichts des Aufwands kämpfen meine beiden Redakteurinnen jedoch und so wird meine Geschichte der einzige Scherz in jener Ausgabe (und leider habe ich kein Exemplar mehr davon).

Der Artikel enthält auch den Hinweis auf eine angebliche Bürgerversammlung im Sendener Rathaus an jenem 1. April. Die Hoffnung ist natürlich ein kleines Grüppchen Sendener, das man für ein Foto und Folgeberichterstattung arrangieren könnte. Allein: Es kommt – ein Herr. Der ist sehr freundlich und hat sich das schon gedacht, mit dem 1. April, aber er wollte sichergehen. Was ich ein Jahr später lernen werde: Fußballfans gehen mit Aprilscherzen gelassener um als Mütter, die für ihre Kinder auf eine TV-Rolle hoffen. Denn 1995 kündigt mein Aprilscherz den Dreh einer ZDF-Serie mit der Tochter von Witta Pohl (im Foto: unsere Redaktionspraktikantin Birgit) inklusive Casting am 1. April an. Das Ergebnis: 20 Mütter mit Kindern und gegen mich gerichtete Beschimpfungen. You live, you learn.

So vergeht also Ostern und am Dienstag nach dem Fest betrete ich wieder die Redaktion, wo ich zwei bestens gelaunte Redakteurinnen antreffe. „Hast du schon Radio Kiepenkerl gehört?“, fragen sie. Hatte ich nicht. Der Lokalsender für den Kreis Coesfeld meldete über Stunden und Stunden in jeder Ausgabe seiner Lokalnachrichten zur halben Stunde die Sensation, exklusiv abgelesen aus den Tage alten „Westfälischen Nachrichten“: Das Preußen-Stadion kommt nach Senden. Über einige Jahre hinweg, so erfahre ich über freie Mitarbeiter, wird bei Kiepenkerl noch vor jedem 1. April vor Scherzen in der Zeitung gewarnt, „nicht dass uns nochmal ein Preußen-Stadion passiert“.

So also geht die Geschichte meines Aprilscherzes.

23 Jahre später das:

Ja, genau.

2017 braucht der SC Preußen noch immer ein Stadion. Und noch immer blockiert die Stadt und das mit der einsichtigen Haltung eines Kleinkindes, das seine Suppe nicht essen mag. Der Bürgermeister ist Borussia Dortmund-Fan und ohnehin dafür bekannt, in der Stadt nichts Neues in Bewegung setzen zu wollen.

Doch hat es einen Machtwechsel im Verein gegeben und die neue Spitze lässt es auf die Konfrontation ankommen. Nach aktuellem Stand ist mit einem Bau in den Grenzen Münsters nicht mehr zu rechnen, weshalb man sich Bauland in den umliegenden Kommunen ansieht. Aktueller Favorit: Senden. Bösensell. An der Autobahnauffahrt. Dort, wo ich vor 23 Jahren das Stadion ankündigte.

Sie verstehen mein Kichern.

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