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Das #fedidwgugl-Haus: das Beton gewordene „Und?“

„Und?“

Das war vor zwölf Jahren die erste Frage, die der heutige „Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart der Neo-Kanzlerin Angela Merkel anlässlich des ersten Hintergrundgesprächs im Kanzleramt eine Woche nach ihrer Wahl stellte. Sie antwortete „Och, ich habe mich ganz gut eingelebt.“

Diese Anekdote erzählte Steingart Mitte der Woche in Berlin, als er im Rahmen der „Handelsblatt“-Veranstaltung „Deutschland Live“ die Kanzlerin interviewte.

„Und?“

So ließe sich auch das Interview zusammenfassen. Keine einzige kritische Frage erlaubte sich Steingart, keine kritische Frage der Zuhörer wurde angenommen. Es war ein unterhaltsames Bühnenkuscheln, das nicht den Anschein erweckte, dass in wenigen Wochen über eine Arbeitsvertragsverlängerung von Angela Merkel abgestimmt wird.

„Und?“

So lässt sich auch der bisherige Wahlkampf 2017 zusammenfassen. Alles läuft auf lethargischem Autopilot, am besten symbolisiert durch das Plakat des Düsseldorfer CDU-Abgeordneten Thomas Jarzombek (nein, nein, das ist keine Todesanzeige):

Alles schwarz, schließen sie die Augen, tun sie nichts, genießen sie die Stille, gehen sie weiter, es gibt hier nichts zu denken. Der größte Aufreger des Wahlkampfs bisher: das Thermomix-Meme mit Christian Lindner. Es ist alles schlecht, wir haben ja nichts und sind für alles dankbar, dass uns daran erinnert, eine Demokratie zu sein.

Doch immerhin gibt es etwas wirklich Neues – und es kommt von der CDU: das #fedidwgugl-Haus.

Der unsägliche Hashtag steht für „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ und zeugte vor allem vom Unverständnis der dahinter stehenden Agentur Jung von Matt darüber, wie Hashtags funktionieren. Andererseits steht er natürlich auch für „Und?“: Denn CDU und Jung von Matt ist es offensichtlich vollkommen egal, ob jemand dieses Hashtag verwendet und ob es richtig geschrieben wird. Ein weiterer Anfängerfehler bestand darin, die Domain nicht zu sichern: fedidwgugl.de wurde flott von der FDP gekapert.

#fedidwgugl, das findet sich auch überall auf Pappe gedruckt im ehemaligen Kaufhaus Jandorf. Dort installierte Jung von Matt im Auftrag der CDU ein „begehbares Wahlprogramm“ – und das ist dann tatsächlich die einzig spannende Idee, die ich im Wahlkampf 2017 bisher ausmachen konnte.

„Wir wissen, dass sich die Begeisterung der Menschen in Grenzen hält, ganze Wahlprogramme zu lesen“, sagte Merkel bei der Eröffnung und hat damit natürlich recht. Also sollen zumindest Berliner und Berlin-Touristen sich auf unterhaltsame und optisch appetitliche Art über die Ziele der CDU informieren. Das #fedidwgugl-Haus soll also eine Art Pop-up-Flagship-Store der Christdemokraten sein und das halte ich für eine bemerkenswert tolle Idee.

Es gibt nur einen Haken: die Ausführung.

Die geschätzte Franziska Bluhm und ich besuchten das #fediwgugl-Haus am Donnerstag morgen und starteten spontan eine Facebook-Liveschaltung, die Sie hier nachgucken können:


Diese Übertragung hatte einen schlichten Auslöser: Es war zu schwer, sich nicht über das lustig zu machen, was wir sahen. Zum Beispiel wird marktschreierisch verkündet, man könne als „Cyber Hero“ digitalen Terror, Hacking und Viren stoppen – herausgekommen sind Videospielchen auf niedrigstem Niveau. Am Eingang schreiben zwei Roboter in unendlicher Langsamkeit auf Zettel, was die Besucher von der Zukunft erwarten und kleben diese Zettel auf die Fenster des Jandorfs. Wer live sehen will, wie die Maschinen den eigenen Zettel produzieren muss viel Geduld mitbringen.

In einem Raum aus Umzugskartons geht es um Familienpolitik. Die Texte sind immer kurz und oft kryptisch. So haben Kinder nach Meinung der CDU eine „Chaos-Bucket-List“ (das steht da wirklich so). Und zu der gehören angeblich chaotisches Kochen, eine Mehlwurf-Party und ein Beauty-Tutorial. Diese Kindheitserinnerungen möchte die CDU verhindern, indem Eltern mehr Zeit haben und somit verhindern, dass ihre Kinder sich auf chaotische Weise ausprobieren.

Dann haben sie auch mehr Zeit um Gegenstände zu finden, die Opa und Oma suchen – man darf das als Senioren-Dissing bezeichnen, die ältere Generation ist also nach Meinung der CDU grundschusselig. Aber die Partei weiß sicher, wovon sie redet: Ihr Finanzminister  ist ja 75 Jahre alt und vermisst ja ständig etwas, meistens Geld, ein anderer Senior vergaß einst ja Parteispenden zu melden und zu erwähnen, vom wem sie stammen.

Dominiert wird das Erdgeschoss des #fedidwgugl-Haus von einem Plüschherz, dessen Adern an zwei große Displays angeschlossen sind. Auf denen laufen wahlweise Wirtschaftschaftsdaten oder CDU-Werbung. Das ist optisch eindrucksvoll – und gleichzeitig sehr unheimlich, weil jenes Herz eher wirkt wie ein roter Alien, der den Wirtschaftsdaten den Lebenssaft absaugt. Obwohl, roter Alien… Vielleicht ist das auch gewollt.

Ganz traurig wird es dann hinten, in einem Kuppelzelt-Anbau mit der Überschrift Youropa (ich fragte mich, was mein Opa damit zu tun hat). Tatsächlich geht es um Europa und der Besucher kann im leicht müffelnden Raum auf einer Touchscreen seinen Namen eingeben und dann definieren, was Europa für ihn bedeutet. Natürlich nicht frei, wo kämen wir da hin? Er kann nur aus 15 oder 20 Begriffen wählen. Und dann wirft ein Projektor diesen Begriff im Stil eines Sternbildes versehen mit dem Namen an die Deckenkuppel. Das war’s.

Mehr gibt es im Erdgeschoss nicht zu sehen, aber vielleicht im ersten Stock? Den Weg dorthin markieren schwarz-rot-gelbe Streifen auf dem Boden. Dort oben erwartet den Besucher – nichts. Eine kleine Bühne, ein verwaister und nicht nutzungsbereiter Kaffeeautomat, ein Sammelsurium aus verschiedensten Stühlen. Hier sollen also Veranstaltungen stattfinden und natürlich ist auch das die richtige Idee. Denn die Pop-up-Läden der großen Marken werden ja ebenfalls mit Events bespielt. Nur: Was soll hier passieren? Wir rätseln. Keine Hinweise, kein Kalender, keine Plakate. Wer auf die Homepage des #fedidwgugl-Hauses blickt stellt auch fest: Es gibt keine. Außer Besucherführungen gibt es kaum einen Plan, die betonige, suizidale Tendenzen fördernde Fläche zu nutzen.

Doch nicht nur an Veranstaltungen mangelt es dem begehbaren Wahlprogramm. Zuvorderst fehlen: Lösungen. Wie die CDU zum Beispiel mehr Zeit für Eltern schaffen will, wie sie Cyberkriminalität bekämpfen will und was sie überhaupt ansonsten so plant – all das bleibt ein Rätsel. Der Besucher darf allenfalls eine URL in seinen Handybrowser tippen, doch eine tatsächliche Auseinandersetzung mit Inhalten ist im #fedidwgugl-Haus nicht vorgesehen. Wenn Wahlprogramme so aussehen, ist es nicht nur kein Wunder, dass sie keine Sau liest – es ist auch das Richtige: Niemand sollte Lebenszeit in derartige Inhaltsleere investieren.

Wir verlassen das begehbare Parteiprogramm der CDU entgeistert. Zu befürchten ist, dass eine Partei – und Parteien haben ja nicht sonderlich viel Geld – einen sechsstelligen Betrag zum Fenster rausgeworfen hat. Man hätte so viel tun können, Menschen mitnehmen, gar mitreißen können, eine wirkliche Wahlkampfinnovation an den Prenzlauer Berg stellen können.

So aber lässt sich jenes #fedidwgugl-Haus genauso zusammenfassen wie der gesamte Wahlkampf – mit der Frage:

„Und?“

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