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Fake News – das unentdeckte Geschäftsmodell

Irgendwann vor langer Zeit führte ich eine kleine Diskussion auf Twitter. Was ich nicht verstehen könne, warf ich damals ein, sei die Tatsache, dass kein einziges deutsches Medienhaus versucht habe, etwas wie Mimikama nachzubauen. Also einen Dienst, ein Ressort, eine Rechercheeinheit, die sich ausschließlich damit befasst, gerade durch das Social Web laufende Meldungen und Behauptungen nachzurecherchieren.

Leider weiß ich nicht mehr, wann und wer mir antwortete. Doch die Reaktion eines leitenden Redakteurs aus einem der klassischen Print-Medien ist mir im Gedächtnis geblieben: Man müsse doch nicht jedem Thema hinterherlaufen, dass irgendwelche Leute auf Facebook gerade vor sich hinposteten.

Zumindest ist das eine klare Meinung. Ich argumentierte, dass für Medien, die sich eine gewisse Massenreichweite zuschreiben, diese Themen ja das sind, was ihre Leser gerade umtreiben. Sie abzutun als irrelevant, könnte auf eine gewisse Distanz zur Welt der Medienkonsumenten hindeuten.

Und nun: 2017.

Der Begriff „Fake News“ ist in den Sprachgebrauch eingegangen, Politiker wollen sie verbieten (was gleichbedeutend mit dem Ende der Presse- und Meinungsfreiheit wäre) und der US-Präsident streut sie. Und noch immer gibt es letztlich nur einen Anlaufpunkt in Deutschland für Menschen, die einer wild kursierende Meldung nicht direkt glauben wollen: Mimikama – weshalb das Team auch den Goldenen Blogger in der Königskategorie „Blogger des Jahres“ bekam.

Für sehr viele Menschen ist es zum Reflex geworden, bei irgendwie merkwürdig klingenden Nachrichten auf Mimikma zu gehen. Und dort gibt es dann unverschwurbelte, auf den Punkt gebrachte Texte zu Themen wie aktuell „War die Anschlagsdrohung in Passau ein Fake?“, „Dubioser Rewe-Gutschein auf Facebook“ oder „Will die Bundesregierung Schlager verbieten?“.

Natürlich berichten klassische Medien auch selektiv über diese Themen. Auffällig aber ist, dass dies häufig ein paar Stunden oder einen Tag nach einem Mimikma-Bericht passiert. Vor allem aber gibt es nicht diese eine Anlaufstelle – der Nutzer müsste sich erst ergooglen, ob seine Zweifel berechtigt sind.

Dabei wäre für eine Redaktion der Aufwand ja hinnehmbar. Schon ein Team von drei Leuten könnte substantiell viele Inhalte schaffen. Und die würden sich mit einer traditionsreichen Medienmarke im Hintergrund absehbar ordentlich durch das Netz verteilen. Sprich: Würde es ein Fake-Check-Angebot von Spiegel Online, SZ.de oder FAZ.net geben – es müsste sich eigentlich mehr Reichweite erarbeiten können als ein gemeinnütziger Verein wie Mimikama.

Aber wieviele Leute lassen sich so erreichen?

Nun… Dies sind die Similarweb-Zahlen von Mimikama:

Zum Vergleich: Ze.tt, das junge Angebot von Zeit Online, erreicht 2,8 Millionen Visits bei dieser Messung, das Handelsblatt.com-Gegenstück Orange magere 50.000. Die Funke-Tochter Reviersport zählt 1,3 Millionen. Westline, ein Sport-Onlineangebot des Verlags der „Westfälischen Nachrichten“ kommt nur auf 363.000.

All dies sind Angebote, für die Geld und Personal vorhanden waren und sind. Und das beste Reichweitenergebnis ist – im Fall von Ze.tt – die Augenhöhe. Keines der Angebote jedoch ist formattechnisch eigenständig. Hier „junge“ Medienangebote, dort lokale Sportnachrichten.

Nun ließe sich natürlich sagen: Hey, das mit den Fake News ist erst mit Trump zum Problem geworden. Doch das ist eine sehr eingeschränkte Wahrnehmung. Das Problem durch das Netz marodierender Falschmeldungen existiert seit Jahren und hieß früher einfach nur „Hoax“. Schon 2012 debattierten wir hier über dieses Thema, damals im Zusammenhang mit Leistungsschutzrecht und Paid Content. Denn je mehr Inhalte aus ernsthaften Medien hinter Pay-Walls verschwinden, desto mehr Raum haben Falschmeldungen zur Verbreitung.

Das Nachrecherchieren von Meldungen aus dem Social Web wäre also nicht nur eine gesellschaftlich wichtige Funktion – sondern auch ein Geschäftsmodell. Und es ist mir ein Rätsel, warum kein einziges Verlagshaus in den vergangenen Jahren in diese Marktlücke gestoßen ist.

Nun aber tut es jemand: die ARD. „Wir planen, eine in Hamburg bei ARD aktuell angesiedelte, gemeinsame und medienübergreifende Verifikationseinheit aufzubauen, zu der die Landesrundfunkanstalten eigene Kollegen entsenden können“, sagte die ARD-Vorsitzende Karola Wille jüngst gegenüber „Horizont“. Da entsteht also ein neues Online-Angebot der Öffentlich-Rechtlichen. Und wir wissen ja, was Deutschlands Verlage von solchen Angeboten halten: Sie wollen sie untersagen.

Den zynischen Witz ihres Vertrauens dürfen Sie nun in den Kommentaren einsetzen.

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