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27. April 2016
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30. April 2016

Sinus-Studie: 72 Jugendliche erschüttern die Medienwelt

Vorgestern geisterte eine Jugendstudie durch die germanische Medienwelt, hier ein Auszug:

sinus studie jugend

Was sagte die Studie? Zitieren wir die Deutsche Welle:

„Noch nie seit der Nachkriegszeit ist die Jugend in Deutschland so wenig rebellisch wie heute gewesen. Das ist ein Hauptergebnis der neuen Sinus-Jugendstudie, die Sozialwissenschaftler in Berlin vorstellten. Sie stand unter der Fragestellung „Wie ticken Jugendliche 2016?“. Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen Welt lasse Teenager eine ungewöhnlich große Nähe zur Elterngeneration suchen, lautet eine Erklärung dafür. Zu weiteren Ergebnissen zählt, wie sehr Teenager das Thema Flüchtlinge interessiert und wie tolerant viele der Zuwanderung gegenüberstehen. Gewundert hat die Forscher, dass junge Leute zunehmend ein wenig Online-müde werden.“

Klingt spannend und trifft fast klischeehaft das, was man der Generation Z so nachsagt. Herausgeber der Studie ist das Sinus-Institut in Berlin, das sein Werk mit dem schlagzeilengeeigneten Titel „Wie Jugendliche ticken“ vermarktet. Natürlich gibt es auch wieder Sinus-Milieus, eines der Hauptgeschäfte des Instituts. Diese Milieus gruppieren die Gesellschaft oder eine Generation in Lebenswelten mit spezifischen Eigenarten. Unter Jugendlichen solle es sieben der Welten geben:

jugend sinus milieus

Das klingt interessant, breit angelegt und wissenschaftlich untermauert. Weshalb praktisch alle Medien darauf anspringen. Über 4.000 Zeichen widmet „FAZ“-Korrespondent Johannes Leithäuser der Studie und – wie es sich für ein analogfetischistisches Blatt gehört – natürlich ist der Satz „Jugendliche zeigen eine ,digitale Sättigung'“ so zu lesen:

Jugendliche zeigen eine „digitale Sättigung“

Bento, das Jugendobjekt von Spiegel Online, kann dagegen solch böse Worte gegen die eigene Zielgruppe nicht stehen lassen und spricht sie frei von der Schuld, langweilig zu sein:

„Was für eine Heuchelei.Denn in Wahrheit sind es doch die Erwachsenen von heute, die das Vorbild für die nächste Generation leben. Sie machen den Jüngeren gerade vor, wie es funktioniert, erfolgreich zu sein. Sie prägen ein System, dass immer nur nach mehr Leistung schreit. Und sei es nur dadurch, dass die Erwachsenen diesem System nicht energisch genug entgegentreten.
Unsere Eltern glauben doch selbst nicht mehr an Visionen für eine bessere Zukunft. Und dann erwarten sie, dass die nächste Generation dann wie aus dem Nichts mit neuen Ideen die Welt verändert? So lange es nicht gelingt, Kinder in diesem Land zu Freiheit und Individualität zu erziehen, ist der Rock’n’Roll tot. Und daran haben dann wir alle eine Mitschuld.“Also, diese Studie, die ist doch ein dickes Ding.Oder?Was viele, viele Medien vermeiden – und lobenswerterweise nur die „Süddeutsche“, Zeit Online und die „Wirtschaftswoche“ recht früh in ihrem Artikel erwähnen, ist die Zahl der befragten Jugendlichen.Sie lautet:72.Yep. Echt jetzt.

72.

Tiefeninterviews waren es, klar. Aber trotzdem.

72.

Was bedeutet, jede dieser Lebensweltbeschreibungen setzt sich bei Gleichverteilung zusammen aus den Erfahrungen von 10,28 Jugendlichen. Aber natürlich sind diese Milieus nicht gleich groß und so könnte die Gruppe der Prekären vielleicht nur aus vier oder fünf befragen Jugendlichen gebildet worden sein.

Sprich: Diese Studie taugt nur wenig. Sie selbst sagt, dass es nicht „die“ Generation der Jugendlichen gibt. Ach, wirklich? Wie will man auch aus 72 Menschen brauchbare Gruppen formen?

Eigentlich aber muss man dem Sinus Institut natürlich gratulieren. Mit einem so überschaubarem Aufwand und dann noch staatlich subventioniert so viel Aufmerksamkeit zu erhalten für das eigene Geschäft – Respekt. Allerdings braucht es dafür nur die simple Erkenntnis, dass die von Content-Hunger dumm gewordenen Redaktionen der Nation niemals ein Thema ignorieren werden, dass sich so leicht in einen Artikel verwandeln lässt.

Klar, ist das Geschriebene unreflektierte Leserverdummung. Aber das ist all den Onlineredaktionen längst komplett egal. Die größte Herausforderung bei der Umsetzung des Themas scheint das Finden von Fotos zu sein. Zeit Online entschied sich deshalb für ein DPA-Foto grillender „Jugendlicher“ im geschätzten Alter von Anfang 30. Vielleicht glaubt man in geistig vergreisten Redaktion-Großräumen tatsächlich, so sähen Jugendliche aus:

Zeit Online Jugendliche

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