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„Kitchen Impossible“: Abbitte an Tim Mälzer

Eigentlich gehört auch bei mir der Sonntag Abend dem „Tatort“. Also, meistens. Ulrike Folkerts-Ausgaben gehören zum Beispiel zu jenen, denen ich nicht mal eine Chance geben. Und das war bei ihrem jüngsten „Tatort“ auch gut so. Denn parallel zu den Tatorten läuft seit einigen Wochen Tim Mälzers neue Show „Kitchen Impossible“.

Und nun wird dieser Blog-Post zum zweiten Teil der Abbitte an Tim Mälzer. Denn ich habe ihn massiv unterschätzt. Einerseits kulinarisch, was Sie auf Gotorio lesen können: Sein Düsseldorfer Restaurant „Hausmann’s“ habe ich zu lange nicht beachtet – und bin seit dem ersten Besuch ein Fan. Andererseits interessierte mich auch seine Fernseh-Seite nicht (wobei ich selbst auch nicht koche).

Doch dann kam „Kitchen Impossible“ auf Vox. 

Kitchen_Impossible

Foto: Vox

Selten habe ich im deutschen Fernsehen das Thema Essen und Kochen unterhaltsamer aufbereitet gesehen. Mälzer bittet in jeder Folge einen anderen Koch zum Duell. Die beiden stellen sich je zwei Aufgaben. Diese bestehen in der Reise an einen Ort, wo dem Herausgeforderten eine Box mit einem fertigen Essen gereicht wird. Dieses muss er analysieren, am folgenden Tag einkaufen und dieses Gericht für 10 Personen möglichst genau nachkochen – in der Küche desjenigen, aus der es kam. Blöderweise kennen diese 10 Gäste das Originalgericht sehr genau: Es können Foodblogger sein, Stammkunden oder Ex-Mitarbeiter. Um das TV-gerecht zu würzen, werden die Szenen der Aufgaben ummantelt mit Mälzer und seinem Gast im Studio, die anscheinend erstmals diese Bilder zu sehen bekommen und kommentieren.

Natürlich gibt es bei „Kitchen Impossible“ die üblichen Versatzstücke des Reality-TV. Vor der Aufgabe muss Spannung aufgebaut werden, nach einem Blick auf das Essen wird die Schwere der Aufgabe betont, und so weiter, und so weiter. Es wäre ein Leichtes die Show zu durchschnittlichem Versatzmaterial für den durchschnittlichen Privatfernsehabend zu verhunzen.

Wären da nicht Tim Mälzer und seine Gäste.

Denn wer Koch auf einem gewissen Niveau ist, der ist definitiv nicht bequem, eher ziemlich bescheuert: Er oder sie bekommt viel zu wenig Geld für extremen Stress, psychischen Druck und ein gehobenes Maß wirtschaftlicher Unsicherheit. Vielleicht deshalb gibt es unter Top-Köchen so viele echte Charaktere: Dieser Beruf braucht ansteckende Leidenschaft und einen gehörigen Schuss Irrsinn.

Mälzer steht dabei recht offen zu seinen eigenen Macken: Immer wieder taucht seine psychische Wunde auf, er fühlt sich nicht genügend respektiert von der Welt der Sterneköche, die in ihm bestenfalls einen soliden Handwerker mit Drang zur Selbstdarstellung sehen. Das letztere, das mit der Selbstdarstellung, würde Mälzer wahrscheinlich nicht mal verneinen. Genau das tut „Impossible Kitchen“ aber gut, denn er bringt in rauestem Ton den Wettbewerbsgedanken ins Spiel. Hier wird kumpelig, aber hart miteinander umgegangen – Köche sind selten Feingeister. „Früher war Tim ein echtes Vorbild“, sagte zum Beispiel die Schweizerin Meta Hiltebrand in ihrem Duell mit Mälzer, „heute glaub ich: Er braucht mal eins in die Fresse.“

Auf der anderen Seite sind jene Aufgaben perfide. Einfach gut kochen kann jeder der Teilnehmer, das wäre keine Hürde. Doch die Kandidaten müssen sich mit Gerichten auseinandersetzen, von denen sie noch nie gehört haben, teilweise nicht einmal die Ingredienzen kennen. Und dann müssen sie diese auch noch in einem ungewohnte Umfeld zubereiten: Juan Amador verzweifelte gestern in einem Münchener Imbiss an uygurischen Nudeln, Mälzer wurde sichtbar wahnsinnig in der Enge eines mexikanischen Marktstandes.

Dieser Wahnsinn, diese Momente des nahen Scheiterns machen „Impossible Kitchen“ aus. Küchengötter landen auf dem harten Erdboden und wir sehen sie leiden. „Jetzt mach mal die Kamera aus“, sagt Mälzer leise, dann sehen wir ihn auf Treppenstufen sitzen, den Kopf in den Händen. Hiltebrand tanzt mit Kopfhörern in den Ohren nach erledigter Aufgabe im Innenhof eines Wiener Restaurants, bevor sie in Tränen ausbricht. Wenn das gestellt ist, ist es verdammt gut gestellt.

Kitchen Impossible Hiltebrand

Wer am Ende gewinnt, ist Nebensache. Der Zuschauer erlebt eine kulinarische Reise um die Welt, angespitzt durch ein Gegeneinander. Die Köche sind seine Späher, egal ob in Helsinki oder Düsseldorf, ihr Scheitern ein Gegenentwurf zu den perfekt gestylten Koch-Shows in denen nie etwas schief geht und ein „ach, das ist nicht so mein Geschmack“ die härteste Form der Kritik darstellt.

Doch nicht nur Mälzer gehört Respekt, sondern auch Vox. Denn die erste Folge von „Kitchen Impossible“ lief bereits Ende 2014. Sie war ein Flop, obwohl Mälzers Gegner einer der spannendsten Köche Deutschlands war – Tim Raue. Erst in einer Wiederholung lieferte sie die gewünschten Marktanteile. Nun also die erste Staffel und auch hier muss sich erst herumsprechen, was für eine tolle Show Vox da im Programm hat, die Einschaltquote kletterte in den vergangenen Wochen Stück für Stück. 

Heute nun wurde bekannt: Vox wird eine zweite Staffel ordern. 

Und deshalb nochmal: Respekt, Tim Mälzer.

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