Verlage auf Facebook: ein merkwürdiges Trauerspiel
1. Oktober 2015
Print ist geil, oder: von „Yps“ lernen heißt siegen lernen
13. Oktober 2015

Merkel bekommt den Nobelpreis

Vielleicht sollten wir einfach nicht mehr zu hohe Erwartungen stellen an das, was sich „Journalismus“ nennt. Vielleicht sollten wir es als das akzeptieren, was es ist: Entertainment. Also eine Industrie, die unsere Liebe zu Nachrichten mit immer neuen Geschichten befriedigt, die in Wellen verabreicht werden – aber keineswegs der Wahrheit entsprechen müssen.

Nobel_PrizeSehr schön festmachen lässt es sich an der grassierenden Meldung, Angela Merkel sei Kandidatin, ja sogar Favoritin, für den Friedens-Nobelpreis.

Dass diese sich derart verbreitet, dürfte an DPA und AFP liegen. Die Nachrichtenagenturen verbreiten anscheinend Meldungen, die so klingen:

„Im Ukraine-Konflikt handelt die Bundeskanzlerin einen Waffenstillstand aus. Als die Flüchtlingssituation zu eskalieren droht, heißt Angela Merkel die Schutzsuchenden in Deutschland willkommen – und findet zugleich klare Worte. Für ihren Umgang mit den großen Krisen in Europa soll die CDU-Politikerin den Friedensnobelpreis bekommen, fordern Parteifreunde in Berlin. In Oslo, wo am Freitag (9. Oktober) das Geheimnis um den Preisträger 2015 gelüftet wird, wird Merkel inzwischen auch als Kandidatin gehandelt.“

Nun ist „in Oslo“ ja eine Formulierung, die doch recht unkonkret wirkt. Immer aber sollte man misstrauisch werden, wenn Schreiber zum Passiv greift – denn der Passiv ermöglicht es, Quellen zu vermeiden.

Tatsächlich gibt es nur eine nachverfolgbare Quelle für diese Behauptung: Kristian Berg Harpviken, Chef des Osloer Friedensforschungsinstituts. Das Institut veröffentlicht jedes Jahr eine Liste seiner persönlichen Kandidaten für den Preis, seit 2009 ist dies Harpvikens Aufgabe. Die Subjektivität wird dabei betont: „Each year, PRIO Director Kristian Berg Harpviken presents his own shortlist for the Nobel Peace Prize, based on his independent assessment.“ Darüber steht ein Wort, das Journalisten zögern lassen sollte, die Liste ernst zu nehmen: „Speculation“. Das ist englisch und darf übersetzt werden mit „Spekulation“.

Nun gibt es ja tatsächlich Experten, die ein gutes Händchen für solche Preisvergaben haben. Schauen wir uns also die Trefferrate von Harpviken an: 2014 lag Malala Yousafzai bei ihm immerhin auf Platz fünf – ein halber Treffer, also. 2013 – kein Treffer. 2012 – nix. 2011 – nö. 2010 – nope. 2009 – auch nicht. In den sechs Jahren von Harpvikens Spekulationen landete er also einen halben Treffer – und das mit der Ausgezeichneten, die er schon im Vorjahr auf die Liste gesetzt hatte.

Aber das scheint jenen, die sich Journalisten nennen, im Jahr 2015 komplett egal zu sein. Es reicht schon, zur richtigen Zeit eine Pressemitteilung von einem Institut, das ansonsten keinerlei Beachtung genießt, zu platzieren, um selbst von sonst so seriös gerierenden Nachrichtenagenturen übernommen zu werden. Mehr noch: Es reicht diese eine Quelle, um zu behaupten, dass „in Oslo“ eine Favoritin im Raum stehe. Zitat „Frankfurter Rundschau“: „Zu den ernstzunehmenden Hinweisen gehört auf jeden Fall die persönliche Shortlist, die Kristian Berg Harpviken, der Direktor des Osloer Friedensforschungsinstituts Prio, in jedem Jahr vorlegt.“ Bei der „Frankfurter Rundschau“ nimmt man wahrscheinlich auch Hinweise von volltrunkenen Menschenaffen ernst, die gerade mit dem Kopf gegen die Galluswarte gelaufen sind.

Egal ob „Augsburger Allgemeine“ oder „Thüringer Zeitung“, sie alle käuen das Stückchen Pseudo-Recherche wieder. Das „Handelsblatt“ übernimmt ganze Agenturpassagen, ergänzt sie aber über Menschen, die Merkel den Preis gönnen (kein einziger davon ist eine Überraschung). Dafür klatscht der Autor seinen alleinigen Namen drüber und ominösiert: „Möglicherweise erhält Merkel nun für ihren Umgang mit den großen Krisen in Europa den Friedensnobelpreis. In Oslo, wo am Freitag das Geheimnis um den Preisträger 2015 gelüftet wird, wird die CDU-Bundesvorsitzende sogar schon als Kandidatin gehandelt.“

Möglicherweise. Möglich ist ja immer vieles. Auch dass morgen rauskommt, dass die Erde doch ein von Mäusen gebauter Supercomputer ist, der einer intergalaktischen Schnellstraße Platz machen muss.

Fragwürdig halte ich es, überhaupt über solch eine Spekulationsliste ohne Treffer-Historie zu berichten. Man muss nicht jede obskure Pressemitteilung veröffentlichen, liebe Redaktionen. Echt! Man kann auch einfach mal was ignorieren!

Immerhin drei Medien konnte ich ausmachen, die auf die fehlende Trefferquote von Harpvikens Liste hinweisen: Der „Stern“ tut es kurz, der NDR in einer Satire, Sueddeutsche.de deutlich sichtbarer. Zitat der Münchener:

„Diverse Medien küren die Kanzlerin zu einer der Favoritinnen und attestieren ihr „gute Chancen“. Als Grundlage für die Spekulation gelten die „Meinungen von Experten“. Tatsächlich ist es ein Experte, der sich als Merkels Fürsprecher hervortut: Kristian Berg Harpviken, der Direktor des Osloer Friedensforschungsinstituts Prio… Alljährlich heizt Harpviken kurz vor der Bekanntgabe der Preisträger die Gerüchteküche an – und regelmäßig irrt er sich.“

Nur wirft die Online-SZ dann gleich Nobeliana ins Rennen, einen von Nobel-Historikern gegründeten Verein, der (wenn ich es richtig sehe) zum ersten Mal seine Favoritenliste veröffentlicht.

Kein Medium aber nimmt sich des größten Hakens an, den die Merkel-Nominierung birgt. Denn: Wie wird der Preis denn eigentlich vergeben? Wenn man gewohnt ist, dass Titelthemen, Seitenplatz oder Sendezeit nach Gusto und Bauchgefühl eines Leitenden ausgewürfelt werden, kann man sich vielleicht gar nicht vorstellen, dass es festgelegte Prozesse und Protokolle gibt.

Trotzdem ist verwunderlich, dass anscheinend niemand all der Schreiber einfach mal auf die Homepage des Preiskommitees gegangen ist, um jene Statuten zu erforschen. Dort steht (danke für den Hinweis an Lukas Heinser):

„The Nobel Committee makes its selection on the basis of nominations received or postmarked no later than February 1 of the year in question. Nominations which do not meet the deadline are normally included in the following year’s assessment. Members of the Nobel Committee are entitled to submit their own nominations as late as at the first meeting of the Committee after the expiry of the deadline.“

Und:

„At the first meeting of the Nobel Committee after the February 1 deadline for nominations, the Committee’s Permanent Secretary presents the list of the year’s candidates. The Committee may on that occasion add further names to the list, after which the nomination process is closed, and discussion of the particular candidates begins. In the light of this first review, the Committee draws up the so-called short list – i.e. the list of candidates selected for more thorough consideration. The short list typically contains from twenty to thirty candidates.

The candidates on the short list are then considered by the Nobel Institute’s permanent advisers. In addition to the Institute’s Director and Research Director, the body of advisers generally consists of a small group of Norwegian university professors with broad expertise in subject areas with a bearing on the Peace Prize. The advisers usually have a couple of months in which to draw up their reports. Reports are also occasionally requested from other Norwegian and foreign experts.

When the advisers‘ reports have been presented, the Nobel Committee embarks on a thorough-going discussion of the most likely candidates. In the process, the need often arises to obtain additional information and updates about candidates from additional experts, often foreign. As a rule, the Committee reaches a decision only at its very last meeting before the announcement of the Prize at the beginning of October.

The Committee seeks to achieve unanimity in its selection of the Peace Prize Laureate. On the rare occasions when this proves impossible, the selection is decided by a simple majority vote.“

Wenn es nun heißt, Merkel solle den Preis für ihr Verhalten gegenüber den Flüchtlingen erhalten, so kann das letztlich nicht stimmen. Denn dann hätte dieses Verhalten schon am 1. Februar bekannt sein müssen – und da war die Situation noch gar nicht so verschärft. Auch das von Heiner Geißler in einem Interview mit der „Zeit“ ins Rennen gebrachte Agieren in der Ukraine-Krise scheidet wohl aus: Im Januar schwelte der Konflikt noch heftig vor sich hin. Übrig bliebe nur Merkels Äußerung im Rahmen des Besuchs des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu. Damals sagte sie: „Der frühere Bundespräsident Christian Wulff hat gesagt: Der Islam gehört zu Deutschland. Und das ist so. Dieser Meinung bin ich auch.“

Reicht das für den Friedens-Nobelpreis? Möglich wäre nur, dass Merkel aus irgendeinem Grund zu den Shortlistern gehört und ihre Beurteilung sich im Laufe des Prozesses massiv verändert hat. Das ist nicht ausgeschlossen. Doch um dies zu beurteilen wären intime Kenntnisse der Prozeduren und handelnden Figuren nötig. Man könnte dies dem Leser auch erklären und darauf eingehen, dass im März der Vorsitz des Nobelpreis-Kommitees gewechselt hat und mit Kaci Kullmann Five nun eine Konservative den Vorsitz hat, was den Machtwechsel der norwegischen Politik dokumentiert.

All dies könnte man einfach mal aufschreiben. Wenn man wollte. Will aber keiner. Aber, hey:

Nachtrag vom 9.10.15: Natürlich ist es Angela Merkel nicht geworden. Und natürlich finden sich die ausgezeichneten Tunesier nicht auf einer der beiden von den Medien in den Himmel geschriebenen Prophetenlisten. Und nun kann man als wahrer Profi in Sachen hirnloses Entertainment auch schreiben, dass es tooootaaaal überraschend ist, dass Merkel es nicht geworden ist. So wie die Zirkusartisten bei Spiegel Online:

spon merkel

Teile diesen Beitrag