Mit dem Fahrrad in die Festung: Was beim Deutschlandfunk als Journalismus durchgeht
13. August 2015
Sehen wir uns beim Finanzbarcamp in Offenbach?
26. August 2015

Schnauzbär und das Flüchtlingskind #BloggerfürFlüchtlinge

Der Bär hier im Bild heißt Schnauzbär. Geboren wurde er am 15. Dezember 1938, dem ersten Geburtstag meiner Mutter, in Opperau nahe Breslau. Und er erinnert mich daran, dass ich ein Flüchtlingskind bin.

IMG_0428Denn Schnauzbär ist recht früh erblindet, ungefähr im Alter von sieben Jahren. Es waren russische Soldaten, die ihm die Augen mit einem Messer herausschnitten bevor sie meine Großmutter vergewaltigten. Es war denn meine Oma, die jene leeren Augenhöhlen zunähte, so dass er mit ihr und meiner Mutter von Opperau nach Breslau gelangen konnte. Dort erwischten sie den letzten Zug gen Westen und landeten schließlich in Senden nahe Münster.

Dabei hatten sie Glück: Einer der größten Bauernhöfe nahm sie auf und sie wurden ein vollwertiger Teil der Familie Schulze Messing. Alles in Ordnung? Nein. Meine Mutter besuchte dann das kirchliche Mädchen-Gymnasium St. Antonius in Lüdinghausen. Und dort machten die lehrenden Nonnen Front gegen die schmarotzenden Ausländer aus dem Osten, die den gebeutelten Westdeutschen Essen und Arbeit wegnahmen. Es brauchte den Wechsel auf ein weltliches Gymnasium in Münster, damit meine Mutter ihr Abitur absolvieren konnte. An all diesen Erinnerungen litt sie ihr gesamtes Leben.

Und trotzdem war es ja noch eine ruhige und vergleichsweise glückliche Jugend. Andere fanden nie eine Heimat. Ihnen setzte Heinz-Rudolf Kunze einst ein Mahnmal in Gestalt des Songs „Vertriebener“:

Hier im Blog ärgere ich mich häufig über Menschen und Medienhäuser, die nicht dazu lernen. Manches von dem, worüber wir heute diskutieren, war eben schon mal da – sehr unterhaltsam war für mich der 10-Jahres-Rückblick auf die Netzwert, die E-Business-Beilage des „Handelsblatt“. Umso erschreckender aber ist es, dass Deutschland – trotz all des Mahnens um die eigene Vergangenheit, all der Nazi- und Weltkriegs-Dokus, -Filme und -Serien – vergisst, dass es eine Nation von Flüchtlingen aller Couleur ist. Das sind die Vertriebenen – und dieser Begriff scheint inzwischen exklusiv reserviert für sie zu sein – aus Schlesien oder Ostpreußen; deutschstämmige Randgruppen aus anderen Bereichen Osteuropas; Gastarbeiter (also Wirtschaftsflüchtlinge), die das Wirtschaftswunder mit antrieben; DDR-Bürger, die erst in marginalen Zahlen, dann in immer größerer Zahl die BRD erreichten, bis sich der größte Teil ihres Landes beschloss, aus dem politischen System zu fliehen.

vertriebeneAll das scheint vergessen– vor allem im Osten (und bei der CSU). Das ist vielleicht verständlich, denn meine Mutter erzählte immer, dass von jenen, die aus Schlesien flohen, niemand in die russisch eroberten Gebiete des verkleinerten Deutschlands wollte. Weil dort eben die Russen waren, die als brutal und Deutschen hassend galten. Und auch wenn die Vertriebenenverbände sehr rechte Tendenzen pflegten, so brachten sie doch gemeinsam mit der Kriegsgräberfürsorge über Jahrzehnte den Gedanken an jene Geflüchteten wieder ins Hirn der BRD. Ob dies im Osten ähnlich passierte, kann ich nicht sagen (vielleicht mögen Sie, liebe Leser, in den Kommentaren dazu etwas beisteuern). Doch ahne ich, dass dem eher nicht so war.

Und die CSU? Na ja, der Troll unter der deutschen Parteien ist halt so wie alle Trolle: rationalen Argumenten gegenüber verschlossen.

Deshalb ist auch meine Wahrnehmung der Flüchtlingsdebatte eine gespaltene. Einerseits sehe ich rechte Postings. Allerdings: Nicht direkt in meinen Social Feeds, sondern eher indirekt zusammengetragen von tollen Seiten wie „Perlen aus Freital„. Was ich viel mehr sehe, sind Hilfsangebote. Auch in Düsseldorf organisieren sich hilfsbereite Bürger über Facebook, die Seite „Flüchtlinge sind in Düsseldorf willkommen“ zählt inzwischen fast 5.000 Liker. Und jener Aspekt, der positive, der wird für meinen Geschmack zu häufig verschwiegen. Ich lese viel über Nazis und anderes Gesindel, das sich im Social Web organisiert – zu wenig aber über Initiativen, die helfen wollen.

BFF_1508_ButtonBlau2Doch natürlich können wir nicht einfach behaupten, alles werde schon gut. Die Frage, wie wir mit Flüchtlingen und Vertriebenen umgehen wird darüber entscheiden, welches Land wir künftig haben werden. Ein saturiertes, abgeschlossenes? Oder eines, in dem Menschen, die alles (und fast sogar ihr Leben) geben, um nach Deutschland zu kommen, eine Chance bekommen? Ist nicht, wer so viel riskiert, unsere Zukunft? Hat nicht schon der Gedanke an das Elend des Zweiten Weltkriegs das Wirtschaftswunder beflügelt? Es ist weiter schockierend, dass die Bundeskanzlerein meint, dazu schweigen zu müssen. Sie ahnen auch, wie meine Meinung dazu aussieht: Die zweite Generation jener Flüchtlinge sind die künftigen Gründer, Selbständigen und Startupper Deutschlands.

Also, lasst uns reden. Das ist auch das Ziel einer Initiative, die Paul Huizing von Einfach Lecker Essen  gemeinsam mit Karla PaulNico Lumma und Stevan Paul gestartet hat: #BloggerfürFlüchtlinge. Sie bitten darum, dass Blogger Stellung beziehen – und zu Spenden aufrufen.

Hier können Sie bequem via Betterplace spenden und ich bitte Sie, dies heftigst zu tun.

Teile diesen Beitrag