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Mehr Rücksicht auf den Smartphone-Absatz

„Ja, aber längst nicht alle haben ein Smartphone!“

Das ist so ein Satz, der schnell und gerne fällt, schreibt oder diskutiert man über den digitalen Standort Deutschland und kritisiert, dass die Bundesrepublik keine Rolle spielt im digitalen Zeitalter außer der des Bremsklotzes.

Diese Behauptung dient  als Rechtfertigung dafür eine auf digitale Förderung ausgerichtete Politik und ihre Maßnahmen abzulehnen. Sie impliziert, der Besitz von Smartphones sein das Privileg einer Minderheit, zumindest aber, dass eine substanzielle Menge von Bürgern sich auf Handys beschränkt die nur zum Telefonieren oder dem Spielen von „Snake“ geeignet sind. Auf jene müsse man Rücksicht nehmen.

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Variationen jenes Satzes sind ebenfalls im Umlauf. Zum Beispiel „Alte Menschen sind nicht auf Facebook“, „Fernsehen über Datenleitung braucht keiner“, „Die Menschen sind doch chronisch überfordert“ oder „Es gibt kaum Startups, die so viele Daten hin- und herschieben als dass eine Leitungsverteuerung als Folge einer Aufgabe der Netzneutralität ein Problem wäre“.

Diese Sätze sind Debatten-Krähenfüße. Sie sollen dem Gegenüber die Argumentationsreifen aufschlitzen und ihn so schlitternd zum Stehen bringen. Denn immer sollen wir im Hintergrund eine unter digitaler Abgehängtheit leidende Gruppe unserer Gesellschaft imaginieren: vereinsamte Senioren, desinformierte Senioren, traurig in lineares Programm starrende Familien, burnoutig über ihrer Bürotastatur zusammengesunkene Büroameisen, sterbende Patienten (weil ihre Daten wegen der verdammten Netzneutralität nicht bevorrechtigt durchgeleitet werden). Und auf die gelte es, Rücksicht zu nehmen.

Gleichzeitig sollen diese Sätze natürlich auch signalisieren, dass derjenige, der sie zu hören bekommt, zu weit vorprescht, zu digital ist, mit der Sanftmut einer Kettensäge die Armen und Geknechteten rasiert, dass er Transformer mit Rambo-Mentalität alles tut, um seine Vorlieben voranzutreiben, dass er eben rücksichtslos ist.

Mich erinnern diese Argumente inzwischen an Diskussionen mit Fußball-Ultras. Mit denen messe ich mich gelegentlich auf Facebook, denn der Verein meines Herzens muss zu viel Geld für Strafen rausschmeißen, weil einige mit wenig Hirn und Einsicht gesegnete Stadionbesucher gerne hochgefährliche Pyrotechnik in engen Menschenmassen entzünden. Die Reaktion der Ultras auf rationale Argumente wie Gefährlichkeit, Regelwerke oder die Ablehnung durch einen Großteil des Restpublikums wird mit Argumenten Worten gekontert wie „Ultras Liberi!“, „Ich kenne keinen, der verletzt wurde“, „Nicht jedes Gesetz ist gerechtfertigt“ oder „Geh doch zum Ballett“.

Ähnlich wie jene Ultas die Ratio zugunsten der Emotion komplett ausschalten mit dem Ergebnis der Rücksichtslosigkeit. Und so ähnlich diskutieren auch die Digital-Gegner. Rationale Argumente werden unter dem Deckmantel der Rücksichtnahme erstickt – wobei auf die Realität wenig Rücksicht genommen wird. Nehmen wir nur jenen Satz, mit dem das oben alles begann: „Ja, aber längst nicht alle haben ein Smartphone!“

Und dann blicken wir auf diese Grafik von Statista:

Infografik: Die Opfer des Smartphone-Booms | Statista

24 Millionen verkaufte Smartphones in einem Jahr. Nicht insgesamt verkaufte akkumuliert über die Jahre, sondern an den Deutschen gebrachte Exemplare innerhalb von 12 Monaten. 80 Millionen Einwohner gibt es im Land, nehmen wir dann nochmal rund 10 Millionen raus, die entweder zu jung, zu krank oder aus anderen Gründen praktisch nicht in der Lage wären, ein Smartphone zu nutzen. Natürlich hat die Smartphone-Durchdringung in Deutschland – je nach Studie – maximal 60 Prozent erreicht.

Statistik: Anzahl der Smartphone-Nutzer in Deutschland in den Jahren 2009 bis 2014 (in Millionen) | Statista
Doch nehmen wir die Zahlen zusammen, so fordern jene Satzaussprecher Rücksicht auf eine drastisch sinkende Zahl von Menschen. Denn natürlich gibt es jene, die einmal im Jahr ein neues Handy kaufen. Nehmen wir mal an, sie würden die Hälfte aller Smartphone-Käufer ausmachen (und ich glaube, dass es weniger sind). Selbst dann aber würde die Zahl der Klassikhandy-Nutzer in jedem Jahr um 12 Millionen oder mehr sinken, womit wir eine Komplettabdeckung in einer Hand voll Jahren erreicht hätten. Mal abgesehen von der Möglichkeit, dass schon bald keine Nicht-Smartphones mehr produziert werden könnten.

Was wir in Deutschland brauchen, ist eine Debatte über die digitale Gesellschaft. Wie soll sie aussehen? Was wollen wir laufen lassen und was begrenzen? Diese Debatte sollte aber vor allem fortschrittsoptimistisch geführt werden. Natürlich braucht sie auch Rücksichtnahme. Doch Rücksicht darf nur eine Leitplanke sein und kein Reifenschlitzer. Denn hätten wir wir im Laufe der Jahrzehnte immer Rücksicht auf jene genommen, die technologisch zurückhängen (gewollt und ungewollt), würde sich die Straßenverkehrsordnung sowie die Verkehrspolitik an Pferdekutschen orientieren.

Foto: Shutterstock/Saldavs

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