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Pluralistische Ignoranz – ein unterschätzter Begriff der digitalen Mediengesellschaft

Am 15. Juni ist in Düsseldorf etwas passiert, worauf einige Wochen vorher kaum jemand öffentlich gewettet hätte: Die Stadt bekam einen neuen Oberbürgermeister.

Vielleicht interessiert das Leser außerhalb des Rheinlandes wenig, lesen Sie aber trotzdem weiter. Denn dieser Wechsel zeigt aus meiner Sicht, warum „pluralistische Ignoranz“ eine Idee ist, die zu den Spannendsten und Wichtigsten in der digitalen Mediengesellschaft gehört.

Dazu muss ich für die Auswärtigen ein wenig ausholen….  (Und ich fürchte, die Soziologen unter den Lesern werden das Folgende grauenhaft finden.)

Schon im Sommer 2013 rumorte es mächtig bei den Menschen, die ich auf Düsseldorfer Veranstaltungen traf. Da waren Mittelstandslenker, die sich über die Arroganz des amtierenden OB Dirk Elbers ärgerten oder Stadtangestellte, die von liegen bleibenden Entscheidungsvorlagen berichteten. Wer das intern kritisiere, so die Verwalter, werde angeblafft oder kalt gestellt. Düsseldorfer Medien dagegen ließen ihren Frust über mangelnde Informationen in Lokaljournalistenkreisen ab, auch darüber, dass Elbers Pressesprecherin die „NRZ“ nicht mehr mit Infos versorge, weil die Zeitung aus dem Funke-Konzern so kritisch schreibe. Und dass diese Sprecherin ständig fordere, der Oberbürgermeister müsse mit Foto abgebildet werden. Genauso ärgerten sich sozial Engagierte über die rasante Zweiteilung der Stadt in Reich und Arm, Kulturfreunde wüteten über den Kulturdezernenten, der die Intendantensituation im Theater zu einem Desaster hat werden lassen und keine Lust zeigte, das junge und dynamische Museum NRW-Forum zu retten.

Doch trotzdem sagte jeder: „Aber Elbers wird ja doch wieder gewählt.“

shutterstock ignoranz drei affen

Das spiegelten auch die lokalen Medien wider. Von denen gibt es in Düsseldorf noch immer eine Menge: „Rheinische Post“, „Westdeutsche Zeitung“, „Express“, Antenne Düsseldorf und Center-TV. Sie alle zeigten Dirk Elbers in seiner ganzen (Selbst)Herrlichkeit. Einzige Ausnahme: Die „NRZ“ mit ihrer winzigen Auflage.

Als die SPD dann im April den völlig unbekannten Thomas Geisel nominierte, taten die Lokalredaktionen wenig, um ihn bekannter zu machen. „Zählkandidat“ war der Begriff, der die Runde machte. Erst eine Woche vor der ersten Wahl am 25. Mai wagte sich die „RP“ ein wenig nach vorn. Es gab zwei, drei kritische Berichte über Elbers, so weit ich das gesehen habe.

Es kam der 25. Mai – und der Düsseldorfer Teil meiner Timeline kriegte sich kaum noch ein: Thomas Geisel erzwang mit 38 Prozent die Stichwahl. Am Morgen war man noch Protestwähler, nach den ersten Hochrechnungen Teil eines substanziellen Teils der Bevölkerung.

Diese Erkenntnis ist der der Bruch der pluralistischen Ignoranz. Mit diesem Begriff bezeichnen Soziologen eine Situation, in der viele Menschen einer Gruppe eine Situation deshalb als gegeben hinnehmen, weil sie glauben, dass sie mit ihrer Meinung, es müsse sich etwas ändern, allein sind. Erst wenn sie sehen, dass sehr viele Menschen ihre Meinung vertreten, wird diese Ignoranz gebrochen.

So wie in Düsseldorf: Das Ergebnis der ersten Wahl sorgte für einen großen Aufschwung Thomas Geisels. Während Amtsinhaber Elbers vielleicht selbst jener pluralistischen Ignoranz erlag und glaubte, die Bürger ständen hinter ihm, füllte Geisel das Social Web (nicht immer glücklich, aber immer motiviert) mit seinen Botschaften. Am Ende musste auch die konservative „Rheinische Post“ gestehen, dass diese Internetaktivitäten des SPDlers maßgeblich den Wahlausgang beeinflusst hatten. Denn bei der Stichwahl lag Geisel von Anfang an vorne – vom Zählkandidaten zum überlegenen Sieger durch den Bruch der pluralistischen Ignoranz.

Für jede Art von journalistischem Medium sollte dies nicht neu sein. Es ist das Kerngeschäft von Medien, pluralistische Ignoranzen zu finden und öffentlich zu machen. Die „Bild“ war einst hervorragend darin, die Stimmung des Volkes in eine Schlagzeile zu packen. „Stern“ und „Spiegel“ taten dies mit Meta-Themen abseits der Nachrichtenlage. Und im Lokaljournalismus sollte es eigentlich dazu gehören, die Stimmung des Volkes in Worte zu fassen. So gelang es Medien, Themen zu setzen oder, wie es heute heißt, die „Agenda zu bestimmen“.

Tja, nur funktioniert das heute so nicht mehr.

Beispiel „Bild“: Im Gleichschritt mit dem Schwesterblatt „BZ“ wollte Deutschlands größte Zeitung das sowjetische Ehrenmal in der Nähe des Brandenburger Tores wegbekommen. 12 Millionen Leser hat diese über Tage laufende Kampagne angeblich erreicht (wenn man Reichweiten und Auflagenzahlen glauben will). Wie viele haben die Petition unterzeichnet? 4.101. Deutlicher kann man nicht dokumentieren, dass man kein Gespür mehr hat für die Bürger.

Nicht anders die großen Nachrichtenmagazine: Nur noch gelegentlich gelingt es ihnen wirklich, ein Thema zu setzen. Wer erinnert sich in diesen Tagen noch an Titelgeschichten wie „Der Papst und der Sex“, „Kopfschmerz“ oder „Konsumverzicht“, „Die Lügen der Abnehm-Industrie“, „Die Tricks der Handwerker“, „Mehr Erfolg, weniger Stress“ oder „Die Macht der Hormone“? Wer hat über sie im Freundeskreis oder der Kaffeeküche gesprochen?

Ach, und mal spaßeshalber: Versuchen Sie mal die Titel einzelnen Magazinen zuzuordnen…

Das heißt nicht, dass niemand diese Hefte kaufen will. Unter einigen der genannten befinden sich gut verkaufte. Doch nachhaltig Themen setzen nur noch exklusive Nachrichten wie das Wulff-Interview des „Spiegel“.

Am schlimmsten ist es im Lokalbereich, denn der war in Deutschland ja noch nie sonderlich kritisch. Das hat sich noch verschlimmert. Nur dort, wo es echte Konkurrenzsituationen gab versuchte sich in den vergangenen Jahren der jeweils kleinere Anbieter mit kritischeren Tönen abzusetzen.

Umso trauriger ist die Nachricht vom vergangenen Freitag über den Verkauf der „Münsterschen Zeitung“ an die „Westfälischen Nachrichten“. Die „WN“ sind nur eine lokalpolitische Flauschveranstaltung ohne großen, kritischen Anspruch.

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Mehr noch: Auch sie zeigten schon den Verlust jedes Gefühls für die Bürgermeinung. Die Verlegerfamilie Hüffer gehörte zu den kräftigsten Befürwortern eines Musikhallen-Neubaus für 30 Millionen Euro. 2007 beschloss der Rat den Bau sehr zum Ärger vieler Bürger, die ahnten, dass der laufende Betrieb nicht zu refinanzieren sein würde. Ergebnis: ein Bürgerbegehren im Jahr 2008.

Während dieser Zeit blendeten die „WN“ praktisch jedes Argument gegen die Musikhalle aus. Trotzdem war das Begehren erfolgreich – die Musikhalle wird nicht gebaut. Während dieser Zeit soll eine dreistellige Zahl von Abonnenten ihre „WN“ gekündigt haben, erzählte mir damals ein Mitarbeiter des Verlags. Gelernt hat man daraus nichts: Nur wenige Monate später forderte ein Kommentar schon wieder, den Bau doch nochmal zu prüfen.

Die „MZ“ war da immer ein Stückchen kritischer und investigativer. Mit dem Verkauf wird sich dies bald ändern. Absehbar dürfte sein: Nach dem einjährigen Bestandsschutz werden viele der günstigeren „MZ“-Redakteure die „WN“-Leute ersetzen. Denn erinnern wir uns: Der „MZ“-Mutterkonzern Lensing-Wolff entsorgte einst in einer skrupellosen Nacht-und-Nebel-Aktion die gesamte Lokalredaktion und tauschte sie durch günstigere, jüngere und weitestgehend tariffreie Kräfte aus. Bitter übrigens: Danach wurde das Blatt aus meiner Sicht inhaltlich besser. Die „WN“, jedenfalls, hat sich nie um pluralistische Ignoranzen gekümmert.

Gerade in den Zeiten des Social Web kommen diesen aber besondere Bedeutung zu. Denn wer es schafft, sie zu brechen, wird geteilt und gelesen – er setzt Themen. Schließlich findet die öffentliche Meinungsbildung heute im Web statt. Facebook und Co. sind kein Spielezeug von Teenagern mehr, sondern eine Kulturtechnik. Nicht umsonst ist das Internet innerhalb von 10 Jahren an allen anderen Medien vorbei zum wichtigsten Informationsinstrument der Deutschen geworden.

Wir erhalten heute Einblick in Subkulturen und Bevölkerungsschichten von gehöriger Größe, von denen wir früher wenig bis gar nichts mitbekamen. Jedes Jahr erleben wir dies am Offensichtlichsten beim Webvideo-Preis wenn mit einem Mal Videomacher (oder in diesem Fall ein Rapper) bejubelt werden, die nie zuvor in den Massenmedien aufgetaucht sind. Dies hat heute der freie Journalist Andreas Rickmann in einem Blogpost verarbeitet. Zitat:

„Unsere Welt ist ausdifferenziert und unübersichtlich. Dank des Internets und sozialer Medien gibt es für jeden die Möglichkeit, die für sich passenden Inhalte zu finden. Es gibt viele kreative und erfolgreiche junge Menschen, die mutig sind und experimentieren. Sie haben ihre eigenen Kanäle, ihr eigenes Publikum und sind nicht auf andere angewiesen. Mut, den viele klassiche Journalisten nicht haben…

Wer sich weigert, die Bedürfnisse und Lebensräume von jungen Leuten in der digitalen Welt anzuerkennen und sich nicht mit nicht ihnen auseinandersetzt, sie ignoriert, weil es am bequemsten ist, der wird in Zukunft ein Problem bekommen.“

In die gleiche Richtung zielt der Medienwissenschaftler Andreas Vogel vom Kölner Institut für Presseforschung. Im Gespräch mit dem „taz“ sagte er:

„Journalisten und Verleger müssen heute von ihrem Balkon herunterkommen, der sie glauben lässt, sie würden sowieso gelesen, egal was sie schreiben. Stattdessen sollten sie sich damit auseinandersetzen, dass es relevante Zielgruppen gibt, die sich von der Tagespresse nicht mehr repräsentiert fühlen: Migranten, Großstadtsingles, ärmere Menschen.“

Das Netz könnte Redaktionen also helfen, pluralistische Ignoranzen zu finden und darzustellen. Das Ergebnis wäre ein emotionales: Der Leser würde sich entweder (so er selbst Teil der Ignoranz ist) verstanden fühlen oder andererseits seine Umwelt besser verstehen.

Statt sich dies zu nutze zu machen, schotten sich sehr viele Redaktionen, vor allem Zeitungsredaktionen, ab. Erst über durchlässige Paywalls, die nun immer enger gezogen werden. Die „Braunschweiger Zeitung“ ist gar nicht mehr ohne Abo zu lesen, seit vergangener Woche gibt es bei der einst für ihre Digital-Offenheit gelobten „Rhein-Zeitung“ nur noch zwei Artikel pro Monat.

Auf der Facebook-Seite der Niedersachsen ist seit der Umstellung subjektiv – das Monitoring der Redaktion wird mich vielleicht widerlegen – die Zahl der Kommentare gesunken. Warum? Weil Artikel hinter einer Paywall nicht geteilt werden. Dies zeigt sich auch in den Kommentaren unter dem Post von „RZ“-Chef Christian Lindner:

Einschub: Interessanterweise wird in diesen Debatten aus meiner Sicht derzeit eine andere pluralistische Ignoranz gebrochen: das Gefühl, dass die aktuelle Qualität deutscher Medien nicht ausreichend ist. Ein Beispiel dafür waren die jüngsten Diskussionen um den „Tagesspiegel“. Der schriebe ein merkwürdige und eher eklige Geschichte über den Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs. Der ist auf Twitter aktiv und unter den 1.500 Accounts, denen er folgte, waren drei schwule Porno-Twitterer.

Der „Tagesspiegel“, selbst ernannter Agenda-Setzer in der Hauptstadt, thematisierte dies. Dabei rückte er Kahrs in die Nähe der Kinderpornographie in dem er erklärte, ja nicht zu wissen, ob die abgebildeten Personen volljährig seien. Eine perfide Taktik ähnlich der Frage: „Haben Sie heute schon Ihre Frau geschlagen?“ Mal abgesehen davon wurde auch nicht untersucht, ob sich jene drei Accounts einer typischen Spammer-Taktik bemächtigten: Erst ganz normal erscheinen, um Gefolgschaft bitten und dann auf Porno umschalten.

Als Online-Chef Markus Hesselmann um Meinungen zu dieser Story bat, explodierte Meinungswut. Zahlreiche Kommentatoren (Disclosure: auch ich) bezeichneten die Berichterstattung des „Tagesspiegel“ als Schmierenjournalismus, die Story insgesamt als komplett irrelevant. Und immer wieder klang durch, dass diese Art der Berichterstattung nicht nur verabscheut wird, sondern auch als Norm und nicht als Ausnahme wahrgenommen wird. 

Wenn die gesellschaftliche Willensbildung und die damit verbundenen Debatten im Netz stattfinden, wie ich behaupte – dann verabschieden sich die Zeitungen gerade daraus. Ihre ohnehin schon prekäre Wichtigkeit wird Stück für Stück gegen Null gehen.

Stattdessen wachen Anbieter, die in eher unschönen Bereichen, extremen Bereichen jene pluralistische Ignoranz brechen. Rechtskonservative Blogs oder am Rande der Verschwörungstheorie entlang schrammende Seiten wie die Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Ihnen wird im wichtigsten Informationsmedium unserer Zeit von Seiten der Verlage weniger entgegen gesetzt.

So schaden die Zeitungskonzerne mit ihrem Vorgehen nicht nur sich selbst (denn so werden sie nicht langfristig überleben) – sondern auch der Demokratie. Das ist der Grund, warum ich die Idee von der pluralistischen Ignoranz für so wichtig halte.

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