Udo Lindenbergs #panikparty – Anatomie eines Shitstorms

by Thomas Knüwer on 8. Juni 2014

In der vergangenen Woche hat der Berliner Konzertveranstalter Dirk Becker seinen Namen häufiger in den Medien gefunden, als ihm lieb sein konnte. Dank des Blogs der Ticketplattform Ticcats landete das unseriöse Agieren Beckers rund um das abgesagte Konzert von Prince in Berlin den Weg in die Massenmedien (und wie so häufig bliebe das Blog als Rechercheanstoß gerne mal unerwähnt).

Anscheinend ist die Veranstalterbranche nicht lernfähig. Denn gestern Abend war ich beim nächsten Großkonzert, das sich ein Shitstörmchen einfing: Udo Lindenbergs erstes Stadionkonzert in der Düsseldorfer Esprit-Arena.

Was dort passierte, wäre früher vielleicht eine kleine Erwähnung in der Konzertkritik wert gewesen – heute wird es via Social Media noch vor dem ersten Song zur Meldung. Befeuert noch dazu von einem Veranstalter, der digital ebenso wenig kompetent ist, wie die Kommunikationsabteilung der Esprit-Arena selbst und ein wenig von einem Veranstaltungsort, der nur so tut, als sei er an der Kommunikation mit seinen Kunden interessiert.

lindenberg(Draußen vor der Esprit-Arena, während drinnen die Vorgruppe spielte)

Die Fakten: Lindenbergs Konzert war auf den Karten und sämtlicher Kommunikation mit dem Starttermin 18 Uhr angegeben worden. Einlass: 16 Uhr. Das ist für ein Open Air-Konzert natürlich schon mal merkwürdig, einigermaßen erfahrene Konzertgänger ahnen aber schon: Da steht ein ausgedehntes Vorprogramm an.

Einige Tage vor dem Termin wurde der Beginn auf der Homepage der Arena mit 18:30 angegeben. Diese Information ist gestern Nacht noch von der Seite gelöscht worden (und über Löschungen werden wir noch sprechen). Das Ende wurde für 23:30 prognostiziert, was wieder auf mehr als einen “Supporting Act” schließen ließ.

Wer dieses aber sein könnte, darüber schwiegen Veranstalter und Arena – und dies war der Kardinalfehler, der die Welle ins Rollen bringen sollte.

Denn im Vorfeld wurde reichlich Medienarbeit betrieben, Lindenbergs Management warf sich mit voller Wucht in dieses Social Web, von dem alle immer reden. Dabei versuchte man den Hashtag #panikparty zu etablieren. Und tatsächlich funktionierte die Facebook-Seite Lindenbergs gut: In den drei Tagen vor dem Konzert stieg die Zahl der Likes auf Postings auf 2.000 bis 4.000 pro Tag, die Zahl der Kommentare auf 100 bis 300. Fragen nach den Vorbands blieben allerdings unbeantwortet, während vor allem die “Bild” über prominente Gäste wie Otto Waalkes, Max Herre und Peter Maffay spekulierte. So entstand der Eindruck: Aus diesem Kreis könne sich auch das Vorprogramm zusammensetzen.

Ich fragte auf der Facebook-Seite der Esprit Arena am Freitag, ob sie Informationen habe. Antwort: “Wir haben etwas mit ein paar Infos gepostet – die Infos dort helfen ein bisschen weiter…  Auf Wunsch von Udo sollen wir aber jetzt noch nicht viel mehr verraten – nur so viel: das Vorprogramm lohnt sich !”

Jene Infos nannten die dürren Zeitangaben und verlinkten auf jenen “Bild”-Artikel mit den prominenten Namen. Die Arena selbst ergänzte: “Es wird tolle Gäste geben – schaut einfach mal in den Artikel, den wir hier geteilt haben.”

Um 18:30 betrat ein Vertreter des Veranstalters die Bühne. Er begrüßte das Publikum im Namen von Balou Entertainment, einem bekannten Namen in der Konzertindustrie. Es handelt sich um die Firma des Kölners Roland Temme. Auf den Karten war jedoch ein Veranstalter namens (lustig angesichts der Geschehnisse) Think Big angegeben. Dabei handelt es sich um eine weitere Firma Temmes, die im Gegensatz zur homepagefreien Balou eine unfertige Homepage hat. Seriöses Auftreten sieht für mich anders aus, aber das ist vielleicht Geschmackssache.

Unter dem gellenden Pfeifkonzert des Publikums verkündete jener Mitarbeiter von Roland Temme, das Vorprogramm beginne um 19:15, Lindenberg starte um 21 Uhr. Das Vorpogramm sei dabei eine Band namens (wenn ich es richtig verstanden habe) Midnight Ramblers, bei der einzelne Mitglieder von Lindenbergs Panikorchester mitwirkten.

Da standen also die Harcore-Fans seit über zwei Stunden in der – noch dazu geschlossenen Arena – während draußen die Sonne wütete. Denn das Wetter hatte innerhalb von 24 Stunden in Richtung Extremsommer umgeschhaltet. Und dann erfahren sie, dass es 75 Minuten später losgeht und was da losgeht, wenig bewegend sein würde.

Spätestens in diesem Moment hätte man ein weiteres Puzzle-Teil stoppen müssen: Ein oberer Streifen der Bühne sollte als Twitter-Wall genutzt werden.

Schöne Idee.

Nur:

Twitter-Walls – das ist Social Media Marketing für Anfänger – müssen gefiltert werden. Offensichtlich war Think Big auf diese Idee gar nicht gekommen. Und so löste die Behauptung: “Udo sitzt im Hotel und liest alles mit” aus, was zu erwarten war – einen Shitstorm-Alarm.

Insgesamt 1.136 Tweets zählt Buzzrank, der Monitoring-Dienst, den wir bei kpunktnull unter anderem verwenden. Hinzu kamen 100 Postings und 1091 Kommentare auf der Facebook-Seite Lindenbergs. Dort waren es tatsächlich aber noch mehr – flott begann das Management besonders kritische Kommentare zu löschen. Ein weiterer Anfängerfehler: Denn solche Löschungen sind zwar legitim um das Niveau einer Diskussion zu wahren. Während eines Shitstorms, der sich so rasant entlädt, sollte man aber abwarten und erst bei Beruhigung editieren.

Es brauchte weniger als 10 Minuten nach der Ankündigung des Roland Temme-Angestellten, bis #panikparty zum Trending Topic in Deutschland wurde. Insgesamt erreichten die Tweets allein bisher (dies schreibe ich am Sonntag Morgen) eine Bruttoreichweite von 2,6 Millionen Kontakten – und die Zahlen steigen weiter, enthalten aber positive wie negative Meldungen.

Anscheinend lief vieles davon auch auf die Twitterwall – die draufhin abgeschaltet wurde. Was auf Facebook Konzertbesucher berichteten. Woraufhin die Berichte über die abgeschaltete Twitterwall gelöscht wurden.

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Was bei einem normalen Ablauf hingenommen wurde, machte nun wütend: Die hässliche Atmosphäre der Esprit-Arena, die gepfefferten Getränkepreise, das miese Essen. Und auch die Vorband hatte keine Chance, wobei fraglich ist, ob sie je eine gehabt hätte – Oldies als Vorprogramm sind doch eher eine Konzertart des vergangenen Jahrtausends.

In den Zeiten von Social Media ist solch eine Reaktion absolut erwartbar. Die Reaktion sowohl der Esprit Arena, genauso aber von Lindenbergs Management war chaotisch und inkompetent. Munter postete Lindenbergs Facebook-Seite gegen kurz vor 19 Uhr, man werde nun bald abheben – das kam schon einer Veralberung der Fans gleich. Dieser Post wurde inzwischen – gelöscht.

Die Stimmung kippte derart, dass Zuschauer ihr Geld zurückverlangten und wohl auch die Zusicherung bekamen. Als ich gegen 20:15 an einem Eingang mit Kassen vorbeispazierte, stand dort eine Schlange von rund 50 Leuten an. Andere tweeteten Bilder ihrer zerrissenen Lindenberg-Karten. Will man als Veranstalter sicher auch nicht, wenn man sich Think Big schimpft, drei weitere Lindenberg-Stadionkonzerte anstehen und dies insgesamt der Versuch sein dürfte, den Künstler auf eine neue Konzerteinnahmenstufe zu hieven.

Was da los war, merkten dann auch einige Online-Medien: RP Online und Focus Online berichteten noch vor dem ersten Lindenberg-Song über das, was aus der Arena getweetet und gefacebooked wurde.

Noch so eine Inkompetenz: Um 20:15 verkündeten die Arena-Lautsprecher, das Lindenberg-Konzert werde um 20:30 beginnen. Dort mühte sich derweil DSDS-Kandidat Max Buskohl allein mit seiner Gitarre auf der Bühne, anscheinend jemand, der starke masochistische Neigungen hat. Denn auch er hätte selbst bei guter Laune der Besucher nicht wirklich gezogen.

Um 20:33 ging er von der Bühne und es passierte – nichts. Noch mehr Unmut, Wut und Ärger. Erst kurz vor 21 Uhr kam dann Lindenberg. In der Nacht wird seine Facebook-Seite dann ein Statement posten, das angeblich von ihm stammt. Darin heißt es:

“… hatte die ansage, um 21 uhr startet die panik-show, woody wodka hebt ab und feiert mit euch…”

Was bedeutet: Auch jene Lautsprecherdurchsage war eine Lüge gegenüber den Besuchern.

Inzwischen war an mehreren Verkaufsstellen das Wasser ausgegangen, was die Esprit-Arena auf Facebook bestreitet. Sicher waren ihre Besucher nicht intelligent genug, beim Caterer Aramak korrekte Bestellungen abzugeben.

Lindenberg brauchte lang, um die Stimmung zu drehen. Auch hier kam vieles falsch an. So gab es Tweets, er sei schwerstens angetrunken gewesen. Das halte ich in so fern für Unsinn, als dass sich sein Auftreten überhaupt nicht unterschied von dem, was er sonst auf der Bühne treibt. Die Kunstfigur Lindenberg redet nun mal so.

Der grandiose Start des Konzerts hätte die Arena normalerweise in ein Tollhaus verwandeln müssen – das war saustark. Nur: Die riesigen Bildschirme zeigten viele ernst dreinschauende Besucher, einige wirkten völlig erschöpft. Hände hoch? Klatschen? Das war fast die Ausnahme.

Am Ende war dann alles wieder gut, irgendwie. Die Show ist fantastisch, eine 165-minütige Materialschlacht mit skurrilen Ideen und einem gewaltigen Bühnenpersonal (inklusive der Pagen des “Breidenbacher Hof”, in dem Lindenberg selbst einmal Page gewesen ist). An einem normalen Tag wäre es ein herausragendes Konzert gewesen, vielleicht die beste Liveshow eines deutschen Künstlers.

An einem normalen Tag und mit einem kompetenten Veranstalter.

Auf Lindenbergs Facebook-Seite gab es um 3 Uhr am Morgen jenen Entschuldigungspost, der angeblich von ihm selbst stammen soll. Damit der nicht so auffällt, wurden schnell zwei weitere Posts eingestellt, darunter die Jubelarie des “Express”, dessen Schreiberlinge anscheinend vor Konzertstart tätig geworden sind.

All das hätte man verhindern können. Doch es wirft ein bezeichnendes Licht auf die deutsche Konzertveranstalterindustrie, dass sie noch immer glaubt, ihre Kunden wie unmündige Dummköpfe behandeln zu können. Es sollte zum Standard gehören, die Auftrittszeiten  von Künstlern zu veröffentlichen und wer sich in Social Media wagt, sollte wissen, dass er Echtzeit-Reaktion braucht. Dafür muss jemand parat stehen, der direkte Drähte zu jemand hat, der Entscheidungen treffen darf.

Genauso sollten aber Veranstaltungshallen und Stadien einen Echtzeit-Service einrichten. Warum nicht bei solch einem Tag eine Person, die aktiv kommuniziert. “Parkplatz 23 besetzt? Fragen Sie uns auf Twitter, wo noch etwas frei ist.” So hätte sich auch die Wasser-Situation beruhigen lassen: Auf Beschwerden reagieren mit dem Hinweis, dass nur einzelne Stände betroffen sind. Häufen sich die Beschwerden kann auch eine Lautsprecherdurchsage erfolgen. Warum das nicht so ist? Selbst eine zusätzliche Person ist schon zu teuer.

Stattdessen reagiert die Esprit-Arena recht arrogant via Facebook, nach dem Motto: Ist halt der Veranstalter. Was die Düsseldorfer nicht begreifen: Ist das Konzert gelungen, wird der Ärger nicht mit einem Veranstalter verbunden, der sich hinter zig Firmennamen versteckt – sondern mit dem Ort des Konzerts.

Denn der Veranstalter versteckt sich in der Grauzone der Kommunikation: Keine vernünftige Homepage, keine Social Media-Auftritte. Somit bleiben als Beschwerdestellen nur der Star und der Veranstaltungsort. Dem Star aber traut man nicht zu, dass er mit all dem etwas zu tun hat. Die Kunstfigur Lindenberg hilft dabei: Tatsächlich gilt er ja als ausgefuchster Manager, sehr schön auch beschrieben in Ulla Meineckes Biographie “Im Augenblick”. 

So landet der Ärger im Gedächtnis nicht beim Künstler – sondern beim Veranstaltungsort. “Scheiß Location” steht irgendwo auf Lindenbergs Facebook-Seite. Dieser Kommentar wurde – nicht gelöscht.

Nachtrag: Für das zweite Konzert hat die Esprit Arena nun den detaillierten Ablauf veröffentlicht. 

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