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Wirtschafts“journalismus“ anno 2012

Der Wirtschaftsjournalismus trägt eine besondere Verantwortung. Also, eigentlich. Denn was Wirtschaftsjournalisten schreiben hat eventuell weitere Auswirkungen als nur ein Fehlrecherche über angebliche Bundesliga-Transfers oder eine falsche Einschätzung eines Theaterstücks. Denn wenn Wirtschaftsjournalisten einen Fehler machen, können Aktienkurse abstürzen oder nach oben schießen – und das kann nachhaltige Folgen für Unternehmen haben. Und auch Leser könnten direkt betroffen sein, zum Beispiel wenn sie den falschen Recherchen Glauben schenken und danach ihre Geldanlagen richten.

Leider aber verkommt der deutsche Wirtschaftsjournalismus immer mehr zur Meinungsmache. Hektisch werden Thesen gesetzt, denn ohne These geht nichts mehr. Sind Jahreszahlen einfach nur so, wie sie erwartet wurden, so sind sie langweilig. Ständig werden Duelle erschaffen, entweder zwischen Manager oder zwischen Unternehmen. Grundsätzlich wird gekämpft, immer kann es nur einen Sieger geben – die Vorstellung, dass mehrere Unternehmen in einem Markt profitabel koexistieren können, ist unvorstellbar.

Ich kenne inzwischen viele Menschen in der Wirtschaft, die dies ablehnen. Nicht aus Standesdünkel, Arroganz oder Elitismus – sondern einfach weil sie dringend nach nüchternen, präzisen und wohl überlegten Einschätzungen der ökonomischen Gesamtsituation oder ihrer Branche suchen.

Ein besonders erschreckendes Beispiel dieses Thesenjournalismus habe ich gerade bei der „Süddeutschen Zeitung“ gefunden. Es geht um ein Gerücht, ja, um eine sehr gewagte Spekulation. Der Autor behauptet, es werde spekuliert (wer dies wo tut, verschweigt er), dass Siemens und Thyssen Krupp sich vereinen würden. Strippenzieher sei dabei Gerhard Cromme, der Aufsichtsratsvorsitzende beider Unternehmen:

„Und wer Manager wie Figuren auf einem Schachbrett bewegen könne, sagen viele, der könne auch eine Großfusion von zwei Unternehmen – eine Art Renaissance der großen alten Deutschland AG – einfädeln.“

Wer diese vielen sind, wie sie zu Cromme und zum Unternehmen stehen – das schreibt Thomas Fromm nicht. Es gibt auch niemand, der ihm seine Spekulation bestätigen mag. Im Gegenteil: Er holt sich deutliche Abfuhren bei den Unternehmenskommunikatoren:

– Siemens-Chef Löscher spricht von „Spekulationen ohne geschäftliche Grundlage“
– Siemens-Finanzvorstand Käser meint, man habe über viele Namen gesprochen – aber noch nie über Thyssen Krupp.
– Thyssen Krupp sagt offiziell gar nichts, hinter vorgehaltener Hand ist die Rede von „totaler Quatsch“.
– Der Siemens-Betriebsrat hat noch nichts von solch einem Ansinnen gehört.

Das ist jetzt doof. Da hat der Redakteur ne geile These – und keiner will drauf einsteigen. Also muss er mystifizieren. Thyssen Krupp also mag nicht dementieren, so wie viele Konzernpressestellen keine Stellung mehr nehmen zu weit hergeholten Gerüchten. Also ist es „interessant…, wer bei der Sache wie reagiert“. Und dass der Betriebsrat von Siemens noch nichts gehört hat, ist ein Zeichen von Zugeknöpftheit.

Nun kann es ja vielleicht sein, dass tatsächlich irgendwo in Hinterzimmern ein solcher Zusammenschluss geplant wird. Doch bisher hat Fromm nichts als Gerüchte, die er nicht mal an Funktionen („Personen, die mit den Verhandlungen betraut sind“, „Quellen aus dem Konzern“) festmachen kann. Früher hätten Journalisten in solch einem Fall die Klappe gehalten und weiter recherchiert – heute blasen sie wilde Gerüchte auf. Mein Verständnis von Qualitätsjournalismus ist ein anderes.

Nachtrag: Eine Reihe Leser macht mich darauf aufmerksam, dass auch „Wirtschaftswoche“ und „Handelsblatt“ die Geschichte haben – auch hier zumindest online ohne konkretere Quellen.

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