Das iPhone-Gate der Sportschau

by Thomas Knüwer on 16. Januar 2012

Der Redakteur hat’ schwer. Vor allem, wenn der Anspruch des eigenen Hauses mit voller Wucht kollidiert mit der medienwirtschaftlichen Realität, so wie dies seit dem Wochenende auf der Facebook-Präsenz der ARD Sportschau der Fall ist.

Die Sportschau ist ja nun ein Aushängeschild des öffentlich-rechtlichen Sports. Gerade erst bejammert die ARD die Möglichkeit einer Erstaustrahlung der Fußball-Bundesliga im Web, spricht dem Fußball eine hohe gesellschaftliche Bedeutung zu und impliziert, dass nur die Sportschau der rechte Bedeutungsstandswahrer sein könne.

Tatsächlich ist die Sportschau 2011 nur noch ein Krüppel, verglichen mit den goldenen Zeiten der 70er und 80er. Sportarten außerhalb des Fußballs und der Formel 1 sind nur noch selten zu finden, fachkundige Berichte und packende Kurzreportagen die Ausnahme. König Fußball schwingt das Zepter und das auf dem Niveau eines Karnevalsprinzen: Hauptsache Stimmung – Kopf ausschalten.

Nun gibt es aber anscheinend noch immer einige hoffnungslose Anhänger anderer Wettkampfarten. Die haben nun zwar kein Geld mehr für längere Stücke oder Übertragungen – aber vielleicht Leidenschaft. Die digitale Technologie macht vieles möglich und so wird auch im Reiche der ARD experimentiert mit neuen Möglichkeiten.

So begleitet ein Online-Team die Hockey-Europameisterschaft. Doch weil ein richtiges Kamerateam auch Geld kostet, experimentiert die Sportschau für ihren Web-Auftritt mit Interviews, die per iPhone aufgezeichnet werden (hier ein Beispiel). Darauf ist man schon ein wenig stolz, scheint es.

Eigentlich könnten die Redakteure das auch sein. Nur: Die Zuschauer erwarten offensichtlich etwas anderes – nämlich mehr als das, was sie selbst auch liefern könnten, gäbe man ihnen eine Presseakkreditierung. Für sie stehen ARD und Sportschau für überdurchschnittliche Qualität. Und so lassen sie ihrem Ärger auf Facebook freien Lauf: Die einen kritisieren die Bildqualität, die anderen glauben, wer sich von der ARD interviewen lässt und ein iPhone sieht, müsse sich veralbert vorkommen und schließlich gibt es Kritik an der Nennung des Herstellernamens. Und auch die Differenz zu den hohen Ansprüchen der ARD an ihre Zulieferer (und die sinkenden Honorare für freie TV-Journalisten) werden in die Diskussion gebracht. Nachzulesen ist das ganze hier.

Das Social-Media-Team hält da gut mit und beantwortet eine Reihe Fragen. Doch natürlich bleibt das Grund-Dilemma gleich: Die ARD will mehr Gebühren und begründet dies mit dem eigenen Anspruch. Und dann deckt sie ein nicht unerhebliches Sportereignis – sowohl die deutschen Herren wie die Damen wurden Europameister – mit iPhones ab. Das ist nicht grundsätzlich verwerflich. Es zeigt aber wieder einmal, das bei öffentlich-rechtlichen Sendern nur eine Art von Programm Geld bekommt: das mit der Einschaltquote. Was ARD (und genauso das ZDF) ununterscheidbar macht von der privaten Konkurrenz.

Nachtrag vom 19.1.12: Die Wogen schlagen inzwischen höher auf der Facebook-Präsenz der Sportschau. Und offensichtlich macht das die betreuenden Redakteure nervös. Denn in leicht pampiger Art werden die Kritiker in den Senkel gestellt:


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