Warum Facebook die Boulevardisierung des Online-Journalismus fördern könnte

by Thomas Knüwer on 22. November 2011

Wer einen Mitarbeiter von Spiegel Online sauer erleben will, der wirft seinem Arbeitgeber vor, ein Boulevard-Medium zu sein. Die meisten aus der Redaktion werden sich dagegen empören und darauf verweisen, dass sei doch die “Bild”, das mit dem Boulevard.

Tatsächlich aber wendet Spiegel Online – und genauso viele, viele andere Online-Medien – Techniken des Boulevard an. Ein aktuelles Beispiel ist die Story “Das Rätsel des braunen Wirtshauses“. Hier wird mit dem wilden Rühren im Gerüchtekochtopf versucht ein Zusammenhang zwischen der ermordeten Polizistin und den rechten Terroristen zu erzeugen. Mit journalistischer Sorgfalt hat das wenig bis gar nichts zu tun.

Und natürlich ticken Blogs oft nicht anders. Zumindest die Überschrift soll den Leser direkt packen, am besten ist sie nicht länger als vielleicht 100 Zeichen – dann kann sie auf Twitter Leser anlocken. Wir, die wir viel im Internet schreiben, wissen auch, auf welchem Weg wir unsere Leser versammeln können. Wenn bei Netzpolitik über einem Text “… wir fangen dann schon mal an” steht, erreicht dieser wunderbar die Klientel der Digital-Rebellen, denen der Fortschritt nicht schnell genug geht. Wenn das Google Watchblog “In 4 Schritten zu…” titelt, erreicht es jene Marketing-Verantwortlichen, die mal schnell einen Sachverhalt erklärt haben möchten. Und, nein, ich nehme mich und die Indiskretion da überhaupt nicht aus. Diese Art zu texten ist nicht neu, sie hat ihre Wurzeln im Boulevard-Journalismus.

Womit wir bei Facebook wären. 

In den USA startet das Netzwerk nun das “frictionless sharing”, wie es Mark Zuckerberg so höflich bezeichnete. Wer dort bestimmte Facebook-Anbindungen verwendet, teilt seinen Kontakten beständig mit, was er tut. So sendet die App des Musikdienstes Spotify beständig die Songs, die ein Nutzer sich vorspielen lässt.

Einerseits klingt das bequem. Eine ganze Reihe von Menschen teilt ja ständig via Social Media mit, was sie hören, sehen, schmecken. Das ist keine Belästigung, sondern wird von denen, die sie mitlesen als angenehmer Informationsfilter empfunden. Wer aus dem Kino kommt, teilt seine Sicht über den Film – andere diskutieren mit oder bedanken sich für die Kurzkritik. Dieser soziale Filter ist ein besserer Gradmesser dafür, ob mir ein Buch, ein Album oder ein Restaurant gefällt als das Urteil eines Journalisten.

Die Automatisierung dieser Funktion nimmt zunächst einmal die Emotion aus diesem Vorgang. Denn wer solch einen Tweet, Status-Update oder Kommentar abgibt, der tut dies bewusst. Er investiert eine kleine Menge Zeit und überlegt einen Moment, was er da schreibt. Passiert dies automatisch, so verkommt das Teilen zur lapidaren Datenversendung.

Noch dazu steckt dahinter die falsche Vermutung. Es ist der Glaube, dass weil jemand eine bestimmte Handlung vornimmt, er mit dem Ergebnis dieser Handlung zufrieden sein wird. Nur: Das ist Unsinn. Bevor ich einen Film nicht gesehen habe, weiß ich nicht, ob er mir gefällt. Nur, weil ich ein Restaurant besuche heißt das nicht, dass es mir dort schmeckt. Und vielleicht höre ich einen bestimmten Song nur, um eine Textpassage mitzuschreiben – aber nicht, weil mir das Lied gefällt. Diese nötigen Erklärungen um die reine Tat von einer Empfehlung abzugrenzen erzeugt unnötige Arbeit.

Nun gibt es diese automatische Teil-Funktion auch für journalistische Angebote. Derzeit drängen der “Guardian” und die “Washington Post” US-Facebooker zur Nutzung ihrer App. Anschließend listet Facebook auf, welche Artikel eine Person gelesen hat. Wie dies genau aussieht, erklärte “Washington Post”-Chairman Don Graham – ein Mentor Mark Zuckerbergs wie in David Kirkpatricks empfehlenswerten Facebook-Buch zu lesen ist – wie das ganze aussieht:

Somit erreicht der Boulevard die Viralität. Nun gilt es noch dramatischer zu texten als zuvor. Denn bisher erreiche ich durch eine reißerische Überschrift zunächst nur eine Person. Diese interessiert sich mutmaßlich zumindest ansatzweise für das Thema. Künftig aber erreiche mit diesem einen Lockvogel auch noch dessen Kontakte. Die sind an diesem spezifischen Thema vielleicht nicht interessiert – doch würden sie den Facebook-Hinweis als Empfehlung begreifen, locke ich sie ebenfalls auf meine Seite. Und jeder Klick bedeutet eine winzige Werbeeinnahme.

Ich befürchte: All das, was wir unter Klickhurerei verstehen, jene Flut aus kurzen Artikeln mit Weiterklick-Funktion, die elenden Bilderstrecken, die reißerisch angekündigten Nicht-Meldungen, wird zumindest in der ersten Zeit dieser App dramatisch zunehmen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Anfangseffekt der Funktion auf die Zugriffe der Nachrichtenseiten positiv sein wird. Und jeder Klick bedeutet ein paar Cent Einnahmen (womit wir natürlich wieder bei den falschen Maßstäben der Online-Werbung wären).

Die Frage ist: Was passiert langfristig? Entweder wir erleben Online noch mehr Boulevard als bisher. Oder die Facebook-Nutzer begreifen, dass die Automatisierung einer eigentlich gemeinnützigen Tätigkeit (großes Wort, ich weiß), nämlich dem Teilen wertvoller Informationen, diese Tätigkeit entwertet – und sie werden versuchen, die Apps abzuschalten (was, wir kennen Facebook, wahrscheinlich erst nach langer Sucherei möglich sein wird).

So oder so: Derzeit kann ich an dieser Funktion – so wie sie sich derzeit darstellt – nichts Positives erkennen.

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