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Frank Schirrmacher hört die Signale

Für gewöhnlich geht es hier nicht um Wirtschaftspolitik. Doch weil ich mich tierisch aufrege über das, was einige Journalisten zur angekündigten Volksabstimmung schreiben, ist eine Ausnahme nötig – aus Gründen der individuellen Blutdrucksenkung.

Stellen wir uns folgende Situation vor: Ein Familienvater, sagen wir, er ist Journalist, bekommt ein Angebot, sagen wir von der „FAZ“. Dieses Angebot wäre toll für seine Familie, bisher arbeitet er für wenig Lohn bei der „Taz“, die Finanzlage ist ruppig, weil eine seiner Töchter krank ist und eine teure, durch die Versicherung nicht gedeckte Behandlung benötigt. Aber: Der Umzug würde bedeuten, die beiden anderen Kinder auf eine andere Schule zu zwingen, das Haus zu verkaufen, seine Frau bräuchte ebenfalls einen neuen Job.

Doch letztlich hat er keine Wahl. Lange wird mit der FAZ verhandelt, das Angebot ist in Ordnung. Die Kinder werden von der Schule abgemeldet, die Gattin kündigt den Job, er tut es auch. Ein Entwurf des Arbeitsvertrag liegt im Briefkasten – alles läuft.

Dann ruft ihn der Personalchef an. Man habe sich jetzt doch entschlossen, über seine Einstellung abstimmen zu lassen. In der Redaktion. Demokratisch. Wann das passiere, wisse er noch nicht. Wie genau – weiß er auch nicht. Aber es gebe da eben drei andere Redakteure in seinem Feld, die sich möglicherweise durch den Neuen bedroht fühlten. Und die seien eben sehr beliebt und hätten viele Freunde in der Redaktion. Deshalb sei es gut möglich, dass es nichts werde mit dem Job.

„Warum haben Sie mir nichts gesagt von dieser Abstimmung?“, fragt der Kandidat entsetzt.

„Tja, hat es eben bisher nicht gegeben. Müssen Sie jetzt hinnehmen“, antwortet der Personaler lakonisch.

Wissen Sie, wer solch ein Vorgehen gut fände?

Frank Schirrmacher, der Mit-Herausgeber der „FAZ“.

Er feierte gestern die Entscheidung Griechenlands, das EU-Hilfspaket durch das Volk abstimmen zu lassen als Sieg der Demokratie. Damit ist er nicht der einzige: Verschiedene Autoren erklärten das Ende der Verhandlungskultur zum Sieg der Demokratie.

Es ist verständlich, wenn sich Menschen hilflos fühlen angesichts dessen, was sich auf den internationalen Finanzmärkten und im Feld der Staatsfinanzierung so tut. Es ist verständlich, dass sie Partei nehmen für die Seite der Kleinen und Schwachen, zum Beispiel der Bürger in Griechenland, die nun ausbaden müssen, was ihre Regierung in Zusammenarbeit mit der wegschauenden EU angerichtet hat.

Diese Reaktionen sind menschlich. Denn wir wünschen uns, dass nicht Staaten am Ende siegen, sondern Menschen. Dass nicht die Reichen am Ende aus einer Krise gestärkt hervorgehen, sondern die Schuldigen (so es diese gibt) bestraft werden. Aber dass Wohlhabende per se schuldig sind, wird in Deutschland sowieso nicht mehr bestritten.

In solchen Momenten ist es die Aufgabe von Journalisten die Lage einzuordnen, einen Schritt zurückzutreten, nachzudenken, mit einer abgewogenen Einschätzung der Lage ihren Lesern/Zuschauern/Zuhörern die Möglichkeit zu geben, ein Urteil zu fällen.

Fassen wir noch mal kurz zusammen: Griechenland bat um Hilfe, die EU-Staaten tagten und verhandelten und reisten. Am Ende kam ein Hilfspaket dabei heraus, alles schien gut. Doch mit einem Mal möchte die griechische Regierung dieses Paket per Volksabstimmung entscheiden lassen.

Dass nach vollendeten Verhandlungen, im Moment, da bei ehrbaren Kaufleuten die Hand zum Einschlagen hingehalten wird, Griechenland diese Hand zurückzieht, findet Schirrmacher toll. Dass andere dies entsetzlich finden, weil so der Akt einer ehrbaren Verhandlung jeden Sinn verliert, ist für ihn „das Schauspiel einer Degeneration jener Werte und Überzeugungen, die einst in der Idee Europas verkörpert schienen.“

Doch was Griechenland betreibt, ist ja genau das Gegenteil jener Werthaltung, die Europa ausmacht. Es gibt Gründe für Parlamente. Einer davon ist die schlichte Erkenntnis, dass gewisse Sachverhalte nicht dem Populismus überlassen werden sollten.

Hätten die deutsche Regierung beispielsweise kurz vor Einführung des Euro über die Abschaffung der Mark abstimmen lassen – Deutschland wäre wohl kaum zu einem der großen Profiteure des Euro geworden.

Das ist nicht den Bürger zuzuschreiben, sie sind nicht von Haus aus dumm. Doch ist es mit der ökonomischen Bildung im Land nicht weit her. Wirtschaft wird in den Schulen nur rudimentär gelehrt, die Massenmedien kümmern sich kaum darum. Der Euro aber stellte eine Veränderung dar – und den Abschied von einer geliebten Institution. Dass viele dies wenig begrüßenswert fanden war nur logisch.

Und dabei ist der Euro ja noch einigermaßen leicht zu erklären. Mit dem, was Griechenland bevorsteht, ist es viel komplizierter. „ Wir vertrauen den Bürgern, wir glauben an ihr Urteilsvermögen“, sagt Premier Papandreou. Nur: Wie sollen sie ein kundiges Urteil fällen?

Doch die Qualität des Urteils ist nicht das Problem. Es ist das Verlassen des Verhandlungsrahmens ohne Vorankündigung. Hätte Papandreou von Anfang an klar gemacht, dass er eine solch weit reichende Entscheidung nicht ohne das Volk treffen möchte – es wäre ehrenvoll gewesen. Stattdessen ändert er kurz vor Toresschluss die Bedingungen.

Das ist kein Sieg der Demokratie und der europäische Werte. Denn zu ihnen gehört Vertrauen und Verlässlichkeit. Die Aufgabe dieser Wert als Sieg der Demokratie über die Ökonomie zu feiern, wie es Frank Schirrmacher tut, zeugt davon, wie sehr mancher deutsche Journalist in den Tumulten der Finanzkrise zum Salonkommunist mutiert ist.

Vielleicht aber ist er ja auch konsequent und führt jene europäischen Wert und Überzeugungen in seinem eigenen Haus ein. Halten Sie sich bereit für die Abstimmung über die Entlohnung von „FAZ“-Herausgeber-Entlohnungen, Zeitungspreisen, Redaktionsgehältern und Stellenbesetzungen.

Nur Mut, Herr Schirrmacher, Sie hören doch schon die Signale!

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