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Apple, come meet the new boss, not quite the same as the old boss

Der geschätzte Herr Fiene tweetete heute morgen einen guten Rat an die Kollegen in Print-Redaktionen:

Kein dummer Hinweis, lesen sich doch viele der Artikel rund um den Wechsel von Steve Jobs in den Aufsichtsrat wie Nachrufe auf einen Verstorbenen. Weshalb einfach mal festzuhalten ist: Steve Jobs lebt. Allerdings müssen wir fürchten, dass es ihm nicht wirklich gut geht.

Die Reaktion auf diese Meldung war nachbörslich einigermaßen gelassen. Fünf Prozent weniger angesichts eines weiterhin anhaltenden Höhenflugs – das ist hinnehmbar. Weil die Aktie in den hitzigen Wochen der jüngsten Zeit nicht so heftig fiel wie andere, ist Apple weiter im Rennen um den Titel „Am höchsten bewertetes Unternehmen der Welt“. Dass dem so ist zeigt auch: So ganz blöd ist die Summe der am Finanzmarkt agierenden Institutionen auch nicht. Denn der härteste Konkurrent um diesen (eigentlich natürlich wertlosen) Ehrenplatz ist Exxon. Ein Konzern, dessen Wert sich vor allem daraus generiert, dass es den knapper werdenden – und deshalb im Preis steigenden – Rohstoff Öl verkauft. Ein Rohstoff, dessen wirtschaftliches Öko-System daran arbeitet, immer weniger von ihm zu verbrauchen – weil er ja so teuer ist.

Dem gegenüber steht Apple. Ein Unternehmen, dass immer mehr Produkte herausbringt, die für immer mehr Menschen spannend erscheinen. Und dessen Ökosystem daran arbeitet, diese Produkte mit mehr Wert aufzuladen.

Dieser Unterschied zwischen Exxon und Apple ist für mich das ultimative Denkmal für Steve Jobs, denn es beweist, dass er gnadenlos langfristig denkt. Dieses langfristige Denken sollte ein Vorbild sein für Großkonzerne im hektischen 21. Jahrhundert. Ist es aber leider nicht.

Weil Jobs so langfristig orientiert ist, können wir auch davon ausgehen, dass der gestern erschienene Text zu seinem Postenwechsel nicht über Nacht verfasst wurde. Einerseits hat er mit der Stärkung von Tim Cook längst das Feld für seine Nachfolge bestellt. Zum anderen dürfen wir damit rechnen, dass die nächste Apple-Keynote etwas enthalten wird, was vor allem die Finanzmärkte begeistern soll. Entweder dürfte das ein großes, neues Produkt sein – oder der Angriff auf den Massenmarkt. Für letzteres sprechen die seit Monaten herum wabernden Gerüchte eines günstigen iPhones, das auf die Emerging Markets zielen soll.

Das klingt jetzt alles wunderbar und beruhigend. Doch mittel- bis langfristig beginnt nun eine schwere Zeit für den Konzern Apple.

Ein Unternehmen, das so lange von einer so prägenden Führungspersönlichkeit geleitet wurde, leidet noch Jahre unter dem „Was würde er tun?“-Syndrom. „Was würde Steve tun?“ ist schon heute ein Grundleitfaden für das Handeln bei Apple.

Bis gestern war diese Frage noch irgendwie zu beantworten. Projekte arbeiteten sich in den Hierarchiestufen nach oben – und irgendwann erfuhren die Macher, ob sie richtig geahnt haben, was Steve tun würde. Stück für Stück wird sich das ändern. Mit seinem Posten im Board wird Jobs weiterhin gewisse Leitlinien vorgeben – aber eben seltener und pointierter als zuvor.

Ich gehe davon aus, dass schon heute Apples Vorgehen auf Cooks Vorgaben beruht. Es würde zu dem, was man vom neuen CEO hört, passen, dass er mit aller Aggressivität gegen Samsung klagt, um das iPad-Konkurrenzprodukt vom Markt zu halten. Die wohl schönste Anekdote zu Tim Cook stammt aus dem höchst lesenswerten Portrait aus „Fortune„:

„Tim Cook arrived at Apple in 1998 from Compaq Computer. He was a 16-year computer-industry veteran – he’d worked for IBM (IBMFortune 500) for 12 of those years – with a mandate to clean up the atrocious state of Apple’s manufacturing, distribution, and supply apparatus. One day back then, he convened a meeting with his team, and the discussion turned to a particular problem in Asia.

„This is really bad,“ Cook told the group. „Someone should be in China driving this.“ Thirty minutes into that meeting Cook looked at Sabih Khan, a key operations executive, and abruptly asked, without a trace of emotion, „Why are you still here?“

Khan, who remains one of Cook’s top lieutenants to this day, immediately stood up, drove to San Francisco International Airport, and, without a change of clothes, booked a flight to China with no return date, according to people familiar with the episode. The story is vintage Cook: demanding and unemotional.“

Nun wird bei Apple das einsetzen, was in solche Fällen immer einsetzt. Die Frage „Was würde Steve tun?“ wird immer unbeantwortbarer. In der Konzernhierarchie nach oben klettern werden jene, die am besten in der Lage sind, die Handlungen und Worte des großen Jobs zu interpretieren. Oft schon wurde Apple mit einer Kirche oder einer Religion verglichen – in diesem Fall ist das keine so dumme Idee. Denn die Jesus-Geschichte liefert das Vorbild: Jene, die Jesus kannten, schrieben ihre Interpretation nieder. Dann folgten jene, die nicht dabei waren – aber aus den erzählten Geschichten interpretierten. Und im Laufe der Jahrhunderte wurde aus der Idee der Nächstenliebe dann die Inquisition, die Kinderschändung und die verklemmte Moral der katholischen Kirche.

Das heißt nicht, dass Apple im Juni 2013 schon das personifizierte Böse ist. Denn es liegt an den Führungspersönlichkeiten, die Jobs nachfolgen, die vorhandene Unternehmenskultur in eine neue Zeit zu führen. Sicher aber ist auch: Leicht wird das nicht.

(Foto: Apple)

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