Redakteurix und der digitale Graben

by Thomas Knüwer on 3. Mai 2011

Eine digitale Spaltung geht um in Deutschland. Nicht zwischen arm und reich, jung und alt oder Digital Natives und der Generation Web 0.0. Nein, der digitale Graben geht mit einem mal mittenmang durch klassische Medienhäuser.

Einerseits gibt es da jene, die verzweifelt um Subventionen kämpfen. Sie nennen es Leistungsschutzrecht, diese Subvention. Sie fußt auf leicht nachweisbaren Lügen, über dieses Thema habe ich hier ja schon mehrfach geschrieben. Glücklicherweise verdichten sich die Hinweise, dass Deutschlands Politiker nicht auf die unverfrorene Lobbyarbeit der Medienhäuser reinfallen.

Und dann sind da die anderen. Online-Redakteure meist. Gut vernetzte Online-Redakteure, Online-Redakteure, die ihren Job lieben, die Spaß haben und das Web als das ansehen, was es ist: eine Riesenchance für den Journalismus.

Solche Vertreter ihres Berufsstandes sitzen nicht immer dort, wo man es gemeinhin direkt vermuten würde – also in den großen Verlagen. Das soll nicht abwertend gegenüber lokalen Zeitungshäusern gemeint sein. Es wäre einfach nur logisch, dass dort, wo mehr Geld vorhanden ist, mehr Innovationen sprießen.

Tatsächlich aber sind viele Instrumente des digitalen Journalismus ja frei verfügbar. Und so hängt es nur noch vom Mut und der Innovationsfreude der Anwender ab, wo wer als erster neue Wege geht. Denn: Aus Medienhäusern selbst kommen ja keine Innovationen. Wie auch? Sie sind vermutlich die einzigen Unternehmen ihrer Größe in egal welcher Branche, die sich keine Forschungs- und Entwicklungsetats leisten. Zumindest gilt dies für die meisten Verlage.

Und so kommt die Innovationsfreude in diesen Tagen aus Osnabrück und Dortmund, namentlich aus den Online-Redaktionen der “Neuen Osnabrücker Zeitung” und der “Ruhr Nachrichten”. In beiden Häusern experimentierten Redakteure nämlich mit einem höchst spannenden, neuen Instrument namens Storify.

Storify ermöglicht es auf sehr einfache Weise Geschichten, hier also: Nachrichten, mit Hilfe persönlich ausgesuchter Online-Quellen zu erzählen. Das sieht dann am Beispiel der “NOZ” so aus:

Elegant, nicht wahr? Die handelsübliche Story “Was das Internet dazu sagt” lässt sich nun ganz neu ergänzen. Das Einbinden von Storify-Zeitläuften in Nachrichtenseiten sollte dabei kein technisches Problem sein. Die “Ruhr-Nachrichten” demonstrieren das am Beispiel der Meisterschaft für den BVB.

Nur: Was sagt die Verlagsspitze dazu?

Sie wettert in diesen Tagen doch gegen genau dieses Vorgehen. Das Übernehmen von News-Schnippseln (Snippets im Jargon) um sie in einen neuen Kontext zu setzen. Weil genau dies massenhaft passiere (wofür die Verleger weder einen Beweis liefern noch öffentlich den gemeinten Dienst Google News anklagen), soll doch das Leistungsschutzrecht her. Und nun gehen ihre eigenen Redakteure her und entreißen anderen Quellen ihre Snippets.

Und mit was? Mit Recht. Denn genau das liegt ja im Leserinteresse. Die Menschen sind doch blöd, sie wollen die Möglichkeit, Originalquellen zu sehen. Und sie sind Links gewöhnt. Nur Nachrichtenseiten verlinken eben nicht, “mein Leser gehört mir” lautet das Nordkorea-Credo.

Die Redakteure von “Neuer Osnabrücker” und “Ruhr-Nachrichten” haben erkannt, dass Social Media den Kunden tatsächlich zum König gemacht hat. Und dass es fruchtvoller ist, diesem König zu dienen als sich in Subventionsbetteleien zu verlustieren.

Man wünschte sich, Verlagsmanager würden einfach mal häufiger auf ihre Redakteure hören.

 

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