Ich bin ein Star, der weiß, dass alle wissen, dass er kein Star mehr ist, der aber nun so tun muss, als wäre er ein Star, der weiß, dass er kein Star mehr ist
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RP Plus – Scheitern an NRW

Nordrhein-Westfalen ist ein Treppenwitz der Historie. Denn Westfalen und Rheinländer in einem Bundesland vereinigt, das ist ungefähr so sinnvoll wie Mario Barth zum Leiter des Liegenschaftsamtes zu erklären.

Nun ist es aber so passiert, muss man damit halt leben. Tatsächlich aber identifizieren sich die allermeisten Bürger herzlich wenig mit dem bürokratischen Konstrukt NRW. Mehr noch: Es interessiert sie angesichts der Ballung von Städten und Gemeinden nicht einmal, was zwei Kommunen weiter so passiert. Ein paar Rivalitäten gibt es, das ist ja so was wie Interesse. Doch während Düsseldorfer und Kölner ihre Abneigung herzlich pflegen, beschränkt sie sich schon im Ruhrgebiet fast ausschließlich auf den Fußball. Ganz außen vor bleiben da logischerweise die Ränder: Aachen kümmert sich nicht um Hagen, Münster nicht um Bonn.

Die einzigen, die das anders sehen, weil sie es anders sehen müssen sind Amts- und Würdenträger. Denn ihr persönliches Ansehen steigt mit dem Aufblasen der Idee, dass Nordrhein-Westfalen – oder wenigstens größere Teile wie das Ruhrgebiet – sich irgendwie zusammenfassen lassen. Tatsächlich aber ist jede einzelne Teileinheit getrieben von Egomanie. Kulturhauptstadt 2010? Schon in Düsseldorf kaum noch ein Thema. Quadriennale in Düsseldorf? Ein Zuschauerreinfall weil die Stadt Künstler aus Düsseldorf zum Oberthema machte.

Solche Beispiele lassen sich reichlich finden. Die Bürger nutzen derweil gern die Möglichkeiten des Ballungsraums – doch eine Identifikation mit etwas anderem als ihrer Stadt ist nur in Spurenelementen zu orten.

Zu jenen Amts- und Würdenträgern zählen nun auch Chefredakteure. Und vielleicht ist das der Grund, warum die Ipad-App der „Rheinischen Post“ trotz einer guten Grundidee in der ersten Ausgabe scheitert.

Diese Grundidee ist weitaus innovativer als praktisch jede andere Ipad-App eines deutschen Verlages. Jede Woche soll es künftig ab 14 Uhr ein eigenes Magazin geben, mit Texten, Bildern und Videos. Dafür gibt es sogar eine eigene Redaktion.

Es scheint, da hat endlich mal jemand über das nachgedacht, was der Niederrheiner Use Case nennt: Was kann eine Regionalzeitung auf dem Ipad bieten, für das der Leser sogar bereit wäre zu zahlen. Angesichts des anhaltenden Erfolgs von Sonntagszeitungen ist die die Vorstellung, diese mit einem lokalen Produkt zu attackieren bestechend. Das kann funktionieren.

Nur ist genau bei jenem Adjektiv das Problem der ersten Ausgabe: lokal.

Technisch ist das Teil sauber, wenn auch nicht sensationell umgesetzt. So ist auf der Negativseite die Schriftgröße nicht variabel, Bilder und Text sind aseptisch getrennt und interaktive Grafiken fehlen völlig. Dazu kommt noch der extrem blöde Name „RP Plus“.

Andererseits – und das ist tatsächlich angesichts der aktuellen Produkte vieler Verlage ein nicht zu unterschätzendes Plus – ist die App extrem leicht zu verstehen. Ein Rundgang über das Love-Parade-Gelände in Duisburg deutet an, was da noch möglich wäre.

Die Enttäuschung aber ist der Inhalt. Denn es ist eine NRW-App. Und so interessieren viele Themen vielleicht einen gewissen Leserkreis, lassen die meisten aber wohl eher kalt. Warum sollte die Leser in Erkenschwick die 2382. Reportage eines ehemaligen „Gorch Fock“-Besatzungsmitglieds interessieren – nur weil dieser aus Monheim kommt? Ein Portrait der Kölner Schauspiel-Intendantin Karin Beier lesen sicher alle Theater-Freunde – nur haben sie dies schon längst in jedem Feuilleton der Republik getan. Düsseldorfs beste Cocktailbars hingegen werden schon in Dortmund nicht mehr recht interessieren – vor allem nicht bei dieser lieblosen und ohne Kritik enthaltenden Auflistung.

Nicht nur der lokale Bezug fehlt. Es mangelt auch insgesamt an journalistischem Esprit. Im Dezember wurde Maria Riesch Sportlerin des Jahres – die NRW-App schreibt im Januar darüber: Warum? Sechs Monate Loveparade könnte ein Thema sein – doch gibt es keine einzige neue Information oder irgendetwas besonders schön geschriebenes. Casual Games am Beispiels Angry Birds – was hat das mit NRW zu tun (noch dazu ist dies Story extrem lieblos zusammengeschustert)? „Bernd Eichinger und die starken Frauen“? Ein Interview mit Matthias Opdenhövel? Hat NRW tatsächlich so wenig herzugeben an Themen? Oder mussten die einfach mal weg?

Ganz schlimm wird es, wenn es originell werden soll. Das Drehbuch eines Ruhrpott-„Tatort“ wird mit Satire angekündigt – es ist so lustig oder schmunzelig wie ein niederrheinischer Kartoffelacker bei Nacht. Eine Autorin findet Pärchen-Profilfotos bei Facebook ganz, ganz schlimm und offenbart dabei eine menschliche Toleranz wie Molières Menschenfeind.

Noch etwas stört neben dem mangelnden journalistischen Handwerk. Zum einen suhlt sich die „Rheinische Post“ auch hier in einer ihrer absoluten Kernkomptenzen: Klickstrecken. „Die Top 5 Kultur“, „Die Events des Jahres“ (erstes Bild: Kim Wilde – wirklich, RP-Redakteure? Das ist für euch ein Event des Jahres?), „Die Köpfe der Woche“ – ohne informationellen Nährwert, lieblos zusammengeschustert, gähnend langweilig,

Nun ließe sich ja dies noch erklären, wenn das potenzielle Zusatzgeschäft mitbedacht würde. Denn bei jeder Veranstaltung findet sich der Hinweis, dass Karten käuflich bei einem Dienst namens Westticket erworben werden können. Nur: Klicken lässt sich diese URL nicht. RP Plus ist damit genauso ein Silo wie all die anderen Verlagsapps. Mein Leser gehört mir, der geht nicht mehr weg – das verstaubte Konzept des im Internet betriebenen Print-Journalismus wird munter gepflegt.

Nein, liebe „Rheinische Post“, so wird das nichts. In solch einer Sonntags-App möchte ich mich suhlen. Mich vergraben. Lange lesen. Und ich will andere Inhalte als sie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ bietet. Ich will überrascht werden und begeistert, ich möchte etwas aus meiner Stadt lesen, geschrieben und produziert von Menschen, die sich durch den Düsseldorfer Sumpf wühlen.

Die Inhalte dieser ersten RP Plus-Ausgabe aber sind beliebige Ware von der Stange, gezielt auf das nicht-existente Konstrukt Nordrhein-Westfalen.

Damit läuft die „Rheinische Post“ in eine klassische Marketing-Falle: Sie setzt sich zwischen die Stühle. Für 1,59 Euro, einen mittleren Preis, soll es künftig Inhalte geben, die irgendwie alle erreichen. Ich behaupte: Viel versprechender wäre es, Konsequenz zu zeigen: Eine App für eine Stadt, mit exklusiven Inhalten, journalistische spannend umgesetzt – und dafür dann um die 5 Euro.

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