Wie Qype und Mydays sich die Welt schön fälschen

by Thomas Knüwer on 13. Oktober 2010

Liebe Bewohner von Wolfsburg, die hier vielleicht mitlesen: Ich habe nichts gegen Sie. Und ich bin auch nicht voreingenommen gegenüber Ihrer Stadt. Doch verbrachte ich kürzlich eine Nacht in WOB, es war eine Dienstreise. Und wer nun eines Montagabends durch jene Leistungsschau der deutschen Betonindustrie spaziert, die das Herz der Stadt bildet, für den definiert sich die Wortkombination “Stadt gewordene Hässlichkeit” ganz neu. Wenig hilfreich ist dabei eine Herberge wie das “Holiday Inn”. Selten in den vergangenen Jahren nächtigte ich in einem Hotel, das so sehr das Adjektiv “abgewohnt” verdient hätte.

Wenigstens ein nettes Abendessen hatte ich, es war einem cool eingerichteten Laden namens “Mittelpunkt” mit einer netten Bedienung und gutem Wein. Dort saß ich also, blätterte durch meine Iphone-Apps – und stieß auf Qype. Seit ihrem Start fremdelte ich immer ein wenig mit dieser Bewertungsplattform. Ihre Kritiken waren mir häufig zu beliebig, zu wenige waren kritisch und ohnehin: Oft waren es zu wenige.

Andererseits habe ich schon manch nettes Gespräche mit Gründer Stephan Uhrenbacher geführt. Und an einem wunderschönen Abend in London leitete mich Qype zu einer guten Bar um die Nacht zu krönen. Und der geschätzte Björn Ognibeni ist ganz angetan von der Iphone-App und schreibt nun gelegentlich Kritiken.

Also schreibe ich meine ersten beiden Qype-Kritiken auf dem Iphone. Kurz und knapp fallen sie aus, auf einem Handy schreibt man keine Romane. Über das “Holiday Inn” schreibe ich:

“Abgewohnt und abgewrackt, müffelndes Zimmer und überteuertes Wlan. Von diesem Haus sei herzlich abgeraten.”

Die Überraschung am nächsten Tag: Qype reagiert – auf wenig löbliche Art.

Denn meine positive Kritik zum “Mittelpunkt” erntet keine Resonanz. Meine negative aber über das “Holiday Inn” wird beanstandet. Hier die Mail aus dem Hause Qype:

“Es spricht natürlich nichts gegen einen kurzen, knackigen Beitrag, der die Fakten auf den Punkt bringt. Allerdings hast Du bei Qype die Möglichkeit, Deine Leser mit jeder Menge Hintergrundwissen über verschiedene Plätze zu versorgen. Das hilft Ihnen, Deine Empfehlungen nachzuvollziehen und macht Deine Erfahrungen für sie transparent.

Denn wer liegt richtig, wenn z.B. zwei Leute zu zwei verschiedenen Plätzen schreiben “der schlechteste Italiener der Stadt” und keiner weiß, nach welchen Kriterien sie diesen Beitrag verfasst haben? Oder, noch komplizierter: Du schreibst “fürchterlich!” und jemand anderes “fantastisch!” – zu ein und demselben Platz! Was stimmt nun wirklich?

Kurzum: Je detaillierter Du beschreibst, warum Dir der Platz nicht gut gefällt, desto eher werden andere Deiner Empfehlung folgen.”

Es ist durchaus legitim von Qype, lange Kritiken zu fordern. Dann möchte man eben nur Menschen, die viel Zeit investieren. Grundthese: Es ergibt sich ein besseres Bild.

Nur muss dann gefragt werden, ob es eine gute Idee ist, Berichte über Handy-Apps schreiben zu lassen. Sie werden in der Tendenz einfach kurz ausfallen, weil sie unterwegs geschrieben werden.

(Foto: Shutterstock)

Vor allem aber: Es gibt massenhaft kurze Kritiken bei Qype. Beispielhaft hier eine, die ich in dieser Sekunde auf der Startseite finde und die von einem Hamburger Geschäft namens “Dreckstückchen” handelt: “Gerade eine schöne Maßanfertigung abgeholt. Wurde liebevoll verpackt und handsigniert. ;-)”

Sie ahnen es: All diese Winz-Kritiken sind positiv. Kritische Berichte dagegen lesen sich oft merkwürdig gestelzt. Irgendwie, als ob man sie nicht ernst nehme könnte.

Qypes Strategie wird so aber schnell klar: Die Zahl der schlechten Bewertungen soll minimiert werden. Das heißt nicht, dass sie vollkommen verschwinden sollen – aber ihre Zahl soll so gering wie möglich werden. Der Grund ist einfach: Die Bewerteten sind die Zielgruppe des Unternehmens. Sie sollen bei Qype Werbung schalten und so für den Geldstrom sorgen. Tatsächlich aber kommen die Werbekunden ja wegen der Leser – da gibt es, ebenso wie bei Zeitungen und Zeitschriften, kein Henne-Ei-Problem. Die Leser aber bekommen ein gefälschtes Bild der Wirklichkeit. Vielleicht ist das der Grund, warum Qype in Deutschland bei weitem nicht den Stellenwert erlangt hat wie Yelp in den USA – obwohl die Grundidee beider Dienste absolut richtig ist.

Mit diesem Fehler den Umsatzfaktor vor den Nutzer zu stellen ist Qype aber nicht allein. Wir erinnern uns an die gefälschten Kritiken der Deutschen Telekom, der Deutschen Bahn und von Neofonie. Mir widerfuhr ein weiterer Fall. Es handelt sich um das Ich-kauf-mir-ein-schönes-Erlebnis-Portal Mydays.de. Mein Erlebnis, ein Dinner in der Eisbar des Hamburger “Indochine”, war weniger schön. Dies schrieb ich im Bewertungsbogen, woraufhin eine recht böse Replik des Geschäftsführers des “Indochine” folgte. Und: Die Kritik erschien niemals bei den Bewertungen auf Mydays. Woraus sich folgern lässt: Die Besucherbeurteilungen auf der Plattform sind nicht zu gebrauchen.

Es ist ein sehr altes Denken, das sich dort Bahn bricht. Der Glaube, Kunden ließen sich kontrollieren. Tatsächlich aber glaube ich an einen stillen Rückschlag. Mydays war als Mittler/Zwischenhändler für mich nicht Schuld an der unzureichenden Leistung des Restaurants. Nun aber weiß ich, dass Mydays solch ein Verhalten seiner Partner duldet – und dass negative Kritiken über Ereignisse nicht Eingang finden auf die Plattform. Womit sie für mich gestorben ist. Ähnlich geht es zu bei Qype.

Strategisch gesehen ist das aus meiner Sicht ein Fehler. Wer Nutzerkritiken unterdrückt verlässt seine neutrale Position. Doch genau die ist ja der Grund einen solchen Dienst aufzusuchen.

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