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Der Blumenkübel und die acht Humorstufen des Web

Wie viele deutsche Journalisten werden künftig wohl Blumenkübel als ultimativen Beweis heran zerren, dass Twitter nichts taugt?

Meine Prognose: viele.

Dabei ist das, was gestern in der deutschsprachigen Twitter-Welt passierte eine bittere Demonstration des Zustands der Medienrepublik Deutschland.

Für alle jene, die es nicht mitbekommen haben: Vorgestern fiel in Neuenkirchen bei Münster ein Blumenkübel um. Also, er wurde umgefallen. Darüber berichtete die „Münstersche Zeitung“. Nein, sie tat das nicht ironisch, sondern ernst gemeint, unter Bestärkung aller Vorurteile, die man gegen Lokaljournalismus hat. Dabei geht es nicht darum, dass über einen zerstörten Floralbehälter nicht berichtet wird. Vielmehr haben viele Leser eben den Eindruck, dass zwar jeder umgefallene Tontopf eine Meldung wert ist – aber niemand kritisch über Lokalpolitik berichtet. Die Welt scheint für viele Lokalzeitungen ein einziger Keramikscherbenhaufen zu sein. Hinzu kommt die absurd wirkende Ortsbeschreibung: „Entlang der gesamten Rheiner Straße, von Dr. Göbbels abwärts…“

Was dann passierte, ist mustergültig für die Humorstufen im Web.

1. Schritt: Überhöhung

Flott verbreitete sich die Meldung via Twitter. Mit Texten wie: „+++ EIL +++ BREAKING +++ Münster: Großer Blumenkübel zerstört“

2. Schritt: Verfremdung

Innerhalb weniger Minuten folgten die Parodien. Und die machen die Sache so besonders. Denn mit welcher Geschwindigkeit medial sehr aktive Menschen – und in diese Rubrik ordne ich Twitter-Nutzer jetzt einfach mal ein – die hechelnde Standard-Berichterstattung und die immer gleichen Statements öffentlicher Würdenträger parodieren können, muss die Vertreter der Medienhäuser erschrecken. Wie aus dem Ärmel geschüttelt, rauschten Tweets rein wie: „EIL +++ Bundespräsident Wullf spricht von einer nationalen Tragödie und fordert eine rücksichtslose Aufklärung des Blumenkübel Terrors +“

3. Schritt: Meta-Humor

Nächster Schritt: Meta-Witze. Zum Beispiel: „Ihr redet hier von Weltfrieden und anderswo werden Blumenkübel zerstört – IHR SEID ALLE SO KRANK!!“

4. Schritt: Unerwartete Trittbrettfahrer

Einige Unternehmen machen Fortschritte in der Wahrnehmung von Social Media. Sie sind dabei, mit allem, was geht. So riet die Sparkasse knochentrocken: „Die Hausratversicherung der Sparkasse deckt auch Schäden am #Blumenkübel.“ Und Otto ergänzte: „Neue #Blumenkübel gibt es bei #Otto ;-)“

5. Schritt: Befeuerung

Einige Online-Medien merken recht flott, kündigt sich im Web eine neue Kuriosität an. Ihre Berichte befeuern jene, die besonders viel Lust an der Alberei haben. Ebenfalls hilfreich: Das Auftauchen eines absurd wirkenden Wortes wie „Blumenkübel“ in den Trending Topics von Twitter.

6. Schritt: Multimedialität

Twitter nicht mehr genug. Video und Audio sind die nächsten Schritte. Im Fall des Blumenkübels eine Dramatik-Lesung:

Oder ein Bekennervideo:

Flott bildete sich dann eine Facebook-Fanseite, die aktuell über 3000 Anhänger zählt.

7. Schritt: Anfang vom Ende

Irgendwann merken dann die klassischen Medien, was los ist. Aus dem Spaß im digitalen Raum wird etwas, was als Kult oder Hype gebrandmarkt wird. Ab diesem Punkt sinkt der Spaß. Denn nun drängen zahlreiche Mitmacher auf den Markt, und die Masse senkt das durchschnittliche Lustigkeits-Niveau.

8. Schritt: Weiterziehen

Gerade mal einen Tag hat es gedauert, bis praktisch niemand mehr über Blumenkübel twittert. Nun arbeiten einige die Geschichte in Blogs auf. Ich aber befürchte: Demnächst werden wir von den Blumenkübeln nochmal hören. Immer dann, wenn nach „Müll“ und „Dummheit“ im Internet oder in den Köpfen der „Netzgemeinde“ gefahndet wird.

Dabei ist es doch so leicht zu verstehen, was dort passiert ist. 90 Prozent unserer zwischenmenschlichen Kommunikation ist nicht tiefgreifend. Es ist Smalltalk, Kaffeeküchenklatsch, Kumpelei. Und wenn einer in einer Gruppe eine Witz macht, versuchen andere, den zu überbieten. Das kann am Anfang witzig sein – irgendwann aber dann nicht mehr. Das zeigt auch der Verlauf der Abrufzahlen bei der „Münsterschen Zeitung“, den Carta erhalten hat.

Nicht anders sind die Blumenkübel: Sie haben uns einen Tag lang schmunzeln oder lachen lassen. Wer das schlimm findet oder beklagt, dem dürfen misanthropische Tendenzen unterstellt werden. Ach, übrigens: Gut gelaunte Menschen leisten mehr.

Übrigens: Die Blumenkübel wurden heute ersetzt.

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