WePad in der kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt

by Thomas Knüwer on 14. April 2010

„Ihr Sausäcke“, brodelt es im Kopf von Managing Partner Marcel, während seine Lippen sich zu einem falschen Lächeln formen. „Ihr Arschlöcher. Ich mache Euch fertig. Ihr werdet Euren Job los. Alle.“

Klickklickcklick machen derweil die Kameras, Fluffflufffluff machen die Blitze, übertönt vom Geräuch sich wegdrängelnder Journalistenkörper und gegeneinander krachenden Kameras.

„Es funktioniert“, denkt Marcel. Seine Rache. An den Schmierern der Journaille. Jene, die die kleine PR-Agentur am Rande der Stadt fast in den Ruin geschrieben hätten.

Oder besser: Nicht geschrieben. Denn weil es auch nach heftigstem Einsatz des Teams nicht gelungen war, den Großkunden aus der Markenartikelbranche in Zeitungen, Zeitschriften, TV oder Radio zu platzieren. Mit einem Mal war der Etat weg. Krise. Kurzarbeit.

Junior-Consultant Tanja-Anja musste wieder kellnern, Sekretärin Polia kontrollierte Fahrkarten in der Straßenbahn, Senior Consultant Lars suchte sich einen Nebenjob im Telekom-Laden und Alexandra einen neuen Lover.

Als Marcel aus der Klinik zurück war – ein zweiwöchiger Aufenthalt wegen depressiver Anflüge – mobilisierte er die Truppen. Eine Rachaktion gegen die „verfickte Presse“. Es mag sein, dass seine Wortwahl noch immer von den Medikamenten beeinflusst wurde.

Eine lange Nacht grübelten sie, wie man die ganze Verschlagenheit der Journaille ans Tageslicht zerren könnte. Dann der Gedankenblitz von Senior Consultant Sabine: Man müsste sie mit ihren eigenen Mitteln schlagen. So tun, als könne man die dümpelnde Medienbranche retten mit einem Produkt, dass neu und doch scheinbar bekannt ist. Mit einer Geschichte „Deutscher David attackiert US-Goliath“.

Ein tiefes Glücksgefühl durchflutete Marcel als er um fünf am Morgen verkündete: „Ladies and Gentleman: Es ist ein WePad.“

Und so begann ein monatelang vorbereitetes Projekt. „W-Day“. Schnell heiratete Marcel seine adlige Gelegenheitsaffaire und änderte seinen Namen. Das verwischte ein paar Spuren. Ein Freund aus Taiwan bastelte dann aus ein paar übrig gebliebenen Teilen einer Überproduktion von Küchentabletts ein Gerät, das irgendwie Ähnlichkeit mit Apples Ipad hat. Mit dem tingelten Marcel und die kurzberockte und tiefbeausschnittete Tanja-Anja durch deutsche Verlagshäuser.

Sabine legte derweil ein Facebook-Profil an und kontaktierte Blogger. Bald schon rumorte es auch dort: Aus Deutschland komme ein Ipad-Rival mit fantastisch überlegenen technischen Daten. Die hatte Marcel mehr oder weniger frei assoziiert – „merkt doch keiner“.

Alles lief hinaus auf jene Pressekonferenz, deren Termin exakt gewählt wurde. Nach Apples Ipad-Start „damit alle drüber reden“, wie Mastermind Marcel erklärte. Aber unmittelbar vor dem Web-Kongress Re-Publica in Berlin: „Da sitzt doch jeder deutsche Twitter-Nutzer. Den Freaks müssen wir Futter geben.“

Den schwierigsten Job hatte Alexandra. Sie musste einerseits ihren haushaltskassefüllenden Lover aus der Bankbranche bei Laune halten. „Wovon soll ich denn leben“, hatte sie aufgejault, als die Kollegen sie aufgefordert hatten, die Liebschaft zu beenden. Andererseits machte sie sich bei einem Plogbar-Stammtisch an Henning heran: Anfang 20, schlampige Kleidung, IT-Bastler, froh überhaupt mal eine Frau abzubekommen.

Die Macht der Sexualität zeigte Wirkung: Henning frickelte in das Küchentablett so viel Technik und einen Bildschirm, dass ein Filmchen abspielbar ist. Fast sieht es aus, als sei das WePad tatsächlich ein funktionierendes Gerät.

Die Saat war gelegt. Und nun die Pressekonferenz. Tatsächlich war es gelungen, Gruner + Jahr als Partner zu gewinnen. Schnell hatte Henning den Film noch ergänzt um eine scheinbare „Stern“-App.

Das Medieninteresse ist gewaltig. Die versammelten Journalisten drängeln sich um Marcel und das taiwanische Servierinstrument, als sei gerade der Messias auferstanden. Und der Managing Partner gibt sich alle Mühe, jeden Versuch der Inbesitznahme des „Fickpätt“, wie das Gerät von den Mitarbeitern der kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt genannt wird, zu verhindern. Mal muss er das Ladekabel an seinem Platz halten, dann wieder nutzt er platte Rhetorik.

Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei. Die Medien berichten. Freundlich, positiv, wie erwartet.

„In einer Woche lassen wir die Bombe platzen“, frohlockt Marcel. „Dann werden wir entüllen, dass die Presseschmierer kritiklos über ein Tablett mit Billig-Technik gejubelt haben.“

Lars unterbricht die Freudenfeier: „Aber hier gibt es ein paar Blogs, die ahnen was…“ Marcel wischt den Bedenkenträger weg: „Blogs? Liest keiner. Erst recht kein Journalist.”

Weitere Abenteuer der kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt:

Kurz vor Mitternacht
Koffeein-Schock
Mai-Ausflug
Frühlingsgefühle
Wahlkampf
Marcelinho
Arbeitsverweigerungskampf
High-Society
Verzweiflungstat
Frisches Blut
Niederschlag
Weibliche Waffen
Imagewandel
Vroni
Lingua franca
Angie
Dumm gelaufen
Neue Republik
PC-Maus
Gedanken eines Chefs
Rooobiiiiiieee
Daviiiiiiiid
Geliebte “Bunte”
Sich einfach zulassen
Ein fröhlich’ Lied
Backenfutter
Kaiserslautern
Have yourself a merry little christmas
DFB
Ein Prosit der Gemütlichkeit
Kollerkommunikation
Die Zahl des Monats
Job-TV 24
Valentinstag
Sepp Blatter
Neue Sanftmut
Street Credibility
Nike
James Bond
Rolling Stones
Eröffnungsspiel
Paris Hilton
Bunte Pillen
Sigmar Gabriel
Gastautorin
Jack Bauer
Second Life
Markus Schächter
KPMG
Keine Re-Publica
Biblische Gärten
Der Deutsche Direktmarketing-Verband
Weihnachtsfeier
Winterdepression
BMW
Ruhr hoch n
Kleingruppenhaltung
Oktoberfest
Der Geist der Weihnacht
Sex, Lügen und Wahlplakate
Für eine Handvoll Stimmen


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