Die kurze Facebook-Aufmerksamkeitsspanne der Ilse Aigner

by Thomas Knüwer on 29. April 2010

Das schlimme an diesen Internet-Nutzern ist ja ihre kurze Aufmerksamkeitsspanne. Einen Moment begeistern sie sich für etwas – im nächsten sind sie weg.

Nehmen wir nur Ilse Aigner.

shutterstock berliner mauer klein(Foto: Shutterstock)

Die Verbraucherschutzministerin schrieb einen Brief an Facebook-Chef Mark Zuckerberg, trug ihn durch die Medien, drohte mit Austritt aus Facebook – und sicherte sich somit zahlreiche neue Kontakte im Netzwerk, die sie mit ihren eher unkommunikativen Nachrichten beglücken konnte.

Dann eröffnete sie eine Diskussionsgruppe mit dem Titel “Appell für mehr Datenschutz – Offener Brief an Mark Zuckerberg”. Auch das registrierten die Medien, das “Handelsblatt” jubelte gar von “7000 Unterstützern” – was natürlich falsch ist. Denn nicht jeder, der an einer Debatte teilnimmt ist ja der gleichen Meinung.

Nun hat Aigner scheinbar die Lust verloren.

Oder besser: Ihre Mitarbeiter haben keine Lust und Zeit mehr, sich um so etwas schnödes wie eine öffentliche Diskussion zu kümmern. Auf ihrem Profil bewerfen sie die rund 3900 Kontakte mit goldenen Eiern und pikanten Fragen. Alles Progrämmchen, die man besser blockieren sollte – denn sie graben Daten heimlich ab. Aigner warnt weder davor, noch fragt sie in die Runde, ob solche Spielchen nicht irgendwie blöd sind. Nun melden sich die ersten Nutzer und wundern sich, ob Frau Aigner oder einer ihrer Helfer überhaupt nochmal auf das Profil schaut.

Eher tot im Mare Digitalis liegt jene Diskussionsgruppe. In den vergangenen 10 Tagen haben die 7900 Mitglieder vier magere Beiträge gepostet, zwei davon sind kritisch gegenüber Aigner, einer stellt sowas wie eine Frage. Reaktion: null. Im eigentlichen Diskussionsbereich finden sich vier Beiträge – insgesamt.

Vielleicht aber hat Aigner ja trotzdem etwas bewegt. Zumindest hat sie zu einem kleinen Teil dazu beigetragen, dass sowohl Google als auch Facebook in den vergangenen Tagen Stellung bezogen haben.

Im Fall von Facebook hat Austin Haugin aufgelistet, wie die neuen Funktionen aussehen und wo welche Daten ausgetauscht werden. Dazu gehören auch Hinweise an die Nutzer, wo sie aufpassen sollten. Bei Google ist es Peter Fleischer, der diese Aufgabe in Sachen Google Streetview übernimmt. Und: In beiden Fällen sind Kommentare möglich – eine Diskussion beginnt.

Das soll nicht heißen, das alle offenen Fragen en detail geklärt sind. Oder die Diskussion damit beendet ist. Aber ich behaupte: Ein interessierter Normalnutzer ist damit auf dem Wissensstand, den er braucht um zu entscheiden, welche Daten er bei Facebook wie weit öffentlich stellen möchte. Und er kann sich eine Meinung zu Google Streetview bilden. Vielleicht liest das gar jener Hamburger Justizsenator Till Steffen, der mit seinen absurden Ideen droht, die Pressefreiheit zu beschneiden.

Diese Erklärungen unterscheiden Facebook und Google von anderen Datenjongleuren. Wo, zum Beispiel, ist eine Erklärung der Kommunen, wann sie welche Daten verkaufen? Wo finde ich eine Liste der angeschlossenen Unternehmen, die von Verlagshäusern Daten beim Verkauf eines Abos bekommen? Und wo ist die Erläuterung der Parteien, aus welchen Quellen sie die Adressen für ihre Wahlwerbung beziehen?

Vielleicht liest ja auch Ilse Aigner jene Blog-Beiträge von Google und Facebook. Vielleicht. Vielleicht aber ist ihr das alles zu viel – sie scheint ja schon mit ihrem Facebook-Profil überfordert. Die Debatte um den Datenschutz aber muss weitergehen – wir werden sie wohl ohne die Verbraucherschutzministerin führen müssen.

Verdammtes Internet. Verdammte short attention span.



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