„Bunte“, „Stern“ und Patricia Pontia Riekel
26. Februar 2010
Die neue Homepage
1. März 2010

Die digitale Spaltung der Olympischen Winterspiele zu Vancouver

Ganz früh am Mittwoch Morgen, genauer um 0.24 Uhr, hat sie mir geschrieben, die Kati.

Welche?

Na die. Kati.

Katarina Witt.

„Was würden Sie denn tippen ?? ;-)“, schrieb sie auf meine Frage, ob sie die Einträge ihres Olympa-Tagebuchs im ARD-Auftrag selbst tippt.

Immerhin. Eine Reaktion. Und vielleicht eine erste Schraube für den Bau einer Brücke über den digitalen Canyon.

Old Germany hängt zurück. Wieder einmal. Kaum jemand scheint zu bemerken, wie sich Olympia schleichend wandelt, sich öffnet für digitale Technik (nicht nur mit der gelungenen Iphone-App). Bisher wurde Athleten verboten von solchen Wettbewerben zu berichten – egal ob via Zeitungs-Kolumne oder Blog. Je größer die medialen Möglichkeiten dank des Internets wurden, desto mehr wuchs die Angst der Veranstalter vor unkontrollierten Meldungen von hinter den Kulissen.

Vor Vancouver die erste, kaum bemerkte Änderung: Nun hieß es, Athleten sollten nicht während ihrer eigenen Wettbewerbe berichten – doch ein Komplettverbot existierte nicht mehr. Selbst diese Einschränkung aber war nicht haltbar. Ein schönes Beispiel schildert „Wired“ mit Julia Mancuso – sie twitterte zwischen den beiden Riesenslalom-Läufen. Mehr noch: Sie mied TV-Kameras, hielt ihre Anhänger aber über Facebook auf dem Laufenden über ihre Enttäuschung.

Ohnehin fällt es auf, dass Sportler aus anderen Nationen Social Media längst zur Markenbildung und Fanbindung einsetzen (hier eine Liste der überprüften Sportler-Twitterer in Vancouver). Mancuso hat über 25.000 Fans auf Facebook, über 64.000 Leser verfolgen ihre Kollegen Lindsey Vonn auf Twitter, die Eishockeyspielerin Angela Ruggiero hat einen Videocast:

Und die Deutschen? Traurig. Die so extrovertierte und vor der Kamera professionell kommunizierende Anni Friesinger sieht eine Meldung vom 2. Februar als „aktuell“ auf ihrer grottig gestalteten Homepage. Noch grausiger: das Bob-Team André Lange, dessen Web-Auftritt an einen Kegelclub erinnert. Selbst ein Medien-Darling wie Vonn/Mancuso-Konkurrentin Maria Riesch verfügt nur über eine Homepage die aussieht wie eine Pressemitteilung, ihre Facebook-Fanseite sprüht vor – Unauthentizität. Immerhin ist dieser Facebook-Auftritt aber ein Beweis dafür, wie sehr Sportfans sich mit ihren Lieblingen vernetzen wollen. Zählte Rieschs Seite vor den Spielen rund 1.500 Fans sind es jetzt rund dreimal so viele.

Nun könnte man fragen: „Warum auch? Sind doch nur Sportler in Disziplinen weitab von der Publikumswirkung des Fußballs.“ Aber doch sind sie eben Profisportler. Und das bedeutet, sie sind beständig an Sponsoren interessiert – und Sponsoren unterstützen eben jene Athleten, die öffentliche Begeisterung auslösen könne. Und deshalb – unromantisch, aber wahr – müssen Sportler heute auch in Marketingkategorien denken (oder ihr Management).

Die digitale Winter-Spaltung setzt sich nahtlos in den Medien fort.

Während in den USA und England die Einblendung von Twitter-Namen der Kommentatoren Alltag ist, diese gar mit Zuschauern kommunizieren, herrscht in Deutschland Dürre. ARD und ZDF weisen zwar ständig auf ihre Olympia-Seiten hin. Doch dominiert dort das alte, medienstalinistische Denken: Der Zuschauer möge zuschauen – aber bitte nicht mitreden.

Gut, die ARD hat ein Forum. Doch dessen eklektische Nutzung zeugt nicht von stetiger Kommunikation. Ganze 12 Themen gibt es dort. Doch allein die Diskussion über den Staffel-Verzicht von Magdalena Neuner brachte über 1.600 Reaktionen. Der Grund für die merkwürdige Verteilung: Themen aufmachen können nur die Moderatoren des Forums. Offene Kommunikation – nein danke.

Wir kennen das von den Öffentlich-Rechtlichen. Ihre Rechtsabteilungen sind es angeblich, die freie Meinungsäußerung der Zuschauer verhindern. Weil die Sender verantwortlich sein sollen für alles, was auf ihren Seiten steht. Niemand aber hat die Verve gegen diese verostete und unzeitgemäße Konstellation anzuarbeiten. Es lebt sich bequem so.

Beim ZDF darf jedermann ein Thema im Forum aufmachen – und wird allein gelassen. So fragte am Mittwoch schon ein Nutzer, welche Musik im Hintergrund der Langlauf-Zeitlupen zu finden ist. Kein Mitglied der Online-Redaktion sah sich bemüßigt, diese Frage im Sinne der GEZ zahlenden Zuschauer zu klären.

Genau solche Situationen sind das Feld von Social Media. Weil Fragen auf den Punkt gestellt und beantwortet werden – und das für jedermann sichtbar. Es bestand die Hoffnung, die ARD würde Twitter als erster deutscher Sender so richtig nutzen. Offensichtlich jagte sie einen großen Teil des Olympia-Teams in das 140-Zeichen-Reich.

Ergebnis: eine Sende-Anstalt.

Peter Schlickenrieder, zum Beispiel, leidet bei Wettbewerben zeitweilig unter Twitter-Diarrhoe.  Jörg Kachelmann plappert digital so fröhlich vor sich hin wie vor der Kamera. Es sind Journalisten wie Dirk Hofmeister, die noch am ehesten Sinnvolles mit dem Dienst anfangen. Vielleicht ist gar tatsächlich Katarina Witt die Authentischste: Sie gibt so sehr die  gestresste Frau fürs Bunte mit Liebe zu Smileys, dass man es ihr abnimmt.

Doch auch ihr folgen magere 561 Follower. Bei Kachelmann sind es 351, Hörfunk-Mann Frank Aischmann erreicht 76. Der Grund ist simpel: Die ARD-Crew sendet, kommuniziert aber nicht. Ungefähr ein Dutzend Ansprachen an ARD-Leute habe ich in den vergangenen zwei Wochen gerichtet. Und erst am Mittwoch antworteten tatsächlich die ersten. Ob da jemand in der Online-Redaktion etwas aufgefallen ist? Keine Ahnung. Auch folgen die ARD-Leute höchstens einander, sonst aber kaum jemand. Peinlich wird es, wenn im ARD-Hauptaccount Personen auftauchen wie der kryptisch und selten twitternde Thomas Roth.

Vielleicht entstünde ja mehr, würde die ARD mal auf ihre Twitterer hinweisen. Doch in den Sendungen schweigt sie darüber trotz unendlich nervender Ego-Werbungs-Flut. Nicht einmal auf der Olympia-Homepage wird Twitter erwähnt oder gar eingebunden. Da brauchen wir gar nicht davon zu reden, dass ein avantgardistisches Experiment (also, avantgardistisch für Medienmenschen, die 2005 stehen geblieben sind) wie die wirklich ordentlichen Videos von Peter Schlickenrieder irgendwo Verwendung finden:

Die Olympia-Berichterstatter hätten alle Chancen, die Zuschauer mitzunehmen, an sich zu binden. Als vor vier Jahren die Handelsblättler Grischa Brower-Rabinowitsch und Rald Drescher als Ringe-Reporter hier für die Indiskretion Ehrensache schrieben, sorgte das für gute Zugriffszahlen und viel Lob. Genau so etwas könnte jeder der Journalisten vor Ort schaffen.

So aber ist das digitale Angebot von ARD und ZDF zu Olympia zwar weitergekommen als noch vor vier Jahren – aber weit davon entfernt auf der Höhe der Zeit zu sein.

Randbemerkung 1: Die Kompetenz mancher Live-Reporter ist erschreckend niedrig. Eine substanzielle Zahl ist nicht in der Lage, dem jeweiligen Sport zu folgen oder die richtigen Namen der gerade Handelnden zu nennen. Im Eishockey erreicht dies fast Schülerzeitungs-Niveau, wobei ich nichts gegen Schülerzeitungen sagen möchte.

Randbemerkung 2: Olympia in HD auf einem Flachbild-TV öffnet eine neue Dimenion – atemberaubend.

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