Ipad – Coffeetable-Gagdet und iKlickhuren

by Thomas Knüwer on 27. Januar 2010

Wer glaubt, der Wandel der Medienwelt werde sich irgendwann verlangsamen, dem darf man nach anderthalb Stunden Apple-Präsentation entgegen treten, ihm tief in die Augen schauen und sagen:

PAH – DAS GLAUBT NICHT MAL DEINE OMA!

Sollten Sie in den vergangenen Stunden irgendwo in einem dunklen Keller die Ohren gehockt und sich die Ohren zugehalten haben kurz die Zusammenfassung:

Es ist ein Ipad.

Derzeit ist nur ein erstes Urteil möglich, logisch. Es beruht auf dem Augenpulver das Steve Jobs und seine Mannen uns ins Gesicht geworfen haben. Die Präsentation wird demnächst über Itunes zu bekommen sein, die Werbeseite ist bereits online.

Und um für die Leser mit der kurzen Aufmerksamkeitsspanne ebenfalls zusammenzufassen:

Es wird die Welt nicht um 180 Grad drehen – aber um 45 bis 90.

Zunächst die offensichtlichen Meckereien. Flash scheint es weiterhin nicht zu geben. Are you kidding us, Steve?

Ach ja – und wo ist die Kamera? Skype über das Ipad müsste großartig sein. Weiterhin scheint Apple mit Kameras zu fremdeln.

Doch das ist Meckern auf hohem Niveau angesichts dessen, was Apple heute gezeigt hat. Dieses Gerät zielt offensichtlich nicht auf die Hightech-Gemeinde. Es ist das Produkt, nachdem sich Lebensgemeinschaften gesehnt haben, in der ein Teil technikaffin ist – und der andere nicht. Denn seien wir ehrlich: Der Laptop auf dem Wohnzimmertisch kann ein Streitpunkt sein. Und wer ihn sich greift, schirmt sich rein optisch von der Gemeinschaft ab.

Das Ipad dagegen wirkt gemeinsamer und offener. Und natürlich ist es ein Statusobjekt, das gern auf dem Tisch liegen gelassen wird. Es ist das Coffeetable-Gadget.

Solch ein Produkt war schon lange fällig. Wir buchen Kinokarten online, twittern beim Fernsehen, bestellen Bücher, planen Reisen – und mussten dafür immer ein ergonomisch unzureichendes Plastik-Teil aufklappen. Jetzt können wir vieles davon eleganter erledigen.

Und deshalb wird das Ipad noch längere Schlangen vor den Apple-Stores auslösen als einst das Iphone.

Ein paar Branchen werden vom Ipad unmittelbar betroffen. Zuvorderst die Videospielindustrie. Sie erhält eine neue Plattform für Gelegenheitsspieler. Die Hardcore-Gamer werden wohl weiter bei Konsolen oder PC bleiben. Mobile Spielgeräte werden schon mal das Beten anfangen: Sexyer als das Ipad geht es nicht mehr – der junge Teenager wird seine Eltern meucheln um das Teil zu bekommen.

Überhaupt: Junge Teenager. Mobile DVD-Player für die ruhige Fahrt in den Skiurlaub? Wieder ein Markt der tot ist. Genauso wie digitale Bilderrahmen. Nicht sofort, aber mittelfristig. Denn natürlich wird die Konkurrenz das Ipad zu imitieren versuchen.

Bücher? Spannend. Was nicht geklärt werden kann von hier aus: Wie gut ist das Display des Ipad. Seeeeeeeehr gut. Logisch. Doch ist Lesen auf dem Kindle und seinen Adepten 100 Prozent augenschmerzfrei. Kann ein Farbdisplay von sicherlich ordentlicher Leuchtkraft da mithalten?

Noch etwas geht seinem Ende entgegen: das Zeitalter der Maus. Nun sollen wir auf einem Touchscreen tippen. Dabei präsentierten die Apple-Köpfe ein eher unbeholfenes Achtfinger-System. Trotzdem bleibe ich dabei: Wir verabschieden uns Stück für Stück von traditionellen Eingabegeräten.

Und dann wären da die Medien. Im Vorfeld der Präsentation träumte mancher schon, das (oder der?) Ipad könne das Zeitalter des Paid Content einläuten: Zeitungen und Zeitschriften würden neue, multimediale Ausgaben entwerfen die so toll würden, dass die Leser zahlten.

Zu sehen war davon – nichts. Die “New York Times” gab es zu sehen. Und, ja, es ist ganz nett dort das digitale Blättern zu sehen. Das Gefühl des Zeitungslesens soll abgebildet sein, dazu Bildergallerien (HA! Ich buche hiermit den Begriff “iKlickhuren” für mich) und eingebaute Videos. Aufregend? Null.

Die Möglichkeiten des Ipad scheinen mehr herzugeben – man wird sehen müssen, ob jemand etwas wirklich Spannendes einfällt. Selbst wenn müssten aber solche Inhalt speziell für die Plattform aufbereitet werden. Bedeutet: mehr Journalisten, mehr technisches Personal, mehr Ideen. Seien wir ehrlich: unrealistisch.

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