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Mühlstein-Treffen unter Linden

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Ein wenig gaga war sie schon, die Diskussion über Journalismus und Online und Qualität und Weblogs, die der DJV gestern Abend organisiert hatte. Er bestätigte, was ich befürchtet hat: Es gibt eine Generation von graumelierten Journalisten, die der Mühlstein um den Hals unseres Berufes sind. Dummerweise hängt er an unserer Kehle in dem Moment, da wir ins kalte Wasser springen müssen. Natürlich ist die Live-Übertragung zusammengebrochen – und das noch vor dem offiziellen Beginn. Die komplette Homepage des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) ging gestern in die Knie, als die Diskussion von Unter den Linden übertragen werden sollte, die von der Weblog-Szene so heiß erwartet worden war. Es folgten dann Versuche Streams von Streams zu generieren oder den Ton aus dem Saal über andere Dienste live zu übertragen. So entnahm ich es zumindest den Nachrichten aus Twitter und vielleicht können die Leser hier, die versucht haben, das Ganze zu verfolgen mal in den Kommentaren kurz zurufen, in wie weit die Diskussion zu verfolgen war.

Auf dem Podium also saßen Michaela May, Chefkorrespondentin von N24 und Besitzerin eines Weblogs, Hans-Ulrich Jörges vom „Stern“, DJV-Chef Michael Konken, der Dresdner Professer Wolfgang Donsbach und Björn Sievers von Focus Online. Moderation hatte Reuterserianer Alexander Fritsch.

Noch nie habe ich eine Diskussion erlebt, noch nie habe ich auch nur von einer gehört, die mit sieben Podiumsteilnehmern besetzt war und einigermaßen interessant verlief. So war es auch diesmal. Sieben Redner sind kaum moderierbar, und sich auf ein spitzes Thema zu verständigen, das ist auch fast unmöglich. Mit vier Leuten hätte es ein interessanter Abend werden können, so aber war es ein wildes Themengehopse.

Neue Positionen gab es dabei nicht. Hatte das jemand erwartet? Was mich aber überraschte, waren die mangelnden Spin-Doktor-Qualitäten von Michael Konken. Einige seiner immer gleichen Äußerungen waren schon beim ersten Mal leicht widerlegbar, trotzdem wiederholt er sie noch immer. Zum Beispiel, dass Weblog anonym geführt würden, dass man „nicht dahinter gucken kann, wer das ist“. Mein Hinweis, dass der weitaus größte Teil deutscher Blogs über ein Impressum mit dem Namen des Autors verfügt, änderte nichts.

Historisch machte Konken auch keinen fitten Eindruck. Meine Frage, was Kurt Tucholsky und Rudolf Augstein zu Konkens Abneigung gegen Pseudonyme gesagt hätten, quittierte dieser lapidar mit dem Hinweis, dass wir doch heute wüssten wer dahinter gesteckt habe. Vielleicht reicht es Konken ja auch, nach dem Tod der angeblich so böse Diffamierenden von deren wahrer Identität zu erfahren.

Belustigend dagegen seine Aussage zur DJV-Pressemitteilung im vergangenen Jahr, in der die Gewerkschaft vor der Einstellung sämtlicher Info-Formate bei Pro Sieben warnte. Dass es nicht so weit gekommen ist, sei ja vielleicht auch dieser Warnung zuzurechnen, glaubt Konken. Joah, klar, ein börsennotiertes Unternehmen macht eine strategische Entscheidung wegen der Pressemitteilung einer Gewerkschaft rückgängig – an Selbstüberschätzung mangelt es dem DJV jedenfalls nicht.

Michaela May war der erwartete Puffer, was keinesfalls bös gemeint ist. Sie steht mit ihrem Blog in den Anfängen, hat sich anscheinend bisher wenig mit anderen Blog-Autoren beschäftigt, aber es macht ihr Spaß – und das ist ein guter Anfang. Zu gönnerhaft sei sie daher gekommen, kritisierte jemand bei Twitter. Ich fürchte, das lag am TV-Tonfall, den sich Profis in dem Bereich aneignen. May war für mich die positive Überraschung des Abends.

Die negative kam aus Dresden. Prof Donsbach erwies sich als Vertreter einer eher ungewöhnlichen Auffassung von Kommunikation. Mehrfach klagte er, im Internet entstehe keine gesellschaftlich bedeutsame Kommunikation, gerade so, als kommunizierten traditionelle Medien. Dabei muss ich ergänzen, dass für mich der Umgang von Zeitungen und Zeitschriften mit Leserbriefen keine Kommunikation darstellt, denn die bedeutet eben einen mehrfachen Austausch von Argumenten. Für Donsbach aber scheint Kommunikation nur dann der Gesellschaft zuträglich, wenn er von professionellen Journalisten vorgenommen wird. Er bezweifelte außerdem, dass Kommentatoren bei Artikeln oder Blogs in der Lage sind, korrigierende Informationen zu liefern. „Woher wollen Sie wissen, dass die Recht haben?“, fragte er und angesichts solcher Borniertheit ist er der erste Kandidaten des Jahres 2008 für die goldene Marie Antoinette.

Meistens übrigens, das als Hinweis für den Herrn Professor, liefern diese Korrekteure in ihren Einträgen Buchstaben- und Zahlenkombinationen mit, die auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben und oft unterstrichen angezeigt werden. Dieses Zeugs nennt man „Link“ und wenn man den Mauszeiger auf sie führt und den Knopf auf der Maus drückt, öffnet sich eine neue Internet-Seite, die oft die gewünschten Informationen erhält.

Drückte man auf Hans-Ulrich Jörges, passierte das leider nicht. Er wollte nicht diskutieren. Die meiste Zeit verbrachte er damit zu verkünden, worüber er nicht reden wollte, was der Zeitökonomie des Abends eher abträglich, der Belustigung im Zuschauerraum aber zuträglich war.

Zum Beispiel wollte er nicht über die Qualität der Medien reden, auch nicht über die Qualität des „Stern“, obwohl er doch nur darüber reden wollte, was sein Haus macht. Vielleicht ist er gar nicht mehr beim „Stern“ und keiner hat es gemerkt. Oder Herr Jörges zieht mit psychomasochistischer Grundneigung gern Spott auf sich.

Reden wollte er über rechtsradikale und hasserfüllt Kommentatore in Stern.de-Foren. Das seien so zwei Prozent der Nutzer, sagte er. Die anderen Teilnehmer aber hatten keine rechte Lust, für ein Gespräch über zwei Prozent der Stern.de-Nutzer einen Abend in Berlin zu vergeuden.

Einmal stieg er dann doch ein. Als die Rede auf den Pressekodex kam. Der solle nun auch auf die Online-Redaktionen von Pressehäusern übertragen werden. Daran werde gearbeitet, erklärte einer der Verantwortlichen und löste bei Stefan Niggemeier im Zuschauerraum und bei mir mühsam kontrollierte Kolleranwandlungen aus.

Der Pressekodex, das wusste ich vorher nicht, gilt nämlich in der Tat nur für Redakteure von Print-Medien im Rahmen ihrer täglichen Arbeit. Er gilt nicht, wenn sie TV-Interviews geben, er gilt nicht für die Online-Kollegen.

Was also liegt näher mit einem Kopfnicken zu sagen: OK, gilt auch für die Online-Redaktionen? Das liegt natürlich nur nahe, wenn man als Verlagsmanager nicht Lust hat seine Zeit bei unsinnigen, bürokratischen Meetings zu verjubeln, wie das nun der Fall ist.

Denn was bewirkt der Pressekodex denn? Faktisch nichts. Die Verstöße sind im kleinen reichlich, im großen gibt es Ermahnungen, die manche abdrucken, andere nicht. Bei komplizierteren Fälle, wie „Bild“ vs. Sibel Kekilli, ist der Presserat dann so agil wie ein 90jähriger nach dem vierten Schlaganfall.

Um es klar zu sagen: Nach meiner Meinung hat ein Pressekodex allein keinerlei Wirkung. Punkt. Entscheidend sind die Berufsehre der Journalisten und das Unternehmensklima in den Verlagen. Ein Journalist, der eine solche Ehre verspürt, braucht keinen Kodex. Ein Journalist, der sie nicht verspürt, kümmert sich nicht um den Kodex.

Doch anscheinend ist für die alte Garde nur existent, was formalisiert, in Stein gemeißelt, versehen mit höheren Weihen ist. Dieses Formalisieren, Insteinmeißeln und Umhöhereweihen anflehen aber ist Zeiten des Internets nicht mehr zeitgemäß. Und es macht unseren Berufsstand träge, lethargisch und rückwärtsgewandt.

Wenn sich das nicht ändert, wird Don Alphonsos Schlussnote Wahrheit: Das Internet tötet den Journalismus.

Eine andere Äußerung von Herrn Alphonso aus seinem persönlichen Fazit gilt allerdings für mich jetzt schon:
„Ich will nicht so werden wie die. Ich will offen bleiben, ich will dazulernen, ich will nie denken, ich wüsste schon alles, und bräuchte nicht mehr zuhören.“

Einen sehr hübschen Rückblick gibt es übrigens auch bei Wirres.net.

Und wie es um die mit Jörges nicht zu diskutierende Qualität von Stern.de steht, dazu gibt es ein hübsches Beispiel hier.

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