Offene E-Mail an Michael Konken, Chef des Deutschen Journalisten-Verbandes

by Thomas Knüwer on 12. November 2007

Seit dem Wochenende schäme ich mich. Ich schäme mich, Mitglied des Journalisten-Verbandes DJV zu sein. Der Grund: sein Vorsitzender Michael Konken. Ich grübele. Seit Samstag Mittag. Was ich schreiben soll zu dem, was der geschätzte Thomas Mrazek von Michael Konken zitiert, dem Vorsitzenden des Gewerkschaftsverbandes DJV. Konken hat auf dem Verbandstag mal richtig vom Leder gezogen.

Es liegt mir in den Fingern, mal so richtig zu kontern. Von einem Ewiggestrigen Gewerkschaftsheini, der seine Führerbunkermentalität hauptberuflich auch noch an Studenten weitergeben darf an der Uni Vechta und der FH Oldenburg. Über einen, dessen intellektuelles Niveau in Sachen Mediendiskussion tiefer liegt als die Golf GTI in meiner münsterländischen Heimat.

Denn Konken (hier die vollständige Rede) ergeht sich in längst überkommen geglaubter Das-Internet-ist-böse-Haltung und gießt eine Kübel Mist über all denen aus, die ihr Hobby im Netz pflegen.

Auszug:
“Der Onlinebereich ist aber auch ein Bereich, den wir verstärkt unter qualitativen Kriterien werten müssen. Nicht jeder, der sich dort als Journalist bezeichnet, hat etwas damit gemeinsam. Uns steht es gut zu Gesicht, wenn wir Richtlinien finden, um Müll von Qualität zu trennen und dies den Internetkonsumenten deutlich machen. Das Internet ist eine Plattform auch für Schmierfinken ganz besonderer Art. Schmierfinken, die sich als Journalisten bezeichnen, die aber Persönlichkeitsrechte verletzen, sich nicht an unsere Postulate wie Wahrhaftigkeit, Objektivität, Vollständigkeit halten. Sie treiben ihr mieses Geschäft mit Veröffentlichungen, gegen die wir oft rechtlich nicht vorgehen können, die aber nicht selten ihre Voyeure finden.

Blogs sind meines Erachtens nur in ganz wenigen Ausnahmefällen journalistische Erzeugnisse. Sie sind eher der Tummelplatz für Menschen, die zu feige sind, ihre Meinung frei und unter ihrem Namen zu veröffentlichen.”

Aber nein, nur draufhauen reicht nicht. Und deshalb habe ich folgende E-Mail an Herrn Konken verschickt:

“Sehr geehrter Herr Konken,

mit großer Verwunderung, mit Ärger, mit Abscheu, gar mit Entsetzen habe ich Ihre Rede auf dem DJV-Verbandstag gelesen. Sie bereitet mir Sorgen, sowohl was den Stand der Mediendiskussion in Deutschland betrifft, wie auch in Sachen Zukunftschancen des DJV.

Aber erlauben Sie mir, mich zunächst vorzustellen: Mein Name ist Thomas Knüwer, ich bin Reporter in der Redaktion Handelsblatt. Außerdem blogge und podcaste ich für unser Online-Angebot (dieses Schreiben werde ich auch in meinem Blog veröffentlichen). Ich bin seit 1996 (so ich das richtig im Kopf habe) DJV-Mitglied.

In Saarbrücken sprachen Sie Sätze, die mich erzürnen. Die dafür sorgen, dass ich mich am Wochenende geschämt habe, DJV-Mitglied zu sein. Weil Ihre Äußerungen von einer unter deutschen Entscheidern sehr beliebten Haltung zeugen: Das Internet ist böse. Dies aber ist eine Verweigerungshaltung, die auf Dauer nur zu einem führen wird: dem Untergang unseres Berufsstandes. Und sie demonstriert leider auch, dass sich der DJV (zumindest aus meiner Sicht) keinerlei Gedanken macht über die grundlegenden Entwicklungen der Medienwelt und die Fundamente unseres Berufsstandes.

Darf ich zitieren?

Sie sagten:
„Der Onlinebereich ist aber auch ein Bereich, den wir verstärkt unter qualitativen Kriterien werten müssen. Nicht jeder, der sich dort als Journalist bezeichnet, hat etwas damit gemeinsam.“

Ich gebe Ihnen Recht: Nicht jeder, der sich dort als Journalist bezeichnet, ist einer. Nur: Was ist denn ein Journalist? Fällt jedes DJV-Mitglied in diese nicht weiter spezifizierte Rubrik? Wie wäre es mit der Diskussion über die Qualität der PR-lastig arbeitenden Verbandsmitglieder?

„Uns steht es gut zu Gesicht, wenn wir Richtlinien finden, um Müll von Qualität zu trennen und dies den Internetkonsumenten deutlich machen.“

Müll. Was ist für sie der Müll? PR-Mitteilungen, die sich als neutrale Information ausgeben? Wenn Sie dies meinen, so stellt sich wieder die Frage nach den PRlern unter den DJVlern. Oder meinen Sie etwa private Inhalte, wie Blogs von Menschen, die einfach gerne schreiben? In diesem Fall würden sie schlichte, menschliche Kommmunikation – ein grundlegendes Bedürfnis unserer Gesellschaft – als Müll abtun.

„Das Internet ist eine Plattform auch für Schmierfinken ganz besonderer Art. Schmierfinken, die sich als Journalisten bezeichnen, die aber Persönlichkeitsrechte verletzen, sich nicht an unsere Postulate wie Wahrhaftigkeit, Objektivität, Vollständigkeit halten.“

Auch hier frage ich mich: Wen meinen Sie? Wer bezeichnet sich als „Journalist“? Wieder landen wir bei der Frage, wie Sie diese Definition überhaupt festlegen. Sind „Bild“-Mitarbeiter, beispielsweise keine Journalisten, weil sie das mit den Persönlichkeitsrechten sehr locker nehmen? Sind Beilagenredakteure, die Texte gegen Anzeigen ins Blatt heben, keine Journalisten? Sind die Redakteure von Fachblättern, ich nehme als Beispiel das Solar-Magazin „Sonne, Wind und Wärme“, die desgleichen tun, keine Journalisten? Sind diejenigen, die diese hübschen PR-Beilagen erstellen, die dem „Journalist“ beiliegen, keine Journalisten? Und wenn nein: Wann wird der DJV diese Nicht-Journalisten aus seinen Reihen ausschließen? Und was ist mit den Kommentar-Schreibern? Viele bekannte Namen sind wenig Objektiv: Die „Taz“ wird sich nie für Wolfgang Schäuble begeistern können, die „FAZ“ nie für Andrea Nahles. Sind diese Kollegen keine Journalisten? Was ist mit den „Spiegel“-Kollegen, die gerne mal Geschichten „auf eine These drehen“? Keine Journalisten?

Die erschreckendste Ihrer Äußerungen aber ist:
Blogs sind meines Erachtens nur in ganz wenigen Ausnahmefällen journalistische Erzeugnisse. Sie sind eher der Tummelplatz für Menschen, die zu feige sind, ihre Meinung frei und unter ihrem Namen zu veröffentlichen.
Ich sehe das genau anders herum. Und wieder sind wir bei der grundlegenden Frage: Was ist Journalismus?

Zunächst ist der geringere Teil der Blogger anonym. Derzeit sind unter den 30 meist verlinkten Blogs in Deutschland gerade zwei (!) zu finden, in denen die Autorennamen nicht klar genannt werden. Eines davon ist ein Koch-Blog. Blogger noch dazu feige zu nennen, ist bemerkenswert: Sie setzen sich der unmittelbaren Kritik ihrer Leser aus und kommunizieren mit ihnen. Ist dies bei Journalisten auch der Fall? Wer, zum Beispiel, ist Ponkie? Und wie viele Redaktionen in Deutschland gibt es, die auf Leserbriefe nicht mal reagieren? Viele Redakteure – und ich kenne auch bei uns leider einige Fälle – geben ja nicht einmal ihre E-Mail-Adresse heraus.

Damit wären wir bei der Frage, was ein „journalistisches Erzeugnis“ überhaupt ist. Die investigative Geschichte, vielleicht, bei der unmittelbare Recherche nötig ist? Aber was ist dann mit Kommentaren? Wollen Sie behaupten, der Kollege Prantl bei der „SZ’“ oder unser Handelsblättler Frank Wiebe sind keine Journalisten, weil sie vor allem Kommentare schreiben? Oder ist ein journalistisches Produkt nur das, was nicht unmittelbar mit dem Autor zu tun hat? Was ist dann mit persönlichen Reportagen, was mit der klassischen, angelsächsisch geprägten Kolumne? Vielleicht sind es auch die Themen: Sind Artikel über das Kochen kein Journalismus? Wenn dem so ist: Wann werden die Redaktionsmitglieder von Blättern wie „Meine Familie und ich“ aus dem DJV ausgeschlossen?

Andererseits: Ist das Lawblog, in dem der Anwalt Udo Vetter über Recht und Rechtssystem schreibt, kein journalistisches Produkt? Obwohl er unterhaltsamer schreibt als all die Journalisten – und sicher kundiger ist?

Ihr Äußerung kündet leider von wenig Recherche, mangelnder Objektivität und großer Unvollständigkeit. Angesichts der Verletzung dieser Postulate – und Ihrer hauptberuflichen Tätigkeit als Dozent – erlauben Sie mir die Frage: Sehen Sie sich als Journalist, Herr Konken?

Sie sagten weiter:

„Die glaubwürdige journalistische Arbeit muss geschützt werden, damit die, die wirklich qualitative journalistische Arbeit leisten, geschützt werden. Wir müssen in den nächsten Monaten eine quantitative Entrümpelung vornehmen, müssen qualitativ ausdünnen und festlegen, was unseren journalistischen Ansprüchen genügt.”

Wenn Sie dies ernst meinen, so kann es nur zu einer Ausschlusswelle im DJV kommen. Ich stimme Ihnen hier aber sogar zu. Nur: Journalistische Arbeit wird immer stärker von Menschen geleistet, die den Journalismus nicht als ihren Beruf ausüben. Meinen Sie es wirklich ernst mit der Verantwortung unseres Berufsstandes für die Gesellschaft, so muss der DJV seine Verweigerungshaltung verlassen und auch diese Menschen fördern und schützen. Wissen Sie eigentlich, dass in den USA jüngst Blogger rechtliche mit Journalisten gleichgestellt wurden?

Jedes Mitglied unseres Berufsstandes kann vom Internet halten, was es will. Nur weggehen wird das Web nicht mehr. Eine Technik, die für die Umgehung von Regeln entworfen wurde, und die sich so rasant verbreitet hat, wie keine andere in der Geschichte der Menschheit, wird sich nicht unseren Regeln beugen. Im Gegenteil: Wir alle müssen unsere Denkstrukturen und unsere Regeln überdenken. Gerade für Journalisten eröffnet das Internet gewaltige Möglichkeiten. Nutzen wir sie lieber, statt uns um unsere Pfründe zu sorgen. Ist das leicht? Nein, es ist schwer. Verdammt schwer. Aber wir werden nicht darum herum kommen.

Und deshalb würde ich mich nicht nur über eine Antwort freuen (wobei ich Sie drauf hinweisen möchte, dass ich diese in meinem Blog veröffentlichen werde), sondern auch über eine öffentliche Kurskorrektur des DJV in Sachen Internet.

Mit freundlichen Grüßen
Thomas Knüwer”

Ich bin gespannt, ob etwas kommt. Konkens Vorgänger Siegfried Weischenberg hat auf meine Anfrage ja bis heute nicht geantwortet…

(Vielen Dank an Sven Scholz für die Idee)

Nachtrag: Sven Scholz schlägt die neue Vokabel konken vor.

Nachtrag vom 14.11.: Herr Konken hat in den Kommentaren geantwortet (siehe unten)

Nachtrag vom 15.11.: Ja, was denn nun? Im Interview mit Ibusiness (nur für Abo-Zahler, hier mehr bei Onlinejournalismus.de) scheint Konken nichts zurückzunehmen oder zu relativeren:
“Für Konken aber alles andere als ein Grund, über seine Rede noch einmal nachzudenken: “Es gibt nichts zu relativieren”, verteidigt der DJV Konkens Aussagen gegenüber iBusiness.”

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