Die eigentliche Schande der Grimme Awards 2007
21. Juni 2007
Der fortschrittsorienterte, gescriptete Network Innovation Verlag
22. Juni 2007

Holthoff-Pförtner lässt präzisieren

t

Es gab einst Herrscher, die sprachen nicht selbst, sondern flüsterten zu einem Untergebenen, der dann ihr Verdikt verkündete. So kommuniziert heute die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ in Form ihres Miteigentümers Stephan Holthoff-Pförtner. Manchmal ist es wirklich schwer, miteinander ins Gespräch zu kommen. Auf Branchenpartys, zum Beispiel, wenn niemand da ist, den man kennt. Der erste Schritt ist da meist der schwerste und gerade Deutsche haben so ihre Probleme mit dem Small Talk, den beispielsweise die Engländer so perfekt beherrschen.

Ähnlich ist es auch mit der Kommunikation im Internet. Die ersten Schritte sind oft holprig, man bekommt auch mal einen drüber. Wenn es aber einmal läuft, dann läuft es meist.

Stephan Holthoff-Pförtner scheint von solch einem Vortasten aber nichts zu halten. Er hat durch seine hingeschluderten Äußerungen beim Medienforum NRW in der Weblog-Szene mächtig einen drüber bekommen.

Zur Erinnerung seine markanten Sätze:
„Blogger verdienen nach meiner Ansicht nicht den Schutz des Artikel 5.“

„Diese Blogger und die schnellen Fotos, das ist wie Wikipedia, da kann auch mal drei Wochen stehen, der österreichische Bundeskanzler heißt Erwin Huber. Da tut sich so viel, das ist keine Alternative zu ernsthaftem Journalismus.“

Nun fühlt sich Holthoff Pförtner missverstanden, das mit dem Artikel 5 habe sich nur auf den zweiten Satz bezogen, in dem es um Pressefreiheit geht und man hofft, dass der Anwalt bei juristischen Gefechten sauberer artikuliert.

Diese Präzsierung nun lässt er verlauten per Pressemitteilung, die als Word-Dokument auf der Homepage der Waz-Mediengruppe herunterladbar ist:

„Den Vorwurf, Bloggern das Recht auf freie Meinungsäußerung abgesprochen zu haben, weist Stephan Holthoff-Pförtner, Bevollmächtigter der Funke-Familien-Gesellschaft, entschieden zurück: „Es geht mir nicht um die Meinungs-, sondern um die Pressefreiheit“, stellt er klar.

Holthoff-Pförtners Äußerung auf dem medienforum NRW, Blogger und Leserreporter fielen nicht unter Artikel 5 des Grundgesetzes, hatte gestern für Aufregung in der Bloggosphäre gesorgt.
„Artikel 5, Satz 1 des Grundgesetzes regelt das Recht auf freie Meinungsäußerung in Wort, Schrift und Bild. Und Satz 2 regelt den Presseschutz. Gerade dieser Schutz steht den Bloggern meiner Meinung nach nicht zu, weil sie keine Organe der Presse sind“, betont Holthoff-Pförtner. Besonders die in Artikel 5 des Grundgesetzes garantierte Pressefreiheit sei aus schmerzlichen Erfahrungen der deutschen Geschichte gewachsen.

„Mit dieser Freiheit muss man sorgsam um-gehen“, so Holthoff-Pförtner. Der wichtige Satz 2 sei daher ein Privileg, das aus-schließlich für die Medien gelte. „Wenn jemand abends mal auf dem Fußballplatz den Schiedsrichter spielt, ist er ja noch kein Teil der Judikative.“

Das Recht auf Meinungsfreiheit dagegen gilt für Holthoff-Pförtner ohne Einschränkung: „Gerade die unqualifizierte Meinungsäußerung bedarf des besonderen Schutzes. Für diesen Schutz werde ich mich immer einsetzen.““

Nun kennt sich Holthoff-Pförtner bestens aus, sowohl mit Schiedsrichtern wie mit unbedarften Äußerungen. Schließlich musste er er sich als Anwalt von Skandal-Schiedsrichter Robert Hoyzer beim DFB entschuldigen für seine Behauptung, die Untersuchung des Fußball-Verbandes sei eine „Hinrichtung“.

Für solche Äußerungen, ebenso wie die inhaltlich falsche über Wikipedia, gilt auch nach seiner eigenen Meinung die Meinungsfreiheit, das wollen wir ihm also nicht ankreiden.

Was aber bedenkenswert ist, und in diesem Punkt würde ich mich freuen, wenn Holthoff-Pförtner nicht nur vom Thron verkünden lassen, sondern kommunizieren würde, ist die Frage, wen er denn als geschützt sieht von der Pressefreiheit?

Nehmen wir das ehemalige Ein-Mann-Unternehmen Günther Kress. Eigentlich waren seine Anfänge so eine Art Blog in Papierform – Pressefreiheitsschutz?

Günter Wallraff: keine journalistische Ausbildung, keine feste Anstellung – darf er presserechtlich geschützte Texte in einem Weblog veröffentlichen?

Die Blogger, die dem US-Starjournalisten Dan Rather Fehler in Zusammenhang mit einem Bericht über George W. Bushs Militärzeit nachwiesen und Rather so zum Fall brachten?

Das schwedische Blogg Friktion, der einem schwedischen Minister nachwies, dass dieser einen nicht anerkannten MBA-Titel aufführte, den er auf einer dubiosen Fernuni erworben hat?

Und was ist mit den nicht-journalistischen Bloggern, die auf dem neuen „Waz“-Portal schreiben sollen?

Das Internet hat unsere Welt so schnell und radikal verändert, dass es nicht möglich war, unsere vorhandenen Regeln behutsam anzupassen. Nicht das Internet, das geboren wurde, um unkontrolliert zu sein, muss sich den vorhandenen Regeln beugen, sondern wir müssen diese Regeln hinterfragen und anpassen an einen völlig neue Welt. Vielleicht ist auch Holthoff-Pförtner irgendwann dazu bereit. Und vielleicht lässt er es nicht verkünden, sondern spricht selbst.

Teile diesen Beitrag