Stell Dir vor, Du machst etwas, das die taumelnde Branche, in der Du arbeitest, retten könnte – und Du merkst es nicht.
So verhält es sich anscheinend mit Lutz Schumacher, Geschäftsführer des SV-Konzerns, dessen wichtigstes Objekts die „Schwäbische Zeitung“ ist.
In einem Interview mit dem hauseigenen „Nordkurier“ – puh, keine kritischen Fragen – sagte Schumacher, dass die gedruckten Ausgaben seines Hauses künftig am Abend ausgeliefert werden.
Der Grund ist nicht Kreativität oder Innovation, beides ist in deutschen Zeitungsverlagen so gut beleumundet wie bei Gerhard Schröder einst das Familienministerium. Nein, es geht um das Einsparen von Kosten und das Ausnutzen vorhandener Logistiknetzes des Konzerns. Ausschnitte aus der Höflichkeitsbefragung dem Interview:
„Wir nehmen unser Logistiknetz, unsere Zustellerinnen und Zusteller und stellen viele andere Produkte auch zu. Pakete, Lebensmittel, Medikamente, Briefe und nehmen die Zeitung auf diesem Weg mit. Dadurch wird deren Zustellung vergleichsweise günstig. Damit können wir sie noch viele Jahre garantieren…
Viele Produkte, die wir zustellen müssen, die stehen morgens oder nachts nicht zur Verfügung. Wir werden in Zukunft die Region mit Lebensmitteln und mit Medikamenten versorgen, die Zusteller können bei den Empfängern aber nicht um vier Uhr morgens klingeln. Pakete stehen sowieso nicht morgens zur Verfügung. Daher reden wir über späte Nachmittagsstunden oder den frühen Abend. Außerdem wird es immer schwieriger, Zusteller für den frühen Morgen zu gewinnen. Auch dieses Problem lösen wir auf unserem Weg zuverlässig.“
Womit wir bei einer Art dunklem Geheimnis der Zeitungsindustriesind: Tageszeitungen waren noch nie aktuell. Nur war da früher halt egal.
Selbst in ihren besten Zeiten, also Anfang der 80er, lagen in Deutschland mindestens fünf, eher sieben Stunden zwischen dem Moment, da der Druck einer Zeitung anlief und dem Moment, da das fertige Produkt bei den ersten Menschen im Briefkasten lag.
Das, was da zu lesen war, war teils noch deutlich älter. Als ich für die „Westfälischen Nachrichten“ in meinem Heimatort Senden schrieb, mussten die Seiten so gegen 17 Uhr fertig sein – einen halben Tag später würden es dann Frühaufsteher lesen können.
Noch extremer war es bei jenem Teil der „Handelsblatt“-Ausgabe, der zu Beginn meines Volontariats Mitte der 90er nach London geflogen wurde. Dort gab es ein paar hundert Abos, das Internet war noch kein Massenmedium und die Finanzmarktvertreter wollten wissen, was in Deutschland so gedacht wurde. Auch hier war der Redaktionsschluss gegen 17 Uhr, die Exemplare wurden aber erst im Laufe des Morgens ausgeliefert.
Diese Differenz wird für Abonnentinnen und Abonnenten der SV-Produkte noch größer werden. Ist das für irgendwas gut, außer der Bilanz des SV-Konzerns?
Nein.
Es könnte aber gut werden.
Denn in all jener Zeit, in der die Tageszeitung ihrem Aus entgegen rutschen hat sich ja noch etwas geändert: Das Leben ihrer Leser.
Noch für mich als Teenager gehörte die Lektüre der morgendlichen Zeitung zu Alltag. Heute wirkt das wie aus der Zeit gefallen. Jeder weiß, dass der Inhalt jener Blätter etliche Stunden alt ist und das Handy deshalb die bessere Nachrichtenquelle ist.
Am Abend sieht das anders aus. Denn zwischendurch passiert das Leben, nur Nachrichtenjunkies haben Zeit, sich in die Geschehnisse des Tages zu verschrauben. Außerdem ist die Lesesituation am Abend eine andere. Klar, es wäre für Nicht-Singles unhöflich, beim Abendbrot Zeitung zu lesen – aber danach? Auch Bücher oder Zeitschriften dürften innerhalb der Woche vornehmlich gegen Abend konsumiert werden.
Hier wäre Zeit für ein Produkt, das aktueller als diese beiden Medienformate informiert. Allein: Es müsste eben auch andere Inhalte haben, als eine Tageszeitung, die für den Morgen gedacht ist, aber aus buchhalterischen Gründen am Nachmittag abgeworfen wird.
Schumacher sagt:
„Die Aktualität wird einen gewissen Einschnitt haben, weil wir etwas früher drucken müssen, um gesichert am Vorabend zuzustellen. Allerdings ist die gedruckte Zeitung in der Nachrichtenkette in den vergangenen 20 Jahren ohnehin nach hinten gerutscht.“
Hat ihr das gut getan? Nein. Haben Sie bemerkt, wie Schumachers Horizont aussieht? „Auf Jahre“ könne man Zeitungen weiter produzieren. Also mindestens dann wohl noch bis 2029.
Nun haben Tageszeitungen ja noch ein Defizit. Ihre Geschäftsführer haben schon lang den Kontakt zur Käuferschaft verloren, mehr noch, man darf durch aus von einem Hassverhältnis sprechen, anders ist nicht zu erklären, mit welchen Nepperschlepperbaunerfänger-Methoden die Verlagskonzerne versuchen, ihre Käuferinnen und Käufer über die Tische zu ziehen.
Und so verkennt auch Schumacher die Chance, seine Produkte zurückzuführen in die Lebenswirklichkeit der Kundinnen und Kunden. Stattdessen sagt er:
„Die gedruckte Zeitung wird wahrscheinlich noch ein bisschen hintergründiger. Wir fokussieren noch mehr auf das Lokale, weil wir wissen, dass viele Menschen da große Bedürfnisse haben, und da können wir auch tatsächlich noch besser werden.“
Das war der Moment im Interview, wo ich bei physischer Gegenwart 5 Millisekunden vor körperlicher Gewalt gewesen wäre.
„Ein bisschen“? „Noch mehr“? „Ein bisschen besser?“
Was passieren müsste, wäre eine komplette Neuerfindung der Zeitungen. Man muss mit dem Kärcher einmal durchgehen und das komplette Produkt neu erfinden – mit der Geschäftsführung, mit der Redaktion, mit externen Beratern und natürlich *SCHOCK!* mit den Leserinnen und Lesern.
Herauskommen würde dann eine Art tägliches Magazin, dass sich im Lokalbereich wahrscheinlich gar nicht so schrecklich anders aussehen würde – denn der deutsche Lokalournalismus ist in seiner DNA langweilig, termingetrieben und uninvestigiativ. Aber es gibt praktisch keine verlagsunabhängige Initiative, die auf kommunaler Ebene seine Informationen liefern würde.
In allen anderen Bereichen muss sich die Redaktion aber verabschieden von der berüchtigten Nachrichtenlage, von der Abdeckung aller News, vom Agenturmeldungsabdrucken. Sie muss kreativ denken, bunt, wild, sie muss ein ein Medienprodukt erschaffen, das mitreißt.
Doch dafür bräuchte es an der Spitze Menschen, die für ihre Leser arbeiten wollen und nicht für ihre Excel-Tabelle.

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