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Denken Sie, dass die Idee von Elon Musk und Jeff Bezos, Data Center ins Weltall zu verlegen, eine gute ist? Schließlich ist Sonnenenergie wetterunabhängig vorhanden und für Kühlung sorgt doch das All?

Dieser Vision können nur jene folgen, bei denen statt Physik in der Unterstufe Singen und Klatschen auf der Agenda stand. Denn einerseits ist die Sonneinstrahlung so immens, dass haushaltsübliche Solarpanels keine Chance haben, andererseits kühlt da gar nichts automatisch. Dafür bräucht es nämlich Teilchen, die jene Wärmeenergie aufnähmen – von denen gibt es aber verdammt wenige in einem Vakuum. Deshalb auch ist das Kühlungssystem der ISS so aufwendig.

Es sind solche Geschichten, die erschreckend selten hinterfragt werden. Sie waren der Grund, warum Richard Gutjahr, Frank Horn und ich im vergangenen Jahr unser Buch „20 Trends für 35: Warum vieles besser wird, als Sie glauben“ so verfasst haben, wie wir es taten: Wir sind fortschrittsoptimistisch, aber wir hecheln nicht jedem Hype hinterher.

Das trifft bei vielen Menschen einen Nerv, wie sich jetzt bei Lesungen oder Vorträgen zeigt. Und auch bei den Verkäufen: Im Handel haben wir die Marke von 1.200 Exemplaren übersprungen und das heißt, wir haben mehr Exemplare verkauft, als 90% der in Deutschland in jedem Jahr erscheinenden Bücher – danke an alle, die uns unterstützt haben.

Ein Satz, den ich bei jenen Auftritten häufig höre, lautet: „Warum weiß ich davon nichts?“ Mal geht es den Aussprechenden um Robotiksbeispiele aus Deutschland, mal um die Unmöglichkeit, große Sprachmodelle maßgeblich zu verbessern, mal um selbstfahrende Autos.

Die Antwort ist einfach, wie traurig: Es gibt in Deutschland zu wenig Möglichkeiten, sich ohne diesen Hype, aber gleichzeitig mit einem optimistischen Weltbild über Technologie zu informieren. Viel zu wenige Medien, klassische wie neue, versuchen Menschen ohne Vorwissen für technischen Fortschritt zu begeistern.

Sollten Sie also bei einem Medienhaus arbeiten und nach Marktlücken suchen: Da ist eine.

Nun aber ist Jahreswechsel und die Tradition, mit der dieses Buchprojekt irgendwie auch begann, soll nicht sterben: die glaskugeligen Kaffeesatzlesereien – mein Ausblick auf das kommende Jahr.

Und wie bei jeder Ausgabe, dies ist die 16., gibt es zunächst den Rückblick auf das vergangene Jahr. Damals prophezeite ich:

Hirnarmer Wahlkampf ohne schnelle Regierungsbildung

Im ersten Teil hatte ich recht, im zweiten nicht – halber Punkt für mich.

0,5:0,5 Punkte

Das Patriarchat schlägt zurück

Leider hatte ich recht. Misogyne Äußerungen werden heute weniger geächtet, als noch vor ein paar Jahren. Erstmals ist auch der Anteil von Frauen in Dax-Vorständen wieder gesunken (nicht, dass er hoch gewesen wäre). Überall ist ein konservativer Rückschlag zu beobachten.

1,5:0,5

Krypto-Bros in High Places

Das traf vor allem auf die USA und Emerging Markets zu. Die europäischen Zuckungen waren schnell vorbei. Trotzdem würde ich mir da einen Punkt geben.

Zwischenstand 2,5:0,5

Erstes E-Auto unter 30.000 Euro

Es ging sogar noch tiefer: Der Dacia Spring kostet in der Grundversion nur 16.900 Euro.

3,5:0,5

Kleine Fluchten

Wir Menschen würden Orte suchen, an denen wir aus der gefühlt traurigen Realität flüchten können, war meine Prognose. Zum Beispiel würden wir mehr Profisport schauen – was auch passierte. Gastronomien würden mehr auf Events setzen – auch das passierte. Und auch Escape Rooms oder Stadtfeste boomen.

Punkt für mich: 4,5:0,5

TikTok-Marketing-Cringe

Marken würden sich auf TikTok mit langweiligem Zeugs blamieren, glaubte ich. Zwar gab es einige, die grauenvoll langweiliges Zeugs veröffentlicht haben – doch wurde das eher nicht zum Thema.

Kein Punkt: 4,5:1,5

Techmedien-Liebling: Humanoide Roboter

Wer garantiert in den Medien landen wollte, brauchte als Tech-Unternehmen einen Roboter mit zwei Armen, einem Kopf und am besten noch zwei Beinen. Ob die Dinger funktionieren, war sogar der „New York Times“ egal. Dem norwegischen Startup 1x räumte man ordentlich Platz ein, obwohl dessen Roboter Neo komplett ferngesteuert wird – besser wäre es gewesen, sich über das Ding lustig zu machen.

Punkt für mich: 5,5:1,5

GenAI-Stagnation

Keine spektakulären Neuerungen würde es geben, schrieb ich vor einem Jahr. Und ich würde behaupten: Damit lag ich richtig. Beispiel ChatGPT5: Statt zu faszinieren langweilte das Teil, viele empfanden die Ergebnisse als schlechter – das war genau so abzusehen. Und, Spoiler: Daran wird sich auch nichts mehr ändern.

Zwischenstand 6,5:1,5

KI-Agenten: Vide Sciurus

2025 sollte das Jahr der KI-Agenten werden. Ja, ich lache auch immer noch. Es war klar, dass dies nicht so sein würde. Und genauso war klar, dass deren Propheten versprechen, dass es 2026 aber ganz sicher so weit sein wird. Wird es nicht.

7,5:1,5

Medien: Konzentration, Preiskampf und ein sinkendes Schiff

In Sachen Konzentration lag ich richtig: Madsack kaufe die Nordwest-Gruppe, RTL gab prominente Namen wie „Brigitte“ und „Gala“ an Funke ab. Und auch der Preiskampf im Digitalbereich tobt munter weiter, selbst große Namen sind dauerhaft für 1€ im Monat (oder weniger) zu bekommen, wenn man sich die Mühe macht, zwischendurch immer mal wieder zu kündigen.

In Sachen Media Pioneer ist die Lage offen, aber das schrieb ich damals auch. Nach Informationen von Medieninsider könnte Axel Springer ab dem gerade abgelaufenen Jahreswechsel die Journalismusreederei jederzeit übernehmen. Doch ob man das angesichts der eigenen wirtschaftlichen Schlagseite noch will?

Finales Ergebnis: 8,5:1,5

Ich sag mal so: wow. So gut lag ich vielleicht noch nie.

Weshalb es jetzt Zeit ist für die Glaskugeligen Kaffeesatzlesereien 2026:

GenKI-Crash

Es gibt noch immer Menschen, die glauben, es gäbe keine GenAI-Blase. Oder die sei nicht schädlich. Oder, dass sie nicht platzen werde. Denen möchte ich entgegenhalten: „Sauft ihr Lack?“

Die Zeichen sind alle da. Keines dieser Zeichen ist erfunden oder spekulativ, es sind handfeste Fakten und die wirken skurril wie aus einem Mel Brooks-Film. Zum Beispiel, dass OpenAI bis 2035 1,5 Billionen Dollar in Infrastruktur stecken möchte, 2025 aber vermutlich 27 Milliarden Verlust gemacht hat – bei einem Umsatz von 20 Milliarden. Klar, das könnte besser werden. Aber mit welchem Geschäftsmodell? OpenAI hat ein Abo-Modell und das war’s.

Hinzu kommt: OpenAI schafft es noch nicht, operativ profitabel zu arbeiten. Jeder neue Kunde ist ein Schuss ins Herz der Bilanz, jedes neue Abo bedeutet ein höheres Minus. Selbst wenn ChatGPT maßgeblich verbesserbar wäre (wie bei allen großen Sprachmodellen gilt: eine maßgebliche Verbesserung ist nicht mehr möglich) könnte sich der Konzern sich eine solche nicht leisten, denn sie würde eine höhere Rechenleistung erfordern.

CEO Sam Altman selbst hat schon mal angedeutet, dass der Verlust 2027 auf 100 Milliarden steigen könnte. Vielleicht auch nicht: Ein Gastbeitrag in der „New York Times“ macht die Rechnung auf, dass OpenAI schon 2027 illiquide sein könnte.

2026 wird eine Krise beginnen, die so heftige makroökonomische Folgen haben wird, dass jene Zeit der New Economy wie ein Kindergeburtstag wirken wird. Denn all die Rechenleistungen und Chips hat OpenAI mangels Liquidität ja nicht mit Geld bezahlt, sondern mit Anteilen. Wenn die an Wert verlieren, müssen die beteiligten Unternehmen wie NVIDIA oder Microsoft sie abschreiben. Das lässt deren Kurs abschmieren. Und: Etwa 15% des S&P sind KI-Werte.

Hinzu kommt das Bruttoinlandsprodukt der USA. Ohne den Bau von Data Centern läge dessen Wachstum nahe Null. Was aber erst vor wenigen Wochen so richtig durchdrang: In den USA dauert es fünf bis acht Jahre, bis solch ein Data Center ans Stromnetz angeschlossen ist. Und dann liegt die Lebenszeit der dort tätigen Elemente bei sieben bis 10 Jahren. Sprich: Die Investitionen müssen in einer Dekade reingeholt werden, die Renditeerwartungen der Investoren laufen aber über einen Zeithorizont von15 bis 18 Jahren. Das erzählt niemand den Anlegern, die vom GenKI-Boom profitieren und sich von halbseidenen Anlagemodellen abzocken lassen.

Es gibt Menschen, die argumentieren, dass jene Datenzentren ohne Generative KI halt für andere Zwecke nutzbar wären. Nur: Das stimmt nicht. Für praktisch jeden anderen Einsatzbereich müssten neue Server, Rechner oder was auch immer angeschafft werden. Somit mutieren Data Center ohne Generative KI zu großen Hallen mit vielen, leeren Regalen.

2009 fuhr ich von Las Vegas nach San Francisco. Auffällig waren damals Gated Communities mit fensterlosen Häusern oder Rohbau-Status. Sie waren die Opfer der Immobilienkrise. Leere Lagerhallen werden ihre Nachfolger sein.

Allerdings wird es noch ein wenig dauern. Die US-Regierung wird die GenAI-Branche stützen, erst recht mit Blick auf die Midterm-Wahlen. Das wird den Crash aber nur herauszögern.

ChatGPT 6.0 kommt…

nicht.

Zumindest kein Produkt, das diesen Namen verdient hätte. Andererseits war das ja schon bei der Version 5.0 schon so.

LinkedIn wird das neue Twitterbook

Das führende Social Network heißt für erstaunlich viele Menschen: LinkedIn. Nicht jeder Inhalt ist dort sinnvoll, es gibt irrsinnig platte, von KI erzeugte Belanglosigkeitspostings, sowie Coaches und Berater, die ihre intellektuell flachbrüstigen Beiträge mit hochwertig produzierten Portraitfotos versehen in der Hoffnung, dass ihr Antlitz ihren Mangel an Kompetenz und Kreativität kaschiert (und natürlich ihr fehlendes Wissen über LinkedIn, denn sie glauben, dass der mythologische Algorithmus Selbstbildnisse bevorzugen würden – tut er nicht).

Doch es gibt eben auch viel Wertvolles. Und es gibt inhaltlich gute Debatten. Bei der Jobsuche, das habe ich selbst im vergangenen Jahr erlebt, ist eine aktiv gepflegte LinkedIn-Präsenz unerlässlich.

2026 wird LinkedIn deshalb zum wichtigsten Social Network neben TikTok.

New Realness

Das Jahr 2026 wird eine Statusverschiebung bewirken: Wer künftig GenAI einsetzt, gilt als faul, verlogen, als auf der falschen Seite stehend. Die Menschen haben keine Lust auf KI (wobei sie diese Abkürzung mit Generativen-KI-Diensten gleich, obwohl KI so viel mehr ist) Lust auf KI haben, zeigt Dell. 2025 hatte der Konzern auf der Consumer Electronics Show CEO noch Laptops mit KI beworben. Ganz still hat man diese Anpreisung ein Jahr später aus dem Verkehr gezogen.

Im Laufe des Jahres 2026 werden immer mehr Marken sich demonstrativ gegen Generative KI stellen. Erste Ansätze sehen wir bereits, zum Beispiel bei Lego:

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Oder bei Miller Lite:

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Die Nutzung Generativer KI wird in der Öffentlichkeit zu dem, was mal Fake-Hugo-Boss-Sweathirts oder Fuchsschwänze waren: ein Ausweis sozial niedriger Schichten.

Das wird maßgebliche Auswirkungen auf die Anbieter der großen Chatbots haben. Viele ihrer Abos stehen zur Verlängerung an. Man darf davon ausgehen, dass eher überdurchschnittlich liquide Personen diese abgeschlossen haben. Der Statusverlust Generativer KI könnte zu einem Verlust von Abos führen.

In Mode kommen wird das demonstrative Zeigen echter Echtheit. Der Modestil wird ländlicher, Handwerken, Backen und Kochen werden boomen, genauso wie Töpfern und Malen. Im Restaurantbereich werden ambitionierte Neueröffnungen sich sehr stark der deutschen Küche widmen, viele werden über offenem Feuer kochen.

Marketing-Disziplin des Jahres: Content Marketing

Seit einiger Zeit besitzt der Modehändler Gap eine neue C-Level-Postion: Pam Kaufman ist Chief Entertainment Officer. In dieser Rolle soll sie das Marketing der Marke stärker verbinden mit Inhalten aus der Film-, TV- und Musikbranche.

Auch dies ist eine Form jener neuen Realness. Timothée Chalamet hat vorgemacht, wie zeitgeistiges Filmmarketing funktioniert: Er bewegte und benahm sich über längere Zeit vor den Premieren Filme „Marty Supreme“ und „Like a complete unknown“ wie jene Figuren, die er spielte und trug daran angelehnte Kleidung.

All dies gehört zu einem intensivieren Storytelling, als wir es bisher kennen. Dabei kann die Geschichte fiktiv sein, wie eben Filmfiguren, deren Darsteller sie auch bei Interviews dar stellen, genauso aber real.

Im Dezember war ich erstmals in Bangkok und wurde weggeblasen von dem Ausmaß an Storytelling, mit dem High-End-Gastronomen dort arbeiten. Beispiel „Potong“, das laut „World’s 50 Best“ dreizehntbeste Lokal der Welt: Das Restaurant befindet sich in der ehemaligen chinesischen Apotheke der Großeltern von Köchin Pichaya “Pam” Soontornyanakij. Wer dort isst, bekommt die Geschichte des Hauses mit, die Familiengeschichte der Chefin und genauso die Historie der Gerichte, die beeinflusst werden von der Küche der chinesischen Emigranten in Thailand. Wer die Bilder im Restaurant mit der App Artivive scannt, bekommt sogar kleine Videos mit Erklärungen von „Chef Pam“.

Diese Erzählungen sind natürlich Content Marketing. Und in Zeiten, da Large Language Models mit teils holprigem Stil merkwürde Dinge erzählen, wird Content Marketing zur wichtigsten Disziplin marktorientierter Unternehmensfühung. Denn Content Marketing signalisiert: Ich gebe mir Mühe – und diese Mühe wird von Verbrauchern honoriert werden.

Veganismus auf Diät

Wo wir schon beim Essen sind. In einer komplizierten Welt suchen Menschen nach Simplizität. Vegane Ernährung ist genau das nicht. Und deshalb wird Veganismus nicht sterben, er wird aber zu wenig neue Freunde finden, um ein großes Maß an spezialisierten Produkten oder Restaurants zu tragen. Somit aber wird diese Ernährungsvariante für die bleibenden Anhänger teurer werden.

Europäische Startups im Tumult

Es wird ein wildes Jahr für europäische Startups.

Einerseits werden sie einen Investitionszustrom erleben, der aus mehreren Richtungen kommt. Da sind die Regierungen, die direkt oder indirekt Gelder in alles leiten werden, was mit digitaler Souveränität zu tun hat. Hinzu kommen bisher US-zentrierte Geldgeber, die Europa als stabilere Option sehen. Und schließlich werden, angetrieben durch den KI-Hype, konservativere Geldgeber wie Family Offices in den Markt gehen.

Andererseits werden viele junge Unternehmen in Erklärungsnot geraten, weil prominente Namen in die Krise geraten oder den Köpper machen (siehe die folgenden Trends). Darunter werden auch prominente Namen sein und deren Schwierigkeiten werden dank donnernder Medienschlagzeilen zum Problem der anderen im Marktsegment.

Aleph Alpha verschwindet

Weiterhin ist es für mich ein Rätsel, wie solch ein Mediendesaster wie Aleph Alpha möglich wurde. Es brauchte nur ein paar Minuten Recherche zu erkennen, dass jene angebliche 500 Millionen-Investitionsrunde so nie stattgefunden hat, dass Aleph Alpha gar keine Programmierer mehr hatte und noch nie ein markttaugliches Produkt besaß. Alle jene, die das Unternehmen hochgejubelt hatten, müssten sich eigentlich schamvoll im Schlamm suhlen.

2026 wird Aleph Alpha vom Markt verschwinden. Denn das Aus für Gründer Jonas Andrulis (wie tief er in der Apple-Hierarche tätig war, wurde übrigens auch nie thematisiert) und der Stellenabbau zeigt, wie wenig das Geschäftsmodell funktioniert. Das besteht eben nur noch aus KI-Beratung. Wenn aber hochrangige Teilnehmer von Sales-Pitches mit Aleph Alpha mir berichten, es sei fast brutal offensichtlich, dass die Aleph Alpha-Mitarbeiter nicht wüssten, was sie da verkaufen… Tja, dann ist da wenig Hoffnung.

Helsing im Überlebenskampf

 Schon Mitte vergangenen Jahres bekam ich von zwei Seiten Hinweise, dass die Ukraine nicht glücklich mit den Drohnen ist, die ihnen das deutsche Startup Helsing liefert. Eine der Quellen schrieb gar von „Vaporware“. Nun werden diese Probleme langsam öffentlich und Helsing wird 2026 ordentlich Krisenkommunikation betreiben müssen. Wie schlimm die Folgen sind, wird auch davon abhängen, ob der deutsche Staat bereit sein wird, Helsing zu stützen.

Verlage begehen zwei strategische Fehler

Nachrichtenbasierte Medienhäuser haben Angst. Das ist deutlich zu spüren, spricht man mit ihren Vertreterinnen und Vertretern (obwohl, seien wir ehrlich, gendern ist im kaufmännischen weiterhin kaum nötig).

Denn es besteht die reale Gefahr, dass zwei Entwicklungen sie in die Zange nehmen wie bullige Innenverteidiger den filigranen Stürmer. Da sind zum einen Sprachmodelle, die immer mehr vom Suchtraffic wegnehmen, aber nicht mehr derart auf die News-Angebote verlinken, dass es Menschen zu Klicks verleiten würde.

Zum anderen sind da Influencercreatordingeiminternetmacher. Sie erobern immer mehr Mediennutzungszeit, während sie durch Transparenz, Ehrlichkeit und Kommunikationsfreude immer erfolgreicher Abo-Einnahmen erzielen – auch das auf Kosten der klassischen Medienhäuser.

Aus dieser Angst werden sie in zwei Fehler hineinlaufen. Zum einen versuchen sie, sicherlich auch durch internen Druck, alles, um ihre Abo-Zahlen nach oben zu bekommen. Selbst Marken, die auf ihre Qualität pochen, werden noch weiter in den Preiskampf gehen. Doch selbst für diese niedrigen Preise fehlen ihnen die Argumente.

Der zweite Fehler ist ein inhaltlicher. Die Redaktionen versuchen noch stärker Exklusivgeschichten, im Fach-Kauderwelsch Scoops genannt, zu erzeugen. Solche Geschichten sind seit langem der heilige Gral jeder Redaktion. Allein: Sie sind nicht das, was Leser wirklich wollen oder was Zahlungsbereitschaft auslöst.

Ein Scoop bezeichnet aber auch einen Eiskugelportionierer und diese Exklusivgeschichten verhalten sich wie ein Eisbällchen in mittäglicher Vollsonne – sie sind nach zwei Minuten weggeschmolzen und vergessen.

Das führt dann dazu, dass Journalisten sich erhitzen ob des geringen Interesses an Storys wie den Panama-Papers. Was sie verkennen: Sie waren ein Beispiel für eine Exklusivgeschichte, die wenig überraschend ist (Prominente und Reiche hinterziehen Steuern – hätte man nicht erwartet) ist und nichts mit dem Leben der allermeisten Leser zu tun hat.

Was Menschen dagegen suchen, sind Erklärung und Einordnung. Bei meinen Vorträgen und Lesungen rund um unser Buch „20 Trends für 35“ höre ich das immer: Zuhörende frage mich danach, wo sie sich unvoreingenommen und erklärend über Themen wie KI und Gesellschaft informieren könnten, sie hätten das Gefühl, die Berichterstattung klassischer Medien im technischen Bereich nicht zu verstehen und das, was sie verstehen, fänden sie grundsätzliche negativ.

All dies öffnet die Türen für unabhängige Medien Angebote. Wie mächtig die inzwischen geworden sind, zeigen die Erfolge von Table Media oder Kennzeichen E.

Womit wir ankommen bei…

Podcasts im Fernsehen

Vielleicht sind Podcasts heute schon das Wichtigste, weil einflussreichste Informationsmedium in Deutschland. Fast jeder, dem ich aus jenen Bevölkerungsschichten, die man Eliten nennt, begegne, hört Podcasts. Ein Vertreter der Sachbuchbranche führt in meinem Gespräch mit ihm sinkende Verkaufszahlen in diesem Bereich auch auf Podcasts zurück – denn sie nähmen Mediennutzungszeit in der Sachbuchkäuferschaft weg.

Wir werden in diesem Jahr den ersten Podcast sehen, der regelmäßig Bestandteil des linearen TV wird. Der rasante Kostenverfall bei Bewegtbildproduktion und die Bemühungen von Youtubes um Podcaster bringt immer mehr von ihnen auf die Videoplattform. Ambitionierte Akteure wie das Studio Bummens sorgen mit überschaubarem Aufwand dafür, dass Formate die das Popkultur-Feuilleton von Sophie Passmann sowohl als Audio – wie als Videoformat funktionieren.

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Parallel dazu wurden TV-Zuschauer an einen sinkende Produktionsqualität gewöhnt. Schummerige Bilder von zugeschalteten Experten mit ästhetisch fragwürdigen Schrankwänden im Hintergrund sind heute Alltag. Auch die inhaltliche Qualität bröckelt seit Jahren. Früher gab es aufwendige Recherchebeiträge, heute wird in Talkshow-Runden rumgemeint. Lineares TV wurde so zu dem Nebenbei-Medium, das einst nur das Radio war.

Das können Podcast günstiger: Warum zig Kameras, einen Regieraum, ein großes Sendestudio, vielleicht gar noch mit Zuschauern, wenn ein paar feste Kameras und eine kleine Bild- wie Ton-Regie auch reichen?

Das sind die glaskugeligen Kaffeesatzlesereien für 2026 – und ich freue mich auf Resonanz in den Kommentaren.


Kommentare


Silke 9. Februar 2026 um 11:10

Ja, ja die Blase blubbert. Die P/E Ratio war zuletzt in der Dotcomblase so hoch. Damit sind Aktien derzeit sehr teuer. Ich überlege, ob ich meine ETF-Sparpläne pausiere und erst nach dem Platzen weiterlaufen lasse.

Die klassischen Printmedien haben fast noch nie die Nachrichten gebracht, die mich interessieren. In Podcasts finde ich tatsächlich Nachrichten in der vollumfänglichen Aufbereitung, die ich mag. Aber auch nur, weil es dort eine größere Varianz gibt. Viele Laberrhabarber Podcasts sind auch nicht besser als Printmedien. Trotzdem hoffe ich, dass es eine Verschiebung Richtung mehr Inhalt gibt. Allerdings habe ich Fernsehen nicht mehr auf dem Schirm. Das habe ich längst abgeschrieben. Ich bin gespannt…
LG Silke

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Rouven 9. Februar 2026 um 13:06

Vegan zu essen kann sehr einfach sein: eine einfache Regel und viele günstige Basis-Lebensmittel wie Gemüse, Reis und Bohnen. Ob Veganismus wächst, hängt vor allem von Preis, Geschmack und Angebot ab. Selbst ohne Hype bleiben vegane Optionen oft im Supermarkt und in Restaurants aber müssen nicht teurer werden. Offenbar ändert sich an einigen Stellen nur der "Name"!

https://www.linkedin.com/posts/rouven-kasten_nachhaltigkeit-ernaeuhrungswende-teamglsbank-activity-7425082016066523137-eRya

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