Respekt für Facebook

by Thomas Knüwer on 4. Februar 2014

Gestern Abend war ich ein paar Minuten sprachlos, denn bisher habe ich
keine schönere iPhone-App auf dem Bildschirm gehabt. Ich wischte hin
und her, nach oben und nach unten. Was für eine Eleganz, was für ein
flüssige User Experience , welche intuitive Steuerung!

Wie viele andere auch habe ich mich in Paper verliebt, die neue Mobile
App von Facebook (Details lesen Sie bei Richard Gutjahr). Ob sie ein
Teil meines täglichen Nachrichtenkonsums wird, muss sich noch weisen -
doch das Design setzt einen Maßstab für alle, die sich in diesem Feld
tummeln.

Introducing Paper from Facebook on Vimeo.

Damit hat Facebook sich selbst ein Geburtstagsgeschenk gemacht. In
Deutschland ist Paper noch nicht zu haben. Und auch ansonsten gibt es
wenig Geschenke, denn der 10. Jahrestag des Online-Gehens ist für
Deutschlands Medien wieder mal ein Anlass, Kübel des Hasses über
Faceboook auszukippen.

Ja, Hass. Anders kann man nicht nennen, was da passiert.

facebook dublin(Motivationsplakate im Dubliner Büro von Facebook. Foto: Facebook)

Facebook hat geholfen, weltweite Demonstrationen gegen die
Farc-Rebellen auf die Straße zu bringen, es war ein wichtiges
Organisationsinstrument des arabischen Frühlings, es hilft Menschen in
Schneestürmen, einander zu helfen – weil Social Media nun einmal ein großartiges Organisationsinstrument ist.

Von all dem lesen Sie heute nichts. Stattdessen vergessen selbt
angeblich seriöse Medien jedwede Professionalität, Niveau mutiert zur
Hautkrem für deutsche Redaktionsstubenbesetzer.

Nehmen wir nur das “Manager Magazin”:

manager magazin facebook

Interessante Frage, oder? Fällt Ihnen was ein? Wenn ja – Glückwunsch!
Denn das “MM” klärt die Überschrift im Artikel überhaupt nicht auf.
Stattdessen schreibt es munter von der “Business Week” Titelgeschichte
ab und in jeder Zeile trieft es vor Abneigung gegen Mark Zuckerberg.
Beispiel:

“Grund genug für den Facebook-Chef, sich über die eigenen Ziele
klarzuwerden. Man sei nun an dem Punkt angekommen, “wo wir einen
Schritt zurück machen können und darüber nachdenken, welche nächsten
großen Dinge wir angehen wollen”, sagt er. Für Facebook dürfte das
eine neue Herangehensweise ans Geschäft sein.”

Diese Beurteilung des Management dürfte wiederum eine neue
Herangehensweise an das Thema für jeden sein, der sich ein wenig mit
Facebook beschäftigt hat und zum Beispiel das Standardwerk “Der
Facebook Effekt” von David Kirkpatrick gelesen hat – doch dazu später.

Die “Süddeutsche Zeitung” dagegen erklärt Facebook bereits für tot.
“Was kommt nach Facebook?”, fragen die Münchener mit einem Bericht aus
San Francisco. Angeführt werden dann Dienste, die ganz andere
Funktionen erfüllen als Facebook – aber scheiß der Hund drauf, ist
doch alles Internet. Falschinformationen sind auch gern dabei, zum
Beispiel: “Wer dort (bei Facebook) heute ein Status-Update
veröffentlicht, wendet sich gleichzeitig an seine Sandkastenliebe,
seine Großmutter, seine Affäre, seinen Chef und im Zweifel auch noch
an seinen inhabergeführten Bio-Supermarkt um die Ecke, für den aus
Versehen ein Personenprofil statt einer Firmenseite angelegt
wurde.”

Den Tiefpunkt aber liefert Walter Wille ab, Redaktion “Technik &
Motor” der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”. “Der Autor dieser
Zeilen hat sich nie bei Facebook angemeldet”
, beginnt er seinen
Text und vermeidet das Journalisten-Pfuibäh-Wort “ich”. Und er sei
froh darüber. Denn:

“Man hört, Facebook wurstele ungebeten in Kontakt- und Anruflisten
der Smartphones seiner Nutzer herum, mache sich über Kalendertermine
her, deaktiviere selbständig den Ruhezustand des Geräts, lese SMS und
dergleichen.”

Man hört? MAN hört? MAN HÖRT?

Entschuldigen Sie das nun Folgende, aber: ES IST DIE VERFICKTE PFLICHT
EINES JOURNALISTEN, NICHT ZU HÖREN, SONDERN ZU RECHERCHIEREN!

Wenn noch einmal irgend ein Schreiber der “FAZ” behauptet, Blogs
würden nicht recherchieren, dann möge er mal einen Kollegen Walter
Wille fragen, ob er sich noch als Journalist betrachtet.

Nein, es wird Zeit, dass Facebook endlich Respekt bekommt. [click to continue…]

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Das Digitale Quartett #56: Super Bowl

by Thomas Knüwer on 3. Februar 2014

Damals, als ich noch hauptberuflicher Journalist war, hatte ich das große Glück, zwei Mal über den Super Bowl berichten zu dürfen (Artikel hier).

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Das war schon eine Art Lebenstraum, denn seit ungefähr meinem 17. Lebensjahr bin ich Football-Fan. Die Regeln brachte mir damals Tele5 bei, Samstags Nachmittags gab es dort immer ein Magazin mit den Spielen vom Vor-Wochenende.

Gleichzeitig ist der Super Bowl viel Wirbel um deutlich weniger. Die Stimmung im Stadion ist bei den meisten Fußball-Bundesliga-Spielen besser. Und doch werde auch ich in der Woche vor dem größten Eintages-Sportereignis der Welt ein wenig fickerig. Es ist ein amerikanisch-übersteigerter Wahnsinn, angefangen von den Medienberichten bis zur Werbung: Der Super Bowl ist ja nicht nur der teuerste TV-Werbeplatz der Welt, sondern vielleicht auch der einzige Moment, an dem sich Fernsehzuschauer auf Werbung freuen.

Im Digitalen Quartett haben wir das Spiel aus der digitalen Brille betrachten, von Social Media über Medien bis zu den Werbespots. Dazu konnten wir als Gäste gewinnen:

Im Seahawks-Trikot moderiert hat Ulrike Langer die sich nicht nur in ihre neue Wohnheimat Seattle verliebt hat – sondern auch in den Football.


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Das Dschungelcamp – ein kleiner Sieg für Twitter

by Thomas Knüwer on 2. Februar 2014

Der gestrige Abend könnte ein besonderer gewesen sein für das Thema Social Media in Deutschland – dank “Ich bin ein Star, holt mich hier raus”.

Die erfolgreichste Staffel der RTL-Show ever, ever, ever bisher endete mit einem Sieg von Bachelor-Kandidaten Melanie Müller vor dem ehemaligen Next Top Model Österreichs, Larissa Marolt, und Moderator Jochen Bendel.

melanie müller

Und wer hat das am Tag vorher schon gewusst? Twitter.

Am Nachmittag vorher verschickte der Social Media Monitoring-Dienst Fanpage Karma die Ergebnisse seiner Twitter-Analyse über die gesamte Dschungelcamp-Staffel hinweg. Und die Sentiment-Analyse (also die Auswertung der Stimmung in den Tweets über einzelne Kandidaten) in Sachen Finale entsprach exakt dem späteren Ausgang:

ibes stimmung finale

 

Dies entkräftet ein Argument, dass gern in Deutschland gegen Twitter vorgebracht wird: Dass der 140-Zeichen-Dienst keine Bedeutung habe, weil er nur von einer digitalen Avantgarde – gerne als “Nerds”, “Netzgemeinde” oder “Selbstdarsteller” beleidigt – genutzt werden, weshalb es nicht interessant sei, was dort geschrieben werde.

“Ich bin ein Star” demonstriert, dass dem nicht so ist. [click to continue…]

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Soll noch mal einer sagen, es existiere unter einem substanziellen Teil der deutschen Journalisten nicht ein Grundhass gegen das Internet. So absehbar wie das Sabbern eines Bassets beim Anblick eines Steaks, so logisch war die Reaktion auf jene Online-Petition, die sich für eine Ablösung von Markus Lanz im Reiche des ZDF einsetzte.

En detail wäre ich darauf vielleicht hier noch einmal eingegangen – wenn nicht der geschätzte Stefan Niggemeier das viel besser aufgeschrieben hätte, als ich es könnte. 

Dabei gibt es leider einen Schaden, der mehr als kollateral ist: Onlinepetitionen insgesamt werden abgewertet. “Gut so”, mag mancher rufen, der dieses Instrument ohnehin nur als Scheinwaffe einer auf dem Sofa abhängenden Digitalkclique ansieht. Andererseits haben die Onlinepetitionen im Rahmen des Bundestages einige Themen erst in die breite Öffentlichkeit getragen.

Darauf reagieren die angestammten Institutionen mit Verachtung. Die Zeichner der Petition gegen Internet-Sperren mussten sich einst gefallen lassen, von Volksvertretern wie Karl-Theodor zu Guttenberg und Ursula von der Leyen in die Nähe von Kinderpornofreunden gerückt zu werden.

Im Digitalen Quartett sprachen wir über Petitionen, Lanz und das öffentlich-rechtliche System:


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Zitatabstimmung – und ein Mittel dagegen

by Thomas Knüwer on 23. Januar 2014

Alle halbe Jahre geistert das Thema durch Medien, Medienblogs und Mediendienste: Zitatabstimmungen. Dabei handelt es sich, für die Nicht-Medienmenschen unter den Lesern, um das Ansinnen von Interviewten, vor einer Veröffentlichung ihre Zitate abzunicken oder verändern zu können.

Es gab eine Zeit, in der ich dazu eine klare Meinung hatte: Das geht gar nicht. 2006 schrieb ich Wütendes zu diesem Thema nach einem Erlebnis der “Zeit” mit Oliver Kahn. Inzwischen sehe ich das anders. Nicht nur, weil sie die Erlebnisse von Interviewten häufen, in denen Journalisten Merkwürdigkeiten aufschreiben, wie im Fall der “FAZ” und Spreeblicker Johnny Haeusler. Sondern auch, weil ich selbst in den vergangenen Jahren falsch zitiert wurde oder – beim Wunsch nach einer Abstimmung – Schlimmeres verhindern musste.

Es ist mir weiterhin rätselhaft, warum Journalisten im Zeitalter vielfältiger Aufzeichnungsmöglichkeiten, nicht auf diese zurückgreifen. Selbst ein simples Smartphone reicht ja schon um Aufzeichnungen in Radioqualität zu produzieren. Am Telefon kann man auch den Lautsprecher nutzen.

Natürlich gibt es Interviews, bei denen die Tatsache der Aufzeichnung das Gespräch verändert. Dann aber geht es um ganz sensible Themen und häufig um Menschen, die es nicht gewöhnt sind, mit Medien in Kontakt zu sein. Doch ist Mitschreiben hier tatsächlich die bessere Alternative? Meine Erfahrung als Interviewer ist zumindest, dass ein Aufnahmegerät im Laufe eines solchen Gesprächs aus dem Gedächtnis verschwindet, ein Notizbuch aber – logischerweise – immer präsent ist. Noch dazu fühle ich mich immer wie ein Psychiater mit seinem Patienten, aber das mag subjektiv sein.

Doch diese sensiblen Gespräche sind der weitaus kleinere Teil von Interviews, die Journalisten im Alltag führen. Den allerallergrößten Teil machen das Abrufen von Expertenmeinungen und relativ offensichtliche Fragen aus. Und da ist der Ärger von Interviewten verständlich, wenn sie massiv falsch zitiert werden – und ebenso der Ärger von Journalisten, wenn wegen jedes Pissekrams eine Abstimmung verlangt wird.

kt neumann hochEine Ideallösung kann es nicht geben. Doch freut es mich, dass wir beim IntMag ein Interview mit einem deutschen Vorstandsvorsitzenden geführt haben – ohne Abstimmung. Wie das ging? Wir haben diese Gespräch als Hangout on Air geführt, so dass es in voller Länge für jedermann nachzuschauen ist. Mehr zu diesem Experiment mit Opel-Chef Karl-Thomas Neumann (ja auch der einzige twitternde, deutsche CEO) beim IntMag. 

Natürlich ist auch dies keine Musterlösung. Aber mir ist es ein Rätsel, warum die Redaktionen im Land – Online wir klassisch – dieses kostenlose und leicht zu bedienende Instrument bisher nicht nutzen. Oder warum sie nicht auf anderen Wege Interviews multimedial aufbereiten. In dieser Woche fiel beispielsweise auf, dass selbst Richard Gutjahr als One-Man-Show professionellere Videoinhalte produziert als jeder Verlag. Hier sein Interview mit Yahoo-Jungstar Nick D’Aloisio:

Es gibt also Möglichkeiten, das leidige Abstimmungsthema zu entschärfen. Und mir ist es ein Rätsel, warum so wenige Journalisten, die Optionen nutzen.

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Warum wir Blogs brauchen am Beispiel Fairphone

by Thomas Knüwer on 21. Januar 2014

Das Fairphone ist die nicht die größte aller Geschichten. Doch fast alle großen Nachrichtenseiten berichten darüber: Zeit, Welt, Süddeutsche, Bild – nur Spiegel Online erstaunlicherweise nicht. Der gedruckte “Spiegel” veröffentlichte jedoch schon im November Vorab-Lob:

“Die Pointe der Fairphone-Story lässt Firmen wie Apple oder Samsung ziemlich schlecht aussehen: Die sozial und ökologisch orientierte Produktion kostet nicht viel mehr als die übliche Herstellung. Gerade mal 22 Euro pro Fairphone fallen dafür an; insgesamt kostet das Gerät 325 Euro. Zum Vergleich: Apple verdient an einem iPhone 5 schätzungsweise über 200 Euro – ließe sich davon nicht etwas abzweigen für bessere Produktionsbedingungen.”

Jenes faire Handy ist eine charmante Idee: ein Mobiltelefon mit ethisch korrekt gewonnenen Rohstoffen, produziert zwar in China, aber unter besseren Bedingungen als bei den Großkonzernen. Seit Anfang Januar läuft nun die Auslieferung der ersten 25.000 Geräte.

fairphone

Was darüber nun berichtet wird zeigt, warum wir Blogs brauchen: Weil Journalisten keine Zeit (oder keine Lust?) mehr zum Recherchieren haben.

Denn alle Artikel bis auf zwei, die ich fand, beschränken sich auf eine Technikbesprechung. Sie alle kommen in mehr oder weniger langen Elogen zu der Meinung: Dass Fairphone ist ein ordentliches Mittelklassehandy – nur eben produziert unter besseren Bedingungen. Hier einige Beispiele:

Computerbild/Bild/Welt:
“Das Fairphone ist ein solide gebautes, reparaturfreundliches Mittelklasse-Smartphone mit angenehmer Bedienerführung und einem vergleichsweise hohen Preis. Aber das Android-Handy ist noch mehr – nämlich der erste erfolgreiche Versuch, bei der Smartphone-Produktion neue Wege abseits von Wegwerf-Produktion und Kostendrückerei zu gehen.”

Zeit.de:
“Aufgrund des Preises dürfte sich das erste Fairphone eher an Nutzer richten, die bewusst ein fair hergestelltes, nachhaltiges Smartphone kaufen wollen. Wird die offenbar schwierige Suche nach einem fair produzierenden Hersteller in China sowie die eingeschränkte Auswahl an Quellen für Metalle und andere Produktionsstoffe bedacht, ist der finale Preis absolut akzeptabel.”

Sueddeutsche.de:
“Im Lieferumfang enthalten ist auch ein bisschen digitale Diät: Die Funktion “Enjoy some peace” sorgt dafür, dass der Nutzer bis zu drei Stunden seine Ruhe hat. Gut, er könnte das Gerät einfach ausschalten. Aber tut er das, lässt es sich nicht mehr herzeigen und damit dem Kollegen- und Freundeskreis demonstrieren, dass man auch als Tech-Konsument die Welt ein bisschen besser machen kann. Und das wäre doch sehr schade.”

Dass Techniktests in den Vordergrund rücken, ist nachvollziehbar, kennt man den Alltag in deutschen Redaktionen: Das Thema fällt in den Bereich der Technikredaktion. Eine tiefere Überprüfung des eigentlichen Verkaufsargumentes das Fairphone – dem Herstellungsprozess – würde viel Recherche und Zeitaufwand erfordern.

Diese Zeit ist nicht da. Geschichten müssen raus und das Fairphone ist nicht die bedeutendste Story des Jahres. Also schreiben die meisten außerhalb des leicht selbst zu testenden Technikbereichs das ab, was ihnen Fairphone vorgibt. Dazu gehören auch die Hinweise, dass nicht alle verarbeiteten Mineralien ein Fair-Zertifikat haben.

Durch dieses Eingeständnis zieht Fairphone die Restaufmerksamkeit ab vom größten Problem des Amsterdamer Startups: [click to continue…]

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Ausgerechnet gestern Abend konnte ich leider nicht beim Digitalen Quartett mitdiskutieren können. Mist.

re:publica 13Denn wir haben einen besonderen Gast gewinnen können: Gunter Dueck.

Der ehemalige CTO von IBM Deutschland ist heute Autor, Redner und einer der spannendsten Vordenker der digitalen Gesellschaft in Deutschland. Sein Newsletter Daily Dueck seit ausdrücklich zum Abo empfohlen.

(Foto: Omnisophie)

Und es war – eine fantastische Stunde. Hier ist sie zum Nachgucken:


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Ralf Heimann – “Die tote Kuh kommt morgen rein”

by Thomas Knüwer on 13. Januar 2014

In den Anfangsjahren der Indiskretion schilderte ich wahre PR-Aktionen mit der fiktiven “Kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt”. Irgendwann jedoch ging mir die Inspiration aus, beziehungsweise die Erklärungen für den Wahnsinn aus der PR-Branche: Drogen, psychische Störungen – war ja alles schon dabei gewesen.

Immer wieder meinten Leser, ich solle eine neue Serie beginnen: “Die kleine Redaktion am Rande der Stadt”. Schöne Idee – doch davon werde ich die Finger lassen. Denn jemand ist mir zuvorgekommen  und er hat des weitaus besser gemacht, als ich es je könnte. Sein Name: Ralf Heimann.

Ralf Heimann?

die tote kuhVielleicht erinnert sich noch jemand an die Blumenkübel-Debatte. Im August 2010 berichtete die “Münstersche Zeitung”: “Großer Blumenkübel zerstört“. Via Twitter machte die ernst geschriebene Meldung über einen zerdepperten Tontopf die Runde durch Netz-Deutschland - und mutierte zum kleinen Mem. Einer der Auslöser dafür, dass sich diese Meldung herumsprach war ein Tweet von Ralf Heimann, Lokalreporter bei der “MZ”. Und dieser Ralf Heimann ist Autor des Romans “Die tote Kuh kommt morgen rein – Ein Reporter muss auf’s Land”.

Innerhalb weniger Tage habe ich ihn jüngst weggelesen und schon lange hat mich kein Buch mehr so oft haltlos zum Kichern gebracht wie “Die tote Kuh”.

Mit trockenem Humor – wir sprechen hier über das Münsterland – schildert er die einjährige Zwangsverschickung des Wirtschaftsredakteurs Ralf Heimann in eine fiktive Landredaktion nördlich von Münster. Dort ist eine Redakteurin schwanger geworden, Heimann ist der einzige in der Zentrale, der verfügbar UND Besitzer eines Autos ist – also landet er in Borkendorf.

Das dortige Team besteht aus immerhin neun Leuten, ist also keine Winz-Redaktion. Doch sonderlich viel journalistischen Antrieb darf man nicht erwarten. Vieles, ja, das Meiste läuft so, wie es immer gelaufen ist. Der “Borkendorfer Bote” ist ein willenloses Boot im Strom der Gezeiten, die sich zusammensetzen aus Weihnachten, Karneval und Schützenfest. Das Jahr verläuft in Kurzgeschichten, eben wie eine “Kleine Redaktion im Herzen der Stadt”. Bemerkenswert – und der Realität entsprechend – spielen allerdings Kühe, Landwirte und Felder kaum eine Rolle. Viel präsenter sind die lokalen Vereine und Politiker.

Auch Ralf Heimann (also die Hauptfigur, nicht der Autor) ist keiner, der große Motivation hat, dies zu ändern. Er ist ein Jahr im Ort und spielt das Spiel mit. Spontan und eher zufällig entwickelt er irgendwie so etwas wie eine Veränderung der Konferenz, die tatsächlich eine Zeit lang durchgehalten wird. Dann wirft die Putzfrau den neuen Ablaufplan weg und die Redaktion fällt zurück in ihren alten Trott. 

Ich weiß nicht, wie unterhaltsam “Die tote Kuh” für Nichtjournalisten ist, glaube aber, dass sie das Zeug für einen schönen Unterhaltungsroman hat, in dem Liebe ausnahmsweise und glücklicherweise keine Rolle spielt.

Für Menschen aus den Medien jedoch ist dieser Roman ein Schlachtfest. So viel ist bekannt, so viel ähnlich erlebt, wenn man mal im Zeitungsjournalismus tätig war. Nehmen wir nur die Schilderung der Blattkritik: [click to continue…]

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Die Frage der Quelle

by Thomas Knüwer on 7. Januar 2014

Am vergangenen Wochenende lieferte ich mir eine lange Twitter-Debatte mit Froben Homburger, dem Nachrichtenchef der DPA als Folge meines Artikels über das Pofalla-Postillon-Affärchens.

Noch immer ist mir nicht ganz klar, was Homburger in diesem speziellen Fall so auf die Palme brachte. Die DPA wurde nicht erwähnt, Reuters für seine Arbeit gelobt. Anscheinend verärgerte ihn meine Beobachtung, dass ich einen massiven Schwerpunkt an Reuters- und “Saarbrücker”-Nennungen ausmachte, er aber DPA betont haben wollte – was hiermit getan sei. 

Doch drehte sich um die Debatte vor allem um die Frage, welche Quellen Journalisten nennen sollten, können, müssen. Und hier lagen unsere Meinungen weit voneinander entfernt. Eigentlich hätte ich dies auf sich beruhen lassen, wenn nicht Michael Klein, Nachrichtenchef der Zeitungsgruppe Lahn-Dill/Wetzlarer Neue Zeitung, nicht nur mitgetweetet hätte – sondern auch einen Beitrag für Newsroom.de verfasst hätte.

Denn es scheint, viele Journalisten entwickeln unerfreuliche Reflexe: Wann immer auch nur der Hauch von Kritik an journalistischer Arbeit – sei sie auch noch so hinterfragenswert – auftaucht, handelt es sich aus ihrer Sicht um eine hinterhältige Attacke einer hirnlosen und nicht weiter zu definierenden Netzgemeinde (warum es aus meiner Sicht keine Netzgemeinde gibt, hatte ich hier mal aufgeschrieben). Quellen, Belege oder genaue Verweise müssen dabei nicht genannt werden, alles ein Haufen, alle in den Sack und den Knüppel raus.

Reden wir also mal über Quellen.

Meine Kritik an der Arbeit der “Saarbrücker Zeitung” war die mangelnde Quelleneinordnung. “Gut informierte Kreise” haben das Blatt informiert. Das sagt – exakt überhaupt nichts. Oder haben Sie schon mal eine Nachricht basierend auf “schlecht informierten Kreisen” gelesen? Selbstverständlich nicht. Informationen von Uninformierten werden nicht veröffentlicht, das ist das Logischste der Welt. Folgerichtig kommen alle Informationen in allen Nachrichten von gut Informierten, weshalb wir diese Formulierung auch einfach streichen können, sie stiehlt Platz, Zeit, Aufmerksamkeit.

Vor allem aber: Die Formulierung “gut informierte Kreise” ist journalistische Faulheit – oder wahlweise Feigheit. [click to continue…]

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Das Digitale Quartett #53: Preisgekrönte Blogger

by Thomas Knüwer on 6. Januar 2014

Es ist nicht immer leicht, jeden Montag das Digitale #Quartett auf die Beine zu stellen. Doch zu unseren Neujahrsvorsätzen gehört es, unsere Web-Talkshow zumindest möglicht regelmäßig an den Start zu bringen .

Gestern Abend machte Youtube es uns nicht leichter, diesen Vorsatz durchzuhalten – noch nie hatten wir so kryptische, technische Probleme. Vor allem Frau Bluhm als Admin des Hangouts wurde ständig rausgeworfen (weshalb eine Beendigung der Show nicht möglich war).

Doch darunter litt nicht die Diskussion, die sehr spannend war. Wir hatten einige Sieger der Goldenen Blogger eingeladen:

Das Themenspektrum reichte vom Hobby Bloggen über Einblicke den den schreiberischen Alltag bis zu den Tech-Trends 2014. Schauen Sie bitte rein, Sie werden viel erfahren über Türken in Deutschland, Angehörige von Dememzkranken und über selbstfahrende Traktoren und Drohnen für die Landwirtschaft.


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