„Menschen für Xaiver Naidoo“ war am Samstag eine Zeitungsanzeige überschrieben, die in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zu finden war. Der Konzertveranstalter Marek Lieberberg hatte dafür sein Netzwerk aktiviert um ein Zeichen für Naidoo zu setzen, dessen Image durch die ESC-Absage eine weitere schwere Delle erlitten hat.

Die Liste der Unterzeichner ist prominent besetzt. Sofort fragt man sich, was Menschen wie Mario Adorf antreibt, einem so offensichtlich umstrittenen Künstler derart zu unterstützen. Oder Heinz Rudolf Kunze, dessen Fan ich bin? Der in seinen Texten immer wieder dazu aufrief, sich gegen das kleinste Aufmucken rechter Gesinnung zu wenden? Er findet rechte Anklänge wie die von Naidoo total OK? Das gleiche betrifft Leute wie Michael Mittermeier und Rea Garvey, die via Facebook für ihren “Bruder” Xavier einstanden.

Michael Mittermaier Facebook Naidoo

Ich fürchte, Kunze, Adorf oder Herbert Grönemeyer wissen gar nicht, wie merkwürdig Naidoo oft unterwegs ist. Und noch viel weniger haben sie gelesen, was da geschrieben wurde und dass es sich keineswegs um einen wütenden Mob handelt.

Denn halten wir nur noch mal kurz zur Sicherheit fest: Naidoo hat die Existenz der Bundesrepublik negiert; er hat behauptet, 9/11 sei vom CIA geplant worden; er hat einen Text geschrieben, in dem er behauptet, es gebe in Europa Ritualmorde an Kindern (eine Legende, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zur Förderung von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus eingesetzt wurde) –  und diese würden nicht verübt, wenn die Mörder heterosexuell seien; in einer anderen Zeile spielt er mit dem alten Bild des jüdischen Bankers, der nach Weltherrschaft strebt. All dies ist sauber nachvollziehbar – sehr gut aufgeschrieben bei den Ruhrbaronen – und ist von Naidoo auch nicht wirklich bestritten worden. Vielmehr drückt er sich um eine klare Abkehr von diesen merkwürdigen Theorien herum und behauptet einfach, er stehe doch für Nächstenliebe.

Nein, ich fürchte wir sehen mit dieser Anzeige neuen Höhepunkt der Abkoppelung der VIP-Kaste vom realen Leben – und sie könnte zum gesamtgesellschaftlichen Problem werden inklusive der Stärkung der “Lügenpresse”-Tendenzen. [click to continue…]

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An dem nun folgenden grübele ich schon seit dem Ende des vergangenen Jahres. Denn: Es ist eine wilde Spekulation – aber eine, die mir logisch erscheint, weshalb ich bitte, sie ausgiebig zu diskutieren.

Ich glaube, die Tageszeitungen in Deutschland – vor allem die lokalen und regionalen – stehen vor einem Tipping Point, also einem Moment, der ihre Entwicklung massiv verändert, in diesem Fall ihr Sterben erheblich beschleunigt.

Dieser Tipping Point ist:

Die “Bild” wird zur Gratis-Zeitung für ganz Deutschland – und das irgendwann zwischen 2020 und 2025.

Warum sollte das passieren? Betrachten wir dazu die Auflage der Bild, dankenswerterweise immer auf dem Laufenden gehalten vom Bildblog:

auflage bild ivw bildblog

Extrapolieren wir die Entwicklung der vergangenen Jahre, erreicht die Auflage von Deutschlands größter Tageszeitung 2027 eine Höhe von 0, in Worten: Null, nada, niente. Tatsächlich wird dies noch früher passieren, denn der Fall beschleunigt sich ja: Brauchte es von rund 4 Millionen auf 3 noch ungefähr 7 Jahre, waren es von 3 auf zwei nur noch 5. Schon 2019 könnten wir bei 1 Million liegen.

Somit dürfte es der scheidende Chefredakteur Kai Diemann auf einen Guinness-Buch-würdigen Rekord schaffen: Kein Chefredakteur der deutschen Mediengeschichte hat mehr Auflage verloren: 2,4 Millionen Exemplare – das ist nicht mehr aufzuholen. Von niemandem. Und vielleicht ist dies ja auch ein Wechselgrund auf den Herausgeberposten: die Gewissheit, dass man der letzte Chefredakteur einer gedruckten “Bild” werden könnte.

Es gibt kein rationales Argument für einen Stop dieses Auflagenverfalls. Ab. So. Lut. Keines. Natürlich ist dies bei Axel Springer zumindest einigen Personen klar (allen voran Diekmann). Deshalb vielleicht hat sich die Konzernsprache in den vergangenen Jahren verschoben. 2006 verkündete Springer-Chef Mathias Döpfner in einem Text noch: “Die Zeitung lebt”, propagierte die Riepl’sche Fata Morgana, nach der noch kein Medium ein anderes ersetzt habe, und freute sich auf das Digitale Papier. Wenn wir nun zurückblicken auf die vergangenen, sagen wir, drei Jahre, dann ist um jeden dieser Punkte stiller geworden: Dass die Zeitung lebt, wird seltener behauptet, Herr Riepl ist aus den Branchendebatten entschwunden und das Digitale Papier aus dem Hause Samsung versetzte Döpfner zwar 2014 beim Zeitungsverlegerverbandsjubiläum noch in “Euphorie”, seitdem jedoch: Schweigen.

Stück für Stück ist die Kommunikation bei Springer und anderen Verlagen umgeschwenkt. Man versucht den Begriff “Zeitung” umzudeuten. Nun soll auch eine News-Seite im Netz “Zeitung” sein. Und gern wird dann ausgerufen, dass die einzelnen Medienmarken eine so hohe Reichweite hätten, wie nie zuvor. Das ist ungefähr so, als würde BMW seine Motorräder in die Autoverkaufszahlen rechnen: Irgendwie was verwandtes, nur braucht man eben einen anderen Führerschein und eine andere Austrüstung.

Nun ist Axel Springer aber auch ein Unternehmen, dessen Kultur von einem überdurchschnittlichen Maß an Selbstbewusstsein geprägt ist (weshalb die Kritikfähigkeit der Führungsetage unterdurchschnittlich ausgeprägt ist). Es wäre eine persönliche Niederlage jedes Entscheidenden, würde die gedruckte “Bild” einfach so zu Grabe getragen, ganz ohne Kampfesgetöse.

Wahrscheinlicher ist, dass man einen letzten “bold move” versucht, ein dickes Ding, eines, das fliegt oder um die Ohren fliegt. [click to continue…]

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Mr. Robot: Fernsehen ohne Unterforderung

by Thomas Knüwer on 17. November 2015

Wo sie auftauchten, waren sie nicht zu übersehen. Junge Männer in schwarzen Hoodies, die Kapuzen tief in der Stirn, schwarze Hosen, Springerstiefeln.

Mr Robot SXSW

Was in Deutschland als Aufmarsch Rechtsradikaler oder Fußball-Ultras wahrgenommen würde, ist im Rahmen der SXSW in Austin (der größten Digitalkonferenz der Welt) klar als Marketingaktion identifizierbar, die dem Kunden mutmaßlich mit der Vor-Vokabel Guerilla verkauft worden ist.

mr robotDoch wer war dieser Kunde? Das blieb im März noch angenehm rätselhaft. Zu oft kämpfen solche Aktionen ja mit der Ängstlichkeit ihrer Erdenker. Einerseits soll es cool und hip und überraschend sein, was da passiert, andererseits soll der Finanzier der Aktion leicht erkennbar sein. Dafür hat er ja bezahlt. Der Empfänger aber erkennt die Absicht und ist verstimmt: Es ist zu einfach, um interessant zu sein. Bei der SXSW war das anders. “Mr. Robot” wurde propagiert, zum Beispiel durch die aufgesprühten Buchstaben im Foto oben. Auch wurden Visitenkarten verteilt mit der Web-Adresse whoismrrobot.com, auf der man seine E-Mail hinterlassen konnte. Die Site: ohne Bilder, nur Text, scheinbar eine Programmierkonsole. Aber sonst? Kein Absender.

Natürlich ließ sich mutmaßen: Entweder es handelt sich um ein dystopisch angelegtes Entertainment-Format – also Film, Serie oder Spiel – oder um ein Startup aus dem Security-Bereich. Erst beim Film-Festival, kurz nach dem Interactive-Teil der Konferenz, wurde die Identität von “Mr. Robot” enthüllt: eine TV-Serie für den Kanal USA Network. Die Präsentation der ersten Folge im Rahmen des Festivals schlug mächtig ein: Die Serie gewann den Festival-Preis im Segment Serien.

Und mit was? Mit Recht.

In der vergangenen Woche schaute ich mich rauschhaft durch die 10 Teile der ersten Staffel. [click to continue…]

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Das Digitale Quartett #76: Digital Detox in Nordkorea

by Thomas Knüwer on 16. November 2015

Zeitungen, die per Gesetz nicht weggeworfen werden dürfen; ein Schwimmbad-Sprungturm mit Aufzug; ein Flughafen, der erst das Licht anmacht, wenn die Passagiere kommen – was uns Simon Harlinghausen im Digitalen Quartett gestern schilderte war einerseits brüllend komisch, andererseits zutiefst deprimierend.

Eine Woche lang reiste der Chef der Onlineagentur Akom360 durch Nordkorea. Mitgebracht hat er uns eine digitale Diashow mit Erlebnissen, die skurril klingen wie eine schlechte Hollywood-Komödie. Und deshalb ist die 76. Ausgabe unserer Youtube-Talkshow definitiv nachguckenswert:

 

 

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Wenn ich schreibe, dass Journalisten in Deutschland stark analog geprägt sind und in weiten Teilen wenig bis gar kein Gefühl für digitale Themen haben, werde ich häufig kritisiert.

Nun muss ich mich wohl entschuldigen. Denn offensichtlich dürfen Journalisten gar nicht auf Facebook sein. Es wird ihnen von einer höheren Macht verwehrt, sie können nichts dafür – und sie sind abgeschnitten von Informationen, die sie dringend benötigen.

djv logoAuf diese nicht hinnehmbare Situation, ich möchte gar von einer Medienkrise schreiben, weist uns die Branchengewerkschaft DJV (in Worten: Deutscher Journalistenverband) hin, wofür wir ihr unendlich dankbar sein müssen.

Ja, dankbar. Jenem Verband, der gerade Michael Konken als Chef verlor, Online-Skeptiker und glühender Verfechter des Leistungsschutzrechtes, jenen unermüdlichen Kämpfer gegen Blogger. Wie sehr der DJV um das Wohl seiner Mitglieder besorgt ist, zeigte auch die Wahl des neuen Vorsitzenden, die nicht linear und simpel erfolgte, sondern zur Bekämpfung von Krankheiten wie Alzheimer in einen Verfahren, das die Hirne der Mitglieder trainierte. Ja, es sind konservative, tradierte Werte, die der DJV pflegt, wie zum Beispiel das Recht des Älteren und das Patriarchat, wie jüngst das Medienmagazin “Zapp” verkannte. 

Jener DJV also hat uns  darauf hingewiesen, dass Facebook offensichtlich Journalisten nicht gestattet, auf der Plattform aktiv zu sein. In einem Textstück im DJV-Blog beschäftigt sich der Verband in einem mühevoll verfassten und 1.191 Zeichen langen Artikel mit dem Facebook-Auftritt der Bundesregierung. Das wohl durchdachte und tief schürfende Essay von DJV-Pressesprecher Hendrik Zörner  endet mit den Worten:

“Was aber nicht in Ordnung ist: Offenbar verbreitet Seibert über den Facebook-Account Bilder und Nachrichten, die er den Medien verwehrt. Das muss sich schnellstens ändern, denn der Mann ist nicht nur PR-Manager, sondern auch der oberste Informationsvermittler der Bundesregierung.”

Es ist ein Skandal, dass den Medien verwehrt wird, was Regierungssprecher Steffen Seibert auf Facebook tut. Es wird Zeit, das Facebook-Verbot für Journalisten aufzuheben!

Oder hab ich da was falsch verstanden?

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Im-Derby-Dreieck_Poster_gro├ƒEine der Folgen der Netflixisierung meines Bewegtbildkonsums ist die Zunahme von Dokumentationen im Rahmen meines Medienkonsums. Während die meisten Dokus im deutschsprachigen Fernsehen austauschbar gleich konzipiert sind, gibt es via Streaming viel tollere, ungewöhnlichere Ableger dieser Gattung wie den 3D-Druck-Film “Print the legend”. 

Gestern Abend sah ich im Rahmen einer kleinen Premiere einen Film, der ebenfalls auf Netflix, eigentlich aber ins Programm von WDR, NDR, ja der ARD oder des ZDF gehört: “Im Derby-Dreieck” von Milan Skrobanek.

Nun bin ich auch nicht ganz neutral, denn ein Drittel des Films handelt vom Fußballverein meines Herzens, dem SC Preußen Münster. Er befand sich in der vergangenen Saison in einer Konstellation, die es sonst nur in Ostdeutschland gibt: drei erzrivalisierende Clubs in der unmittelbaren Nachbarschaft gemeinsam in einer Liga. Und dieses Derby-Dreieck aus den Preußen, dem VFL Osnabrück und Arminia Bielefeld verfolgte Skrobanek ein Jahr lang intensiv.

Herausgekommen ist ein Fußballfilm, wie es ihn in Deutschland nur selten gibt. Wobei es ja ohnehin nur selten hier zu Lande Fußball-Dokus gibt, die nicht von einem Verein oder Verband in Auftrag gegeben wurden.

Das “Derby-Dreieck” macht dabei die sportlichen Ergebnisse ein wenig zur Nebensache. Skrobanek verfolgt drei Gruppen, die den Fußball ausmachen.

– die Anhänger in Gestalt des Münsteraner Fan-Radios Mottek Strehle:

– die Clubverwaltung (in Person von Bielefelds Pressesprecher):

– Trainer und Spieler (in diesem Fall vertreten durch den VFL und seinen Trainerstab):

Es entstehen die Portraits unterschiedlichster Menschen, die alle verbunden sind durch diese abstruse und rational nicht zu erklärende Leidenschaft namens Fußball. Natürlich konnte Skrobanek es nicht planen, aber er bekam (fast) das ganze Spektrum der Emotionen einer Saison vor die Linse: Derbysiege und -niederlagen, Zwischenhochs, Dauerenttäuschung und – leider in Gestalt der Preußen – in sich zusammen fallende Euphorie. Am Ende dann für eine der drei Ecken der Höhepunkt: Bielefeld steigt auf. Fehlt nur ein Abstieg, doch auch dies wird Thema, da Bielefeld in der Saison zuvor erst in der letzten Sekunde die Zweite Liga verlassen musste.

Zwei Verdienste zeichnen diesen Film aus. Zum einen zeigt er den Alltag des Fußballs. Also nicht die Champions League, den FC Bayern und die künstlich übersteigerte Dimension der ersten Liga, sondern mittelgroße Stadien in mittelgroßen Städten mit mittelgroßen Zuschauerzahlen in der Dritteln Liga.

Maik Walpurgis in “Im Derby-Dreieck”

Zum anderen liefert “Im Derby-Dreieck” einige Einblicke, die es so bisher nicht gab. Zum Beispiel die Hektik eines Pressesprechers am Spieltag. Vor allem aber hat Osnabrücks Trainer Maik Walpurgis (inzwischen gefeuert) die Kamera so nach an sich und seine Arbeit herangelassen wie kein Trainer in Deutschland zuvor. Wir hören seine Kommentare im Spiel (“Der ist heute da oben echt out of order!”), genauso aber Mannschaftsbesprechungen auf höchsten Taktikniveau an deren Ende es eine Powerpoint-Präsentation für jeden Spieler gibt, und das Heißmachen der Mannschaft – faszinierend.

Fußball-Fans sollten diesen Film genauso sehen wie jene, die nur gelegentlich aufgrund von Lebenspartner über den Sport stolpern und sich darüber aufregen, dass nicht jeder Pass ankommt (“DAS SIND DOCH PROFIS!”) oder glauben, Taktik sei, ein Tor mehr zu schießen als der Gegner.

Genau hier aber haben wir das Problem: Wo soll man den Film schauen?

Ab 1. Dezember wird es die DVD geben, am 22.11. läuft er nochmals im Münsteraner Cineplex. Aber sonst?

Bei der Fragerunde nach der Münster-Premiere lieferte Skrobanek (im roten T-Shirt) auch einen kleinen Einblick in die traurige Situation von einem, der solch tolle Filme macht. Der WDR habe er angesprochen, “aber die Fernsehsender tun sich schwer einen Film einzukaufen, bei dem sie selbst redaktionell nicht mitreden konnten” (was wohl die Uniformität öffentlich-rechtlicher Dokumentationen erklärt). Er selbst verdient mit seinem Film auch kein Geld, hauptberuflich arbeitet er als Cutter. Dass der Film in Münster, Osnabrück und Bielefeld entstand, lag nicht nur daran, dass Skrobanek selbst aus der Gegend kommt. Wichtiger waren seine in Münster lebenden Eltern: So konnte er zumindest an einem Drehort kostenfrei an Drehtagen übernachten.

Münster-Premiere von “Im Derby-Dreieck”

Ohnehin konnte er all das nur bezahlen, weil er eine Crowdfunding-Aktion via Startnext angestoßen hatte, 27.127 Euro kamen so zusammen. Diese Budgetrestriktionen sind sichtbar: Manches Bild hätte schärfer sein können, für mehr Geld wären sicher bessere Teleobjektive finanzierbar gewesen.

Man mag darüber diskutieren, ob es zu viel Sport im Fernsehen gibt und ob er eine zu große Rolle in unserer Gesellschaft spielt. Doch Filme wie “Im Derby-Dreieck” sind Bewegtbild von gehobener Qualität und dokumentieren eben diese gesellschaftliche Rolle. Dass beispielsweise die öffentlich-rechtlichen Sender nicht bereit sind, in diese Qualität zu investieren, ist traurig.

Die Folge aber ist auch logisch: Menschen entdecken auf Netflix, wie faszinierend Dokumentationen sein können – und gucken sie dort. Und je mehr Netflix sie gucken, desto weniger Zeit bleibt für klassische TV-Sender; je weniger Zeit für TV-Sender bleibt, desto lauter wird die Diskussion werden, ob man das öffentlich-rechtliche System in dieser Form noch braucht.

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Eines sei vorweggeschickt: Ich habe keine Ahnung, ob wir in zwei Jahren noch großartig über Snapchat reden müssen, ob der Dienst weiter wächst, ob er heißer Scheiß bleibt.

Aber.

Derzeit tun sich rund um Snapchat einige Dinge, die sowohl Digitaler-Marketers wie Medienmenschen veranlassen sollten, sich mit dem Dienst zu beschäftigen. Zum Beispiel berichtete der geschätzte Daniel Fiene von seinem US-Trip, dass noch im Frühjahr in einer Schlange Stehende sich Wartezeiten mit Instagram vertrieben hätten – nun zu 70% mit Snapchat.

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Dabei sollte man sich nicht täuschen lassen vom Namen. Natürlich kann man mit Snapchat chatten und diese Funktion wird auch genutzt. Doch das eigentlich spannende ist die Möglichkeit, Geschichten ganz neu und multimedial zu erzählen. In Videos und Fotos können Emojis, eigene Zeichnungen oder Texte integriert werden, die Selfie-Filter sind legendär lustig und verwandeln den Nutzer in sprechende Halloween-Kürbisse, Monster oder Siegeskranzträger.

Am vergangenen Wochenende habe ich mit diesen Möglichkeiten ein wenig gespielt (mein Username: tknuewer) und eine kleine Reportage über die Selfie-Ausstellung “Ego Update” gedreht, die derzeit im Düsseldorfer NRW-Forum zu sehen ist (inklusive Interview des neuen Chefs Alain Bieber). Dabei muss hinzugefügt werden, dass der Wechsel zwischen Hochkant- und Breitformat auf dem Handy zwar via Snapchat durch Drehen des Geräts möglich ist – hier bei der Youtube-Version aber den Betrachter in den Wahnsinn treibt.

Andere können das viel besser mit dem Snapchatten. Zum Beispiel der geschätzte Richard Gutjahr, der wundervoll zeichnen kann. Und ohnehin lag mir schon bei den Praktika im Studium das Arbeiten mit TV-Techniken nicht so fürchterlich gut.

Doch fällt auch bei meinem Herumdilettieren auf, dass diese Gesamtmischung neue Möglichkeiten zum Erzählen einer Geschichte bietet. Gleichzeitig limitiert die Beschränkung auf 10 Sekunden einerseits, andererseits zwingt sie – ähnlich wie die 140-Zeichen-Grenze bei Twitter – den Nutzer in kreative Lösungen. Hinzu kommt das chronologische Hochladen: Die Snaps lassen sich nicht neu sortieren, sie müssen so “abgeschossen” werden, wie sie gedreht werden. Immerhin: Das schult das vorausschauende Denken.

Jene Endnutzer-Geschichten sind jedoch nur ein Teil dieses besonderen Storytelling. “Snapchat Live” arrangiert einzelne Nutzersnaps zu Themenreportagen, zum Beispiel vom Rugby-WM-Finale. Besonders faszinieren mich Stadtportraits von jenen Metropolen, die ich noch nicht besucht habe, heute zum Beispiel Karachi. Es entsteht ein ganz anderes, authentisches Bild, das weniger auf harten Informationen fußt denn auf der Faszination des banalen Alltags.

Das hat natürlich auch ein gewisses Aufregungspotential. Eine Live-Story aus Tel Aviv kam beispielsweise eher so mittelgut an:

Und dann gibt es da noch “Snapchat Discover”. Hier können kooperierende Medien – deutsche sind noch nicht vertreten – Magazine produzieren, die einiges von dem einlösen, was uns auf dem iPad mal versprochen wurde. Egal ob Vice, Buzzfeed oder der “National Geographic”: Ihre Magazine kommen weitaus freudvoller daher als gewöhnliche Medien-Apps. Hier ein Hands-on-Beispiel:

All dies lädt natürlich auch Marken ein, sich mit den Möglichkeiten zu beschäftigen. Wie gut sie dabei sein können, ist derzeit noch ein wenig offen. Denn die Snaps verschwinden ja nach 24 Stunden. Mashable hat zwar eine Galerie mit 8 Beispielen erstellt – doch die bestehen vor allem aus Hinweisen auf die jeweiligen Accounts. Heute kündigte Wolfgang Lünenbürger via Snapchat an, ein Kunde würde unter dem Nutzernahmen “bedsidestories” mit einer Kampagne starten. Der Start ist bislang kryptisch. (Nachtrag vom 9.11.: Die Kampagne läuft für das Pharma-Unternehmen HRA und seine Pille danach.)

JÉRÔME_JARRE_-_VineDie fehlende Möglichkeit, auf Snaps zu verlinken oder sie an anderen Orten einzubauen, ist für mich derzeit der Hauptgrund, warum Snapchat-Marketing sehr schnell an Grenzen stößt. Der Aufwand, dem Qualitätsanspruch einer großen Marke gerecht zu werdende Snaps zu produzieren, ist nicht ohne. Und dann ist jenes Ergebnis nach 24 Stunden wieder weg, ohne dass die Reichweite der Social Web-Kanäle der Marke genutzt werden kann. Natürlich könnte man den Film – in wie geschrieben mittlerer Qualität – herunter- und bei Youtube wieder hochladen. Doch ist das Ergebnis eher unterdurchschnittlich interessant.

Nötig wäre eine konsequentes Storytelling mit kleinen Videoelementen, die nicht nur auf Snapchat, sondern genauso auch auf Vine, Facebook, Twitter oder Youtube allein oder im Arrangement funktionieren – alles andere als eine triviale Aufgabe.

Am ehesten bietet sich in Sachen Marketing vielleicht Influencer Marketing an: Ein digitaler Multiplikator mit Erfahrung auf Snapchat erscheint effizienter als die Beauftragung einer Kreativagentur, die mit Storyboards zunächst vorlegen muss, was sie plant. Und schließlich gibt es sie schon, diese Snapchat-Influencer. Bestes Beispiel ist der Franzose Jerome Jarre, der selbst in Island tausende von Teenager in ein Einkaufszentrum lockt, wenn er sich selbst ankündigt (mehr zu ihm bei den Online Marketing Rockstars).

Womit ein zweiter Hinweis nötig wird. Wer einfach mal die App runterlädt und beginnt, mit dem Dienst rumzuspielen, fragt sich schnell dezente Fragen wie: “WIE FUNKTIONIERT DIESER SCHEIß?!?!?” [click to continue…]

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Facebook enthüllt Reichweite von Postings

by Thomas Knüwer on 15. Oktober 2015

Gestern passierte etwas, das eigentlich panikartige Szenen im Bereich der Onlinemarketing-Szene hätte auslösen müssen. Doch passiert ist – wenig bis gar nichts.

Irgendwann am Nachmittag meldete Allfacebook einen Fehler bei Facebook (danke dafür – übrigens ist Allfacebook ohnehin lesenswert): In der Mobilansicht – also nicht in der App, sondern allein über den Browser auf dem Handy – waren unter Postings der vergangenen Woche nicht nur die Likes, Kommentare und Shares zu sehen, sondern auch eine neue Metrik: Views.

nerven facebook

Was genau da gemessen wird, wissen wir nicht. Wer nicht ständig mit diesen Themen befasst ist, sollte aber wissen, dass es eine Messzahl gibt, die nicht öffentlich ist: der Reach. Er erfasst, wie viele Menschen mit einem Posting tatsächlich erreicht wurden.

Deshalb verschweigen weniger seriöse Social Media-Dienstleister die Zahl gerne. Denn sie zeigt Kunden, dass die von ihnen heiß geliebte Zahl der “Fans” (inzwischen heißt es ja kalt und gefühllos “Likes”) wenig bis gar nichts besagt. Für uns bei kpunktnull ist deshalb der wichtigste Erfolgsfaktor (in der Konzersprache Key Performance Indicator – KPI) der Reach eines Postings geteilt durch die Zahl der Pageliker. Denn am Ende geht es einem Unternehmen oder einer Marke in den meisten Fällen darum, gehört zu werden.

faceboo viewWir betreuen für mehrere Kunden Social Media-Präsenzen und können deshalb bestätigen, was Allfacebook überschlagen hat: Diese gestern sichtbaren “Views” entsprechen in einer Abweichung von maximal 10% (eher ein klein wenig weniger) dem Reach.

Sprich: Gestern war für wenige Stunden ein sonst nicht möglicher Einblick in die Erfolge oder Misserfolge von Facebook-Seiten sichtbar – und außerdem war zu erkennen, wie viele Menschen Postings von Privatpersonen erreichen.

Dabei gibt es eine anscheinend Ausnahme: Wenn das Posting einer Facebook-Page von einer anderen Page über die “Share”-Funktion geteilt wurde, dann wurden diese Views anscheinend beiden zugerechnet und addiert. Wenn also Page A mit ihrem Posting 100 Menschen erreichte, dieses Posting von Page B geteilt wurde, die ebenfalls 100 Leute erreichte, dann schien beiden 200 angezeigt zu werden. Dies ist zumindest unsere Theorie für die hohen Reichweiten dieser Art von Postings.

Kurzzzeitig setzte gestern im kpunktnull-Büro eine Screenshot-Orgie ein. Wir haben zahlreiche Seiten unter die Lupe genommen und festgehalten, wie hohe Reichweiten sie erzielen.

In den kommenden Wochen werden wir uns das nochmal genauer ansehen und eine Detailanalyse vornehmen. Das folgende ist deshalb noch wackelig, doch als Diskussionsgrundlage schon mal einige Trends die sich ablesen lassen:

1. Engagement (in alter Zählweise) und Reichweite sind nicht gekoppelt [click to continue…]

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Heute vor 40 Jahren wurde der Begriff “Gimmick” in die deutsche Sprache eingeführt.

Ja, ehrlich. Kannte man vorher nicht. Doch am 13. Oktober 1975 erschien das erste “Yps”-Heft und dessen wöchentliche Spielzeug-Beigabe erhielt diesen Titel. In Frankreich hieß diese übrigens Gadget und so erging diese Vokabel der Einführung in Deutschland durch die Verlagsentscheidung von Gruner + Jahr…

Yps Nummer 1Nicht nur im Vokabular veränderte das Heft meine Generation. Sechs war ich beim ersten Erscheinen und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich von Anfang an Leser war (an das Katapult des ersten Heftes kann ich mich jedenfalls erinnern). Jede Woche kaufte ich es beim Tabak- und Zeitschriftenhandel Balster in meinem Heimatort Senden, es war meine Lieblingslektüre zu dieser Zeit. Dank der Gimmicks lernten wir die Welt neu zu sehen und zu erkunden. Da gab es ein Periskop zum um die Ecke gucken, die legendären Urzeitkrebse, die mexikanischen Springbohnen (die leider Tierquälerei waren) oder Gimmicks, die mit Magnetismus spielten. Erstaunlicherweise kann ich mich nicht mehr an den Solarzeppelin erinnern, der anscheinend bei so vielen im Kopf geblieben ist.

“Yps” machte aus uns Kindern Forscher, Entdecker, Erkunder – und Technikliebhaber. Vielleicht ist es bezeichnend, dass ich mich noch an viele Comics aus jener Zeit erinnern kann, jedoch nicht wirklich an die Serien aus “Yps”. Neben dem Namensgeber fallen mir noch Pif & Herkules ein. Doch ansonsten?

In der vergangenen Woche kam mir “Yps” unabhängig von seinem heutigen Geburtstag in den Kopf. Und das hat mit einem unserer Kunden und dem  Barcamp Düsseldor zu tun. Letzteres campte am vergangenen Wochenende – und es waren wieder zwei wundervolle Tage (Disclosure: kpunktnull war erstmalig Sponsor der Veranstaltung).

Ich meldete dort einen Vortrag an, dessen Thema mich seit längerem umtreibt. Titel: “Print ist geil!”

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Merkel bekommt den Nobelpreis

by Thomas Knüwer on 7. Oktober 2015

Vielleicht sollten wir einfach nicht mehr zu hohe Erwartungen stellen an das, was sich “Journalismus” nennt. Vielleicht sollten wir es als das akzeptieren, was es ist: Entertainment. Also eine Industrie, die unsere Liebe zu Nachrichten mit immer neuen Geschichten befriedigt, die in Wellen verabreicht werden – aber keineswegs der Wahrheit entsprechen müssen.

Nobel_PrizeSehr schön festmachen lässt es sich an der grassierenden Meldung, Angela Merkel sei Kandidatin, ja sogar Favoritin, für den Friedens-Nobelpreis.

Dass diese sich derart verbreitet, dürfte an DPA und AFP liegen. Die Nachrichtenagenturen verbreiten anscheinend Meldungen, die so klingen:

“Im Ukraine-Konflikt handelt die Bundeskanzlerin einen Waffenstillstand aus. Als die Flüchtlingssituation zu eskalieren droht, heißt Angela Merkel die Schutzsuchenden in Deutschland willkommen – und findet zugleich klare Worte. Für ihren Umgang mit den großen Krisen in Europa soll die CDU-Politikerin den Friedensnobelpreis bekommen, fordern Parteifreunde in Berlin. In Oslo, wo am Freitag (9. Oktober) das Geheimnis um den Preisträger 2015 gelüftet wird, wird Merkel inzwischen auch als Kandidatin gehandelt.”

Nun ist “in Oslo” ja eine Formulierung, die doch recht unkonkret wirkt. Immer aber sollte man misstrauisch werden, wenn Schreiber zum Passiv greift – denn der Passiv ermöglicht es, Quellen zu vermeiden.

Tatsächlich gibt es nur eine nachverfolgbare Quelle für diese Behauptung: Kristian Berg Harpviken, Chef des Osloer Friedensforschungsinstituts. Das Institut veröffentlicht jedes Jahr eine Liste seiner persönlichen Kandidaten für den Preis, seit 2009 ist dies Harpvikens Aufgabe. Die Subjektivität wird dabei betont: “Each year, PRIO Director Kristian Berg Harpviken presents his own shortlist for the Nobel Peace Prize, based on his independent assessment.” Darüber steht ein Wort, das Journalisten zögern lassen sollte, die Liste ernst zu nehmen: “Speculation”. Das ist englisch und darf übersetzt werden mit “Spekulation”.

Nun gibt es ja tatsächlich Experten, die ein gutes Händchen für solche Preisvergaben haben. Schauen wir uns also die Trefferrate von Harpviken an: [click to continue…]

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