Deutsche Blut-Hochdruckliga warnt vor sich selbst

by Thomas Knüwer on 22. September 2014

Die grassierende Technophobie deutscher Institutionen-Besitzer treibt doch immer wieder besonders absurde Blüten. Das heutige Beispiel für besonders IQ-arme Maschinenstürmerallüren liefert Professor Dr. med. Martin Hausberg, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga.

Im Mediendienst Meedia warnt er vor der neuen Health-App von Apple: Ihr Einsatz im Rahmen einer Hochdruck-Therapie sei nicht zu empfehlen. Denn die App besitze noch keinen Anschluss an Messgeräte (das soll laut Apple ja noch kommen), so dass die daheim gemessenen Werte von Hand eingegeben werden müssten. Das aber berge eine angebliche Gefahr: “Nutzer sollten sich der Gefahr bewusst sein, dass die eingebenden Werte noch nicht plausibilisiert werden und auch noch nicht auf die international anerkannten Grenzwerte hingewiesen wird.”

shutterstock lautsprecher clown

Selbstverständlich unterscheidet sich die App damit in ihrer Funktionalität von Blutdruck-Tagebüchern, bei denen Patienten die Messergebnisse auf Papier aufschreiben. Was kaum jemand außer Professor Dr. med. Martin Hausberg, dem Vorstandsvorsitzenden jener Hochdruckliga, weiß: Papier warnt sofort vor dem Überschreiten von Grenzwerten und nimmt auch eine entsprechende Plausibiltätsprüfung vor.

Das muss so sein. Schließlich empfiehlt die Hochdruckliga selbst ja: “Schreiben Sie Ihre Blutdruckwerte auf und vergleichen Sie diese regelmäßig.” Also muss Papier das doch können, ansonsten müsste die Hochdruckliga vor der Nutzung solcher Blutdruck-Tagebücher doch warnen!

Natürlich ist das Quatsch. Genauso ist es aber Quatsch, vor einer App zu warnen, die nicht mal vorgibt, etwas zu können, was sie nicht kann.

Doch in Deutschland will eben jeder mal seinen Technologiehass rauskotzen, sich einmal feiern als Google- oder Apple-Angreifer. Selbst wenn die von ihm vertretene Organisation dasteht wie ein Haufen Volltrottel.

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Gern stellen sich die Verlagskonzerne als hilflose Opfer der Zeitläufte da. Als Chancenlose des digitalen Wandels, als Geschundene, die überrollt wurden von den Titanen aus Übersee.

Faktisch dagegen ist es so, dass sie in digitalen Fragen in den vergangenen 15 Jahren so kompetent und souverän agierten wie dieser Herr beim Versuch, einen Baseball zu fangen:

worst catch ever

Im Blog der Online Marketing Rockstars findet sich nun eine Begebenheit, die klingt wie aus der “Kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt” (oder in dem Fall aus dem “Großen Verlagskonzern am Rande des Hafens”) – tatsächlich aber überhaupt nicht einzigartig ist. Tatsächlich ist die Episode bezeichnend für die Bräsigkeit, mit der Unternehmen der Branche Digitalthemen seit nunmehr anderthalb Jahrzehnten angehen:

“Rockstars-Gründer Philipp Westermeyer nimmt noch als Mitarbeiter im damaligen Investment-Bereich von Gruner+Jahr Kontakt zu Facebook auf und möchte einen Deal ausarbeiten. Net Jacobsson, zu diesem Zeitpunkt Director International Business Development von Facebook, ist interessiert und schlägt ein Treffen beim DLD in München vor (siehe Screenshot). Leider ist Gruner+Jahr nicht bereit, ein Ticket für die Veranstaltung zu zahlen. Philipp hat das Verlagshaus kurz danach verlassen.”

Und auch die anderen Begebenheiten, im Rockstars-Blog sind absolut lesenswert – bitte hier entlang. 

 

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Sind sieben Jahre eine lange Zeit? Oder konkreter: Sind sieben Jahre eine lange Zeit, wenn man für ein klassisches Medienunternehmen tätig ist?

Diese Frage ist natürlich subjektiv. Doch im Herbst 2007 war die Welt noch eine andere. Oliver Samwer gab Turi2 ein Interview, die “FAZ” erschien zum ersten Mal mit einem Farbbild auf der ersten Seite und exakt heute vor sieben Jahren präsentierte der “Spiegel” die Pläne für den Neubau, in dem sich in diesen die Redaktion selbst meuchelt.

shutterstock crm

Mitte 2007 war es auch, als der Online-Reichweitenmessdienst Nielsen Netratings eine Umstellung ankündigte, von der ich glaubte, dass sie die Web-Werbung komplett verändern würde: Er machte die Verweildauer von Nutzern auf einer Seite zum wichtigsten Maßstab.

Es erschien und erscheint mir so absolut logisch, diese Meßgröße zum bestimmenden Faktor für Anzeigenpreise und -abrechnung zu machen – gerade für qualitätsorientierte Nachrichtenangebote. Denn so vieles, was kaum jemand im Journalismus gut finden kann, fußt auf der heute aktuellen Abrechnung an anhand von Visits, Visitors und Page Impressions, also Seiten-Besuchen, -Besuchern und -Abrufen: Bildergalerien, zum Beispiel, oder Artikel, die auf mehrere Seiten verteilt werden. Dazu kommen kleine, dreckige Tricks wie das Umleiten von Mobilnutzern zunächst auf die mobile Seite und dann direkt auf die Standardseite, was bei jeder der Varianten als ein Besuch gezählt wird. Auch, dass so wenig im Bereich Video experimentiert wird, liegt hier mit begründet: Denn Videovermarktung ist ein eigenes Geschäft, ohne dass jedes Video eben auch nur einen Seitenabruf bringt.

Ich behaupte: Würden Anzeigen nach Verweildauer berechnet, würden Angebote entstehen, die erheblich leserfreundlicher wären.

Wirft man mit Vertretern der Medienindustrie so etwas ein, heißt es häufig, Medienblogs würden nur meckern. Aus diesem Grund fasste ich vor anderthalb Jahren mal zusammen, was sich in Verlagen tun müsste. Dieser Artikel enthielt wenig bis nichts Neues und diente nur meiner Hirn-Hygiene, kann ich doch seitdem immer sagen: “Ihr wollt was konstruktives? Hier habt Ihr es.”

Damals schrieb ich:

“Verlage machen gern gemeinsame Sache. Sie fordern gemeinsam das Listenprivileg, das sie zu Datenhändlern machen. Sie treten gemeinsam ein für das Leistungsschutzrecht. Sie gründen Vermarktungsgemeinschaften und planen Werbekampagnen.

Umso bemerkenswerter finde ich es, dass sie nicht gemeinsam für eine neue Werbewährung im Web eintreten: Statt Visits oder zuvor Page Impressions muss die Verweildauer zur wichtigsten Währung werden. Denn nur so werden Klickhurereien bestraft und tiefe, gut recherchierte Texte belohnt.

Es ist für mich ein Rätsel, warum die Branche nicht schon vor Jahren für diesen Wechsel eintritt. Ich halte ihn aber für essenziell wollen wir den Journalismus im Web erhalten.”

Sprach ich Verlagsmanager auf diese Idee an, gab es Desinteresse. Das habe noch nie jemand erwähnt, man habe noch nie drüber nachgedacht, “keine Ahnung” (wörtliches Zitat eines Verlagskonzernvertreters).

Tja, und nun schauen wir, was derzeit im Ausland passiert… [click to continue…]

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Es gibt noch immer eine Reihe von Branchen, die wissen offensichtlich nicht, was auf sie zurollt in Sachen Digitalisierung. Zum Beispiel die Kombination aus Immobilien- und Wohnungswirtschaft, mit der ich mich dienstlich seit einiger Zeit beschäftige. Schon länger bin ich nicht mehr auf eine Branche gestoßen, bei der ein Einsatz digitaler Technologien so klar, absehbar und logisch ist – und bei der sich gleichzeitig so wenig tut. Denn fast immer, wenn neue Technologie auf eine Branche trifft, die sich selbst verändert, dann knallt es.

Und verändert hat sich das Geschäft mit Bauten: Zum Beispiel hat sich die Vermarktung von Immobilien deutlich verändert. Früher wurden Häuser und Wohnungen gebaut und vermarktet anhand ihrer Grunddaten wie Quadratmeter und Ausstattung. Heute bekommen Bauprojekte und Häuser Namen, sie werden – je hochwertiger, desto eher – mit einem bestimmten Lebensgefühl vermarktet. In Düsseldorf gibt es dann zum Beispiel “its privacy monastere”, “Atrio” oder “Die Wilde 13″. Entsprechend angepasst ist dann die Kommunikation: So steht im Stadtteil Pempelfort ein neues Gebäude, das an das Flatiron-Building in New York erinnert, ein anderer Bauherr bezeichnete Flingern-Nord als das “Notting Hill von Düsseldorf”. Manches davon ist, höflich gesprochen, schöner Schein – doch so funktioniert Werbung nun mal.

staedel museum baustelle

Eine weitere Veränderung ist das Aufkommen der Wohnungswirtschaft. Platt gesprochen bereiteten um die Jahrtausendwende Großkonzerne und Bundesländer mit dem Massenverkauf ihrer Wohnimmobilien das Feld für Unternehmen wie die Deutsche Annington oder die Deutsche Wohnen, die tausende von Wohnungen zentral vermieten und verwalten.

Gleichzeitig stieg die Zahl der Menschen, die nicht nur ihre eigene Wohnung oder Haus kauften, sondern Immobilien als Anlageobjekt erkannten. Wie in so vielen Punkten dürfte das Platzen der Dotcom-Blase dabei geholfen haben.

Statistik: Entwicklung der Wohneigentümerquote in Deutschland in den Jahren 1993 bis 2010  | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Diese Verschiebungen brachten auch neue Berufsbilder hervor, zum Beispiel den Immobilienverwalter. Leider ist es recht schwer, in diesem Bereich seriös arbeitende Personen zu finden. Erst seit 2006 gibt es den Beruf des Immobilienkaufmanns (bitte beachten Sie dazu den Kommentar unten).

Da hat sich also schon eine ganze Menge getan. Doch spielt digitale Technik bisher in diesem Feld eine erstaunlich kleine Rolle. Die letzte, wirklich massive Veränderung war das Aufkommen von Kleinanzeigenplattformen wie Immowelt oder Immobilienscout24. Doch die gehören eben weder den Bauträgern noch den Wohnungsgesellschaften. Sprich: Diese aktuell wachsende Branche überlässt das digitale Spielfeld anderen. Nicht einmal die Homepages der Baugesellschaften sind nutzerfreundlich, manchmal bietet sich ein Bild wie bei Hausmann Bauregie, einer der prominentesten Gesellschaften in Düsseldorf: [click to continue…]

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Der Tag wird kommen

by Thomas Knüwer on 8. September 2014

Als ich dieses Lied das erste Mal hörte, war ich sprachlos. “Der Tag wird kommen” von Marcus Wiebusch ist für mich einer der wichtigsten, besten und mutigsten Songs der deutschen Rockgeschichte. Als ich gestern Abend die von Funktionären zusammengedrechselten Floskeln hörte, die von den Kapitänen der deutschen und der schottischen Nationalmannschaft vorgelesen werden mussten, ohne Kraft, ohne Wucht und ohne das Gefühl zu vermitteln, die Herren glaubten an das, was sie da sagten, da wünschte ich mir, sie würden einfach dieses Video zeigen.

Entstanden ist es über ein Crowdfunding-Projekt, das in nur fünf Tagen die benötigten 30.000 Euro für den Videodreh einsammelte und am Ende auf über 50.000 Euro kam. Ich selbst habe mich auch beteiligt.

Das Ergebnis ist beeindrucken und bedrückend – und es sollte in jedem Stadion mit Videoanzeigetafel gezeigt werden.


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Viral vor die Paywall

by Thomas Knüwer on 5. September 2014

Es gibt diese Momente, da empfinde ich nur noch Traurigkeit, lese ich Äußerungen deutscher Print-Chefredakteure. Das heutige Beispiel für dieses Verhalten liefert anscheinend Peter Stefan Herbst ab, der Chefredakteur der “Saarbrücker Zeitung”. Anscheinend schreibe ich, weil ich die Ausgabe des “Medium Magazin” noch nicht gelesen hab, in der ein Interview Gastbeitrag mit von ihm zu lesen ist. Doch werden die Kernaussagen des Gesprächs per Pressemitteilung vertrieben, weshalb davon auszugehen ist, dass sie richtig getroffen sind.

“Chefredakteur Herbst verlangt mehr Viralität in deutschen Redaktionen” ist diese überschrieben und einen Moment dachte ich: War er zur Erkältungssaison noch nie im Großraum?

Aber nein, es geht um jene Viralität, die sich im Internet verbreiten soll:

“Die meisten deutschen Medien verschenken nach Ansicht des “Saarbrücker Zeitung”-Chefredakteurs Peter Stefan Herbst die Chance, mehr Aufmerksamkeit im Netz zu erhaschen. In Redaktionen mangele es nicht an interessanten Inhalten, sondern an attraktiver Aufbereitung und Bewerbung, schreibt Herbst im “medium magazin” (Ausgabe 9/2014). “Beiträge werden auch auf den privaten Profilen ihrer Autoren immer noch zu selten vorgestellt und diskutiert, obwohl gerade im Freundeskreis das Interesse ja besonders groß sein dürfte.” Auch seine eigene Redaktion sei vom Idealzustand weit entfernt, räumt er ein.

Inhalte über soziale Netzwerke zu bewerben und “viral” zu machen ist für Herbst nicht die exklusive Aufgabe des Social-Media-Redakteurs, sondern Pflicht für alle Journalisten: “Die digitale Herausforderung ist kein Thema, das einzelne Mitarbeiter bewältigen können. Hier ist die ganze Redaktion gefordert.” Erfolgreiche Journalisten seien schon immer auch gute Verkäufer gewesen: “Starke Überschriften, exklusive Nachrichten, überraschende Einstiege, herausragende Bilder, fesselnde Erzählweise, hoher Nutzwert oder profilierte Kommentierung sind und bleiben die besten Waffen im Kampf um Aufmerksamkeit.””

Mein Kopf schlägt wieder einmal auf der Tischkante auf. Natürlich wäre da – und das ist noch irgendwie verzeihlich – der Begriff “viral”. Eigentlich ist dieser  Unfug, denn “viral” bedeutet, man steckt sich an, kann nichts tun, ist willen- und hilflos. So aber verhält es sich nicht. Menschen weitestgehend sehr bewusste Entscheidungen, was sie weitergeben.

Dazu gibt es ein höchst lesenswertes Buch von Medienprofessor Henry Jenkins und zwei ehemaligen Assistenten: “Spreadable Media”. Ihr über Jahre gelaufenen Untersuchungen demonstrieren klar, dass es keine Viralität im oben beschriebenen Sinne gibt, sondern nur ein Auslösen der bewussten Entscheidung, einen Inhalt zu teilen.

Nun muss Herbst dieses Buch gar nicht kennen. Doch er könnte sich ja schon fragen, warum Inhalte der Nachrichtenseiten von Zeitungen sogar von seinen Redakteuren häufig nicht geteilt werden. Wobei er natürlich Recht hat in der Forderung, dass Journalisten erstmal in Social Media aktiv werden müssen.

Der Grund für das verminderte Teilen ist: Höflichkeit.

Denn was passiert denn immer häufiger, klickt ein Nutzer auf solch einen Link? Na?

Paywall ist das Stichwort.

Auch die “Saarbrücker” arbeitet mit einem Parkuhrenmodell, bei dem nach einer gewissen Zahl von Artikeln die Schranke fällt. Wer solch einen Link weiterreicht, verhält sich wie ein gut Verdienender, der einen ärmeren Freund in ein teures Lokal lädt und dann vor seinen Augen die Gänseleberpastete futtert.

Links auf Angebote mit Paywall zu teilen ist einfach unhöflich. Diese Unhöflichkeit erreicht ihren Höhepunkt, geht es um eine Null-Toleranz-Paywall. Wie nett Menschen es finden, werden dorthin Links weitergereicht, hat die “Braunschweiger Zeitung” auf Facebook erfahren:

braunschweiger

Ne satte Schüppe Ärger mehr gibt es dann, wird über Netz-Trends berichtet:

braunschweiger fotos

Tja, vielleicht realisiert Herbst langsam, was die Verlagskonzerne da veranstalten: Sie verabschieden sich via Paywall aus dem öffentlichen Diskurs.

Je enger sie ihre Bezahlschranken setzen, desto mehr werden sie zum Medium der Analogen, der Zurückbleibenden, der letzten 21 Prozent der Deutschen, die nicht online sind. Sie vernachlässigen ihre gesellschaftliche Funktion. Und am Ende werden Redakteure keine Links im Social Web setzen, weil sie zu wenig digital sind – sondern weil sie keinen Job mehr haben.

Nachtrag: Es ist schon ein Kreuz mit den Chefredakteuren. Herr Herbst fühlt sich ungerechtfertigt dargestellt, wie er mir auf Twitter mitteilte. Unter anderem verwende er den Begriff viral im bewussten Beitrag nicht. Bemerkenswert ist jedoch, dass ihn das nicht gestört hat, als das Mediummagazin selbst in einem Tweet schrieb: “Eine Story viral gehen lassen – dazu muss die ganze Redaktion ran”. Diesen Text hat er geretweetet.

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In der vergangenen Woche absolvierte ich, was vielleicht als Dschungelprüfung für Talkshowgäste gelten darf: Ich war Gast bei “Studio Friedman”. Geladen war ich als Gegenpart zu Peter Schaar, dem ehemaligen Bundesdatenschützer, der heute Vorsitzender der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz ist. Thema: Das böse Google.

studio friedmann(Foto: N24)

Es war eine rege Diskussion, wobei natürlich klar ist, dass es bei “Studio Friedman” weniger um den zurückhaltenden Austausch geht als vielmehr um Wortgefechte. Weshalb sich Schaar, der eigentlich sehr vernünftige Ansichten vertritt, in einen Gerüchteverbreiter verwandelte. Da ich selbst bei Diskussionen auch nicht gerade von der stillen Sorte bin, entwickelte sich, glaube ich, ein munteres und unterhaltsames Gegeneinander. Wie immer bei solchen Talkshows gilt aber auch: Mehrwert für die Kundigen ist nicht zu erwarten.

Das Ergebnis der Sendung gibt es heute auf N24 zu sehen, auf dem neuen Sendeplatz von “Studio Friedman” um 17:15 Uhr.

 

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Peter Praschls Eigentor

by Thomas Knüwer on 1. September 2014

Es ist ein wenig lustig, wenn die Vernetzungen der Medienkonzerne so zusammenlaufen, dass Autoren sich selbst widerlegen.

Peter Praschl hat für die “Welt am Sonntag” ein Lobeslied auf Zeitungen geschrieben. Mein Text über Journalisten wird auch erwähnt:

“Kaum war Wichmann beim “Stern” Vergangenheit, meldete sich in einem Mediendienst der Leader einer Leadership Academy mit einer führungspsychologischen Fernexpertise, und als der Chefredakteurs-Alarm für den “Spiegel” anschlug, ließ Thomas Knüwer, ehemals Journalist, nun “Digital Consultant”, in seinem Weblog wissen, wie Journalisten (Fußvolk, Ressortleiter und Chefredakteure) so ticken. Seinen Ausführungen ließ sich eigentlich nur entnehmen: Da sind lauter Deppen unterwegs, die die Einschläge noch immer nicht gehört haben. Vermutlich weil sie ihm gegenüber so beratungsresistent sind.”

Leider reichte Praschls Recherchedrang nicht, um nachzuschauen, was kpunktnull so tut. Denn Journalisten beraten wir gar nicht und Medienhäuser nur in Ausnahmefällen (weshalb sie einen sehr geringen Anteil am Umsatz des Unternehmens haben).

Vor allem aber singt er ein Loblied auf die ach so zeitgemäßen Online-Aktivitäten der Zeitungskonzerne:

“Das Verrückte an all dem ist: Auch wenn noch so viele Kommentatoren das Gegenteil behaupten, sind die Printmedien erstaunlich gut. Längst haben sie sich erneuert. Sie unterhalten kostspielige Investigativteams, pflegen ihre Edelfedern, bemühen sich darum, verständlich und unterhaltsam zu sein, beschäftigen in ihren Redaktionen junge und unorthodoxe Kollegen, sind meinungs- und debattenstark, kümmern sich recht kompetent auch um Bereiche, die von den alten Hasen verachtet wurden – Mode etwa oder Frauenthemen, die sich nicht mit Bikini- oder Plätzchenfotos illustrieren lassen. Und längst haben sie alle Websites, auf denen man sich nicht nur festlesen, sondern auch den Schreiberlingen mitteilen kann, wie wenig man von ihren Ergüssen hält.

So zeitgemäß sind Praschl und sein Arbeitgeber, dass er dieses Blog namentlich nicht nennt und Welt.de natürlich auch nicht auf den Text verlinkt. Eine Volltextsuche funktioniert ebenfalls nicht. Dafür aber wird der Text syndiziert an das “Hamburger Abendblatt”. Dort sind Kommentare nicht möglich.

Tja, so ist das den Medien im Jahre 2014: Es ist nicht so einfach, wie sich das mancher Journalist so vorstellt.

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Das ZDF zwingt mich zum Äußersten. Ich muss die Samwer-Brüder in Schutz nehmen.

Denen stehe ich höchst kritisch gegenüber. Sie kopieren hemmungslos Ideen anderer Unternehmer, sie benehmen sie gegenüber Mitarbeitern elendig schlecht, sie ziehen Investoren mit wenig Ahnung von digitalen Geschäften über den Tisch. Und meine Prognose für Zalando ist, dass zwei bis drei Jahre nach dem Börsengang Götterdämmerung angesagt ist.

samwer

Doch spulte Frontal21 in dieser Woche eine Dokumentation ab, die nicht nur unjournalistisch – weil vollständig voreingenommen – war, sondern an der sich auch sehr gut zeigen lässt, wie Fernsehmagazine im öffentlich-rechtlichen Programm Zuschauer manipulieren, wie sie die Wirtschaft dämonisieren und das nicht einmal auf eine handwerklich saubere Art und Weise.

Schauen wir uns also einmal jenen Frontal21-Beitrag en detail an. Und ich muss schon jetzt warnen: Das wird lang.

Also…

Der erste Satz lautet:

“Er ist einer der reichsten Deutschen – doch kaum bekannt.”

Man könnte auch sagen können, dass der Herr (Oliver Samwer) so viele Firmen gründet, wie kaum ein anderer. Doch Reichtum ist in vielen Teilen des deutschen Journalismus inzwischen zum Synonym für Anrüchigkeit geworden. Und natürlich muss hier Spannung erzeugt werden, deshalb wird behauptet, er sei kaum bekannt.

Nur, woran bemisst sich das kaum bekannte? Wer sich für Wirtschaft generell interessiert, der dürfte über die Samwers seit 15 Jahren immer wieder gestolpert sein. Da waren die Alando-Geschichten zur Jahrtausendwende, die Hintergrundstorys über Jamba und nun über Zalando. Da waren “Handelsblatt”-Titelgeschichten und welche im “Manager Magazin”. Und da waren Berichte über die Arbeitsbedingungen bei Zalando auf RTL. “Kaum bekannt” bemisst sich also an jemand, der kein Interesse an Wirtschaftsberichterstattung hat. Er ist anscheinend die Zielgruppe des Beitrags. Das hat auch einen Vorteil: Er wird das Folgende nicht hinterfragen.

“Seine Geschäfte jedoch kennen Millionen.”

Auch hier ist Wortwahl wichtig. “Seine Unternehmen kennen Millionen” ist neutral bis positiv. “Geschäft” aber, das steht im TV-Journalismus für “nicht koscher”.

Und damit klar wird, dass diese Geschäfte nicht sauber sein können, müssen welteroberische Ziele ausgegeben werden – selbst wenn sie nie ausgesprochen wurden und es keinen Beleg dafür gibt. Frontal21 beamt sich in das Hirn der Samwers: [click to continue…]

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“Ja, ich hab da irgendwo was auf Facebook gesehen…”

Dies ist derzeit bei einigen Menschen in meinem Umfeld, die nicht was mit Medien oder Journalismus machen, die Reaktion auf die Meldungen aus den Redaktionen von “Stern” und “Spiegel”. Denn seien wir ehrlich: Außerhalb der medialen Filterblase ist das Interesse an diesen Scharmützeln eher begrenzt, es gibt Wichtigeres wie die Ukraine-Krise, die IS, den Bundesligastart oder die Ice Bucket Challenge.

spiegel affäre II(Screenshot aus “Die Spiegel-Affäre”)

Deshalb für die Nicht-so-sehr-Medialen eine kurze Zusammenfassung:

Beim “Stern” wurde Dominik Wichmann als Chefredakteur gefeuert, obwohl er den Auflagensturz spürbar gemindert hat. Erfahren hat er dies über den Anruf eines Medienjournalisten und nicht von seinem Arbeitgeber. Allerdings war auch mir zu Ohren gekommen, dass bei weitem nicht jeder in der Redaktion von Wichmanns Art begeistert war. Sein Nachfolger ist der bisherige “Gala”-Chefredakteur Christian Krug.

Beim “Spiegel” dagegen spaltet sich die Redaktion: Vor allem die Print-Leute stellen sich gegen Chefredakteur Wolfgang Büchner, ein Hauptkritikpunkt soll laut Medienberichten sein, dass Büchner ein Redaktionsmanager und kein Autor und Blattmacher sei. Außerdem blickt immer wieder durch, dass es eine Abneigung der Papierbeschreiber gegenüber den Internetfüllern gibt. Büchner und Geschäftsführer Ove Saffe wollen in den kommenden zwei Jahren sämtliche Ressortleiterposten neu ausschreiben lassen und dabei dafür sorgen, dass Ressortleiter künftig Print und Online verantworten. Nun gehört aber der “Spiegel” mehrheitlich einer Mitarbeiter-KG, an der die Onliner jedoch nicht beteiligt sind.

Heute könnte es deshalb einen Showdown geben, wie die “FAZ” berichtet: “225 Redakteure des Magazins und eine ganze Reihe von Mitarbeitern aus der Dokumentation und den Sekretariaten fordern die Vertreter der Mitarbeiter KG auf, beim Treffen der Gesellschafter am Freitag den Plan des Chefredakteurs Wolfgang Büchner für einen „Spiegel 3.0“ abzulehnen. Der Gesamtbetriebsrat fordert dies auch.”

Passiert dies, dürften Büchner und Saffe ihren Posten räumen, der “Spiegel” wäre führungslos. 

Ich kann mir vorstellen, was Sie denken, wenn Sie mit Medienschaffenden selten Berührung haben. Nämlich:

WTF?!?

Weshalb ich versuchen möchte, Ihnen diese seltsame Spezies namens Journalist ein wenig näherzubringen, zumindest so, wie ich sie in den vergangenen 22 Jahren kennengelernt habe. [click to continue…]

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