Gerne wird von hochrangigen Journalisten behauptet, Blogger würden ständig Streitereien beginnen. Es gebe doch keine zwei Seiten und jetzt sei doch endlich mal Schluss mit den Käbbeleien.
Tatsächlich aber ist es anders herum. Es sind Journalisten, die immer noch nicht fassen können, dass Menschen einfach mal so unter Verwendung einer Software namens Weblog Dinge veröffentlichen. Ein Beispiel dafür ist Sven Prange von meinem Ex-Arbeitgeber Handelsblatt. Er schreibt heute:
“Es ist kein Zufall, dass viele Blogs und Foren vor allem reproduzieren. Alle schmarotzen aus der reellen Welt.”

Nun ist es die eine Sache grundsätzlich unterschiedliche Dinge wie Blogs und Foren in einen Topf zu werfen. Aber bitteschön – die “reelle” Welt? Nach Wörterbuch wäre dies eine Welt in angemessenem Umfang oder eine Welt, die sich auf die Realität bezieht – womit sie logischerweise nicht die Realität selbst wäre. Vor allem: Woraus “schmarotzt” das “Handelsblatt”? Aus der Virtualität? Angesichts von Titelgeschichten, in denen demonstrativ der Kauf griechischer Staatsanleihen gefordert wird oder China zum Vorbild der westlichen Welt (nein,Menschenrechte und Umwelt tauchten in dem Stück nicht groß auf) empor gehoben wird, darf man antworten: Ja, das könnte die Erklärung sein.
Nachtrag: Und ganz nebenbei: Aus Twitter zitieren klassische Medien in Deutschland laut Media-Tenor häufiger als “Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung” oder “Stern”, Facebook liegt schon vor der ARD.
Dieser dumme Satz ist Teil des heutigen Titelthemas, in dem es um Urheberrecht geht. Die längste Strecke davon sind Stimmen von Menschen, die zwar nicht mal zur Hälfte tatsächlich Urheber sind, aber trotzdem eine Meinung haben (ja, sogar “Model und Moderatorin” Alena Gerber). Und die lautet größtenteils: Bloß nichts am Urheberrecht ändern.
Jener Einstiegsartikel beginnt mit Romanautorin Julia Franck, die sagt es erscheine ihr als Irrglaube, wenn im Internet geistige und künstlerische Errungenschaften für den Privatgebrauch kostenlos heruntergeladen werden. Ach so. Wenn das ein Irrglaube ist, dann gibt es ja gar kein kostenloses Herunterladen. Ich hoffe, Franck drückt sich in ihren Büchern pointierter aus. Was sie vermutlich meint: Man dürfe im Internet keine Werke für den Privatgebrauch kostenlos herunterladen (für den beruflichen schon? Interessant.). Stimmt. Darf man nicht. Ist verboten.
Es folgt Katharina Kress, die teilweise zwei bis drei Jahre an Drehbüchern schreibt. Warum, fragt sie, solle sie das tun, wenn sie nicht davon leben kann? Gute Frage. Nur ist die Erfahrung von Frau Kress (was das “Handelsblatt” verschweigt) im Nicht-davon-leben-können ausbaubar. Denn bis Februar 2010 absolvierte sie laut ihres Xing-Profils das Aufbaustudium Drehbuch an der Filmakademie Baden-Württemberg. Schon zuvor begann sie das Drehbuch für die Verfilmung des Romans “Scherbenpark” zu schreiben, dessen Verfilmung Ende 2011 beendet wurde – er soll jetzt in die Kinos kommen. Sprich: Kress ist eine junge und sicherlich talentierte Schreiberin, deren erstes richtiges Werk aber noch nicht öffentlich ist.
Dann kommt Knut Hechtfischer, ein Jurist und Geschäftsführer von Ubitricity (das “Handelsblatt verschweigt den Namen des Unternehmens, warum auch immer), einem Entwickler einer neuen Infrastruktur für Elektroauto-Ladestationen. Er sagt, dass der Lohn von Pionierarbeit sich im “virtuellen Nichts” (das Gegenstück zur reelen Welt?) auflöst, wenn eine spannende Idee sofort zum Allgemeingut wird.
Dieser Meinung kann man sein, muss man aber nicht. Denn im Umkehrschluss hätte es wenig Fortschritt gegeben bis zum ersten Urheberrecht im 18. Jahrhundert.
Gut, aber wer will das?
Das Abschaffen der Urheberrechte, das große Chaos, das die Kreativen verarmen lässt?
Wer will uns verraten?
Sie ahnen es: Piraten
(Günter-Grass-Gedenk-Passage).
Zititert wird dabei der Berliner Piraten-Geschäftsführer Martin Delius. Im Bild taucht er nicht auf – sondern Marina Weisband. Die darf zwar nichts im Artikel sagen, ist aber Frau und attraktiv, der Artikel dagegen wurde von einem Mann geschrieben in einer Redaktion, in der weibliche Führungskräfte Mangelware sind. Also Weisband, weil hübsch.
Schmarotzen wir in der Welt des “Handelsblatts” und zitieren jene Passage, die an Manipulation reich ist:
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