Peter Praschls Eigentor

by Thomas Knüwer on 1. September 2014

Es ist ein wenig lustig, wenn die Vernetzungen der Medienkonzerne so zusammenlaufen, dass Autoren sich selbst widerlegen.

Peter Praschl hat für die “Welt am Sonntag” ein Lobeslied auf Zeitungen geschrieben. Mein Text über Journalisten wird auch erwähnt:

“Kaum war Wichmann beim “Stern” Vergangenheit, meldete sich in einem Mediendienst der Leader einer Leadership Academy mit einer führungspsychologischen Fernexpertise, und als der Chefredakteurs-Alarm für den “Spiegel” anschlug, ließ Thomas Knüwer, ehemals Journalist, nun “Digital Consultant”, in seinem Weblog wissen, wie Journalisten (Fußvolk, Ressortleiter und Chefredakteure) so ticken. Seinen Ausführungen ließ sich eigentlich nur entnehmen: Da sind lauter Deppen unterwegs, die die Einschläge noch immer nicht gehört haben. Vermutlich weil sie ihm gegenüber so beratungsresistent sind.”

Leider reichte Praschls Recherchedrang nicht, um nachzuschauen, was kpunktnull so tut. Denn Journalisten beraten wir gar nicht und Medienhäuser nur in Ausnahmefällen (weshalb sie einen sehr geringen Anteil am Umsatz des Unternehmens haben).

Vor allem aber singt er ein Loblied auf die ach so zeitgemäßen Online-Aktivitäten der Zeitungskonzerne:

“Das Verrückte an all dem ist: Auch wenn noch so viele Kommentatoren das Gegenteil behaupten, sind die Printmedien erstaunlich gut. Längst haben sie sich erneuert. Sie unterhalten kostspielige Investigativteams, pflegen ihre Edelfedern, bemühen sich darum, verständlich und unterhaltsam zu sein, beschäftigen in ihren Redaktionen junge und unorthodoxe Kollegen, sind meinungs- und debattenstark, kümmern sich recht kompetent auch um Bereiche, die von den alten Hasen verachtet wurden – Mode etwa oder Frauenthemen, die sich nicht mit Bikini- oder Plätzchenfotos illustrieren lassen. Und längst haben sie alle Websites, auf denen man sich nicht nur festlesen, sondern auch den Schreiberlingen mitteilen kann, wie wenig man von ihren Ergüssen hält.

So zeitgemäß sind Praschl und sein Arbeitgeber, dass er dieses Blog namentlich nicht nennt und Welt.de natürlich auch nicht auf den Text verlinkt. Eine Volltextsuche funktioniert ebenfalls nicht. Dafür aber wird der Text syndiziert an das “Hamburger Abendblatt”. Dort sind Kommentare nicht möglich.

Tja, so ist das den Medien im Jahre 2014: Es ist nicht so einfach, wie sich das mancher Journalist so vorstellt.

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Das ZDF zwingt mich zum Äußersten. Ich muss die Samwer-Brüder in Schutz nehmen.

Denen stehe ich höchst kritisch gegenüber. Sie kopieren hemmungslos Ideen anderer Unternehmer, sie benehmen sie gegenüber Mitarbeitern elendig schlecht, sie ziehen Investoren mit wenig Ahnung von digitalen Geschäften über den Tisch. Und meine Prognose für Zalando ist, dass zwei bis drei Jahre nach dem Börsengang Götterdämmerung angesagt ist.

samwer

Doch spulte Frontal21 in dieser Woche eine Dokumentation ab, die nicht nur unjournalistisch – weil vollständig voreingenommen – war, sondern an der sich auch sehr gut zeigen lässt, wie Fernsehmagazine im öffentlich-rechtlichen Programm Zuschauer manipulieren, wie sie die Wirtschaft dämonisieren und das nicht einmal auf eine handwerklich saubere Art und Weise.

Schauen wir uns also einmal jenen Frontal21-Beitrag en detail an. Und ich muss schon jetzt warnen: Das wird lang.

Also…

Der erste Satz lautet:

“Er ist einer der reichsten Deutschen – doch kaum bekannt.”

Man könnte auch sagen können, dass der Herr (Oliver Samwer) so viele Firmen gründet, wie kaum ein anderer. Doch Reichtum ist in vielen Teilen des deutschen Journalismus inzwischen zum Synonym für Anrüchigkeit geworden. Und natürlich muss hier Spannung erzeugt werden, deshalb wird behauptet, er sei kaum bekannt.

Nur, woran bemisst sich das kaum bekannte? Wer sich für Wirtschaft generell interessiert, der dürfte über die Samwers seit 15 Jahren immer wieder gestolpert sein. Da waren die Alando-Geschichten zur Jahrtausendwende, die Hintergrundstorys über Jamba und nun über Zalando. Da waren “Handelsblatt”-Titelgeschichten und welche im “Manager Magazin”. Und da waren Berichte über die Arbeitsbedingungen bei Zalando auf RTL. “Kaum bekannt” bemisst sich also an jemand, der kein Interesse an Wirtschaftsberichterstattung hat. Er ist anscheinend die Zielgruppe des Beitrags. Das hat auch einen Vorteil: Er wird das Folgende nicht hinterfragen.

“Seine Geschäfte jedoch kennen Millionen.”

Auch hier ist Wortwahl wichtig. “Seine Unternehmen kennen Millionen” ist neutral bis positiv. “Geschäft” aber, das steht im TV-Journalismus für “nicht koscher”.

Und damit klar wird, dass diese Geschäfte nicht sauber sein können, müssen welteroberische Ziele ausgegeben werden – selbst wenn sie nie ausgesprochen wurden und es keinen Beleg dafür gibt. Frontal21 beamt sich in das Hirn der Samwers: [click to continue…]

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“Ja, ich hab da irgendwo was auf Facebook gesehen…”

Dies ist derzeit bei einigen Menschen in meinem Umfeld, die nicht was mit Medien oder Journalismus machen, die Reaktion auf die Meldungen aus den Redaktionen von “Stern” und “Spiegel”. Denn seien wir ehrlich: Außerhalb der medialen Filterblase ist das Interesse an diesen Scharmützeln eher begrenzt, es gibt Wichtigeres wie die Ukraine-Krise, die IS, den Bundesligastart oder die Ice Bucket Challenge.

spiegel affäre II(Screenshot aus “Die Spiegel-Affäre”)

Deshalb für die Nicht-so-sehr-Medialen eine kurze Zusammenfassung:

Beim “Stern” wurde Dominik Wichmann als Chefredakteur gefeuert, obwohl er den Auflagensturz spürbar gemindert hat. Erfahren hat er dies über den Anruf eines Medienjournalisten und nicht von seinem Arbeitgeber. Allerdings war auch mir zu Ohren gekommen, dass bei weitem nicht jeder in der Redaktion von Wichmanns Art begeistert war. Sein Nachfolger ist der bisherige “Gala”-Chefredakteur Christian Krug.

Beim “Spiegel” dagegen spaltet sich die Redaktion: Vor allem die Print-Leute stellen sich gegen Chefredakteur Wolfgang Büchner, ein Hauptkritikpunkt soll laut Medienberichten sein, dass Büchner ein Redaktionsmanager und kein Autor und Blattmacher sei. Außerdem blickt immer wieder durch, dass es eine Abneigung der Papierbeschreiber gegenüber den Internetfüllern gibt. Büchner und Geschäftsführer Ove Saffe wollen in den kommenden zwei Jahren sämtliche Ressortleiterposten neu ausschreiben lassen und dabei dafür sorgen, dass Ressortleiter künftig Print und Online verantworten. Nun gehört aber der “Spiegel” mehrheitlich einer Mitarbeiter-KG, an der die Onliner jedoch nicht beteiligt sind.

Heute könnte es deshalb einen Showdown geben, wie die “FAZ” berichtet: “225 Redakteure des Magazins und eine ganze Reihe von Mitarbeitern aus der Dokumentation und den Sekretariaten fordern die Vertreter der Mitarbeiter KG auf, beim Treffen der Gesellschafter am Freitag den Plan des Chefredakteurs Wolfgang Büchner für einen „Spiegel 3.0“ abzulehnen. Der Gesamtbetriebsrat fordert dies auch.”

Passiert dies, dürften Büchner und Saffe ihren Posten räumen, der “Spiegel” wäre führungslos. 

Ich kann mir vorstellen, was Sie denken, wenn Sie mit Medienschaffenden selten Berührung haben. Nämlich:

WTF?!?

Weshalb ich versuchen möchte, Ihnen diese seltsame Spezies namens Journalist ein wenig näherzubringen, zumindest so, wie ich sie in den vergangenen 22 Jahren kennengelernt habe. [click to continue…]

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Uber, die Taxis und der Markt

by Thomas Knüwer on 15. August 2014

Mitte Juni, Berlin, Hitzewelle. Ankommen am Flughafen, zwangsweise (ich weiß, man könnte sich wehren, doch das würde nur lange Debatten bringen) das vorderste Taxi in der Tegeler Schlange nehmen. Es ist eine für Berliner Verhältnisse – und die sind schlimm – gar nicht so fürchterlich abgeranzte Mercedes E-Klasse.

Ich schwitze. Der gebrochen Deutsch sprechende Fahrer kennt das Fahrziel nicht, dafür gibt es heute wenigstens Navigationssysteme. Ich bitte ihn, angesichts von über 30 Grad die Klimaanlage zu aktivieren. Antwort: “Geht nicht. Kaputt.”

Als ich aus dem Fahrzeug, steige ist mein Hemd nass. Das Trinkgeld fällt überschaubar aus und es wird in den Berliner Tagen meine letzte Taxifahrt werden – denn danach buche ich Limousinen von Uber.

Über dieses Startup wird derzeit nun in ganz Deutschland diskutiert. Leider geht es wieder einmal allen darum, eine Technologie zu verhindern und das, was heute da ist um jeden Preis erhalten – selbst auf Kosten der Bürger.

uber car(Foto: Uber)

Um mit den Details, die in diesem Feld sehr wichtig sind, anzufangen: Ich bin keineswegs voll auf der Seite von Uber. Denn jene Leistung, die derzeit in vielen Städten verboten wird, heißt Uber Pop – und mit der habe ich auch meine Probleme. [click to continue…]

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Hey, “FAS”-Zeitungsopas, kriegt Euren Arsch hoch!

by Thomas Knüwer on 13. August 2014

Manchmal ist das Leben eine ironische Sau.Das dachte ich am Sonntag Abend, als ich auf dem Domplatz in Salzburg saß.

Ich hatte das große Glück, eine Karte für den “Jedermann” der Salzburger Festspiele erhalten zu haben. Es war eine wundervolle, bunte Inszenierung rund um die uralte und sehr moralkeulerische Geschichte jenes bestens Begüterten namens Jedermann, den der Tod abberufen will. Weil er aber mit Recht Furcht vor Gottes Urteil über seinen expansiven Lebensstil hat, bittet er um einen Aufschub und erkennt, wieviel und was er falsch gemacht hat.

jedermann 1

Am gleichen Tag war in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” ein langer Text erschienen, der fast geschrieben scheint wie von einem, auf dessen Visitenkarte steht: “Rainer Jedermann, Redakteur”.

“In eigener Sache” ist er überschrieben und er hat für einiges Aufsehen gesorgt. Denn zum ersten Mal gestehen hier drei Redakteure des “FAZ”-Reichs ein, dass ihr Arbeitsplatz akut gefährdet ist. Die Wirtschaftsautoren Rainer Hank, Patrick Bernau und Winand von Petersdorff erzählen darin in über 28.000 langen Zeichen, wie Tageszeitungen in ihre existenzgefährdende Krise gerutscht sind.

Dass die drei dies so offen schreiben, verdient höchsten Respekt. Denn wer es wagt, das Überleben von Zeitungen in Frage zu stellen, wird von ihren Vertretern verhöhnt, abgetan, ja, beleidigt. Ein freier Mitarbeiter der “FAZ” titulierte jene, die Kritik an den Zeitungskonzernen üben, vergangenes Jahr als “Internet-Opas”, die behaupten, dass sie alles schon geschrieben hätten, tatsächlich aber keine Lösungsansätze präsentierten.

Deshalb noch einmal: Hut ab vor Bernau, Hank und von Petersdorff.

Aber.

Dieser Artikel zeigt, wo das größte Problem der Verlagskonzerne und ihrer Redaktionen sind: Sie haben noch immer nicht begriffen was passiert und dass es nicht reicht, sich ein wenig zu inkommodieren, um weiterhin den Lebensunterhalt mit Journalismus zu verdienen.

Im Folgenden, übrigens, werde ich einige Passagen zitieren und schon beginnt ein von den Autoren ignoriertes Problem: Eigentlich dürfte ich das vielleicht gar nicht – dank des Unsinns namens Leistungsschutzrecht. Dass dieses Wahnsinnsgesetz, durchgedrückt durch die Verleger-Lobby nicht auftaucht, ist schade. Denn es könnte ein Mittel sein, eine junge Generation noch weiter von der Verlagsindustrie zu distanzieren als ohnehin schon. 

Leute, wie die 22-jährige Tochter eines der Autoren. Sie muss als Testimonial herhalten, obwohl sie leicht zu ergoogeln ist (hoffentlich hat Papa vorher gefragt, ob er ihren Namen verwenden darf). Jene Tochter also, liest nur noch gelegentlich Zeitungen und besitze kein Abo mehr. Tim Koch hat dies auf Facebook sehr pointiert kommentiert:

“Die nächsten Themen dann: Sohn Daniel (21) hat gar keinen Festnetzanschluss mehr, Nichte Johanna (24) isst kein Fleisch mehr und ihr Freund Max (25) war noch nie in seinem Leben in einer Kirche.”

Damit stehe sie nicht allein, schreiben die “FAS”ler:

Damit ist sie im Einklang mit den Mitstudenten aus ihrem Freundeskreis. Die lesen auch alle selten bis nie Zeitung. Gerade noch zehn Minuten am Tag widmen die 14- bis 29-Jährigen heute im Schnitt der Zeitungslektüre. Ihre Eltern reservieren dafür dreimal so viel Zeit. Das geht aus der ARD/ZDF-Langzeitstudie „Massenkommunikation 2011“ hervor.”

Äh… 2011? [click to continue…]

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Am 15. Juni ist in Düsseldorf etwas passiert, worauf einige Wochen vorher kaum jemand öffentlich gewettet hätte: Die Stadt bekam einen neuen Oberbürgermeister.

Vielleicht interessiert das Leser außerhalb des Rheinlandes wenig, lesen Sie aber trotzdem weiter. Denn dieser Wechsel zeigt aus meiner Sicht, warum “pluralistische Ignoranz” eine Idee ist, die zu den Spannendsten und Wichtigsten in der digitalen Mediengesellschaft gehört.

Dazu muss ich für die Auswärtigen ein wenig ausholen….  (Und ich fürchte, die Soziologen unter den Lesern werden das Folgende grauenhaft finden.)

Schon im Sommer 2013 rumorte es mächtig bei den Menschen, die ich auf Düsseldorfer Veranstaltungen traf. Da waren Mittelstandslenker, die sich über die Arroganz des amtierenden OB Dirk Elbers ärgerten oder Stadtangestellte, die von liegen bleibenden Entscheidungsvorlagen berichteten. Wer das intern kritisiere, so die Verwalter, werde angeblafft oder kalt gestellt. Düsseldorfer Medien dagegen ließen ihren Frust über mangelnde Informationen in Lokaljournalistenkreisen ab, auch darüber, dass Elbers Pressesprecherin die “NRZ” nicht mehr mit Infos versorge, weil die Zeitung aus dem Funke-Konzern so kritisch schreibe. Und dass diese Sprecherin ständig fordere, der Oberbürgermeister müsse mit Foto abgebildet werden. Genauso ärgerten sich sozial Engagierte über die rasante Zweiteilung der Stadt in Reich und Arm, Kulturfreunde wüteten über den Kulturdezernenten, der die Intendantensituation im Theater zu einem Desaster hat werden lassen und keine Lust zeigte, das junge und dynamische Museum NRW-Forum zu retten.

Doch trotzdem sagte jeder: “Aber Elbers wird ja doch wieder gewählt.”

shutterstock ignoranz drei affen

Das spiegelten auch die lokalen Medien wider. Von denen gibt es in Düsseldorf noch immer eine Menge: “Rheinische Post”, “Westdeutsche Zeitung”, “Express”, Antenne Düsseldorf und Center-TV. Sie alle zeigten Dirk Elbers in seiner ganzen (Selbst)Herrlichkeit. Einzige Ausnahme: Die “NRZ” mit ihrer winzigen Auflage.

Als die SPD dann im April den völlig unbekannten Thomas Geisel nominierte, taten die Lokalredaktionen wenig, um ihn bekannter zu machen. “Zählkandidat” war der Begriff, der die Runde machte. Erst eine Woche vor der ersten Wahl am 25. Mai wagte sich die “RP” ein wenig nach vorn. Es gab zwei, drei kritische Berichte über Elbers, so weit ich das gesehen habe.

Es kam der 25. Mai – und der Düsseldorfer Teil meiner Timeline kriegte sich kaum noch ein: Thomas Geisel erzwang mit 38 Prozent die Stichwahl. Am Morgen war man noch Protestwähler, nach den ersten Hochrechnungen Teil eines substanziellen Teils der Bevölkerung.

Diese Erkenntnis ist der der Bruch der pluralistischen Ignoranz. Mit diesem Begriff bezeichnen Soziologen eine Situation, in der viele Menschen einer Gruppe eine Situation deshalb als gegeben hinnehmen, weil sie glauben, dass sie mit ihrer Meinung, es müsse sich etwas ändern, allein sind. Erst wenn sie sehen, dass sehr viele Menschen ihre Meinung vertreten, wird diese Ignoranz gebrochen.

So wie in Düsseldorf: Das Ergebnis der ersten Wahl sorgte für einen großen Aufschwung Thomas Geisels. Während Amtsinhaber Elbers vielleicht selbst jener pluralistischen Ignoranz erlag und glaubte, die Bürger ständen hinter ihm, füllte Geisel das Social Web (nicht immer glücklich, aber immer motiviert) mit seinen Botschaften. Am Ende musste auch die konservative “Rheinische Post” gestehen, dass diese Internetaktivitäten des SPDlers maßgeblich den Wahlausgang beeinflusst hatten. Denn bei der Stichwahl lag Geisel von Anfang an vorne – vom Zählkandidaten zum überlegenen Sieger durch den Bruch der pluralistischen Ignoranz.

Für jede Art von journalistischem Medium sollte dies nicht neu sein. Es ist das Kerngeschäft von Medien, pluralistische Ignoranzen zu finden und öffentlich zu machen. Die “Bild” war einst hervorragend darin, die Stimmung des Volkes in eine Schlagzeile zu packen. “Stern” und “Spiegel” taten dies mit Meta-Themen abseits der Nachrichtenlage. Und im Lokaljournalismus sollte es eigentlich dazu gehören, die Stimmung des Volkes in Worte zu fassen. So gelang es Medien, Themen zu setzen oder, wie es heute heißt, die “Agenda zu bestimmen”.

Tja, nur funktioniert das heute so nicht mehr. [click to continue…]

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Die unerträgliche Langsamkeit der Verlagskonzerne

by Thomas Knüwer on 30. Juli 2014

Vor rund anderthalb Jahren schrieb ich einen langen, langen Rant über die Paid Content-Wirklichkeit deutscher Verlage. Und mal abgesehen davon, dass die allerallerallermeisten Verlage derzeit keine Inhalte produzieren, die in der Digitalität Zahlungsbereitschaft auslösen würden, kritisierte ich den simplen Kaufvorgang. Apps, beispielsweise ernteten heftige Kritik in den entsprechenden Stores. E-Paper-Bestellungen wurden über Tage hinweg bearbeitet und brauchten dann Tage, um freigeschaltet zu werden. Abo-Bestellungen ohne nutzlose Prämien waren nur schwer zu finden, ihre Preise noch schwerer. Anderenorts wurden Kunden dagegen mit Nepper-Schlepper-Leserfänger-Angeboten über den Tisch gezogen.

online gehen

Nun gehöre ich ja auch zu jenen Kritikern, die immer wieder bemäkeln, wie langsam Verlagskonzerne beim digitalen Wandel, wie unendliche Monate vergehen, bis irgendetwas umgesetzt ist. Dies wird mir gerne mal vorgehalten, ich sei ein Kritikaster und würde nicht anerkennen, wie toll die Arbeit der Medienindustrie ist und wie viel sich ändert.

Seit jenem Blog-Artikel sind 18 Monate ins Land gezogen. Ist die ganze Sache besser geworden?

Anscheinend nicht. Höchst belustigt verfolgte ich jüngst die Menschwerdung von Roland Tichy, dem frisch abgesetzten Chefredakteur der “Wirtschaftswoche”. Er gehörte sicher zu den ersten Chefredakteuren, die so richtig verstanden haben, was sich mit Twitter anfangen lässt. Nun ist er gerade dabei, seine Informationsflüsse neu zu ordnen und setzte an, Digital-Ausgaben der wichtigsten Tageszeitungen zu ordern. Heraus kam – ein Twitter-Rant: [click to continue…]

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Eine der lustigsten Geburtstagsfeiern meines Lebens ereignete sich 1993 in einem mexikanischen Restaurant zwischen Berkeley und Oakland. In jenen Tagen besuchte ich die Uni Berkeley und mein Freundeskreis dort lud mich in jenes Lokal ein, bei dem jedes Geburtstagskind überfallen wurde. Irgendwann nach der Hauptspeise schlichen sich die Kellner an, stülpten dem Opfer einen Sombrero über und stimmten “Happy Birthday” an, gefolgt von der Reichung eines Schokokuchens mit Kerze drin.

Eigentlich schön. Der Überraschungseffekt jedoch war begrenzt, denn ungefähr 10 andere Menschen vor mir wurden derart beglückt – da hat man das Prinzip doch irgendwann begriffen. Gerade diese Häufung machte andererseits die Skurilität des Abends aus.

bahn geburstag hp

Nach meinem Pass hat mich dort niemand gefragt, es reichte der wispernd vorgetragene Hinweis an das Personal von Seiten meiner Freunde. Und so bin ich mir auch nicht sicher, ob tatsächlich alle Besungenen an jenem Sommerabend tatsächlich ihren Ehrentag feierten – oder einfach nur einen Schokokuchen abziehen wollten. Dem Restaurant dürfte es egal gewesen sein: Das finanzielle Investment für solch eine Feier ist überschaubar und gleichzeitig bringt es dann eben vor allem Gruppen von Gästen ins Haus.

Das Beispiel zeigt: Schon immer nutzten Unternehmen die Geburtstage von Kunden als Kommunikationsanlass und Chance, Geschäfte zu machen. Das mit dem Geschäfte machen ist dabei nicht einmal aufdringlich: Angebote wie Geburtstagsrabatte nimmt wohl niemand als echte Herzlichkeit, aber, hey, wenn es ein Sonderangebot gibt kann man ja mal schauen, ob es einem passt.

In den Vor-Internet-Zeiten gab es nur einen Haken: Unternehmen kamen nicht an das Geburtsdatum von Kunden. Selbst Katalogversender fragten so etwas nicht ab, stationäre Händler erst recht nicht. Hersteller? Bestenfalls im Autobereich.

Im Web hinterfragen Kunden dagegen recht selten, welche Daten sie eingeben müssen. Eine substanzielle Zahl von ihnen nimmt nicht einmal wahr, ob ein Eingabefeld pflichtmäßig gefüllt werden muss oder der Freiwilligkeit obliegt. Hinzu kommt die steigende Zahl von Kundenkarten, die Konsumenten ebenfalls zur Preisgabe von Daten wie dem Geburtstag verlocken.

Eigentlich also ließe sich das simple Geburtsdatum wunderbar in Kundenpflege, Kommunikations- und Umsatzanlässe verwandeln. Tatsächlich wurde daraus jedoch eine absurde Freakshow, die Verbraucher sicher eher die Frage in die Köpfe hämmert, wie billigheimerisch selbst große Unternehmen eingestellt sind.

Wie man es richtig macht, zeigt beispielsweise MyMuesli. Der Müsliversender schickte über einige Jahre zum Geburtstag einen Rabatt-Code, der den Lieferkosten eines Paketes entsprach. Das ist nicht übermäßig, aber eben ganz nett. Und weil solche Codes zeitlich begrenzt sind, könnte man einen gewissen Anstieg der Bestellungen annehmen. In diesem Jahr ist etwas anders: Es scheint, MyMuesli möchte weg von den selbst zusammengemixten Mischungen und hin zu vorgefertigten. Weshalb mich diesmal ein Code erreichte, der sich bei der nächsten Bestellung in eine Dose Geburtstagsmüsli verwandelt. Unglücklicherweise mit weißer Schokolade. Und die mag ich nicht, erst recht nicht im Müsli. Trotzdem: Kann man so machen.

Doch damit ist MyMuesli die Ausnahme.

Steigern wir die Absurditätenliste und beginnen mit schlichter Unkreativität – bei Xing. [click to continue…]

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Soll Native Advertising in der Hölle schmoren?

by Thomas Knüwer on 17. Juli 2014

Ich habe nichts gegen Buzzwords. Wir brauchen in allen Lebensbereichen Begriffe, die aktuelle Entwicklungen und fachliche Zusammenhänge auf den Punkt bringen (mehr zum Thema hier). Doch weil das Digitale ein sich so rasch wandelndes Feld ist, haben Buzzwords ein schlechtes Image, denn ihre Definitionen verändern sich ebenfalls – wenn es überhaupt greifbare Beschreibungen gibt. Dies führt dazu, dass aktuelle Begriffe und Entwicklungen des digitalen Geschäfts etwas Anrüchiges bekommen: Es setzen sich alle drauf und erklären, ihr Stammgeschäft sei ja genau das, was jener Begriff umschreibe.

Beispiel Content Marketing: Jeder Corporate Publishing-Dienstleister erklärte mit einem Mal, sein Feld sei das des Content Marketing. Und deshalb glauben dann viele, die sich weniger intensiv mit der Materie befassen, Content Marketing sei einfach alter Mist in neuen Silos, was einfach falsch ist.

Der neueste Fall ist Native Advertising. Nicht nur bei “Horizont”, das in den vergangenen zwei Jahren subjektiv deutlich schneller im Erkennen und Debattieren solcher Trends geworden ist, geistert der Begriff seit Jahresanfang umher. So schrieb der “Spiegel”: “Mit „native advertising“ erreicht die bewusste Irreführung der Leser eine neue Qualität: Sie wird zu einem gängigen Stilmittel der Werbung, vor allem im Netz. Dort lassen sich Inhalt und Reklame deutlich einfacher und billiger verbinden als in gedruckten Medien.” Das wieder veranlasst Stefan Niggemeier dazu, genau diese Vermischung am Beispiel WestLotto bei Spiegel Online anzuprangern, während Meedia bereits die “fünf beliebtesten Irrtümer” über Native Advertising auflistet.

Ist dies also der neue Anti-Christ für Journalisten, dieses Native Advertising? Soll er schmoren im ewigen Fegefeuer?

hölle

Ich fürchte, so leicht wie der “Spiegel” – und eine ganze Reihe anderer Journalisten – es sich machen, ist es nicht. Denn sie setzen Native Advertising recht plump mit Schleichwerbung gleich. Womit wir mittendrin in einer Definitionsdebatte sind…

Wie schwer es mit solch einer Definition ist, zeigt Wikipedia. Die deutsche Variante definiert Native Advertising so: “… ist eine Form der Internetwerbung, bei der versucht wird, die Aufmerksamkeit der Internetnutzer durch ein Angebot von Inhalten zu erlangen. Die Inhalte ähneln stark dem Angebot, das den Internetnutzern bereits bekannt ist und wird so platziert, dass es primär nicht als Werbung erkannt wird. Die Absicht der Werbenden ist es, die bezahlte Werbung so zu gestalten, dass diese weniger aufdringlich wirkt und doch die Aufmerksamkeit der Nutzer auf sich zieht.”

Die angelsächsische Ausgabe dagegen schreibt: “… is an online advertising method in which the advertiser attempts to gain attention by providing content in the context of the user’s experience. Native ad formats match both the form and function of the user experience in which they are placed. The advertiser’s intent is to make the paid advertising feel less intrusive and thus increase the likelihood users will click on it. The word “native” is used to refer to the formatting of the advertising materials to make them appear more consistent with other media in the recipient’s universe.”

Bemerkenswert: Beide beschränken Native Advertising auf den Online-Bereich. Ich halte das für falsch: Native Advertsising ist in jedem Medium möglich.

Der wichtigste Unterschied besteht für mich aber in der Fokussierung der englischen Wikipedia auf Kontext und Nutzererlebnis, während die deutsche Ausgabe auf die Ähnlichkeit abstellt.

Ich bin geneigt, eher in Richtung der englischen Ausgabe zu tendieren. Denn beschränken wir Native Advertising auf “Ähnlichkeit” landen wir ganz schnell bei einer typischen Zeitungs- oder Zeitschriftenbeilage. Sie ähnelt, je nachdem, wie eng der Verlag die Grenzen zieht, dem journalistischen Teil des Produktes. Durch Begriffe wie “Verlagsveröffentlichung” oder “Beilage” soll versteckt werden, dass die regulären journalistischen Standards in jenem Segment nicht gelten, im Extremfall die Inhalte sogar von Anzeigenkunden vorgegeben werden. Hier geht es traditionell darum, den Leser zu täuschen.

Auch online ist des Spiel bekannt. [click to continue…]

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Hass macht blind. Google-Hass macht blöd.

by Thomas Knüwer on 10. Juli 2014

Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, und durch ihn kommt niemand zu Fall. Wer aber seinen Bruder hasst, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht; denn die Finsternis hat seine Augen verblendet.” 

So steht es im ersten Buch Johannes. Die Management Summary dieser Passage ist: Hass macht blind.

Ein Beispiel dafür ist “FAZ”-Redakteur Michael Hanfeld, dem man ohnehin nicht vorwerfen kann, durch journalistische Unvoreingenommenheit getrübt zu sein. Sein jüngstes Pamphlet (auf das sich aus Leistungsschutzgründen leider nicht verlinken kann – zu hohe Rechtsunsicherheit) käut einen Blogartikel von NPR wider, dem öffentlichen Rundfunk in den USA. In Zeiten der Leistungsschutzrechtsdebatte ist es dabei unterhaltsam, dass Hanfeld aus einem Blog-Post einen Artikel von praktisch gleicher Länge zimmert, der außer Meinung keine einzige, zusätzliche Information enthält.

Nun gut, dieTech-Reporterin Aarti Shahani von NPR war während des Sieges der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien in einem Newsroom Googles zu Gast, der aus den einlaufenden Daten Informationen für die Social Media Accounts des Internet-Unternehmens generiert.

shutterstock vorurteil Hass

Während die brasilianische Mannschaft unterging vermied Google die Verwendung negativer Begriffe wie “zerstören” oder “demütigen”. Wohlgemerkt: Man entschied sich auf den eigenen Social Media Präsenzen kein “Salz in die Wunden” der Brasilianer zu reiben, wie Google-Producer  Sam Clohesy sagt. Durchaus verständlich für ein international tätiges Großunternehmen. Und nur, um das nochmal deutlich zu sagen: Es handelt sich hier allein um die Inhalte der Firmen-Accounts von Google. Dieser Text von  Shahani ist überschrieben mit: “Im Google Newsroom ist die brasilianische Niederlage keine Schlagzeile”. Was so faktisch auch nur halbrichtig ist.

Bei der “FAZ” aber grassiert Google-Hass. Und so prügelzeilt Hanfeld: [click to continue…]

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