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immmr – die Totgeburt ist von uns gegangen

Vor zwei Jahren bekam ich für einen Blogeintrag heftigen Gegenwind (weniger hier in den Kommentaren als vielmehr auf Twitter und Facebook). Dieser drehte sich um immmr (ja, wirklich mit 3 m), einen Messenger der Deutschen Telekom.

Nun bekommt man immer viel Gegenwind, wenn man etwas gegen die Deutsche Telekom schreibt. Denn es gibt intern Mitarbeitergruppen, die solche Einträge systematisch zu Gunsten ihres Arbeitgebers kommentieren. Dies haben mir nicht nur Telekom-Mitarbeiter bestätigt, nein, mancher vergisst auch, dass seine IP-Adresse Aufschluss über sein Beziehungen zur Deutschen Telekom gibt. Übrigens: In anderen Unternehmen würde eine rigide Durchsetzung von Social Media Guidelines ein solche Mitarbeiterverhalten sanktionieren – aber das muss ja jeder Arbeitgeber für sich selbst entscheiden.

immmr, also, ist, besser: war, ein Messenger. 2016 schrieb ich:

„Wie das Fachblatt für die Digital Economy – „Capital“ – exklusiv berichtet, greift der Bonner Konzern sie alle an: Facebook, Whatsapp, Microsoft, Apple.

Wie? Mit einem hoch innovativen Messenger, der es ermöglicht, von jedem Gerät aus zu texten, Bilder zu senden, ja sogar zu videotelephonieren. Und das einfach, in dem sich der Nutzer mit seiner Telefonnummer einloggt. „Ein globales Produkt, mit dem wir weltweit Telekom-Dienste anbieten können“, sei das, sagt Telekom-Vorstand Claudia Nemat gegenüber „Capital“.

Als diese Meldung am Vorabend der re:publica Dublin eintraf, wurde sie einhellig aufgenommen – mit schallendem Gelächter…

Man darf getrost fragen: In welcher Welt lebt die Deutsche Telekom?

Nur eine Seite ist dabei die Funktionalität von immmr.

Denn all diese Möglichkeiten gibt es in verschiedenen Varianten ja schon. Whatsapp, Skype, Facebook Messenger, iMessage/Facetime – sie bieten in gewissen Abstufungen genau all dies an. Und noch mehr: iMessage und Facebook werden gerade zur eigenen Plattform analog der asiatischen Gegenstücke. Hier können Nutzer über Sticker, Gifs oder Songschnipsel kommunizieren, Unternehmen können Bots einsetzen um die Kundenkommunikation zu erleichtern.

Von all dem ist bei der Telekom nicht die Rede. Vielmehr versucht der Konzern ein Manko zum Vorteil zu verklären: Denn die Bonner behaupten nun, man brauche keine SIM-Karte mehr, um zu kommunizieren. Tja, brauche ich anderenorts auch nicht. Stattdessen ist das Gegenteil wahr: Der Login über die Telefonnummer macht den Dienst ja unhandlicher. Viel simpler ist die Nutzung über Usernamen oder E-Mail-Adressen. Denn eine Telefonnummer ist nun mal nicht leicht zu merken.

Die einzige neu klingende Funktion von Immmr ist das Kondensieren mehrerer internationaler Telefonnummern. Doch dies ist nur für einen geringen Teil der Menschheit wirklich relevant.“

Und aus diesen Gründen heraus lautete mein Fazit:

„Immmr ist eine Totgeburt, die eine satte Summe Geld gekostet haben wird. Es würde mich brennend interessieren, ob während dieses so langen Entwicklungsprozesses (dem ein Planungsprozess vorangegangen sein muss) wirklich niemand gesagt hat: „Leute, ist das wirklich der Markt, in den wir reinwollen – und in den wir rein müssen? Sollten wir nicht versuchen da zu punkten, wo wir echte Innovationen schaffen können?““

Wenn ich so etwas schreibe, dann lege ich meine Argumente offen – und jeder darf in den Kommentaren diese verreißen. Doch sich mit diesen Argumenten auseinandersetzen, das mögen in Deutschland nur wenige. Stattdessen wird gern behauptet, man dürfe keine solche Kritik äußern, um das zarte Pflänzchen nicht zu zerstören. Und wenn ein Unternehmensberater solche Kritik übt, dann will er sowieso nur einen Beratungsauftrag.

Was für ein Unfug. Jedes Startup, jede Geschäftsidee, jeder Gründer muss bereit sein, sich mit argumentativer Kritik zu beschäftigen. Erst recht, wenn er mit so breiter Bugwelle ankommt wie immmr. Noch besser wäre es, er oder sie würde dies öffentlich tun. Denn jede mit Argumenten hinterlegte Kritik kann die eigene Haltung entweder bestätigen oder einen zum Umparken im Kopf bringen. Wer solche Kritik unterbinden will glaubt, dass Schmoren im eigenen Saft außerhalb der Küche eine gute Idee ist.

Wir brauche MEHR Kritik. MEHR Debatte. Nur so kann Innovation entstehen.

immmr wurde übrigens am 31. August eingestellt.

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